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22.01.2013
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Von Beruf Schlagertexter

Peinlich gibt's nicht

Von
DPA

"Klar" reimt sich auf "wunderbar", "ringsumher" auf "Lichtermeer" - mit solchen Wortspielen verdient Tobias Reitz seinen Lebensunterhalt. Der 33-Jährige ist einer der erfolgreichsten Schlagertexter Deutschlands. Zehn Nummer-eins-Hits hat er schon geschrieben. Kunst sei das aber nicht, sagt er.

Du bist der Grund, dass ich sing'. Und wünschst du dir einmal 'nen Ring, auch das geht klar, denn du bist wunderbar, so schön wie keine war.

Diese Zeilen kann man in Eisenhüttenstadt hören, in Tecklenburg oder Aspach, und natürlich in der ARD im "Sommerfest der Abenteuer". Christoff heißt der Sänger zum Lied, er kommt aus Belgien. "Schlager ist in meinem Blut", sagt er von sich. Den Text zu seinem Lied hat er sich trotzdem nicht selbst ausgedacht - er stammt von Tobias Reitz.

Reitz ist Schlagertexter und mit seinen 33 Jahren nicht nur einer der gefragtesten, sondern auch der jüngsten der Branche. Die Sänger, für die er schreibt, kennt er in der Regel nicht persönlich. Alles, was er zur Arbeit braucht, ist die Melodie - und ein paar Infos zum Künstler, damit die Texte passen. "Patrick Lindner zum Beispiel", sagt Reitz und zieht eine CD des Schlagerstars aus dem Regal, "dem darf man ansehen, dass er eine gewisse Lebenserfahrung hat: Er färbt seine Haare nicht, kann auch reflektieren." Anders beim Jungspund Christoff. Er präsentiert sich auf seinem Cover jugendlich und mit frechem Grinsen: "Das muss sich im Text widerspiegeln."

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Als Kind hörte Reitz die Flippers und Andrea Jürgens rauf und runter. Zu den "coolen" Kids gehörte er nie: "Als Schlagerfan ist man da schnell die Schwuchtel." Beirren ließ er sich von den Hänseleien nicht. Nach dem Germanistik-Studium in Düsseldorf besuchte er die von der Gema-Stiftung finanzierte Celler-Schule für Textdichter. Seine erste Veröffentlichung schaffte es 2001 auf Platz 1 der Schlagercharts. "Ein Urlaubsschlager", sagt Reitz. "Aber er hat mir großen Spaß gemacht."

Der Tag ist Sonne ringsumher und jede Nacht ein Lichtermeer. Als würd' es niemals enden, lieg' ich in deinen Händen.

Nach diesen Zeilen kam erst mal: nichts. Reitz ließ sich nicht entmutigen, ging auf Schlagerkonzerte, stellte sich Produzenten vor. "Ich schrieb solide, gute Texte und arbeitete viel, aber niemand wurde auf mich aufmerksam", sagt Reitz. "Da blieb nur: Klinken putzen." Das zahlte sich aus: 2007 holte der Produzent von Helene Fischer, die 2006 ihr erstes Album veröffentlicht hatte, Reitz ins Team.

Du knallst in meine Welt und bist einfach wieder hier, ein Gefühl wie ein Orkan steigt auf in mir.

Solche Zeilen passten zu Helenes schönem, weitgehend skandalfreiem Image, meint Reitz. Für ihn ist die Sängerin "kurz vor Prinzessin" und eine "Augenweide". Reitz dichtet gern für Interpretinnen, denn "bei Frauen ist im Ausdruck mehr möglich". Ein Lied am Tag, das ist sein Schnitt beim Texten. Eine Stunde braucht er für das Grundgerüst, an manchen Stellen steht dann noch eine Art Blindtext, der noch ersetzt werden muss. Wenn sein Arbeitsablauf nicht nach diesem Muster erfolge, verzettele er sich, sagt Reitz.

