Lade Daten...
10.12.2012
Schrift:
-
+

Mythen der Arbeit

Hartz-IV-Empfänger sind alle schon lange arbeitslos - stimmt's?

DPA

Wahrscheinlich leistungsberechtigt: Ein Kind unter 15 Jahren

Hartz IV = langzeitarbeitslos? Die Gleichung stimmt nicht mal ansatzweise, erklärt Arbeitsmarktforscher Joachim Möller: Hartz IV bekommen auch Azubis, frischgebackene Uni-Absolventen und eine ganze Menge Geringverdiener. Nur ein kleiner Teil der Empfänger ist schon lange ohne Anstellung.

Hartz IV ist keineswegs ausschließlich für Arbeitslose da - auch wenn viele das nicht wissen. Bei der "Grundsicherung für Arbeitsuchende" - so der offizielle Name - steht die Hilfebedürftigkeit im Zentrum. Dafür kann zwar Arbeitslosigkeit die Ursache sein, muss aber nicht. Unter den sechs Millionen Hartz-IV-Beziehern sind beispielsweise mehr als 1,3 Millionen Erwerbstätige: Bei den so genannten Aufstockern ist das Einkommen so niedrig, dass es ohne Hartz IV nicht für den Bedarf des Haushalts ausreicht.

In den sechs Millionen sind zudem 1,7 Millionen Angehörige enthalten, meist Kinder unter 15 Jahren, die auf Hartz IV angewiesen sind. Die anderen 4,3 Millionen Leistungsberechtigten sind erwerbsfähig, zwei Millionen von ihnen sind arbeitslos. Was machen die übrigen? Etwa eine halbe Million Teilnehmer an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen wie Weiterbildungen oder Ein-Euro-Jobs zählen gesetzlich nicht als Arbeitslose. Andere erwerbsfähige Leistungsberechtigte sind beispielsweise die schon genannten Aufstocker, sind Auszubildende oder noch Schüler, befinden sich in der Erziehungszeit oder pflegen Angehörige.

Die Zusammensetzung der Hartz-IV-Empfänger ist also sehr heterogen. Das gilt auch für die Arbeitslosen unter den Hartz-IV-Empfängern: Hier gibt es frisch gebackene Hochschulabsolventen auf der Suche nach dem ersten Job, aber auch gesundheitlich eingeschränkte Geringqualifizierte über 60, die schon vor Jahren ihre Beschäftigung verloren haben.

Fotostrecke

Arbeitslosen-Bashing: Auf sie mit Gebrüll!
Anders als die nach wie vor existierende Sozialhilfe richtet sich Hartz IV ausschließlich an erwerbsfähige Personen, die ihren Lebensunterhalt und den ihrer nicht-erwerbsfähigen Angehörigen - meist Kinder unter 15 Jahren - nicht mit eigenen Einkünften sichern können. Die gesetzliche Definition der Erwerbsfähigkeit ist dabei in Deutschland vergleichsweise niedrig angesetzt: Erwerbsfähig ist demnach, wer wenigstens drei Stunden täglich unter den üblichen Bedingungen des Arbeitsmarkts erwerbstätig sein kann.

Nur eine Million ist länger als ein Jahr ohne Job

Von den rund zwei Millionen arbeitslosen Leistungsberechtigten ist etwa die Hälfte, also eine Million, bereits länger als ein Jahr arbeitslos. Eine Million Langzeitarbeitslose ist natürlich immer noch eine erschreckend hohe Zahl. Um sie einordnen zu können, muss man aber auch wissen: Die meisten von ihnen weisen mehrere Eigenschaften auf, die die Vermittlung eines neuen Jobs erschweren. Dazu gehören beispielsweise fehlende Bildungs- und Berufsabschlüsse, gesundheitliche Einschränkungen, ein Alter über 50, ein Migrationshintergrund in Kombination mit schlechten Deutschkenntnissen oder auch nur die Situation, alleinerziehend zu sein.

Die Ursachen für die Arbeitslosigkeit sind also vielfältig und in aller Regel nicht auf mangelnde Arbeitsbereitschaft zurückzuführen. Die große Mehrheit bemüht sich ernsthaft um einen Job und ist auch bereit, eine Arbeit anzunehmen, die mit Belastungen wie Lärm und Schmutz, langen Arbeitswegen und ungünstigen Arbeitszeiten verbunden ist. Diejenigen, die nicht aktiv nach einem Job suchen, sind vor allem ältere Hartz-IV-Empfänger, die sich gesundheitlich stark eingeschränkt fühlen. Da sind Entmutigungseffekte nicht wirklich überraschend.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 68 Beiträge
1.
Ischi 10.12.2012
Wie glaubhaft sollen den solche Aussagen sein, wenn hier und da immer getrickst wird?
Zitat von sysopHartz IV = langzeitarbeitslos? Die Gleichung stimmt nicht mal ansatzweise, erklärt Arbeitsmarktforscher Joachim Möller: Hartz IV bekommen auch Azubis, frischgebackene Uni-Absolventen und eine ganze Menge Geringverdiener. Nur ein kleiner Teil der Empfänger ist schon lange ohne Anstellung.
Wie glaubhaft sollen den solche Aussagen sein, wenn hier und da immer getrickst wird?
2. Von wegen!
warndtbewohner 10.12.2012
Ich 53 Dipl.-Kfm., mobil, gute Arbeitszeugnisse, suche seit 6 Jahren händeringend einen Job. Ich habe hunderte von Bewerbungen geschrieben, auf alles Mögliche, aber nur ABSAGEN erhalten. Ein Personale sagte mir ich sei zu alt, ein [...]
Ich 53 Dipl.-Kfm., mobil, gute Arbeitszeugnisse, suche seit 6 Jahren händeringend einen Job. Ich habe hunderte von Bewerbungen geschrieben, auf alles Mögliche, aber nur ABSAGEN erhalten. Ein Personale sagte mir ich sei zu alt, ein anderer meinte ich sei überqualifiziert. Egal auf was ich mich beworben habe. Ich sehe dunkel in diesem Land, wo es unmöglich ist über 50 einen neuen Job zu bekommen, dabei würde ich auch deutlich unter meiner Qualifikation arbeiten. Wer bietet mir was an?
3. Das ist so ...
casparman 10.12.2012
... leider nicht ganz richtig ... auch hier werden Zahlen beschönigt. In D sind ca. 2,5 - 3 Millionen schwer vermittelbar resp. langzeitarbeitslos. Diese Zahl wird man auch nicht drücken können, da diese Menschen eben schwer [...]
Zitat von sysopHartz IV = langzeitarbeitslos? Die Gleichung stimmt nicht mal ansatzweise, erklärt Arbeitsmarktforscher Joachim Möller: Hartz IV bekommen auch Azubis, frischgebackene Uni-Absolventen und eine ganze Menge Geringverdiener. Nur ein kleiner Teil der Empfänger ist schon lange ohne Anstellung. Hartz-IV-Empfänger sind alle langzeitarbeitslos - stimmt's? - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/hartz-iv-empfaenger-sind-alle-langzeitarbeitslos-stimmt-s-a-871003.html)
... leider nicht ganz richtig ... auch hier werden Zahlen beschönigt. In D sind ca. 2,5 - 3 Millionen schwer vermittelbar resp. langzeitarbeitslos. Diese Zahl wird man auch nicht drücken können, da diese Menschen eben schwer bis gar nicht vermittelbar sind. Nimmt man dann noch alle restlichen "Leistungsempfänger" dazu - früher hiessen die alle arbeitslos oder Sozialhilfeempfänger - dann kommt man insgesamt auf ca. 8 Millionen Menschen. Für mich gelten die alle als "arbeitslos", aber unsere Regierung rechnet sich das ja immer so gerne schön, damit nicht raus kommt, dass die Aufwendungen für Leistungsempfänger in den letzten 10 Jahren stetig gestiegen sind. So kann man immer schön behaupten, dass die "Arbeitslosigkeit" zurück geht, was sie aber definitiv nicht getan hat und auch nicht tun wird. Warum wird sie das nicht? Ganz einfach, laden sie mal 10 Azubis ein, dann wissen sie warum nicht.
4. Arbeit? vs. Beschäftigung. . .
ich_bin_der_martin 10.12.2012
wenn man die Begriffe Arbeit und Beschäftigung mal miteinander vergleicht, kommt man der Schön-faerberei und auch dem Sozial-Betrug der Regierenden! schnell auf die Schliche. Es gab noch nie so wenig Arbeitslose und noch nie [...]
wenn man die Begriffe Arbeit und Beschäftigung mal miteinander vergleicht, kommt man der Schön-faerberei und auch dem Sozial-Betrug der Regierenden! schnell auf die Schliche. Es gab noch nie so wenig Arbeitslose und noch nie soviele Beschäftigte wie heuer. Beschäftigt ist einer der so dumm ist, für so wenig Geld zu 'arbeiten' wie er auch ohne bekäme. Arbeiter können vom Lohn/Gehalt leben. Tipp: der Politiker der von Beschäftigung spricht , will die Sklaverei wieder einführen bzw. fördern.
5. optional
Medienkenner 10.12.2012
Ca. 6 bis 7 Mio Hartz4-Empfänger. Ich kann nur sagen: Schafft die Arbeitsagentur ab, braucht kein Mensch und kostet nur. Stattdessen Grundeinkommen für alle, vom Finanzamt je nach Einkommenslage errechnet und [...]
Ca. 6 bis 7 Mio Hartz4-Empfänger. Ich kann nur sagen: Schafft die Arbeitsagentur ab, braucht kein Mensch und kostet nur. Stattdessen Grundeinkommen für alle, vom Finanzamt je nach Einkommenslage errechnet und ausgezahlt/verrechnet. Das praktizierte Hartz4-System ist ein bürokratisches Krebsgeschwür.

