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01.03.2012
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Designer auf der Welt-Walz

"Ich könnte in diesem Reiseleben versacken"

Von Anne Haeming
Fabian Sixtus Körner

Einmal kam er zum Meeting in Flipflops und Death-Metal-Shirt. Geschadet hat das nicht, in Kuala Lumpur. Fabian Sixtus Körner alias "Journeyman" ist auf der Walz, mit 60 Stationen querweltein. Der Designer arbeitet für Kost und Logis. Er entwirft Poster, dreht Filme - oder baut vertikale Gärten.

Seit über zwei Jahren ist Fabian Sixtus Körner mit seinem Büro in der Welt unterwegs. Er ist auf der Walz. Nur eben nicht als Zimmermann, Tischler oder Schlosser, sondern als Innenarchitekt, Graphikdesigner und Fotograf. Er nennt sich "Journeyman". Er arbeitet für Kost und Logis. Und wie seine Handwerkskollegen führt er ein Walztagebuch - öffentlich im Internet, einen YouTube-Kanal füllt er auch.

Nach fast 60 Stationen auf allen Kontinenten ist er nun in Kolumbien angekommen. Er sitzt in einem Café mit W-Lan und telephoniert per Skype. "Ich wollte sehen, wie Leute in meinem Beruf in anderen Ländern arbeiten", sagt der 30-jährige Körner. "Und seit ich 2007 ein paar Monate durch Asien gereist war, wusste ich: Ich will noch mehr herumkommen." Nach seinem Innenarchitekturstudium saß er also in Frankfurt, arbeitete als Freelancer und ertappte sich, wie er dauernd darüber nachdachte, Reisen und Arbeiten zu verbinden.

Dann kam ihm die Idee mit der Walz. Eine alte Tradition der Handwerksgesellen, die früher nach ihrer Lehre wandern mussten, bevor sie ihre Meisterprüfung ablegen durften. "Ein perfekter Rahmen", findet Körner. Dabei ist die Walz unter Designern inzwischen nicht mehr ungewöhnlich. Aber Körner hat das Prinzip für sich globalisiert.

Im Januar 2010 stieg er also ins Flugzeug nach Shanghai, 255 Euro auf dem Konto, Büro und Leben auf zwei Schultern: Ein 60-Liter-Reiserucksack mit Wäsche für eine Woche, ein Satz besserer Klamotten mit Hemd und schwarzer Krawatte, ein Paar Lederschuhe und zig Kabel und Aufladegeräte; dazu eine Laptoptasche, eine Umhängetasche sowie eine Fototasche mit einer digitalen und einer analogen Kamera, einem Stativ und vier Objektiven.

"Wir schauen dann mal"

Dabei hatte er anfangs keine feste Zusage, sondern nur ein lapidares "Kommen Sie vorbei, wir schauen dann mal" in Aussicht. Und zwar von der Shanghaier Filiale des berühmten Architekturbüros Chipperfield, das auch die Berliner Museumsinsel umgestaltet. Einer, der nur ein Bett und Essen will für seine Arbeit, solche Job-Bewerber hat man nicht alle Tage. Körner half, ein Gebäude zu restaurieren, er blieb drei Monate, dann lief sein Visum aus.

In Kuala Lumpur beherbergte ihn der Chef der alljährlichen "Design Week" bei sich zu Hause. Wie die Handwerker auf Walz, die traditionell beim Meister wohnen. "Ich hatte ein eigenes Zimmer, wurde gemästet mit fünf Mahlzeiten am Tag", erzählt Körner, "das war luxuriös".

Die zurückhaltende Höflichkeit seiner Kollegen brachte ihn mitunter in unglückliche Situationen, die in Deutschland andere Konsequenzen gehabt hätten. So erschien er in Flipflops und Death-Metal-Shirt zum Arbeitstreffen, das sich als Konferenz mit dem Hauptsponsor herausstellte. Keiner hatte ihn gewarnt, obwohl er sich mehrmals nach dem Dresscode erkundigt hatte. Dennoch nahm er zuweilen die Rolle es internationalen Botschafters auf dem Festival ein - im Jahr darauf kam er wieder. Diesmal als Co-Kurator eines Fotofestivals.

Die Stützen kamen zersägt an

Den aufregendsten Job aber, findet er, hatte er in Bangalore. Dort wurde er angeheuert, um einen vertikalen Garten für eine Gebäudefassade zu entwerfen. Die Wand bestand aus Supermarktregalen, sie sollte begrünt werden, ganz im Stile von Patrick Blanc, der mit seinen Gartenfassaden berühmt wurde. Seine Unterkunft: im leeren Gebäude dahinter in einem Raum mit zehn anderen, auf einer dünnen Matratze auf dem Boden.

Eigentlich sollte er den Aufbau des Fassadengartens bis zu Ende betreuen, doch so lange konnte er nicht bleiben. Die Arbeiten verzögerten sich - die Gerüstlieferanten kamen zwei Monate zu spät. Und hatten dann auch noch die dringend erwarteten Stützen entzwei gesägt, der Transporter war zu klein.

Manchmal brauchte es einen Monat Vorlauf, um den Anschlussjob im nächsten Land zu ergattern. Viel lief über Reisebekanntschaften, aufwendige Internet-Recherche und das internationale Freelancer-Netzwerk "Behance". Körner spielte seine Fähigkeiten aus, quer durch alle Bereiche. Er drehte eine Video-Doku über Hahnenkämpfe in Santo Domingo, begleitete einen Fotografen nach Kuba, entwarf Poster, entwarf eine Kampagne gegen das Tanzverbot in Bangalore.

Nur einmal gegen Geld gearbeitet

Um seine Materialien aufzurüsten, bietet der Journeyman seine Fotos über seine Homepage an - gegen Gaffer Tape, Filmrollen, iTunes-Gutscheine. Geklaut wurde ihm bis vor ein paar Tagen nie etwas, er hatte Glück. Nur die Flüge bezahlte er von seinem Ersparten; als das zur Neige ging, heuerte er für anderthalb Monate in der Schweiz an, diesmal gegen Geld.

"Als Deutscher ist man sehr angesehen als Arbeiter", erzählt Körner. "Unser Ruf ist, dass wir strukturiert sind." Das sei auch tatsächlich der auffälligste Unterschied zum Arbeitsprozedere anderswo: "Wer in Deutschland ein Projekt plant, baut das Konzept langsam zum Ziel hin auf, wir schauen zuerst realistisch, was wir haben", sagt er. "In Malaysia fängt man oben an - und muss dann sein Ziel immer wieder nach unten korrigieren, weil man nach und nach feststellt, was nicht zur Verfügung steht."

Er habe sich bei all den Jobs auch verändert, findet Körner. "Da ich mich dauernd auf neue Projekte einstellen musste und klar war, dass ich nur ein paar Wochen habe, musste ich schnell formulieren, was ich erreichen möchte. Ich bin flexibler geworden."

Zwei Jahre, maximal, nicht länger. Das war sein ursprünglicher Plan. Nun sind es doch ein paar Wochen mehr geworden. "Die Gefahr ist groß, in diesem Reiseleben zu versacken und den Weg zurück nicht zu finden", sagt er. "Das Leben aus dem Rucksack, das dauerhafte Abenteuer, ist schon ein großer Reiz."

Er erholt sich jetzt noch ein paar Wochen in Südamerika. Aber bis Mitte April will er zurück sein. Und in Deutschland frei arbeiten, ein Buch über seine Reise schreiben. Einen Auftrag für einen Photoworkshop in Berlin hat er auch schon. Ein fester Termin, der ihm die Rückkehr erleichtert: Also wird er da sein.

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