Handwerk mit einem Funken Talent

80 Millionen Euro erwirtschaftet die Schlagerbranche jedes Jahr. Im Ranking der Musikgenres landet der Schlager damit auf Platz vier, hinter Pop, Rock und Klassik. Trotzdem ist Reitz einer der wenigen, die von ihren Texten leben können: Rund 50 hauptberufliche Schlagertexter gibt es in Deutschland. Darunter sind einige, die gar nicht mehr dichten - wer mehrere Hits gelandet hat, kann davon noch Jahre später leben.

Zwischen drei Cent und 20.000 Euro verdient Reitz mit seinen Texten. Für jedes auf Tonträger verkaufte oder öffentlich gespielte Lied bekommt er ungefähr zwei Cent von der Verwertungsgesellschaft Gema. Das ist seine Lebensgrundlage: Sind seine Songtexte nicht im Radio zu hören, kann es schon mal passieren, dass er mit einem Text noch nicht mal zehn Euro verdient. Einen Verdienstausfall gibt es nicht: Wird ein Text bestellt, das Lied aber nie produziert, geht Reitz leer aus.

Derzeit könnte es für ihn aber kaum besser laufen. Für weit mehr als 100 Interpreten hat er bereits geschrieben. Er wurde mit mehreren Gold- und Platin-Awards ausgezeichnet und war für den Deutschen Musikautorenpreis nominiert, insgesamt zehn Nummer-eins-Hits kann er für sich verbuchen. Und auch einen seiner beruflichen Träume hat er schon verwirklicht - er durfte für Andrea Jürgens, den Star seiner Kindheit, dichten:

Ich wär' fast schon heimgegangen, doch dein Blick hat mich noch eingefangen. Und wir reden von dir und mir und vom Rest der Welt.

Die Reaktionen auf seinen Job sind allerdings nur selten so euphorisch wie seine Zeilen: "Wenn mich jemand in meinem Alter fragt, was ich eigentlich so schreibe, kennt der höchstens Helene", sagt Reitz. "Und das auch nur, weil sie mit Florian Silbereisen zusammen ist und man den aus 'Switch Reloaded' kennt." Auch er selbst beurteilt seine Arbeit kritisch: Seine Zeilen seien weder genial, noch Kunst, sagt er. Eher ein Handwerk, das sich mit einem Funken Talent, gutem Sprachgefühl und viel Übung erlernen lasse.

Texte schreiben ist keine Selbsttherapie

Gemeinsam mit Edith Jeske, mit der er heute seine ehemalige Ausbildungsstätte, die Celler-Schule, leitet, hat er 2011 das "Handbuch für Songtexter" veröffentlicht. Dem Nachwuchs rät er, immer Ziele zu haben - und den nötigen Unterhaltungswillen. Texte zu schreiben sei schließlich keine Selbsttherapie, nicht jede Zeile müsse dem eigenen Herzen entspringen. Und man solle sich als Textdichter früh eine Musikrichtung suchen, die zu einem passt. Wie der Schlager zu Reitz.

Der Texter besucht selbst gerne Schlagerkonzerte. Bei der letzten Tournee von Helene Fischer war er besonders gerührt: Sie hatte seinen Text "Du fängst mich auf und lässt mich fliegen" mit Gitarre und Klavier "entschlagert". Reitz sagt, dass sei der bewegendste Moment seiner Karriere gewesen. Dabei distanziere er sich sonst von einem Lied, sobald es seinen Schreibtisch verlässt. Auch deshalb sind ihm seine Werke nie zu schwülstig, zu kitschig oder gar peinlich: "Es muss für den Interpreten passen, nicht für mich. Sonst geht der Text gar nicht raus."

Einmal hat er mit dem Gedanken gespielt, etwas komplett Eigenes zu machen, seine eigenen Texte zu singen. Zwei Singles veröffentlichte er - das Projekt ging gnadenlos schief. Wer sich als Künstler auf eine Bühne stelle, resümiert Reitz, müsse Menschen mit seinem Wesen abholen können, sich aber auch gewaltig für sich selbst interessieren. Das könne er nicht: "Ich brauche einen Künstler als Medium."

