19.05.2012
Start-up-Pioniere
"Ein Misserfolg ist kein Stigma für den Rest des Lebens"
Selbständige: Firmengründer müssen viele Bälle gleichzeitig in Bewegung halten.
Frage: Herr Veith, Deutschland erlebt derzeit so etwas wie eine kleine Gründerwelle. Überrascht Sie diese Entwicklung?
Christian Veith: Eigentlich nicht. Wir beobachten schon seit einiger Zeit, dass eine neue Generation von Unternehmensgründern heranwächst. Viele junge Leute glauben an ihre Ideen, setzen diese beharrlich durch und haben weniger Angst vorm Scheitern als ihre Vorgänger.
Frage: Ist die Selbständigkeit heute ein hohes Gut?
Veith: Viele der Bewerber, die sich bei BCG vorstellen, tragen schon Ideen für Unternehmensgründungen in sich. Zudem bringen sie Risikobereitschaft mit, Zuversicht und Ausdauer. Also wichtige Unternehmereigenschaften und Unternehmertugenden. Es ist sicherlich kein Zufall, dass bemerkenswert viele unserer Alumni Unternehmensgründer sind.
Frage: Sie meinen, wir erleben derzeit in Deutschland einen fundamentalen Wandel hin zum Unternehmertum?
Veith: Ja, die Mentalität hat sich durchaus geändert. Wenn etwas nicht im ersten Anlauf gelingt, dann ist das heute kein Stigma mehr für den Rest des Lebens. Unter solchen Umständen denken viele junge Leute nüchterner als früher. Sie fragen sich: Was habe ich zu verlieren? Und kalkulieren die Antwort dann sachlich durch.
Frage: Wem würden Sie denn raten, ein eigenes Unternehmen zu gründen?
Veith: Diese Frage kann man nicht so pauschal beantworten. Die entscheidende Voraussetzung ist natürlich eine erfolgversprechende Geschäftsidee. Eine gute Ausbildung ist wichtig, und ein gewisses Maß an Erfahrung kann auch nicht schaden. Generell gilt: Wer überzeugt ist von seiner Geschäftsidee, der sollte die Umsetzung in einem Start-up zumindest in Betracht ziehen. Die Erfolgsaussichten sind dann wiederum sehr individuell.
Frage: Wo haben es deutsche Unternehmensgründer besser als etwa ihre Kollegen in den USA?
Veith: In den USA zielen viele Start-ups vor allem auf die IT-, die Biotech- oder ähnliche Hightech-Branchen. In Deutschland werden junge, innovative Unternehmen verstärkt auch in der so genannten "Old Economy" gebraucht. Also im Maschinen- und Anlagenbau, in Ingenieursdienstleistungen und natürlich in der Automobilzuliefererbranche. In den USA hingegen ist der Zugang zu Finanzierungen häufig leichter. Die Finanzierung von Unternehmensgründungen - nicht zuletzt auch aus dem universitären Bereich heraus - ist dort ein etabliertes Geschäftsfeld.
Frage: Aber kann in den genannten Geschäftsfeldern ein großer Wurf gelingen?
Veith: Die wenigsten Start-ups enden als Weltkonzern. Aber auch ein gutgehendes mittelständisches Unternehmen ist ein großer Erfolg - auch und gerade aus der Perspektive eines Gründers. Schließlich beruht der Erfolg der gesamten deutschen Wirtschaft maßgeblich auf solch innovativen Mittelständlern.
