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01.02.2013
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Karussell, Geisterbahn und Co.

"Junger Mann zum Mitreisen gesucht"

TMN

Immer der Zuckerwatte nach: Wer auf der Kirmes arbeitet, kommt herum. Der Mikrokosmos um Karussell und Autoscooter verspricht das pralle Leben und viele Jobs - aber auch 14-Stunden-Tage bei kargem Lohn. Beliebte Einstiegspositionen gibt's im Gruselkabinett.

Jetzt im Februar stehen die meisten Karussells still, die Schreckgespenster in den Geisterbahnen schweigen. Im Januar und Februar gibt es praktisch keine Kirmes, die Schausteller warten ihre Fahrgeschäfte. Doch im Frühjahr geht es wieder los.

Dann ruft Janida Schneider: "Landratten aufgepasst! In wenigen Minuten starten wir wieder zur Seeschlacht". So locken die Schneiders Besucher auf deutschen Rummelplätzen in ihr "Pirates Adventure". "Rekommandieren" nennen das die Schausteller, das lautstarke Buhlen um Kundschaft gehört zur Kirmes wie Bratwurstduft und Autoscooter.

Familie Schneider aus dem westfälischen Lippstadt ist eine alte Kirmes-Dynastie. Schon der Vater von Michael Schneider unterhielt auf Volksfesten, er ist in den Beruf hineingewachsen. Das ist die beste Voraussetzung, um auf dem Rummel Fuß zu fassen: Viele Schausteller kennen sich seit Jahren, wer "von privat" kommt, wie es bei den Kirmesmachern heißt, findet in diese Kreise nur schwer hinein. Außerdem werden die Standplätze von den Kommunen, die eine Kirmes ausrichten, an die alteingesessenen Schausteller-Familien vergeben. Neulinge haben es deshalb doppelt schwer.

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Kirmesboxer: Schlag mich!
So bunt das Kirmestreiben erscheint, die Arbeit ist hart. An einem Rummel-Tag muss die Kasse 14 Stunden besetzt sein, erzählt Schneider. Wenn er selbst pausiert, verkauft Janida die Chips für das Geschäft. Schon ein Regenguss kann das Tagesgeschäft verderben. Dennoch sagt Schneider: "Wenn ich das Leuchten in den Kinderaugen sehe, weiß ich, dass ich in meinem Job richtig bin."

Das Leben von Schaustellern ist wie ein Roadmovie, ständig sind sie auf Achse. Für viele ist das reizvoll. Wer herumkommen will, antwortet vielleicht auf eines der klassischen Schilder: "Junger Mann zum Mitreisen gesucht." Doch dabei geht es meist um Aushilfsjobs beim Auf- und Abbau der Fahrgeschäfte. Viel Geld kann man da nicht verdienen.

Einstieg im Spukschloss

Auch Mechaniker, Zuckerwatteverkäufer oder Geisterbahnfiguren werden auf der Kirmes gebraucht. "Wer das Geschäft erlernen will, sollte das direkt auf einem Rummel tun", sagt Lucinde Boennecke, Sprecherin des Deutschen Schaustellerbundes (DSB) in Berlin. Am besten sei es, einem Schausteller über die Schulter zu schauen. Eine geregelte Ausbildung gibt es nicht.

Wer für die schweren Pack- und Aufbaujobs nicht genug Muskeln hat, findet auch einen anderen Job auf dem Rummel. Eine Möglichkeit ist, als Geist in einem Gruselkabinett anzuheuern. Zum Beispiel bei Schausteller Emil Lehmann, der beim Schaustellerverband der Fachberater für "Schau und Belustigung" ist. Er hat eine Geisterbahn und tourt von März bis November mit 14 Lastkraftwagen durch die Republik. In seiner Attraktion gibt es neben 30 elektronischen Figuren auch menschliche Gespenster. "Meistens nehmen wir unsere Angestellten. Manchmal suchen wir aber auch Ortskräfte", sagt Lehmann. Dann spielen Komparsen an der Strecke den Bösewicht - mit Maske und Dracula-Umhang.

Für den Anfang ein gebrauchtes Fahrgeschäft

Wer selbst Schausteller werden will, muss sich zunächst für ein Gewerbe entscheiden, sagt Verbandssprecherin Boennecke. Karussell? Imbiss? Losbude? Zuckerwatte? "Manchmal findet man gebrauchte Fahrgeschäfte", sagt Boennecke. Neuanschaffungen sind teuer. Michael Schneider hat eine Million Euro in sein "Pirates Adventure" gesteckt.

Der Druck, innerhalb kurzer Zeit Geld zu verdienen, ist immens. Heute werden auf deutschen Jahrmärkten jährlich etwa zwei Milliarden Euro umgesetzt, so der Schaustellerbund. Inzwischen bewerben sich mehr als 5000 Schaustellerbetriebe um die besten Rummelplätze im Land.

Im März gehen sie wieder auf Achse, bis November. Dann beginnen für etwa 70 Prozent aller Schausteller die Weihnachtsmärkte. Derzeit bieten die Industrie- und Handelskammern speziell für Schausteller Fortbildungen zur Kranführung, zur Sicherheit beim Aufbau oder zur Existenzgründung an.

Andreas Sträter/dpa/mamk

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insgesamt 1 Beitrag
1.
wennderbenzbremst... 01.02.2013
Man muss wie im Artikel ja beschrieben nicht direkt mitreisen. Aber beim Abbau der Geschäfte werden immer Leute gesucht, die anpacken können. Ich habe das während der Ausbildung öfters gemacht, das gab für eine Nacht mehr Geld als [...]
Man muss wie im Artikel ja beschrieben nicht direkt mitreisen. Aber beim Abbau der Geschäfte werden immer Leute gesucht, die anpacken können. Ich habe das während der Ausbildung öfters gemacht, das gab für eine Nacht mehr Geld als ich in 1,5 Wochen Ausbildungsvergütung erhalten habe. Aber es ist halt harte körperliche Arbeit, dazu noch in der Nacht und unter Zeitdruck. Am nächsten Tag ist bei den meisten Geschäften nämlich die Fahrt zum nächsten Platz angesagt. Und die Wohnwagen müssen auch noch abgebaut und angehängt werden.

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