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30.01.2013
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Unternehmen Irrsinn

"Mobbing? Bei uns? Ich bitte Sie!"

Corbis

Vorsicht, gleich werden Sie plattgetreten.

Für viele Chefs ist Mobbing so etwas wie ein Ufo: Nur Spinner behaupten, sie hätten eines gesehen. Statt die Angreifer zu stellen, schauen die Vorgesetzten weg - oder reihen sich sogar selbst in die Riege der Psychoterroristen ein. Denn so werden sie die Opfer am schnellsten los.

Die Physikerin Dora Berg, 57, war verzweifelt: Kaum ging sie über den Flur, steckten die Kollegen ihre Köpfe zusammen und tuschelten. Kaum öffnete sie beim Team-Meeting den Mund, fielen die anderen ihr ins Wort. Ihre Vorschläge ernteten nur noch Kopfschütteln. Und wenn es eine Idiotenaufgabe zu verteilen gab, durfte sie sicher sein: Ihr Vorgesetzter bedachte sie damit. Dabei hatte sie bis vor kurzem noch als Frau für schwierige Aufgaben gegolten. Was sollte sie tun? Dem Mobbing tatenlos zusehen? Nein, nach einem halben Jahr ging sie ins Büro ihres Chefs:

Dora Berg: "Ich werde gemobbt."

Chef: "Gemobbt? Bei uns? Ich bitte Sie!"

Dora Berg: "Die Kollegen meiden mich wie die Pest. Sie tuscheln, lästern und arbeiten nur noch gegen mich."

Chef: "Seien Sie vorsichtig mit Unterstellungen. Das ist kein Mobbing - das hat einfach mit Sympathie und Antipathie zu tun."

Dora Berg: "Aber von Ihnen bekomme ich seit einiger Zeit doch auch nur noch läppische Aufgaben - alles Interessante geht an die Kollegen!"

Chef: "Moment mal, Frau Berg! Sie wollen mir doch nicht etwa nachsagen, dass ich Sie mobbe?!"

Dora Berg: "Die Aufgaben liegen unter meiner Qualifikation. Etwas hat sich verändert."

Chef: "Wissen Sie, was sich verändert hat? Sie selbst! Sie kommen mit den Kollegen nicht aus. Sie beschweren sich über mich als Chef. Sie mögen Ihre Aufgaben nicht mehr. Schuld sind immer die anderen - merken Sie das, Frau Berg?"

Dora Berg: "Aber es stimmt doch, was ich sage!"

Chef: "Ich habe das Gefühl, dass Sie in letzter Zeit sehr labil sind, vielleicht sogar krank. Wenn Sie sich so unwohl bei uns fühlen, sollten Sie mal überlegen, ob Sie den Anforderungen noch gewachsen sind."

So läuft das immer. Die Irrenhaus-Direktoren, die in deutschen Firmen das Sagen haben, tun so, als verhielte es sich mit Mobbing wie mit Ufos: Nur Spinner behaupten, sie hätten eines gesehen. Denn wo es keine Mobbing-Opfer gibt, kann es keine Mobbing-Täter geben. Dora Berg darf also nicht unter gezielten Angriffen leiden, lediglich unter ihrer Einbildung. Da haben sich Kollegen geneckt. Da hat es ein Missverständnis gegeben. Da hat ein Vorgesetzter getan, was sein Beruf ist, nämlich Kritik geübt. Alltagsgeschäft. Individuelle Probleme und keine der Firma.

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Mobbing: Informationen und Hilfe im Netz
Jeder achte Mitarbeiter in Deutschland wird Opfer von Mobbing, nachweisen können es die wenigsten. Wie soll Dora Berg belegen, dass eine langweilige Aufgabe, die ihr der Chef zuweist, Teil einer Zermürbungstaktik ist? Dass die Kollegen ihr nicht aus Ungeduld, sondern aus Bösartigkeit ins Wort fallen? Und dass sie eine wichtige Information nicht übersehen hat, sondern sie ihr unterschlagen wurde?

Die Irrenhäuser sorgen für einen perfiden Rollenwechsel: Die Opfer werden als Denunzianten angeprangert, die ihre Kollegen als böse Mobber verpfeifen, während diese angeblich den ganzen Tag die Friedenspfeife rauchen. Nur der Zufall spült manchmal das Beweismaterial an die Oberfläche. So tauchte im Februar 2012 ein Mobbing-Leitfaden auf, den Führungskräfte der Deutschen Post entwickelt hatten. Die Überschrift hätte von der Stasi stammen können: "Umgang mit auffälligen Kräften in der Ist-Zeit". In dem Papier werden die unerwünschten Mitarbeiter in vier Typen eingeteilt: "Langsame", "Motzbrüder", "Sozialfälle" und "Alte".

Das Post-Irrenhaus liefert Mobbing-Ideen, um die Lahmen auf Trab zu bringen. Zum Beispiel soll diesen Typen der Urlaub an Samstagen, Montagen und vor Feiertagen verweigert werden. Und die Chefs sind aufgefordert, ihnen die Überstunden abzuschwatzen. "Die Vorschläge wurden nie umgesetzt", behauptete ein Sprecher der Post. Woher weiß er das so genau? Und bei wem hat er nachgefragt? Bei den Mobbern? Warum sollten sie ihre Schandtaten zugeben?

Mobbing - Ihre Rechte
Richtig ist: Keine Firma kann verhindern, dass ein Mobbing-Funke sprüht, etwa, indem ein Kollege den anderen beim Meeting angreift. Aber bei solchen Attacken stellt sich heraus, wie die Kultur in einer Firma ist: menschlich oder irre.

Nehmen wir Dora Berg. Wie kommt es eigentlich, dass sie von ihren Kollegen angefeindet wird? Ihre Firma hat in den letzten Jahren reihenweise Mitarbeiter von über 55 Jahren vor die Tür gesetzt. Die Geschäftsleitung sendete damit das Signal: "Ältere sind bei uns unerwünscht!" Und diese Botschaft ist von den jüngeren Mitarbeitern empfangen worden - wie in so vielen Betrieben. Von den über 50-Jährigen fühlen sich nach einer Umfrage des Markt- und Sozialforschungsinstituts Ifak in Taunusstein doppelt so viele gemobbt wie von den unter 30-Jährigen.

Die Firmenkultur ebnet Mobbing den Weg

Wenn bei einem Team-Meeting ein Kollege Dora Berg ins Wort fällt, hat der Chef drei Möglichkeiten: Zum einen kann er sofort dazwischen gehen: "Bitte lassen Sie Frau Berg ausreden. Sie ist eine verdiente Mitarbeiterin." Der Chef stellt sich hinter die Angegriffene und gegen die Angreifer. Die Verhältnisse sind klar, das Mobbing ist gebannt.

Die zweite Möglichkeit: Der Chef spielt den blinden Mann, während seine Mitarbeiterin angefeindet wird. Als würde ein Fußball-Schiedsrichter nicht pfeifen, obwohl eine Mannschaft die andere pausenlos foult. Wollen wir wetten, dass die foulenden Spieler immer härter einsteigen, eben weil ihr Verhalten nicht sanktioniert wird?

Die dritte Möglichkeit: Der Chef duldet das Mobbing nicht nur, sondern macht es vor. Indem er Dora Berg selbst unterbricht, zeigt er: Sie darf unterbrochen werden. Indem er ihr minderwertige Aufgaben zuweist, signalisiert er: Sie ist minderwertig. Der Frankfurter Psychologe Dieter Zapf hat rund 400 Mobbing-Fälle analysiert und fand heraus: In sieben von zehn Fällen mischte ein Vorgesetzter mit. Ein Mobbing ist kein Ufo, sondern ein Ifo (Irrenhaus-Flugobjekt): Landen kann es nur dort, wo ihm verantwortungslose Vorgesetzte und eine unmenschliche Firmenkultur den Weg ebnen.

Dieser gekürzte Auszug stammt aus Martin Wehrles neuem Buch "Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus" (Econ).

Forum

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insgesamt 49 Beiträge
1. Achim H. Pollert: Wer bittet die Bänkler zur Kasse ?
Profitexter 30.01.2013
Zur Zeit wird in der Schweiz die Frage nach den Stargagen und der Haftung von Managern - namentlich im Bankfach - heftig diskutiert. Auch beim Umgang des Managements mit Fragen wie Mobbing muss die Frage gestellt werden, inwieweit [...]
Zitat von sysopCorbisFür viele Chefs ist Mobbing so etwas wie ein Ufo: Nur Spinner behaupten, sie hätten eines gesehen. Statt die Angreifer zu stellen, schauen die Vorgesetzten weg - oder reihen sich sogar selbst in die Riege der Psychoterroristen ein. Denn so werden sie die Opfer am schnellsten los. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/martin-wehrle-warum-mobbing-opfer-von-chefs-keine-hilfe-erhalten-a-879386.html
Zur Zeit wird in der Schweiz die Frage nach den Stargagen und der Haftung von Managern - namentlich im Bankfach - heftig diskutiert. Auch beim Umgang des Managements mit Fragen wie Mobbing muss die Frage gestellt werden, inwieweit die Nadelstreifenträger unter geltendem Recht in die Haftung genommen werden müssen... Achim H. Pollert: Wer bittet die Bänkler zur Kasse? | Texte von Achim H. Pollert (http://textepollert.wordpress.com/2013/01/28/achim-h-pollert-wer-bittet-die-bankler-zur-kasse/)
2. Mobber leben gefährlich
Wilhelm Klaus 30.01.2013
Wenn die Mobber auch nur eine Ahnung von den inneren Ideen einiger Mobbingopfer hätten, würden sie sich ohne Personenschutz nicht mehr zu Arbeit trauen. Viele Mobbingopfer haben irgendwann exessive Gewaltphantasien, die [...]
Zitat von sysopCorbisFür viele Chefs ist Mobbing so etwas wie ein Ufo: Nur Spinner behaupten, sie hätten eines gesehen. Statt die Angreifer zu stellen, schauen die Vorgesetzten weg - oder reihen sich sogar selbst in die Riege der Psychoterroristen ein. Denn so werden sie die Opfer am schnellsten los. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/martin-wehrle-warum-mobbing-opfer-von-chefs-keine-hilfe-erhalten-a-879386.html
Wenn die Mobber auch nur eine Ahnung von den inneren Ideen einiger Mobbingopfer hätten, würden sie sich ohne Personenschutz nicht mehr zu Arbeit trauen. Viele Mobbingopfer haben irgendwann exessive Gewaltphantasien, die hoffentlich nie zum Ausbruch kommen. Mir sagte einer: Die anderen Leben nur noch, weil ich es so will. Das sind gefährliche Situationen, weil es für uns alle gilt.
3. Ausbildung
globalekollaboration 30.01.2013
Mobbing zu erkennen und zu bekaempfen als Angestellte(r) oder Fuehrungskraft muss Teil jeder beruflichen Ausbildung werden, damit die, die dazu neigen und die, die die Opfer sind gemeinsam vorbeugen oder zumindest reagieren [...]
Mobbing zu erkennen und zu bekaempfen als Angestellte(r) oder Fuehrungskraft muss Teil jeder beruflichen Ausbildung werden, damit die, die dazu neigen und die, die die Opfer sind gemeinsam vorbeugen oder zumindest reagieren koennen. Das Niveau von Unwissenheit zu diesem Thema ist heutzutage beschaemend fuer jedes Land, jede Regierung, jede Firma und jeden Einzelnen.
4. Wenn die Chefetage mobbt...
nafice 30.01.2013
Bleibt einem nichts anderes übrig als zu gehen. Wenn von oben gemobbt wird, dann schweigen die Kollegen oder machen sogar noch mit. In so einem kranken Gefüge will man gar nicht weiterkämpfen und arbeiten. Ich kann verstehen [...]
Bleibt einem nichts anderes übrig als zu gehen. Wenn von oben gemobbt wird, dann schweigen die Kollegen oder machen sogar noch mit. In so einem kranken Gefüge will man gar nicht weiterkämpfen und arbeiten. Ich kann verstehen wenn Arbeitnehmer ab 50 Bedenken haben wieder einen Job zu finden, aber man bewirbt sich ja auch erst wo anders und wenn man den neuen Vertrag unterschrieben hat, geht man. Bis dahin muss man sich ein dickes Fell zulegen. Ich wechsle auch gerade und mir war es zu blöd mich weiterhin mobben zu lassen. Nun hat der Chef die nächsten Mobbingopfer im Auge. Irgendwann kann er die ganze Arbeit alleine machen.
5. optional
nasin_ho 30.01.2013
genau das ist es. mobbing geht oft von vorgesetzten aus.
genau das ist es. mobbing geht oft von vorgesetzten aus.

Zum Autor

  • Martin Frommann
    Martin Wehrle (Jahrgang 1970) war Manager, bevor er Karriereberater und Gehaltscoach wurde. Er ist Autor der Bücher "Lexikon der Karriere-Irrtümer", "Ich arbeite in einem Irrenhaus" und "Bin ich hier der Depp?".

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Erste Hilfe bei Mobbing

  • Corbis
    Der Mobbingberater Dieter Schlund gibt zehn Tipps für Arbeitnehmer, die sich im Job angegriffen fühlen:

    • • Lassen Sie sich nicht provozieren. Bleiben Sie sachlich, auch wenn es schwer fällt.
    • • Gehen Sie dem Angreifer aus dem Weg.
    • • Gehen Sie aus dem Konfliktfeld heraus, indem sie beispielsweise den Raum verlassen.
    • • Biedern Sie sich nicht an, machen Sie sich nicht "klein".
    • • Holen Sie Hilfe - beim Betriebsrat, Vorgesetzten, betrieblichen Sozialdienst.
    • • Sprechen Sie mit Freunden und der Familie über die Situation.
    • • Suchen Sie eine Mobbing-Selbsthilfegruppe auf, in der Sie andere Betroffenen kennen lernen.
    • • Nehmen Sie die Leistungen einer Beratungsstelle oder eines Mobbingtelefons in Anspruch.
    • • Kontaktieren Sie einen Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Arbeitsrecht.
    • • Tanken Sie Energie, etwa beim Sport. Suchen Sie Entspannung.

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