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26.02.2013
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Begnadete Fehlersucher

IT-Consultants mit Autismus gesucht

DPA

Das Potential von Autisten wird stark unterschätzt, findet ein Berliner IT-Unternehmer. Er bietet Fehler-Checks für Computerprogramme an und stellt dafür gezielt Menschen mit Asperger-Syndrom ein. Sie graben sich wie Archäologen durch das Buchstaben- und Zahlengewirr - mit Erfolg.

Philipp von der Linden hatte schon immer das Gefühl, anders zu sein als die anderen. "Ich habe oft nicht verstanden, warum alle Menschen um mich herum bestimmte Dinge getan haben", sagt der 39-Jährige. "Mir wurde dann meist vorgeworfen, ich würde mich mit Absicht stur stellen. Aber ich wusste es nicht besser."

Erst die Diagnose eines Psychiaters brachte Gewissheit: Von der Linden hat das Asperger-Syndrom, eine Form des Autismus. Deshalb kann er Gesagtes, Mimik und Körpersprache oft nicht sofort verstehen und einordnen. Nun aber hat er einen Job, der genau zu ihm passt. Er sucht Fehler in Computerprogrammen, bei der Berliner Firma Auticon, die sich bei der Auswahl von Mitarbeitern gezielt an Autisten wendet.

Die Diagnose Autismus traf von der Linden tief: "Erst war das ein Schock. Dann war ich aber froh, endlich zu wissen, warum ich so ticke", sagt er.

Kleines Gebiet, großes Wissen

Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 0,6 Prozent der Menschen in Deutschland eine autistische Störung haben, heißt es beim Bundesverband Autismus, verlässliche Zahlen gibt es nicht. Das Spektrum reicht vom Asperger-Syndrom bis hin zu tiefgreifenden Entwicklungsstörungen, bei denen Betroffene den Kontakt zu anderen Menschen meiden. Dazu kommt eine Beeinträchtigung von Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Intelligenz. Männer sind von Autismus öfter betroffen als Frauen.

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Typisch für einige Autisten ist ein "Inselwissen" - viel Ahnung auf ganz bestimmten Gebieten. In einer Arbeitswelt, in der Teamplayer mit sozialer Kompetenz und geschliffenen Umgangsformen erwartet werden, scheitern die meisten an den einfachsten Aufgaben. Ihnen bleibt oft nur, einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen und Frührente zu beziehen. Nur fünf Prozent der bekannten Betroffenen haben einen richtigen Job.

Dirk Müller-Remus kennt dieses Problem. Im November 2011 hat er deshalb die IT-Firma Auticon gegründet, bei der ein Dutzend Autisten arbeiten. "Ich habe selbst ein autistisches Kind, kenne also die Schwierigkeiten von Betroffenen", sagt er. Sein Unternehmen überprüft für Kunden Computerprogramme, die häufig Programmcodes über viele Seiten haben. "Menschen mit Asperger bringen genau die Voraussetzungen mit, die man braucht, um Software zu analysieren", sagt er. Dazu zählten Perfektionismus, Detailverliebtheit und hohe Konzentration über Stunden hinweg.

Hilfe bekommen die Mitarbeiter von sogenannten Jobcoaches, die zwischen ihnen und den Kunden vermitteln und die fehlende soziale Kompetenz abfedern. Sie sollen auch für die Arbeitsatmosphäre sorgen, die viele Autisten brauchen: Zu viel oder falsches Licht kann stören, Lärm oder uneindeutige Aussagen bringen Menschen mit Autismus durcheinander.

"Hier ist Autismus keine Störung, sondern eine Begabung"

Zusätzlich bauen die Jobcoaches Vorurteile ab. "Autisten sehen sich selbst trotz Schwerbehindertenausweis häufig nicht als behindert", sagt Dirk Müller-Remus. Es komme oft vor, dass sie im Job wegen ihres ungewohnten Verhaltens gemobbt würden. "Das Potential und die Fähigkeiten, die diese Menschen haben, werden immer noch stark unterschätzt", sagt er.

In diesem Jahr bekam Auticon für sein Geschäftsmodell die Auszeichnung "Unternehmen - GründerChampions" der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) für das Land Berlin. Die Firma versteht sich keineswegs als spezielle Behindertenwerkstatt oder als Sozialunternehmen. "Wir möchten natürlich erfolgreich sein", sagt der Geschäftsführer des Start-ups.

Doch das sei nur möglich, wenn sich die autistischen Mitarbeiter auch wohlfühlen. "Sie brauchen klare Strukturen und deutliche Absprachen, damit sie Vertrauen aufbauen können", sagt Müller-Remus. Philipp von der Linden hat dies zum ersten Mal bei Auticon gefunden. "Hier ist Autismus keine Störung, sondern eine Begabung", sagt er. "Bei der Fehlersuche fühle ich mich wie ein Archäologe, der nach Spuren gräbt. Es ist richtig befriedigend, einen Fehler zu entdecken."

Constantin Alexander/dpa/mia

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insgesamt 53 Beiträge
1. optional
johannesmapro 26.02.2013
das ist ja alles sehr interessant, man kann auch die mitmenschliche sprache lernen wie eine fremdsprache, dann kann man sich auch irgendwie in diesem Becken mit lauter minderinteressanten Menschen bewegen. die inselbegabung [...]
das ist ja alles sehr interessant, man kann auch die mitmenschliche sprache lernen wie eine fremdsprache, dann kann man sich auch irgendwie in diesem Becken mit lauter minderinteressanten Menschen bewegen. die inselbegabung eines asperger audisten kann sich jau auch auf soziale interaktion erstrecken, durch Jahrelange beobachtungen versteht er sie dann und kann sie entsprechend umsetzen.
2. optional
EinJemand 26.02.2013
Viele Programmierer sind dem Asperger-Spektrum sehr nah, oder drin. Man kann sich in einer Firma fast schon dahinter verstecken, d.H., als Programmierer darf man sich anders verhalten -- Manager und Kunden wissen, in welche Höhle [...]
Viele Programmierer sind dem Asperger-Spektrum sehr nah, oder drin. Man kann sich in einer Firma fast schon dahinter verstecken, d.H., als Programmierer darf man sich anders verhalten -- Manager und Kunden wissen, in welche Höhle sie sich begeben, und halten sich respektvoll bedeckt.
3. Jaja
maros 26.02.2013
Ja, man hat´s schon schwer als Untermensch in seiner Höhle und kann dankbar für die respektvolle Diskretion der Übermenschen sein, wie sie so über allem stehen und respektvoll herab blicken auf diese unheimlichen Nerds. [...]
Zitat von EinJemandViele Programmierer sind dem Asperger-Spektrum sehr nah, oder drin. Man kann sich in einer Firma fast schon dahinter verstecken, d.H., als Programmierer darf man sich anders verhalten -- Manager und Kunden wissen, in welche Höhle sie sich begeben, und halten sich respektvoll bedeckt.
Ja, man hat´s schon schwer als Untermensch in seiner Höhle und kann dankbar für die respektvolle Diskretion der Übermenschen sein, wie sie so über allem stehen und respektvoll herab blicken auf diese unheimlichen Nerds. Gestalten, frei von allem, was einen Manager so auszeichnet und das aus ihm macht, was er ist... Letztens hat mir gegenüber einer dieser Manager geprahlt, welch gute und intensive Gespräche er mit dem Kunden geführt hat. "Auf Vorstandsebene"! Jawohl. 2 Tage später erzählt mir der CTO des Kunden, man wäre ja schon viel weiter, wenn Herr Manager nicht so endlos viel sinnloses Zeugs umherlabern würde. Aber sind wir mal froh, dass es so ist mit den "Aspi´s". Denn würden sich diese Höhlengestalten so verhalten wie Manager und Kunden, wäre das Wertschöpfungspotenzial aus solchen Leuten nicht mehr da und sowohl Manager als auch Kunde könnten ihren Mist alleine versuchen auf die Reihe zu bekommen. Gäbe es diese Übermenschen überhaupt ohne ihre Untermenschen? Vielleicht sollte man zunächst einmal ein Stück weg kommen von dieser qualitativen Einordnung von Menschen, die so oder eben anders ticken. Am obigen Beispiel sieht man ja, dass diese Einordnung doch eher subjektiv ist.
4. Menschen aus der Matrix
einEi 26.02.2013
Dazu muss man aber erstmal Autisten finden, die solch eine Spezialbegabung haben und sich darüberhinaus für Programmierung interessieren. Die dürften rar gesät sein. Schreibt man dann in die Stellenanzeige, dass Autisten bevorzugt [...]
Dazu muss man aber erstmal Autisten finden, die solch eine Spezialbegabung haben und sich darüberhinaus für Programmierung interessieren. Die dürften rar gesät sein. Schreibt man dann in die Stellenanzeige, dass Autisten bevorzugt eingestellt werden? Müssen die dann die DIagnose des Arztes / Psychologen vorzeigen? Aber interessant, dass ein IT-Unternehmen nicht fordert, dass man als IT-Consultant auch Soft Skills haben muss.
5. hut ab - aber ich dachte immer, Fehler sucht man mit
labudaw 26.02.2013
Systematik und Methodik - das nennt sich "testen". Was hier beschrieben wird, ist ein ganz kleiner Teil der Fehlersuche - Codeinspektion als Teil des Schreibtischtests. Man kann zwar so Fehler finden, aber die [...]
Zitat von marosJa, man hat´s schon schwer als Untermensch in seiner Höhle und kann dankbar für die respektvolle Diskretion der Übermenschen sein, wie sie so über allem stehen und respektvoll herab blicken auf diese unheimlichen Nerds. Gestalten, frei von allem, was einen Manager so auszeichnet und das aus ihm macht, was er ist... Letztens hat mir gegenüber einer dieser Manager geprahlt, welch gute und intensive Gespräche er mit dem Kunden geführt hat. "Auf Vorstandsebene"! Jawohl. 2 Tage später erzählt mir der CTO des Kunden, man wäre ja schon viel weiter, wenn Herr Manager nicht so endlos viel sinnloses Zeugs umherlabern würde. Aber sind wir mal froh, dass es so ist mit den "Aspi´s". Denn würden sich diese Höhlengestalten so verhalten wie Manager und Kunden, wäre das Wertschöpfungspotenzial aus solchen Leuten nicht mehr da und sowohl Manager als auch Kunde könnten ihren Mist alleine versuchen auf die Reihe zu bekommen. Gäbe es diese Übermenschen überhaupt ohne ihre Untermenschen? Vielleicht sollte man zunächst einmal ein Stück weg kommen von dieser qualitativen Einordnung von Menschen, die so oder eben anders ticken. Am obigen Beispiel sieht man ja, dass diese Einordnung doch eher subjektiv ist.
Systematik und Methodik - das nennt sich "testen". Was hier beschrieben wird, ist ein ganz kleiner Teil der Fehlersuche - Codeinspektion als Teil des Schreibtischtests. Man kann zwar so Fehler finden, aber die Programme sind anschliessend nicht fehlerfrei.

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