26.05.2012
Uni-Veteran unter Bachelorstudenten
Danke, gut
Rausgeräumt: Der Letzte stellt die Stühle hoch
Ich habe von meiner Universität eine besorgte E-Mail bekommen. Wie es denn mit dem Magisterstudium läuft, fragt eine Studienberaterin. Die letzten Prüfungen für meinen Studiengang finden Ende des Jahres statt. Viele meiner alten Kommilitonen scheint das nicht mehr zu betreffen. Die Nachricht liest sich jedenfalls, als hätte die Uni-Mitarbeiterin alle Magisterstudenten meiner Fakultät auch persönlich anrufen können.
Mit diesem Text möchte ich der Dame von der Studienberatung gern antworten. Ich schreibe ihn auch, um in künftigen Gesprächen mit alten Schulfreunden oder auf Familienfeiern wieder über andere Dinge reden zu können. Alle denken, es läuft beschissen. Sonst müsste ich den Abschluss doch längst haben. Es läuft aber ganz gut, danke für die Nachfrage.
Ich habe im Herbst 2005 angefangen zu studieren. Politik, Geschichte und Jura. Zwischendurch war ich auf einer Journalistenschule. Als ich an die Universität zurückkam, saßen in den Hörsälen fast nur Bachelor- und Master-Studenten. Für mich waren Bachelorstudenten lange wie Magisterstudenten mit Anwesenheitslisten.
Statt Bücher lesen Studenten Studienverordnungen
Dass es so etwas wie "den Bachelorstudenten" oder "den Magisterstudenten" gibt, bezweifle ich. Studenten sind Studenten. Aber eines habe ich bemerkt: Am Anfang der Seminare werden die Fragen an die Dozenten mehr. Es geht um Leistungspunkte, Module, Terminschwierigkeiten. Oft weiß ich gar nicht, worum es genau geht. Mir kommt es manchmal vor, als würde man den Bachelor-Abschluss für das fehlerfreie Aufsagen einer Prüfungsregelung bekommen. Es wird häufig mehr über das Drumherum geredet als über das Seminar-Thema. Statt Bücher lesen manche Studenten jetzt Studienverordnungen.
Ich weiß über meinen Studiengang grob gesagt Folgendes: Er ist abgeschafft. Das merkt man an der einen oder anderen Stelle. Man könnte auch sagen: Nur wegen uns wird mittags in der Mensa nicht warm gekocht. Ich fühle mich aber weder vernachlässigt noch ungerecht behandelt. Im Gegenteil.
Die Universität war immer gut zu mir. Ich hatte, liebe Studienberatung, schon vor eurer E-Mail fast alle Prüfungen fertig. Es gibt Fälle von rücksichtslosen Zwangsexmatrikulationen, aber ich darf mein Studium nach den alten Regeln beenden. Wenn ich in der Vorlesung sage, was ich studiere, dann nicken die Professoren mir zu, wie einem alten vertrauten Freund. Damit werde ich älter gemacht, als ich bin. Das ist zu verkraften. Mir tun aber die neuen Studiengänge etwas leid. Ich behaupte: Das Leben als Magisterstudent ist prinzipiell das Bessere.
Wenn aus Studenten wieder Schulkinder werden
Damit will ich nicht den Bologna-Prozess bewerten. Mir könnte es jetzt egal sein, ob Prüfungsbedingungen verschärft oder Doktortitel verlost werden. Aber ich bin froh, dass ich so frei studieren kann. Ich bin ohne Probleme an drei Fakultäten. Durfte mir meine Seminare stets aussuchen. Ich hatte selten Angst. Ich hatte eher Zeit.
Das ist heute oft anders. Und das ist schade. Ich finde ein Hochschulsystem fragwürdig, das Studenten wie Schulkinder behandelt, Lehrstoff komprimiert und kürzt. Das dort Druck entwickelt, wo junge Erwachsene einen freien Geist entwickeln sollten.
Zur Beruhigung meiner Hochschule kann ich sagen: Ich schreibe gerade an meiner Magisterarbeit. Die möchte ich bald fertig haben, möglichst vor dem nächsten Familienfest.
Ich hoffe, weitere Anfragen meiner Fakultät haben sich damit erledigt.
