Lade Daten...
06.02.2013
Schrift:
-
+

Nach Diktat verreist

Dä Zoch kütt!

SPIEGEL ONLINE

Wer eine Firma übernimmt, zeigt der Belegschaft dort am besten gleich, wo der Hammer hängt. Das muss Mittelmanager Achtenmeyer von seinem Boss schmerzhaft lernen. Doch wer nicht stur an Eroberung denkt, kommt am Ende oft weiter, zeigt Klaus Werle in seiner Karriere-Kolumne.

Die Company hat eine andere Company gekauft. "Happy Holiday Beverages", lange ein hartnäckiger Konkurrent im Energy- und Lifestyledrink-Segment, jetzt Übernahmeobjekt. Die product ranges ergänzen sich bestens, viele exzellente Leute arbeiten dort, kurz: Es ist eine Hochzeit im Himmel. Und Achtenmeyer ist Trauzeuge. Oder so etwas Ähnliches. Jedenfalls soll er als "Head of Integration" dafür sorgen, dass die Strukturen, Prozesse und das ganze Mindset von "Happy Holiday" seiner Company angepasst werden.

Das Wort "anpassen" hat Dr. Karl gefühlte 278 Mal verwendet, als er Achtenmeyer den neuen Zusatzjob anbot, davon 269 Mal extra stark betont. Nach dem zwölften Mal gab Achtenmeyer, der kürzlich aus Versehen einen Artikel über Change Management gelesen hatte, vorsichtig-konjunktivisch zu bedenken, dass unter Umständen die Kollegen bei "Happy Holiday" den ein oder anderen Einfall gehabt haben könnten, den in der Company zu übernehmen sich lohnen könnte. "Warum nicht von deren Know-how profitieren?", fragte Achtenmeyer und horchte seinem Satz bedächtig nach, als sei ihm der Gedanke gerade erst gekommen. "Wir kochen doch alle nur mit Wasser."

"Sie vielleicht", schoss Dr. Karl ungnädig zurück und sah ihn an, als wolle er mit seiner Tochter durchbrennen. "Ich für meinen Teil, mein lieber Achtenmeyer, stehe einhundertundfünfzig Prozent hinter Personal, Produkten und Methoden unserer Firma." Dr. Karl machte eine seiner gefürchteten Pausen, goss etwas Wasser in den Luftbefeuchter, sortierte ein paar Papiere, richtete iPhone und Blackberry wieder exakt an der Schreibtischkante aus. "Und was die Übernahme angeht und Ihre fixe Idee von gegenseitigem Ideenaustausch: You're either on the train - or under it. Kapiert?"

Manager-Quiz
Achtenmeyer hatte nicht nur kapiert, er war auch ganz gegen seine Gewohnheit ziemlich angetan von Dr. Karls knackigem Einzeiler. Erstens erspart ihm das eine Menge Arbeit: Statt stundenlang in öden Abstimmungsmeetings herumzuhängen, wird er einfach To-do-Listen rummailen und regelmäßig prüfen, ob auch alle Milestones erreicht werden. Zweitens kann er den Spruch bei passender Gelegenheit selbst anwenden und endlich auch mal so Dr.-Karl-mäßig rüberkommen wie Dr. Karl.

Tatsächlich steht die passende Gelegenheit nur wenige Stunden später in seinem Büro. Bedermann, den er mit den operativen Details der Integration beauftragt hat (nicht umsonst lautet sein Titel schließlich "Head of Integration", nicht "Hands of Integration") ringt die Hände. Ein sicheres Zeichen, dass er ein wichtiges Anliegen hat. Und er trägt Nadelstreif, ein sicheres Zeichen, dass er sich gestern Abend schon vorgenommen hat, sein Anliegen heute zur Sprache zu bringen. Achtenmeyer nickt aufmunternd.

"Sie Unglücksrabe!"

"Also, Sie hatten ja gesagt, ich solle mich mit der Organisation bei 'Happy Holiday' beschäftigen", beginnt Bedermann nervös, "und beim Blick auf das Organigramm habe ich festgestellt, dass es da die eine oder andere Sache gibt, die wir vielleicht auch hier, also ich meine, bei uns, möglicherweise..." Achtenmeyer wischt ungnädig durch die Luft und macht aus Bedermanns ohnehin stockendem Redefluss ein armseliges Rinnsal. "Jetzt passen Sie mal auf, Bedermann", sagt er. "Sie sind noch jung, Sie haben noch nicht so viel Experience, deshalb erkläre ich es Ihnen. Aber ich mache das nur einmal. You're either on the train - or under it." Bedermann schluckt zweimal und verlässt das Zimmer. "So", denkt Achtenmeyer zufrieden.

Zwei Tage später lässt es sich anlässlich eines Top-Level-Meetings nicht vermeiden, dass er einen Blick auf das Organigramm von "Happy Holiday" wirft. Erst stutzt er, dann stürzt er aus dem Raum und zitiert Bedermann zu sich. "Bedermann, Sie Unglücksrabe! Warum haben Sie mir verschwiegen, dass die Marketing-Funktion - UNSERE Abteilung! - bei 'Happy Holiday' direkt unter dem Vorstand hängt?" Und damit - übertragen auf die eigene Company - gleichwertig mit Dr. Karls Level, fügt Achtenmeyer in Gedanken hinzu. "Sie haben mich neulich ja nicht ausreden lassen", gibt Bedermann beleidigt zurück.

