09.07.2012
Peinliche Recruiting-Videos
Die Parade des Schreckens
Von Matthias Kaufmann
Schiefe Reime, unterirdische Performance: BMW zeigt, wie man Bewerber abschreckt
Liebe Leute bei BMW, Ihr müsst jetzt ganz stark sein. Vielleicht habt Ihr gedacht, das alles wäre schnell wieder vergessen: dieser peinliche Film. Und dann die Auszeichnung zum schlechtesten Web-Video des Jahres auf der Konferenz re:publica.
Aber die KarriereSPIEGEL-Leser erinnern sich noch sehr gut an "Steh auf", Euren bewegenden Rap aus dem vergangenen Jahr. An den Nerv-Refrain, die aufgesetzte Rebellenattitüde, an Textzeilen wie: "Wir sind individuell und nicht Kommerz." Soso, kein Kommerz. Wissen das Eure Aktionäre?
KarriereSPIEGEL hatte die Leser aufgerufen, peinliche Videos zu schicken, mit denen Unternehmen um Bewerber buhlen. Knapp 150 Vorschläge gab es zu sichten - gut jeder vierte zum Video der BMW-Praktikanten. Blogger Kraftfuttermischwerk ätzte: "Ich würde mich nach diesem Unternehmenssong sofort bewerben. Und zwar bei Opel."
Ein Trost: BMW ist nicht allein. Beim Versuch, eine junge Zielgruppe anzusprechen, deren Stil und Codes sich schneller ändern als Quartalszahlen, scheitern Unternehmen regelmäßig.
Und jetzt alle so: YEAH
Ein ähnlich gestricktes Video, mit dem der Lebensmittelhändler Edeka Azubis locken will, verdeutlicht das Problem. Da rappen drei nicht unsympathische Jungs durch eine Edeka-Filiale. Die Bässe rumpeln, aber in den Texten geht's um "Chancen nach der Ausbildung" und um "Ausbildung bei Edeka - yeah".
Das Problem: Die Vorbilder, echte HipHop-Stars, würden nie in der verquasten Chancen-Sprache der PR texten. Daran ändert kein "yeah" etwas, auch kein Tanz auf dem Kassenband. Rapper lieben die Pose des Outlaws und Außenseiters. Zu HipHop passen Textschablonen aus der Marketingabteilung so gut wie Erdbeeren zu Meerrettich.
Peinlich werden kann es auch, wenn nicht gezielt Jugendliche angesprochen werden. Mit Internetvideos werben viele kleine Unternehmen um Fachkräfte und preisen die eigenen Vorzüge. Oder das, was sie dafür halten.
Der Vertriebsdienstleister Econ Tel etwa lässt einen Mitarbeiter davon schwärmen, wie großartig schon der erste Kontakt war: "Ich bin dann zum Vorstellungsgespräch gleich rausgefahren nach Münster-Wolbeck. Das war super, die Verkehrsanbindung ideal: Der Bus fährt alle 20 Minuten. Besser geht's gar nicht." Es folgen elegische Ausführungen über die Firmen-Architektur und die warmen Wandfarben.
Oh happy day: "Denen ist der Auftritt heute sehr peinlich"
Wenn alles - wirklich alles! - total super ist, dann ist das total schrecklich. Solche Filme können leicht Menschen abschrecken, statt begeistern. Ein Leser schrieb über Econ Tel, dass ihm der Film auf DVD geschickt wurde, als Vorbereitung fürs Vorstellungsgespräch: "Nachdem meine Freundin und ich das gesehen hatten, wussten wir auch nicht, ob wir nun lachen oder weinen sollten. Nur eines war uns klar, dort möchte man lieber nicht arbeiten."
Einen ähnlichen Effekt hat das Motivationsvideo von Ernst & Young, das schon seit Jahren auf YouTube zu sehen ist. Ein früherer Mitarbeiter erzählt: "Ich hielt es für einen schlechten Scherz, aber das ist ernst gemeint. Später lernte ich Protagonisten aus dem Video persönlich kennen. Denen ist der Auftritt heute sehr peinlich."
Im Film singen Mitarbeiter der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft das alte Gospel-Stück "Oh happy day", von einer Sängerin penetrant zum Mitträllern animiert. Gar nicht so leicht, bei dem Text. So wird die Zeile "Oh happy day when Jesus washed my sins away" umgedichtet in "Oh happy day when Ernst & Young showed me a better way". Und ja: Ein bisschen wirkt die Gruppe dabei wie eine Sekte beim Gottesdienst.
Bilder sagen mehr als tausend Worte. Und Recruiting-Videos können gründlich misslingen. Aber sehen Sie selbst: die zehn peinlichsten Recruiting-Videos im Internet.
- BMW: Der "Steh auf"-Rap
- Edeka: Performance im Supermarkt
- Econ Tel: Ein Insider packt aus
- Telesales: Ein Krimispäßchen
- Oberfinanzdirektion Koblenz: Rock im Büro
- Allianz Agency: Grüße aus Fernost
- Vattenfall: Swing mit Bauhelm
- Aldi Süd: Managerträume werden wahr
- Volles Rohr Zukunft
- EU Kommission: It's a Girl Thing
