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02.01.2013
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Zerstörtes Bargeld

Der Krümelzähler der Bundesbank

Von
SPIEGEL ONLINE

Mehr als 32 Millionen Euro werden in Deutschland pro Jahr zerstört - von Mäusen oder Schimmelpilzen, Flammen oder Bankräubern. Früher oder später landet das Geld auf Frank Herzogs Schreibtisch. Der Bundesbanker macht aus Asche wieder Geld. Und puzzelt an manchen Scheinen wochenlang.

Einmal niesen, und schon ist die Arbeit von 14 Stunden hinüber. Aufgelöst in einer Konfettiwolke, die auf den grauen Linoleumboden regnet. "Das passiert jedem nur einmal", sagt Frank Herzog. Acht Stunden lang sortiert er jeden Tag Papierschnipsel, damit man erahnen kann, was sie einmal waren: Geld. Aus ganz Deutschland landen zerrissene, verbrannte oder verfaulte Scheine und Münzen auf seinem Schreibtisch im Analysezentrum der Bundesbank in Mainz. 32,3 Millionen Euro waren es im Jahr 2011.

Es ist Geld, das im Kamin versteckt, im Garten vergraben, zu Geschenken verklebt oder vom Haushund verschluckt wurde. Manche Scheine wurden aus Autowracks geborgen, sie stecken noch in verkohlten Portemonnaies. Andere sind mit Geldautomaten in die Luft geflogen oder wurden aus der Hosentasche einer Wasserleiche gezerrt. Manche Schnipsel stinken so arg, dass Herzog sie nur unter der Abzugshaube sortieren kann. Die Banknoten, die man 2004 bei Tsunami-Opfern gefunden hat, gehörten dazu.

Auch der nächste Auftrag von Frank Herzog sieht wenig appetitlich aus. In einer durchsichtigen Plastiktüte schwappen grüne, gelbe und rosafarbene Geldschnipsel, Holzwollfetzen und braune Kügelchen. Offenbar Kot. "Vom Dachboden entwendet von Mardern", heißt es in der Fallbeschreibung zur Tüte.

Geld stinkt nicht? Kommt darauf an.

Wer Bargeld erstattet haben will, das man nicht mehr als solches erkennen kann, muss die Reste zu einer Filiale der Bundesbank bringen - und erklären, wieso es jetzt so aussieht. "Wenn einer schreibt, der zweijährige Sohn habe die Scheine zerschnitten, und es sind ganz akkurat die Seriennummern herausgetrennt, werden wir natürlich misstrauisch", sagt Herzog. Im Zweifelsfall werde die Polizei eingeschaltet.

Auch an der Geschichte mit den Mardern hat Herzog seine Zweifel: "Die Bissspuren sind viel zu klein." Für die Erstattung spielt das aber keine Rolle. Herzog tippt auf Mäuse, "die polstern mit Geldscheinen gern ihr Nest". Dazu passen auch die Wollreste und die Häufchen. Offenbar hatten die Besitzer das Geld in der Dachbodenwand versteckt.

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Sonderbare Jobs: Berufe gibt's, die gibt's gar nicht
Zimperlich dürfe man in dem Job nicht sein, sagt Herzog und schüttet den Inhalt der Tüte auf ein kleines, abgegriffenes Tablett, er nennt es sein Brett. Dann beginnt die Puzzlearbeit: Mit der Pinzette zieht Herzog die größeren Fetzen hervor und legt sie vorsichtig nebeneinander. Hier die linke obere Ecke eines 50-Euro-Scheins, dort ein halber Zweihunderter. Dann kommen die Schnipsel dran.

"Mehr als zwei Quadratmillimeter brauche ich nicht, um zu wissen, welcher Schein das war", sagt Herzog. Es klingt stolz, aber nicht angeberisch, das mag an seinem pfälzischen Dialekt liegen oder am verschmitzten Gesichtsausdruck. Man könnte sich den 46-Jährigen gut als Versicherungsverkäufer vorstellen oder als Bankberater. Am Schalter hat er tatsächlich mal gestanden, das ist aber schon lange her, und zurück möchte er nicht: "Die Arbeit hier ist viel abwechslungsreicher, und man entscheidet selbst, was wann zu tun ist."

99 von 100 Bewerbern scheitern am Auswahltest

Sein Werdegang ist typisch für die Mitarbeiter der Abteilung für beschädigtes Bargeld. Die zehn Männer und fünf Frauen haben alle schon vorher für die Bundesbank gearbeitet, Geldautomaten gefüllt, Scheine gezählt, Kunden betreut. Die Stellen im Analysezentrum werden meist nur intern ausgeschrieben. Trotzdem scheitern 99 von 100 Bewerbern am Auswahltest.

"Wer hier arbeiten will, muss sich Bildteile sehr gut merken können, außerdem braucht man feinmechanisches und organisatorisches Geschick", sagt Rainer Elm, Leiter des Analysezentrums. Stundenlang über einem Puzzle zu grübeln sei auch nicht jedermanns Sache. Selbst wer alle Tests bestanden hat, muss deshalb einen Tag lang zur Probe arbeiten, bevor er die Stelle bekommt.

Bei verkohlten Scheinen kann allein die Schnipsel-Identifizierung unter dem Mikroskop Tage dauern - und damit ist die Arbeit noch lange nicht getan. Denn die eigentliche Frage ist: Gehören diese Fetzen zu einem Schein, oder stammen sie doch von mehreren? Nur wenn mehr als die Hälfte einer Banknote rekonstruiert werden kann, bekommt der Besitzer den Betrag aufs Konto überwiesen. So soll verhindert werden, dass ein Schein mehrmals eingereicht wird. Das Nachmessen ist allerdings gar nicht so leicht, wenn zum Beispiel der Mittelteil fehlt.

