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09.01.2013
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Erste Hilfe Karriere

"Arbeit tut nicht nur weh, sie ist auch wertvoll"

JVAV Niedersachsen

Resozialisierung oder Ausbeutung? Schweißarbeiten in einem niedersächsischen Gefängnis

"Ich arbeite, also bin ich" hieß Jahrhunderte lang: "Ich arbeite, also muss ich". Arbeit galt als Übel, bevor Mönche auf die Idee kamen, damit ein Wohlgefühl zu verbinden. Uta Glaubitz über Streiks im Mittelalter, Nazi-Zynismus und den Zwang zum Tütenkleben.

In deutschen Gefängnissen herrscht Arbeitspflicht. Hier werden Pantoffeln geklebt, Duschköpfe zusammengeschraubt und Möbel geschreinert. Die Hälfte des Gewinns geht an den Landeshaushalt. Der Rest wird investiert und für die Sträflinge gespart. Ein kleiner Teil wird auch ausbezahlt. Der Lohn liegt bei ein bis zwei Euro die Stunde. Für die einen ist das Teil der Resozialisierung. Zarter besaitete Seelen halten es für Arbeitszwang und Ausbeutung. Einige Bundesländer wollen denn auch die Arbeitspflicht im Strafvollzug abschaffen. Schließlich gebe es außerhalb der Gefängnismauern heute auch keinen Zwang mehr zu arbeiten.

Das war nicht immer so: In der Geschichte der Menschheit hatte Arbeit meistens mit Zwang und selten mit Freiheit zu tun. Sklaven mussten arbeiten. Wer sich weigerte, wurde mit dem Tod bestraft. Freie Menschen dagegen arbeiteten nicht, sondern beschäftigten sich lieber mit Politik oder Philosophie und bevorzugten ansonsten die Muße.

Das änderte sich erst im späten Mittelalter. Die Benediktinermönche verbreiteten in Europa ihre Lehre vom ora et labora. Fortan sollte der Mensch sich gut fühlen, wenn er arbeitet. Und nicht etwa, wenn er nicht arbeitet. So wurde die Arbeit eines jeden geadelt und die bislang Entrechteten zu Personen. Ein riesiger Fortschritt: Denn Personen konnte man vor der totalen Ausbeutung schützen. Sklaven dagegen wurden wie Sachwerte behandelt.

Der Spruch "Arbeit macht frei" ist denn auch erstmals in einer christlichen Zeitschrift belegt: im Neuen Repertorium für die theologische Literatur und kirchliche Statistik von 1849. So hatte er freilich einen ganz anderen Hintergrund als später, da die Nazis diese Worte über die Eingänge der Konzentrationslager schrieben. Sollte die Welt glauben, die mörderische Zwangsarbeit in den Lagern diene einem höheren Zweck? Der Spruch wurde berüchtigt, als zynischer Hohn über die Opfer des Holocaust.

"Vielleicht sogar der Schlüssel zum Himmel"

Auf der Suche nach Antworten auf meine Frage: "Ist der Mensch zum Arbeiten gemacht?" besuche ich diesmal Professor Michael Kittner in Hanau. Er hat ein Buch über die Geschichte der Arbeit geschrieben, genauer: über die Geschichte des Arbeitskampfs. Es ist auch eine Geschichte darüber, wie der Mensch sich seine Freiheit gegen den jahrhundertealten Zwang zu arbeiten erkämpft.

Kittners Antwort auf meine Frage ist deutlich: Wenn Arbeit so toll wäre, hätte man den Menschen nicht jahrhundertelang dazu zwingen müssen. Die Arbeit positiv aufzuladen sei eine neuzeitliche Idee. Und ein Beruhigungsmittel: "Es suggeriert: Seht her, Arbeit tut nicht nur weh und muss leider sein. Sie ist auch wertvoll und vielleicht sogar der Schlüssel zum Himmel."

Der erste Arbeitskampf der Weltgeschichte fand in Ägypten statt: Vierzig Handwerker bauten in Theben ein Grab für Ramses III. Als Lohn bekamen sie Lebensmittel. Im Jahr 1155 vor Christus traten sie in einen Streik, weil korrupte Beamte das zugesagte Getreide unterschlagen hatten. Bereits aus dieser Zeit stammt die Erkenntnis: "Der Arbeiter jubelt nur, wenn er einen vollen Bauch hat."

Die wahren sozialen Pioniere

In Deutschland sind die ersten Arbeitskämpfe im späten Mittelalter belegt. Neunzig Prozent der Bevölkerung arbeiteten als unfreie Knechte und Mägde in der Landwirtschaft. Sie arbeiteten für einen Herrn, dem sie auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren. "Doch ausgerechnet auf germanischem Boden bildeten sich in den Städten die ersten Strukturen freier Arbeit", so Kittner. Die Bürger der Stadt arbeiteten nicht für einen Herrn, sondern für einen freien Markt. Die Gesellen erkannten, dass sie nicht unbedingt dieselben Interessen wie ihre Meister hatten. Sie erkannten, dass sie nicht allein waren, und dass sich daraus ein Protest organisieren ließ. Damit sind sie die eigentlichen Pioniere der sozialen Bewegung. Nicht etwa die Arbeiter in den rußenden Fabriken des 19. Jahrhunderts.

Der Schriftzug über dem Eingang zum KZ Auschwitz gilt seit seinem Diebstahl 2009 als begehrte Nazi-Devotionalie. Ein Schwede und fünf Polen hatten die eiserne Inschrift geklaut. Auf die Frage, was er denn mit der perversen Beute habe anfangen wollen, antwortete der Rechtsradikale Anders Högström, sein Plan sei gewesen, sie nach Schweden zu verkaufen. Dafür sitzt er heute im Gefängnis. Ob er dort arbeiten muss, ist unbekannt.

Zur Autorin

  • Foto: D. Stratenschulte
    Uta Glaubitz ist Berufsberaterin und unterstützt andere dabei herauszufinden, welcher Beruf zu ihnen passt. Ihre Kunden im Vorher-nachher-Vergleich präsentiert sie auf ihrer Internetseite:
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