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 61 Beiträge
1.
Wololooo 22.01.2013
Was ich noch nie verstanden habe ist, warum Komponisten Geld kriegen, nachdem sie den Text an einen Sänger/ Produzenten verkauft haben. Ich kriege als Ingenieur, doch auch nicht für jedes verkaufte Produkt, an dem ich [...]
Was ich noch nie verstanden habe ist, warum Komponisten Geld kriegen, nachdem sie den Text an einen Sänger/ Produzenten verkauft haben. Ich kriege als Ingenieur, doch auch nicht für jedes verkaufte Produkt, an dem ich mitentwickelt habe, Geld, sondern leiste die Entwicklungsarbeit für mein Jahresgehalt oder ein Auftragsgehalt und trete die Rechte an die Firma ab.
2.
skeptiker81 22.01.2013
Weil es der Vertrag so vorsieht? Genau so gut könnte man mit dem Komponisten vereinbaren, dass er 10.000,- € für seine Arbeit erhält. Verkauft sich das ganze dann nicht hat man 10.000,- € investiert ohne etwas zu [...]
Zitat von WololoooWas ich noch nie verstanden habe ist, warum Komponisten Geld kriegen, nachdem sie den Text an einen Sänger/ Produzenten verkauft haben. Ich kriege als Ingenieur, doch auch nicht für jedes verkaufte Produkt, an dem ich mitentwickelt habe, Geld, sondern leiste die Entwicklungsarbeit für mein Jahresgehalt oder ein Auftragsgehalt und trete die Rechte an die Firma ab.
Weil es der Vertrag so vorsieht? Genau so gut könnte man mit dem Komponisten vereinbaren, dass er 10.000,- € für seine Arbeit erhält. Verkauft sich das ganze dann nicht hat man 10.000,- € investiert ohne etwas zu erhalten. Verknüpft man das jedoch mit den Einnahmen wird kein Minus entstehen. Bzw. man wältzt die Gefahr des Ausfalls auf denjenigen um, der am Ende der Schlange steht. ;)
3.
daddy_felix 22.01.2013
Und der Komponist bekommt den Auftrag, ein Lied zu komponieren. Dies macht er und bekommt dafür Geld. Ist doch völlig ok. Du kannst auch eine Komponistenfirma gründen und diverse Komponisten einstellen. Denen zahlst du [...]
Zitat von WololoooWas ich noch nie verstanden habe ist, warum Komponisten Geld kriegen, nachdem sie den Text an einen Sänger/ Produzenten verkauft haben. Ich kriege als Ingenieur, doch auch nicht für jedes verkaufte Produkt, an dem ich mitentwickelt habe, Geld, sondern leiste die Entwicklungsarbeit für mein Jahresgehalt oder ein Auftragsgehalt und trete die Rechte an die Firma ab.
Und der Komponist bekommt den Auftrag, ein Lied zu komponieren. Dies macht er und bekommt dafür Geld. Ist doch völlig ok. Du kannst auch eine Komponistenfirma gründen und diverse Komponisten einstellen. Denen zahlst du ein Jahresgehalt und fertig. Wenn du freiberuflich tätig bist, bekommst du auch Geld für jede Entwicklung, die du an eine Firma verkaufst.
4. .
50 Sebt 22.01.2013
ZITAT " "Und das auch nur, weil sie mit Florian Silbereisen zusammen ist und man den aus Switch Reloaded kennt." " ZITAT ENDE! Ja da sehr ich ihn alias Michael Kessler auch am liebsten! "Für die [...]
ZITAT " "Und das auch nur, weil sie mit Florian Silbereisen zusammen ist und man den aus Switch Reloaded kennt." " ZITAT ENDE! Ja da sehr ich ihn alias Michael Kessler auch am liebsten! "Für die Menschen!" :-)
5. @ Wololooo
Gort 22.01.2013
Vielleicht lesen Sie den Artikel ja noch einmal. es könnte Ihnen ein entscheidender Unterschied zwischen der Tätigkeit eines freiberuflichen Schlagertexters und der Ihren auffallen.
Vielleicht lesen Sie den Artikel ja noch einmal. es könnte Ihnen ein entscheidender Unterschied zwischen der Tätigkeit eines freiberuflichen Schlagertexters und der Ihren auffallen.

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