Jeder Schritt wird von Herzog und seinen Kollegen mit Fotos genauestens dokumentiert. Im Zweifelsfall müssen sie vor Gericht erklären können, warum ein Schein nicht erstattet wurde. Auch die Regeln im Büro sind streng: Niemals darf einer allein mit den Schnipseln im Raum sein. Und jede rekonstruierte Banknote und jeder Verdacht auf Falschgeld oder Raub muss von einem Kollegen bestätigt werden.

"Mein Mann ist ein Esel" - und darum sind 20 nun 40 Euro wert

Komisch kam Herzog zum Beispiel ein Beutel verkohlter Schnipsel mit winzigen Metallspänen vor. Wie sich herausstellte, hatte der Einsender den Tresor eines Geldtransporters mit einer Panzerfaust gesprengt - und dabei seine Beute zerstört.

Glück hatte dagegen eine Frau, die einen mit Tesafilm geklebten Zwanziger einschickte, bei dem die Hälften gar nicht zusammen passten. "Mein Mann ist ein Esel, er hat sich diesen Schein auf dem Wochenmarkt andrehen lassen", schrieb sie dazu. Was sie nicht ahnen konnte: Beim Nachmessen stellten die Bundesbanker fest, dass beide Hälften jeweils größer waren als ein halber Schein. Das Ehepaar bekam 40 Euro überwiesen. "Pech hat nun derjenige mit den anderen Hälften", sagt Herzog. "Der bekommt nix."

Dass sein Job nie langweilig wird, dafür sorgen schon die vielen Einsender, die ihn austricksen wollen. So wie der Mann, der die Silberstreifen von zwei Gutscheinen des Raststätten-WC-Systems Sanifair einreichte und behauptete, es wären die Reste von zwei 200-Euro-Scheinen. Oder die Frau, die einen Packen Schreddergeld aus dem Geschenkshop der Bundesbank einschickte und sagte, sie hätte die 50.000 Euro doch gern auf ihr Konto überwiesen.

Leer gingen auch die Verwandten eines Mannes aus Bayern aus: Vor seinem Selbstmord hatte er sein gesamtes Vermögen von der Bank geholt und durch den Schredder gejagt. In seinem Testament hatte er die Vernichtung des Geldes als seinen letzten Willen festgehalten - und für mutwillige Zerstörung gibt es von der Bundesbank keinen Ersatz.

Forum

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insgesamt 13 Beiträge
1. Fehlende Hälfte?
skipp2013 02.01.2013
Fehlende Hälfte mit anderer Seriennummer? Da hat wohl der Schreiberling seinen eigenen Text nicht verstanden ...
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEÜber 32 Millionen Euro werden in Deutschland pro Jahr zerstört - von Mäusen oder Schimmelpilzen, Flammen oder Bankräubern. Früher oder später landet das Geld auf Frank Herzogs Schreibtisch. Der Bundesbanker macht aus Asche wieder Geld. Und puzzelt an manchen Scheinen wochenlang. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/job-im-nationalen-analysezentrum-der-bundesbank-puzzle-mit-geld-a-874875.html
Fehlende Hälfte mit anderer Seriennummer? Da hat wohl der Schreiberling seinen eigenen Text nicht verstanden ...
2. Fotostrecke Bild #9
Stefan_G 02.01.2013
Die Bildunterschrift stimmt nicht. Das ist offenbar der dilettantische Versuch, aus 2 Geldscheinen 3 "größer 50%-Fragmente" zu machen. Die Seriennummern der beiden sogenannten Hälften stimmen nicht überein.
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEÜber 32 Millionen Euro werden in Deutschland pro Jahr zerstört - von Mäusen oder Schimmelpilzen, Flammen oder Bankräubern. Früher oder später landet das Geld auf Frank Herzogs Schreibtisch. Der Bundesbanker macht aus Asche wieder Geld. Und puzzelt an manchen Scheinen wochenlang. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/job-im-nationalen-analysezentrum-der-bundesbank-puzzle-mit-geld-a-874875.html
Die Bildunterschrift stimmt nicht. Das ist offenbar der dilettantische Versuch, aus 2 Geldscheinen 3 "größer 50%-Fragmente" zu machen. Die Seriennummern der beiden sogenannten Hälften stimmen nicht überein.
3. optional
freeride4ever 02.01.2013
kostet dieser Service eigentlich eine Gebühr oder ist das für umsonst?
kostet dieser Service eigentlich eine Gebühr oder ist das für umsonst?
4.
ehf 02.01.2013
32 Millionen, ui. Und wieviele Hundert Milliarden werden in Deutschland pro Jahr von Politikern zerstört?
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEÜber 32 Millionen Euro werden in Deutschland pro Jahr zerstört - von Mäusen oder Schimmelpilzen, Flammen oder Bankräubern. Früher oder später landet das Geld auf Frank Herzogs Schreibtisch. Der Bundesbanker macht aus Asche wieder Geld. Und puzzelt an manchen Scheinen wochenlang. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/job-im-nationalen-analysezentrum-der-bundesbank-puzzle-mit-geld-a-874875.html
32 Millionen, ui. Und wieviele Hundert Milliarden werden in Deutschland pro Jahr von Politikern zerstört?
5.
Terrax 02.01.2013
Gar keine Milliarden? Das Geld wird nicht zerstört, sondern es landet einfach nur woanders.
Zitat von ehf32 Millionen, ui. Und wieviele Hundert Milliarden werden in Deutschland pro Jahr von Politikern zerstört?
Gar keine Milliarden? Das Geld wird nicht zerstört, sondern es landet einfach nur woanders.

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