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17.12.2012
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Jürgen Hesse über Bewerbungen

"Man muss keinen Seelenstriptease hinlegen"

Gio Löwe

Jürgen Hesse (links), Hans Christian Schrader: Das dolle Duo mit 200 Büchern

Wie kann ich als Bewerber punkten? Das Autorenduo Hesse/Schrader ist seit 30 Jahren eine Ratgeberfabrik. Einst waren die beiden Psychologen selbst arbeitslos. Im Interview erklärt Jürgen Hesse Personaler-Rituale - und wie man clever die Frage nach eigenen Schwächen umkurvt.

KarriereSPIEGEL: Herr Hesse, Sie sind Experte für Bewerbungen, Auswahltests und Vorstellungsgespräche. Traut sich überhaupt jemand, sich bei Ihnen zu bewerben?

Hesse: Natürlich, aber es ist schwierig, auch für mich. Es ist wie ein Rendezvous, da ist klar, worum es geht: Mann, Frau, zu dir oder zu mir. Ich weiß nie, was ich fragen soll und drehe den Spieß dann einfach um: Sie kennen ja schon alle Fragen - was wollen Sie wissen? Ich habe sicher auch schon Bewerber gequält, bemühe mich aber immer, nett und höflich zu sein.

KarriereSPIEGEL: Das Gespann Hesse/Schrader hat seit 1985 über 200 Bücher veröffentlicht. Sind Sie eine Bewerbungsratgeberfabrik?

Hesse: Eher eine Marke auf dem Buchmarkt. Wir kennen uns ja schon aus dem Psychologiestudium, seit dem ersten Semester. Als wir dann 800 Seiten Diplomarbeit zusammen geschrieben haben, drei Jahre lang, da wussten wir: Wir können das. Es begann mit einem Testtraining für Ausbildungssuchende, viele Bücher folgten, für Azubis oder Führungskräfte, über Arbeitszeugnisse oder Assessment-Trainings bis hin zu den Neurosen der Chefs.

KarriereSPIEGEL: Wie viele Bewerbungen mussten Sie nach dem Diplom verschicken?

Hesse: Die Welt hat nicht auf uns gewartet, wir waren erst mal arbeitslos. Bei mir dauerte es ein Dreivierteljahr. Ich habe mich sehr schwer getan und 20 Bewerbungen geschrieben, wurde dreimal eingeladen. Als ich beim ersten Vorstellungsgespräch von meiner Diplomarbeit erzählen sollte, kam ich ins Stottern und muss eine ziemlich klägliche Figur gemacht haben. Beim dritten Gespräch habe ich mich als Geschäftsführer für die Telefonseelsorge beworben, das hat dann geklappt.

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KarriereSPIEGEL: Wie sah Ihre Bewerbung aus?

Hesse: Die habe ich sogar noch: eine Seite Anschreiben, eine Seite Lebenslauf, rechts oben klebte das Foto. Ich hatte extra ein paar Leute gefragt, auf welchem Bild ich wie ein Geschäftsführer aussehe. Ehrlich gesagt war der Lebenslauf ziemlich langweilig - nur eine chronologische Aneinanderreihung von Daten. Die Diplomarbeit stand ganz unten und spielte kaum eine Rolle. Mir war nicht klar, dass das Anschreiben keinen interessiert, dass es in erster Linie um den Lebenslauf geht und die Personaler wissen wollen, was man zuletzt gemacht hat.

KarriereSPIEGEL: Den Job haben Sie trotzdem bekommen. Was hat sich seitdem an den Standards verändert?

Hesse: Die Bewerbung ist vom Notizzettel zur Speisekarte geworden. Früher hat man sich nicht so viele Gedanken gemacht und schrieb einfach: "Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit bewerbe ich mich...". Im Lebenslauf stand das Studienfach, dann vielleicht noch das Hobby. Nach dem Motto: Ich bin geboren, zur Schule gegangen, habe studiert. Es gab zu der Zeit vielleicht drei oder vier Bewerbungsratgeber, mehr nicht.

KarriereSPIEGEL: Was zählt heute?

Hesse: Man muss ein Profil kreieren, sich als Marke inszenieren. In Vorstellungsgesprächen geht es zwar immer noch um die Frage, ob einer zum Unternehmen passt, aber beide Seiten widmen sich dem Treffen mit mehr Präzision und größerer Erwartung. Man muss ganz klar formulieren, was einen motiviert, wieso man ausgerechnet dort arbeiten möchte. Früher lief dieser Prozess bei Arbeitsplatzanbietern ziemlich handgestrickt, jetzt bereiten sich sogar kleine Firmen detailliert vor: Was frage ich, was darf ich nicht fragen? Diesen Wandel haben wir sicher mit geprägt.

KarriereSPIEGEL: Die Ratgeberregale sind voll - ist die Jobsuche heute so viel schwieriger?

Hesse: Klar, die Arbeitsmarktlage hat sich verändert. Früher versprach man Azubis im Ruhrgebiet zur Stelle sogar ein Moped dazu, wer bei der Bank anfing, bekam ein Sparbuch. Aber ich erinnere mich auch an eine Schlagzeile der "Münchner Abendzeitung" kurz vor meinem Studienabschluss: "Zehn Millionen Arbeitnehmer werden ihren Job verlieren". Ich dachte, das sei absolut überzogen. Aber dieser Satz verfolgt mich seit 30 Jahren. Und mittlerweile sind es ganz sicher sogar mehr als zehn Millionen, die ihren Job im Laufe der Zeit verloren haben.

KarriereSPIEGEL: Woran merkt man, dass sich die Situation zugespitzt hat?

Hesse: Sicher auch am viel längeren Auswahlprozess: Vor 30 Jahren hatte man ein Vorstellungsgespräch beim Unternehmen, beim zweiten Treffen wurde der Vertrag unterschrieben. Heute sind es in großen Konzernen bis zu zehn Auswahlgespräche, auch mal inklusive Telefonkonferenz mit London. Dass die Personalabteilung direkt am Tag nach dem Gespräch anruft und sagt: "Wir haben uns für Sie entschieden!" - das passiert heute kaum noch.

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KarriereSPIEGEL: Bewerber wie Personaler lesen Ratgeber, jeder kennt die Vorbereitung des anderen. Wie soll es da noch zu einem aussagekräftigen Gespräch kommen?

Hesse: So krass ist das gar nicht. Auf jeden Ratgeber für Personalverantwortliche kommen zehn für Bewerber. Dennoch gehen die meisten Kandidaten sehr blauäugig und unvorbereitet an die Sache heran. Zu 80 Prozent werden Bücher gekauft, die sich um die schriftliche Bewerbung drehen, nicht ums Vorstellungsgespräch.

KarriereSPIEGEL: Aber mal ehrlich - wenn mich einer nach meinen Stärken und Schwächen fragt oder wissen will, wo ich mich in fünf Jahren sehe, denke ich doch nur: Das ist jetzt nicht Ihr Ernst!

Hesse: Die Schwächen-Frage ist ein Klassiker und kommt in Vorstellungsgesprächen immer noch recht häufig vor. Bloß nicht "Ungeduld" nennen, das ist verbrannt! Ich rate etwa zu: "Ich habe eine Schwäche für schwarze Schokolade" oder "Ich kann Bach nicht von Mozart unterscheiden". Es geht darum zu zeigen, dass man verstanden hat, worum es geht, ohne sich komplett auszuliefern. Ihr Gegenüber will mehr über Sie erfahren. Vielleicht lachen dann alle und sagen: Nein, wir meinen natürlich berufliche Schwächen! Dann verraten Sie jedenfalls nicht Ihre schlimmsten Fehler, sondern etwa: "Mein Schreibtisch sieht nicht immer picobello aus."

KarriereSPIEGEL: Also geht es weniger um den Inhalt als um den Tonfall?

Hesse: Genau. Entscheidend ist doch: Es ist ein Ritual. Ich muss zeigen, dass ich keine Antwort schuldig bleibe - aber auch klar machen, dass ich nicht blöd bin und hier keinen Seelenstriptease hinlege. Die andere Seite kann daran erkennen, ob man in kritischen Situationen zickig oder charmant und gelassen reagiert.

KarriereSPIEGEL: Nach all den Jahren: Was begreifen Bewerber einfach nicht?

Hesse: Die meisten haben kein unternehmerisches Selbstverständnis. Ihnen ist nicht klar, dass sie eine Art Ware anbieten - ihr Knowhow. Sie müssen sich und ihre Arbeitskraft verkaufen und den Interessenten die Vorteile der Ware klarmachen, wie bei einem Fernseher oder einem Auto auch.

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insgesamt 43 Beiträge
1. Alles Gequacke...
matthes schwalbe 17.12.2012
....von den sogenannten "Egschperten." Es gibt einfach zu wenig Jobs und zuviel Minderperformer schon in den Personalabteilungen, welche dadurch nur Langeweile haben. Diese dann oft menschlich selber keine [...]
....von den sogenannten "Egschperten." Es gibt einfach zu wenig Jobs und zuviel Minderperformer schon in den Personalabteilungen, welche dadurch nur Langeweile haben. Diese dann oft menschlich selber keine Stärken haben und Kandidatensuche den "Leihbuden" überlassen! Im Vorfeld oft schon durch die eigene Sekretärin "sieben" lassen- z.B. bei Anruf des Bewerbers im Personalbüro: "Um was geht es denn?" Wenn man liest, dass diese Leute auch schon so dreist sind: Bewerber nach dessen Passwort von Facebock fragen...und VIELES mehr!
2. Mozartkugeln
sanbro 17.12.2012
Lieber Herr Hesse, ihr Ratschlag zum Thema Schwächen kommt mir ein wenig veraltet vor. Ein guter Personaler wird sich sich mit Bach oder schwarzer Schokoloda, "ich kann mir schlecht Namen merken" und Konsorten [...]
Lieber Herr Hesse, ihr Ratschlag zum Thema Schwächen kommt mir ein wenig veraltet vor. Ein guter Personaler wird sich sich mit Bach oder schwarzer Schokoloda, "ich kann mir schlecht Namen merken" und Konsorten veräppeln lassen. Heutzutage kommt es an eigene Schwächen zu erkennen und zu zeigen, dass man sich entweder damit arrangieren kann oder man daran arbeitet diese zu verringern.
3. Herzlichen Dank
mk84 17.12.2012
... dass die beiden Herren wohl kräftig daran mitgearbeitet (bzw. mitverdient) haben, dass sich heute beim Bewerben, wie auf so vielen Ebenen, alles um die tolle Show, die Selbstinszenierung und den makellos-angepassten [...]
... dass die beiden Herren wohl kräftig daran mitgearbeitet (bzw. mitverdient) haben, dass sich heute beim Bewerben, wie auf so vielen Ebenen, alles um die tolle Show, die Selbstinszenierung und den makellos-angepassten Lebenslauf dreht. Deshalb sitzen an den Hebeln ja oft auch so unfassbar kompetente Menschen und psychische Erkrankungen werden immer seltener. Danke!
4. bla bla....
fatherted98 17.12.2012
....90 % aller offenen Stellen sind eh schon von vornherein vergeben. Da sind Bewerber "in der engeren Wahl" nur Makulatur um die Gewerkschaft / Personalrat ruhig zu stellen. Ich kenns nicht anders...alle Stellen in den [...]
....90 % aller offenen Stellen sind eh schon von vornherein vergeben. Da sind Bewerber "in der engeren Wahl" nur Makulatur um die Gewerkschaft / Personalrat ruhig zu stellen. Ich kenns nicht anders...alle Stellen in den letzten 15 Jahren wurden bei uns über Vitamin B vergeben...ich bin einer der letzten die noch keinen kannten und keine Beziehungen hatten....ein Aussenstehender hat so gut wie keine Chance...auch mit 1er Abschluss, super Zeugnis usw. da kommt lieber der Loser, ein Cousin von XY der sich nicht mal die Schuhe zubinden kann...
5. Strategie
chb_74 17.12.2012
Nach Querlesens diverser Hesse/Schrader-Bücher habe ich den Eindruck gewonnen, dass die doch sehr auf Berufsbereiche hin getrimmt sind, wo Blenden und Showspielen wichtiger ist als Substanz - also z.B. vielfach bei BWLern. Das [...]
Nach Querlesens diverser Hesse/Schrader-Bücher habe ich den Eindruck gewonnen, dass die doch sehr auf Berufsbereiche hin getrimmt sind, wo Blenden und Showspielen wichtiger ist als Substanz - also z.B. vielfach bei BWLern. Das sind so Einheitstipps, aus denen eine stromlinienförmige Lemming-masse resultiert, die sich alle gleich bewerben und vorstellen und damit sicher die Personaler langweilen. Am besten sind dann Aussagen von Jungakademikern der Art "Das MSUS man so machen!"...jajaja, schon klar. Genau wie die dreiteiligen, sündteuren Mappen, die eine Zeitlang ein "MUSS" waren, von Personalern aber meistens eher abgelehnt werden, weil sie nicht einfach durch den Scanner gezogen werden können -> Mehraufwand. Zu den Tipps von Herrn Hesse bezüglich der Schwächen: wenn mir ein akademischer Bewerber gegenübersitzen würde, der auf Fragen nach seinen Schwächen antworten würde, Bach nicht von Mozart unterscheiden zu können (sprich: von "klassischer" Musik so überhaupt keine Ahnung zu haben), würde ich da mal weiter auf den Zahn fühlen, was der denn sonst so nicht kennt und weiß an klassischer Bildung. Das kann schnell ein Eigentor werden... ;-)

Zur Person

  • Gio Löwe
    Diplompsychologe Jürgen Hesse (Jahrgang 1957) ist die eine Hälfte des Gespanns Hesse/Schrader und seit 1985 Autor von sehr erfolgreichen Berufsratgebern aller Art. Mit Hans Christian Schrader arbeitet er im gemeinsamen Karriereberatungsbüro und bietet Seminare für Bewerber und Arbeitnehmer aller Hierarchiestufen an.

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