Die Hartz-Reformen

Arbeitslosengeld I
Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, wer
- arbeitslos ist,
- der Arbeitsvermittlung zur Verfügung steht,
- die Anwartschaftszeit erfüllt,
- sich bei der Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet und
- Arbeitslosengeld beantragt hat.
- Die Dauer des Anspruchs hängt von der Länge der versicherungspflichtigen Beschäftigung und vom Alter ab. Die Höchstgrenze sind 24 Monate.
Arbeitslosengeld II
Nach dem Arbeitslosengeld I bekommt man das Arbeitslosengeld II (ALG II) - eine Grundsicherung für erwerbsfähige Arbeitsuchende. Sie ersetzte 2005 die frühere Arbeitslosenhilfe und die Sozialhilfe, sofern es sich um erwerbsfähige hilfsbedürftige Personen handelt. Nichterwerbsfähige oder in sogenannten Bedarfsgemeinschaften lebende Hilfsbedürftige erhalten das geringere Sozialgeld. ALG II und Sozialgeld sind Sozialleistungen, keine Versicherungsleistungen. Sie werden aus Bundesmitteln finanziert.
Hartz IV/SGB II
Mit Hartz IV wird das "Vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" bezeichnet, das zum 1. Januar 2005 in Kraft getreten ist. Die Grundsicherung wird durch das Zweite Buch Sozialgesetzbuch (SGB II) geregelt, das am 1. Januar 2005 in Kraft getreten ist. Beide zusammen regeln das Arbeitslosengeld - im Volksmund wird das Arbeitslosengeld II "Hartz IV" genannt.
ARGE/Jobcenter
Die Arbeitsgemeinschaften (Argen) sind ein Zusammenschluss der Arbeitsagenturen und kommunaler Träger. Sie werden auch Jobcenter genannt und sind für die Betreuung der Hartz-IV-Empfänger zuständig.
Peter Hartz
Peter Hartz wurde 2002 von der damaligen Bundesregierung unter Gerhard Schröder mit der Erarbeitung von Reformen für den Arbeitsmarkt beauftragt.

Verwandte Themen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

MEHR IM INTERNET

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles zum Thema Mythen der Arbeit
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten