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14.12.2012
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Brücken-TÜV

Schlag auf Schlag geprüft

Von Peter Ilg
Peter Ilg

Luftige Höhe, Fledermauskot, vorbeidonnernde Autos: Michael Lutz hat einen der gefährlichsten Jobs, die es gibt. Wenn der Bauwerksprüfer den Zustand einer Autobahnbrücke untersucht, braucht er einen Hammer und ein feines Gehör. Und ist froh, wenn kein Raser in seinen Kranwagen kracht.

Es regnet und ist neblig. Im Besprechungszimmer der Brückenprüfstelle Ludwigsburg sitzen drei Mann vor ihren dampfenden Kaffeetassen. Es sind Beamte des Regierungspräsidiums Stuttgart vom Referat 43 - Ingenieurbau. "Heute fahren wir zur Neckarbrücke", sagt Michael Lutz, 27.

Der Bauingenieur ist Prüftruppleiter und prüft unter anderem Brücken auf ihre Verkehrssicherheit. Zu seinem Team gehören an diesem Tag ein Assistent, gelernter Straßenwärter und der Fahrer des Hubsteigers, ein Fahrzeug mit Arbeitsbühne, das die meisten Passanten wohl als Kranwagen beschreiben würden.

Die Neckarbrücke ist Teil der A81 zwischen Heilbronn und Stuttgart, eine Bogenbrücke, 301 Meter lang, 20,22 Meter breit und 11 Meter hoch. Sie muss ganz schön viel wegstecken: 100.000 Fahrzeuge donnern täglich hinüber. Das stark gestiegene Verkehrsaufkommen, insbesondere der Schwerverkehr, setzt solchen Bauwerken gewaltig zu.

Die Neckarbrücke wurde 1940 erbaut, damals mit einer Spur in jede Richtung. Mit zunehmendem Verkehr ist sie ausgebaut worden. Heute sind auf ihr drei Spuren plus Standstreifen in Richtung Heilbronn. Der Gegenverkehr rollt über die 1978 erbaute Brücke nebenan. Die Neckarbrücke steht sogar unter Denkmalschutz: "Eine breite Bogenbrücke auf einer stark befahrenen Autobahn haben wir nur einmal in unserem Zuständigkeitsgebiet", sagt Lutz.

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Zu diesem Gebiet gehören 2800 Brücken, verteilt auf Autobahn (700), Bundesstraßen (1100) und Landesstraßen (1000). Die längste ist die Aichtalbrücke mit 1,1 Kilometern auf der B 27, die höchste die Kochertalbrücke mit 180 Metern an der A6. Geprüft werden die Brücken in regelmäßigen Abständen, alle sechs Jahre findet eine Hauptprüfung statt, wie jetzt bei der Neckarbrücke. Sie wurde 2004 umfassend instand gesetzt und hatte damals eine Zustandsnote von 2,5 bekommen. "Wir vergeben Noten nach dem Schulnotenprinzip zwischen eins und vier", sagt Lutz. Eine drei bedeutet, dass der Zustand nicht bedenklich ist, mittelfristig jedoch Reparaturen vorgenommen werden müssen.

Dienstwagen mit Internet

Lutz packt Übersichtsblätter, Zustandsberichte und Pläne ein und geht zum Prüffahrzeug - ein Kastenwagen mit mobilem Internetarbeitsplatz, Schränken für Akten, Karten, Vorschriften. Und Werkzeugen für die Prüfung. "Wir prüfen handnah mit Werkzeugen und Messgeräten", sagt Lutz. Daneben gibt es elektronische Verfahren wie Röntgen, Ultraschall, Endoskopie, aber dafür sind beauftragte Gutachter oder Materialprüfanstalten zuständig. Fundamente, die in Gewässern liegen, werden sogar von Tauchern überprüft.

Inzwischen ist es 8.30 Uhr. Nach kurzer Fahrt über die Autobahn biegen die Fahrer auf eine Landstraße, dann in einen Feldweg ein und halten direkt unter der Neckarbrücke. Der Fahrer stellt seinen Hubwagen standfest auf Metallbeine. Lutz und sein Assistent steigen in den Korb und lenken ihn zu einem der zwölf Lager, auf denen die Brücke liegt.

"Brückenlager ermöglichen Bewegungen, die beispielsweise durch Temperaturschwankungen entstehen", sagt Lutz. Wärme dehnt Brücken aus. Wären sie nicht gelagert, würde ein heißer Sommertag reichen, um sie einstürzen zu lassen. Eine Teflonplatte sorgt für leichtes Gleiten zwischen den Lagern. Lutz misst die Gleitspalte und die Höhe der Teflonschicht, sein Kollege überträgt die Zahlen in ein Protokoll.

Es gilt das Vier-Augen-Prinzip: Alle Messungen und Abläufe werden von einem Kollegen abgesichert. Vor einigen Wochen war Lutz schon mal an der Brücke, da wurde sie mit einem Untersichtgerät auf Risse untersucht und mit einem Hammer dabei abgeklopft. Das Fahrzeug stand auf der Standspur, die Prüfer waren in einer Gondel, die unter die Brücke fahren kann - mindestens vier Augen wachen auch über die Arbeitssicherheit.

Im Regen aufmerksam lauschen

Schon bei dieser ersten Untersuchung hat es geregnet. Lutz ist Arbeit im Freien gewohnt. Nach der Schule hat er eine Lehre als Zimmermann abgeschlossen, erst dann an einer Stuttgarter Hochschule Bauingenieurwesen studiert, Fachrichtung konstruktiver Ingenieurbau. Dieser Schwerpunkt ist zwingende Voraussetzung für den Job. Außerdem musste er einen Lehrgang für Ingenieure der Bauwerksprüfung absolvieren.

Ein Brückenprüfer braucht ein feines Gehör, um Klänge beim Klopfen mit dem Hammer richtig deuten zu können. Und darf nicht ängstlich sein. Denn immer sind die Prüfer in Gefahr: Sie könnten abstürzen oder Autos in die Prüffahrzeuge rasen. Straßenwärter gehört zu den gefährlichsten Berufen überhaupt.

Die Wintermonate sind die weniger gefährlichen, denn da wird nicht im Freien geprüft. Die Neckarbrücke ist der letzte Einsatz dieser Art 2012. "Wir schreiben dann Berichte und planen die Arbeiten für das kommende Jahr", sagt Lutz. Und es finden Prüfungen im Inneren von Brücken statt.

Bevor Lutz und seine Kollegen an diesem Tag Feierabend machen, werfen sie einen Blick in die Neckarbrücke, "um zu schauen, was uns morgen erwartet". Oft leben Fledermäuse, Tauben oder andere Tiere in den künstlichen Höhlen - und hinterlassen ihren Kot. Hier aber ist es sauber, die Kollegen sind erleichtert.

Insgesamt zehn Tage wird die gesamte Prüfung der Neckarbrücke dauern. Lutz geht davon aus, dass die Zustandsnote bei einer 2,5 bleiben wird. Drei Viertel aller Autobahnbrücken im Regierungsbezirk Stuttgart liegen zwischen den Noten zwei und drei. Nur drei sind in einem kritischen Zustand.

Forum

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insgesamt 1 Beitrag
1. Och ja
schensu 16.12.2012
Schön habt ihrs als Prüfbeamte. Kommunen hingegen vergeben Prüfaufträge gerne zum Jahresende hin, so nach Kassenlage. Jedenfalls ist den Auftraggebern relativ egal, unter welchen Voraussetzungen dann zu prüfen ist und ob [...]
Schön habt ihrs als Prüfbeamte. Kommunen hingegen vergeben Prüfaufträge gerne zum Jahresende hin, so nach Kassenlage. Jedenfalls ist den Auftraggebern relativ egal, unter welchen Voraussetzungen dann zu prüfen ist und ob die Ergebnisse eben nur eingeschränkt sein können. Ich freue mich ja schon mal darüber, dass hier kein Tiefbauing. oder gar Architekt die Prüfungen vornimmt oder Verantwortung bei der Verwaltung und Orga. hat. Aber was um aller Welt ist ein Studiengang "Konstruktiver *Maschinen*bau"???!

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