"Nun haben Sie sich nicht so", sagt Achtenmeyer jovial und deutet auf seinen Besprechungstisch. "Jetzt gehen wir alles mal in Ruhe durch, dann kriegen wir das schon hin. Cappuccino? Ein Wasser vielleicht? Kekse?" Keine halbe Stunde später steht die neue Abteilungsstruktur. Mit flinken Strichen und seinem Montblanc-Kuli hat Achtenmeyer seine Abteilung kurzerhand dahin gesetzt, wo sie nach der alten "Happy Holiday"-Struktur auch schon war: Eins unter Vorstand, gleich neben Dr. Karl. Dessen markige Einzeiler sind schließlich auch nicht mehr das, was sie mal waren: Entweder sitzen Sie mit im Zug - oder Sie liegen darunter? Falsch, denkt Achtenmeyer, es gibt noch eine dritte Möglichkeit: Oder Sie machen die Fahrpläne.

+++ Lessons learned +++

1. Auf die sanfte Tour: Die Zeiten, da ein übernehmendes Unternehmen dem übernommenen die Bedingungen und Strukturen überstülpte, sind vorbei. Klüger ist es, die Dinge, die sich bewährt haben, gegenseitig zu integrieren. Das ist nicht nur gut fürs Betriebsklima - es steigert auch die Effizienz.

2. Wer schreibt, der bleibt: Wer die Prozesse, Hierarchien und Berichtslinien festlegt, sitzt naturgemäß am längeren Hebel. Doch Vorsicht: Ein Kästchen oben im Organigramm macht noch keine Führungskraft. Die Position will mit Leben gefüllt und verteidigt werden.

3. Bottom up: Natürlich sind Chefs schlauer, sonst wären sie ja nicht Chefs. Oder? Im Ernst: Mitarbeiter haben auch Ideen, viele und gute. Öfter mal auf sie hören, kann sich für Führungskräfte lohnen.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
1. ... und nicht vergessen:
supersmith 06.02.2013
auch den Pförtner und die Sekretärin mit Respekt behandeln. Dem Praktikanten mal einen Kaffee kochen und überhaupt: einfach nett, offen, ehrlich, kommunikativ sein. Mon dieu, gibt es wirklich Menschen die für solche [...]
auch den Pförtner und die Sekretärin mit Respekt behandeln. Dem Praktikanten mal einen Kaffee kochen und überhaupt: einfach nett, offen, ehrlich, kommunikativ sein. Mon dieu, gibt es wirklich Menschen die für solche Platitüden Geld kriegen?
2. Mitarbeiter haben auch gute Ideen
er,ka 06.02.2013
Zu den guten Ideen der Mitarbeiter habe ich mal einen guten Vortrag eines Managers eines schwäbischen, mittelständischen Unternehmens gehört. "In ihrer Freizeit können die Mitarbeiter alles. Bspw. bauen und [...]
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEWer eine Firma übernimmt, zeigt der Belegschaft dort am besten gleich, wo der Hammer hängt. Das muss Mittelmanager Achtenmeyer von seinem Boss schmerzhaft lernen. Doch wer nicht stur an Eroberung denkt, kommt am Ende oft weiter, zeigt Klaus Werle in seiner Karriere-Kolumne. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/nach-diktat-verreist-dae-zoch-kuett-a-881706.html
Zu den guten Ideen der Mitarbeiter habe ich mal einen guten Vortrag eines Managers eines schwäbischen, mittelständischen Unternehmens gehört. "In ihrer Freizeit können die Mitarbeiter alles. Bspw. bauen und reparieren sie ganze Häuser und hier im Unternehmen muss Ihnen jeder Handgriff vorgegeben und überwacht werden ?"
3. Alberne Karikatur von einer Firma
archie21 06.02.2013
"Jetzt passen Sie mal auf, Bedermann" "mein lieber Achtenmeyer" Der Autor hat zu viele alte Krimis gelesen. Dort reden die Figuren so. In einer echten Firma oder auch Behörde immer mit "Herr" [...]
"Jetzt passen Sie mal auf, Bedermann" "mein lieber Achtenmeyer" Der Autor hat zu viele alte Krimis gelesen. Dort reden die Figuren so. In einer echten Firma oder auch Behörde immer mit "Herr" (oder "Frau"). Oder mit Vornamen, wenn es eine kleinere Firma ist oder eine amerikanisierte. In diesem Fall meist kombiniert mit "du" statt "Sie". Niemals wird jemand nur mit Nachnamen angeredet. Nicht, daß es in den Firmen grundsätzlich besonders höflich zugeht. Es ist nur einfach nicht üblich. Gilt auch, wenn der Abteilungsleiter mit dem Azubi oder Praktikanten spricht (was er aber normalerweise nicht tut). Ist vielleicht ganz lustig, der Artikel, hat aber mit der Realität rein gar nichts zu tun.

 

  • Klaus Werle (Jahrgang 1973) ist Redakteur beim manager magazin und Buchautor ("Die Perfektionierer"). In seiner Kolumne "Nach Diktat verreist" demonstriert Protagonist und Mittelmanager Achtenmeyer regelmäßig, dass Karrieremachen wirklich ganz einfach ist. Nach allem, was er so hört.

Verwandte Themen

Fotostrecke

Fotostrecke

Jobtitel-Bandit

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles zum Thema Nach Diktat verreist
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten