Lade Daten...
07.08.2013
Schrift:
-
+

Firmengründer als Kind

Schummeln, schwänzen, Karriere machen

Von Jana Hauschild
Fotos
Corbis

Regeln und Gesetze gelten für Normalbürger, Firmenchefs zimmern sich ihre eigenen. Stimmt's? Eine neue Studie zeigt: Unternehmer sind nicht krimineller oder unsozialer als andere Menschen - außer in ihrer Jugend. Aber gerade in rebellischen Kindern könnte Unternehmergeist wohnen.

Der Software-Mogul Bill Gates war 22 Jahre alt, als ihn die Polizei erneut wegen eines Regelverstoßes im Straßenverkehr festnahm und für die Strafkartei fotografierte; auf dem Bild lächelt Gates sehr freundlich. Bald darauf wurde er als Microsoft-Gründer weltberühmt. Heute ist der damalige Verkehrssünder vor allem für seine wohltätige und soziale Ader bekannt - und damit ein Musterbeispiel für den Lebenslauf eines Unternehmers.

Das zumindest legt die Studie eines deutsch-schwedischen Forscherteams nahe. Sie analysierten die Daten einer schwedischen Langzeituntersuchung mit rund tausend Probanden und stellten fest: Unternehmer sind gar nicht so antisozial, wie sie oft beschrieben werden, etwa als Egoisten, Raffzähne, Steuerhinterzieher. Tatsächlich verhalten sie sich nicht unsozialer als andere Bürger. Außer in ihrer Jugend.

Fast 40 Jahre lang sammelten Wissenschaftler von Kindern einer mittelgroßen schwedischen Stadt Daten zu ihrem Elternhaus, Intelligenz und Kreativität, dann auch zu Kriminalität im Jugend- und Erwachsenenalter sowie zu ihrer Einstellung als Teenager zu regelbrechendem Verhalten. Schließlich befragten sie die Studienteilnehmer, ob sie irgendwann in ihrer beruflichen Karriere mal eine eigene Firma gegründet haben. Bei der ersten Befragung waren die Schweden zehn Jahre alt, bei der letzten schon 47.

Fotostrecke

Schattenseiten von Firmengründern: Narzissten, Machiavellisten, subklinische Psychopathen
Die Forscher nutzen diese Datensammlung für die Suche nach antisozialen Zügen und Verhaltensweisen in den Lebensläufen von Firmengründern. Die dunklen Seiten von Unternehmerpersönlichkeiten hatten zuvor schon andere Wissenschaftler ausgeleuchtet und entdeckten etwa Arroganz, Machthunger, Skrupellosigkeit. Nun lautete die Leitfrage für die Psychologen Martin Obschonka und Rainer K. Silbereisen von der Universität Jena sowie ihre schwedischen Kollegen: Sind Unternehmer eine besonders eigennützige Spezies mit speziellen Moralvorstellungen, schauen sie wirklich zuallererst auf den eigenen Vorteil? Und gibt es Anzeichen dafür bereits im Sozialverhalten von Jugendlichen, gar bei Sechstklässlern schon?

Klauen, schummeln, Schule schwänzen

"Wir beobachten zunehmend ein Paradoxon", sagt Obschonka. "Auf der einen Seite häufen sich Medienberichte über Unternehmer, die mit Gesetzen in Konflikt kommen, sich über gesellschaftlichen Konventionen hinwegsetzen. Auf der anderen Seite zeigen zahlreiche Unternehmen prosoziale Verhaltensweisen, sie spenden zum Beispiel viel Geld für wohltätige Zwecke und setzen sich für ihre Angestellten ein."

Tatsächlich können die Forscher das Bild vom antisozialen Unternehmer nicht stützen. In der schwedischen Stichprobe konzentrierten sie sich auf die Männer: Etwa ein Drittel gab an, schon mal als Unternehmer tätig gewesen zu sein. Sie wiesen im Vergleich mit gleichaltrigen Männern, die bislang kein Unternehmen gegründet hatten, nicht mehr Einträge im nationalen Strafregister auf, weder als Jugendliche noch als Erwachsene. Und sie zeigten auch keine stärkere antisoziale Einstellung.

Allerdings: In ihrer Jugend waren die späteren Unternehmer auffallend rebellisch. Sie widersetzten sich etwa deutlich häufiger den Regeln ihrer Eltern, betrogen öfter in Schulklausuren oder schwänzten den Unterricht. Auch ließen sie öfter im Supermarkt etwas mitgehen oder konsumierten Drogen. Verhaltensweisen, die Forscher in Bündelung als antisozial umschreiben. Es handelte sich indes meist um kleinere Vergehen, nicht um streng geahndete oder notorische Kriminalität - aus Sicht der Wissenschaftler eher ein Drang zu Nonkonformismus, gepaart mit einer gewissen Risikoneigung.

Der Widerspenstigen Zähmung

Diese Mischung kann beruflich später durchaus Vorteile gegenüber den ganz braven Altersgenossen bringen. "Unternehmer brechen oft schon früh im Leben Regeln und tun das auch als Erwachsene, dann aber im Sinne von Innovation und Schaffenskraft", sagt der Jenaer Studienautor Martin Obschonka.

Das antisoziale Abdriften in der Jugend kanalisiere sich offenbar mit zunehmendem Alter in einen produktiven Unternehmergeist, erklärt er den Zusammenhang zur rebellischen Jugend. Firmengründer seien doch zumeist risikofreudig, lieber autonom, unangepasst - Freigeister eben. "Auch wenn Medienberichte das oft nahelegen: Unternehmer sind nicht durchweg antisozial. Unsere Daten legen nahe, dass dies eher Einzelfälle sind", so Obschonka.

Doch wieso wird aus dem einen Rebellen ein erfolgreicher Unternehmer, aus dem anderen ein Knastbruder? Das Ausmaß der Regelbrüche mache den Unterschied, sagt Obschonka: "Auch wenn die Studie das in der Klarheit nicht formuliert, so landen Kinder und Jugendliche, die in ihren jungen Jahren besonders stark gegen Normen und Regeln verstoßen und wiederholt polizeilich auffällig werden, vermutlich eher auf der schiefen Bahn. Wer aber nur moderat ausufert, schafft es öfter noch zu einem normalen Lebenslauf."

Die Studie enthält zwei frohe Botschaften: Unternehmer sind gar nicht so üble Typen, wie ihnen mitunter nachgesagt wird. Und eine turbulente Kindheit und Jugend mündet keineswegs zwingend in ein verpfuschtes Leben. "In einer Schulklasse etwa gibt es immer Kinder, die die Regeln brechen. Lehrer, Eltern und Klassenkameraden sagen dann oft, der ist ein Tunichtgut, ein Außenseiter", so Obschonka. "Wir sagen: Vielleicht wird er mal erfolgreicher Unternehmer."

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
1. Ausnahme
bartholomew_simpson 07.08.2013
Ein Verkehrsregelverstoß eines Bill Gates kann sicher nicht verallgemeinert werden. Einem Kind gutsituierter Eltern passiert dies eher als einem Habenichts ohne Auto.
Ein Verkehrsregelverstoß eines Bill Gates kann sicher nicht verallgemeinert werden. Einem Kind gutsituierter Eltern passiert dies eher als einem Habenichts ohne Auto.
2. optional
C. Schmidt 07.08.2013
Och nö. Gebt doch den ganzen Krawallbrüdern nicht noch eine Rechtfertigung für ihr Verhalten. Es geht mir sowieso schon auf den Zeiger, dass große Fresse und übertriebene Selbstsicherheit zu oft mit Kompetenz verwechselt werden [...]
Och nö. Gebt doch den ganzen Krawallbrüdern nicht noch eine Rechtfertigung für ihr Verhalten. Es geht mir sowieso schon auf den Zeiger, dass große Fresse und übertriebene Selbstsicherheit zu oft mit Kompetenz verwechselt werden und deswegen die absoluten Dampfplauderer in der Karriereleiter nach oben purzeln, weil irgendein Stoffel sich denkt: "Mensch, wenn der so von sich überzeugt ist, muss er ja wissen, was er tut."
3.
nils1966 07.08.2013
Im Grunde genommen überraschen diese Erkenntnisse nicht. Abgesehen davon, daß ein kindlicher/jugendlicher Nonkonformismus später immer dazu führen wird, einen status quo wo auch immer neu zu überdenken und ggf. zu verbessern, [...]
Im Grunde genommen überraschen diese Erkenntnisse nicht. Abgesehen davon, daß ein kindlicher/jugendlicher Nonkonformismus später immer dazu führen wird, einen status quo wo auch immer neu zu überdenken und ggf. zu verbessern, führt eine "harte" Jugend auch eventuell dazu, das Funktionieren der Regeln von Recht und Ordnung schon früher als normal tiefer zu begreifen. Bei der diesbezüglichen Konfrontation mit Autoritätskräften (Eltern/Schule/Polizei/ etc.) bleiben als Kind tiefere Erinnerungen, vor allem, wenn man im Unrecht war, und dies als Kind vielleicht besonders peinlich ist. Das weist dann viel früher Grenzen dem eigenen Verhalten auf als in einem späteren Lebensabschnitt, wo ein vermeintlich geringes Unrechtsverhalten gleich automatisch einen größeren Bereich der Gesetzesübertretung darstellt. Eine andere Sache ist die, wer in seiner Kindheit immer alles bekommt, braucht da natürlich nicht aufzumucken bzw. durch auffälliges Verhalten im Wettbewerb mit Anderen aufzufallen, und verspürt eben diese gute "weiche" und selige Kindheit. Man lernt dann aber auch nicht, daß man im wahren Leben eventuell auch mal nicht oder nie alles bekommt, was man will. Ein "Nein" wird dann schon mal als feindselige Handlung aufgefaßt, und führt dann früher oder später zu Unverständnis gegenüber sozialen und gesellschaftlichen, und eben auch gesetzlichen Regeln.
4. na dann
harry12 07.08.2013
Gerade Microsoft fällt nicht wegen Wettbewerbsverstößen, Ideenklau, Überwachung des Wohnzimmers usw. auf. Ein glänzendes Beispiel.
Gerade Microsoft fällt nicht wegen Wettbewerbsverstößen, Ideenklau, Überwachung des Wohnzimmers usw. auf. Ein glänzendes Beispiel.
5. Verwechslung
luckyloser 07.08.2013
Man hat mit der Untersuchung doch wohl vielmehr heraus gefunden, dass intelligente und kreative Persönlichkeiten eher zum Unternehmensgründer werden. Das geht zusammen mit deren weniger angepasstem und eigenverantwortlichem [...]
Man hat mit der Untersuchung doch wohl vielmehr heraus gefunden, dass intelligente und kreative Persönlichkeiten eher zum Unternehmensgründer werden. Das geht zusammen mit deren weniger angepasstem und eigenverantwortlichem Lebensstil in der Jugend. Dem Narzist und dem Psychopath ist das zu anstrengend. Da gilt die Haltung: "Wozu ein Unternehmen gründen, ich kann doch einfach eins übernehmen." Um die Sache selbst und um das Produkt gehts ihm doch nie. Da fehlt ihm die notwendige Begeisterung, die kann er nur vorspielen.

Empfehlen

Fotostrecke

Verwandte Themen

Fotostrecke

Psychologie im Berufsalltag

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

MEHR IM INTERNET

MEHR IM INTERNET

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles zum Thema Gründerzeit - KarriereSPIEGEL
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten