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02.12.2012
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Ausbildung im Gefängnis

Vier-Gänge-Menü hinter Gittern

DPA

In einem Frankfurter Gefängnis können Frauen den Beruf der Köchin lernen, während sie ihre Strafe absitzen. Ihre Lehrzeit ist sogar ein Jahr kürzer als draußen, in Haft gibt es schließlich kaum Ablenkung. Alkohol, Hefe und Mohn sind in der Küche allerdings tabu.

Die Frauen haben Rosen auf der weißen Tischdecke verteilt, die Servietten kunstvoll gefaltet, Gläser und Besteck poliert. Das Bild könnte aus einem Sternerestaurant stammen - wenn da nicht die Gitterstäbe vor den Fenstern wären. Die Frauen, die hier ein Vier-Gänge-Menü vorbereiten, sind Insassen des Gefängnisses in Frankfurt. Sie werden zu Köchinnen und Gastgewerbe-Fachkräften für Küche oder Service ausgebildet.

"Das ist mit das Beste, was man hier machen kann", sagt eine 38-Jährige. Sie könne sich gut vorstellen, nach ihrer Entlassung in der Gastronomie zu arbeiten oder gar Ernährungswissenschaften zu studieren. Das wird allerdings noch dauern - sie muss wegen Betrugs mehrere Jahre absitzen.

Einkaufen, Freunde treffen, im Internet surfen - solche Ablenkungen fehlen im Gefängnis. Daher ist die Ausbildung ein Jahr schneller zu schaffen als in Freiheit. Köchin dürfen sich die Knast-Azubis schon nach zwei Jahren nennen, Fachkraft im Gastgewerbe sogar nach nur einem Jahr.

Eine junge Mutter, die wegen Beteiligung an einem Drogenschmuggel zu vier Jahren und neun Monaten verurteilt ist, absolviert gleich beide Lehrgänge. "Die Ausbildung ist super, um sich abzulenken, und die Zeit geht schneller voran", sagt sie. Nur wenn das Gespräch auf ihre Kinder kommt, steigen der 26-Jährigen Tränen in die Augen. Sie hofft, vielleicht schon 2014 vorzeitig entlassen zu werden, dann möchte sie als Servicekraft arbeiten "und für Familienfeiern kochen".

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Kreative Zelle: Knackis an der Nähmaschine
Die zentrale Frauenhaftanstalt Hessens ist eines der wenigen Gefängnisse in Deutschland, in denen Häftlinge eine Ausbildung in der Gastronomie machen können. Eine 22-Jährige wurde extra aus einer Haftanstalt in Rheinland-Pfalz nach Frankfurt verlegt - nachdem die Justizministerien in Mainz und Wiesbaden zugestimmt hatten. 13 Ausbildungsplätze zur Köchin und zur Fachkraft im Gastgewerbe gibt es in Frankfurt pro Jahr, nur einer ist noch frei.

Die Azubis sind zwischen 22 und 50 Jahre alt. Einen Schulabschluss müssen sie nicht haben, dafür aber Grundkenntnisse in Mathematik, Wirtschaft - und auch in Deutsch. Etwa 40 Prozent der rund 320 Häftlinge in Frankfurt sind Ausländerinnen. Manche wurden am Frankfurter Flughafen festgenommen. So auch eine 25 Jahre alte New Yorkerin, die mit vier Kilo Kokain im Gepäck von Argentinien nach Schweden fliegen wollte.

Bei ihrer Festnahme vor zwei Jahren kannte sie nur wenige deutsche Wörter. Hinter Gittern fing sie an, Vokabeln und Grammatik zu büffeln - und schaffte im zweiten Anlauf den Sprachtest. Nun hat sie die Ausbildung zur Servicekraft abgeschlossen. "Ich bin total dankbar für diese Chance", sagt sie. "Ich habe hier so viel gelernt und mitgenommen, das kann mir niemand nehmen." Das Vier-Gänge-Menü ist für sie auch ein Abschiedsessen: In wenigen Tagen soll sie in die USA abgeschoben werden.

Wein gibt es nur auf dem Papier

Ein rotes und gelbes Paprikaschaumsüppchen eröffnet das Menü, pochiertes Ei im Brik-Teigmantel auf Lachs-Tartar ist der zweite Gang. Im Heißluftofen der Lehrküche brutzeln zwei Schweinerücken für das Hauptgericht, die Savarin-Kuchen werden noch schnell in einem selbst gemachten Sirup getränkt. Bis zu 40 Gäste werden jeden Mittwoch bekocht, fast alle arbeiten in der JVA. Für das üppige Menü zahlen sie 7,20 Euro. Nur auf eines müssen sie verzichten: die auf der Menükarte empfohlenen Weine und Aperitifs. Alkohol ist in der Knastküche streng verboten, auch Hefe oder Mohn gibt es nicht. Der Grund: 40 Prozent der Gefangenen haben Alkohol- oder Drogenprobleme.

Diesmal haben sich 34 Gäste angemeldet, darunter Anstaltsleiter Eugen Martz. Die Aufregung ist den Azubis anzumerken. Niemand möchte ihm beim Servieren die Suppe auf die Hose schütten. "Kochen unter Restaurant-Bedingungen, also auch pünktlich zum Essen um 12 Uhr fertig zu sein, ist Teil der Ausbildung", sagt die Leiterin der Lehrküche, Bärbel Baumann. Sie arbeitet bei dem Berufsbildungswerk, das die Ausbildung organisiert. "Draußen ist halt doch manches anders. Den Stress gibt es hier nicht. Wir versuchen das zu üben."

Schwierige Jobsuche

Wenn nicht Restauranttag ist, haben die Frauen von 7.45 bis 15 Uhr Unterricht. Elf Berufsschullehrer unterrichten sie, für die Abschlussprüfung kommen die Prüfer der IHK ins Gefängnis. Etwas Lohn gibt es auch, wenn auch weniger als draußen. Vor der Zwischenprüfung verdient eine angehende Köchin im Gefängnis 11,34 Euro brutto am Tag, 12,70 Euro gibt es, wenn die Leistungen über dem von der IHK festgelegten Durchschnitt liegen. Und das trifft auf die meisten Knast-Azubis zu.

Von den 153 Frauen, die seit 1995 im Frankfurter Gefängnis Köchin oder Fachkraft im Gastgewerbe gelernt haben, ist noch keine durchgefallen. Eine Gefangene war bei der Sommerprüfung 2012 sogar eine der Besten des IHK-Bezirks. Bei der Ehrung durfte die junge Frau aber nicht dabei sein: Sie ist zu neun Jahren Haft verurteilt.

Trotz der guten Leistungen ist es für die Frauen schwer, nach der Entlassung eine Stelle zu finden. "Unseren Frauen haftet immer der Makel der Inhaftierung an. Sie bekommen oft gar nicht die Möglichkeit, ihre Fertigkeiten zu zeigen", bedauert Sabine Brede, Leiterin des Pädagogischen Dienstes der JVA III. Hoffnung macht den Azubis aber der Werdegang einer ehemaligen Mitgefangenen: Sie ist jetzt stellvertretende Leiterin eines Hotelrestaurants.

Ira Schaible/dpa/vet

Forum

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insgesamt 8 Beiträge
1. so so, Mohn ist also tabu ?
prontissimo 02.12.2012
klar, der bei uns zum Backen und Kochen Verwendung findende Mohn enthält massenhaft berauschende Inhalte. Boah !!! und mit Hefe kann man Alkohol produzieren.
Zitat von sysopIn einem Frankfurter Gefängnis können Frauen den Beruf der Köchin lernen, während sie ihre Strafe absitzen. Ihre Lehrzeit ist sogar ein Jahr kürzer als draußen, in Haft gibt es schließlich kaum Ablenkung. Alkohol, Hefe und Mohn sind in der Küche allerdings tabu. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/azubi-hinter-gittern-frauen-machen-im-gefaengnis-ausbildung-zur-koechin-a-870222.html
klar, der bei uns zum Backen und Kochen Verwendung findende Mohn enthält massenhaft berauschende Inhalte. Boah !!! und mit Hefe kann man Alkohol produzieren.
2. @prontissimo
mayazi 02.12.2012
Beim Verbot von Mohn geht es nicht um den berauschenden Effekt, sondern eher darum, dass die Ergebnisse der Drogen-Tests (falls es die dort gibt) verfälscht werden könnten.
Beim Verbot von Mohn geht es nicht um den berauschenden Effekt, sondern eher darum, dass die Ergebnisse der Drogen-Tests (falls es die dort gibt) verfälscht werden könnten.
3. Mohn
Kekser 02.12.2012
aktiviert eventuell das Suchtgedächtnis. Es kann zu Suchtdruck kommen, obwohl der Patient eigentlich clean ist. Das Gleiche können alelrdings auch Situationen hervorrufen, in die ehemalige Drogis kommen (Musik, Gerüche, [...]
aktiviert eventuell das Suchtgedächtnis. Es kann zu Suchtdruck kommen, obwohl der Patient eigentlich clean ist. Das Gleiche können alelrdings auch Situationen hervorrufen, in die ehemalige Drogis kommen (Musik, Gerüche, Hanfwolle mit der man früher Rohrleitungen gedichtet hat...)
4. Zugunsten der Inhaftierten
to5824bo 02.12.2012
Sie haben recht. Man stelle sich vor, ein drogensüchtiger Inhaftierter hat seit Wochen fallende Testwerte, dann isst er ein Stück Mohnkuchen, und die Werte steigen dadurch wieder an. Man wird ihm Konsum unterstellen. Und [...]
Zitat von mayaziBeim Verbot von Mohn geht es nicht um den berauschenden Effekt, sondern eher darum, dass die Ergebnisse der Drogen-Tests (falls es die dort gibt) verfälscht werden könnten.
Sie haben recht. Man stelle sich vor, ein drogensüchtiger Inhaftierter hat seit Wochen fallende Testwerte, dann isst er ein Stück Mohnkuchen, und die Werte steigen dadurch wieder an. Man wird ihm Konsum unterstellen. Und das hat dann u.U. nicht nur die üblichen knastinternen disziplinarischen Folgen. Vielleicht geht dann z. B. auch ein schon genehmigter Therapieplatz oder die Chance auf vorzeitige Entlassung verloren.
5.
saarstudentin 02.12.2012
In einem Drogenrehazentrum, in dem ich mal ein Praktikum absolvierte, war auch Muskat verboten.
In einem Drogenrehazentrum, in dem ich mal ein Praktikum absolvierte, war auch Muskat verboten.

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