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03.01.2013
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Deutsche Kliniken werben an

Frau Doktor kommt aus Griechenland

Von Dietmar Student
Franz Bischof

Eine Schnupperwoche mit Kost und Logis, dann die Festanstellung: Immer mehr ausländische Ärzte lassen sich von deutschen Provinzkrankenhäusern anheuern. Die Griechin Aikaterini Angeli versucht ihr Glück am Niederrhein - und ist unsicher, wie lange sie bleibt.

Man soll ja nichts überstürzen, manche Dinge müssen reifen, zumal, wenn es um die Planung der Karriere und des Lebens schlechthin geht. Aber wer wartet schon fünf lange Jahre auf eine Stelle zur Facharztausbildung? Aikaterini Angeli jedenfalls nicht.

Und so kam die 31-jährige Griechin nach Bedburg-Hau. Bedburg wo? Die Gemeinde liegt am Niederrhein, im Kreis Kleve, die holländische Grenze ist nah, Düsseldorf weit, exakt 77,2 Kilometer Luftlinie.

Seit Juli 2011 arbeitet Angeli in der psychiatrischen Klinik des Ortes, die der Landschaftsverband Rheinland betreibt. Sie ist dort eine unter vielen ausländischen Ärzten. Die kommen zum Beispiel aus Polen, Rumänien, Bulgarien, Russland und Syrien; die ärztliche Direktorin der Klinik ist aus Tschechien zugezogen.

Die Einwanderungswelle, über die manager magazin in der aktuellen Ausgabe berichtet, hat längst auch Deutschlands OP-Tische, Therapeutenliegen und Notaufnahmestationen erreicht. Schon sorgen sich Verbandsvertreter, etwa der Berliner Ärztekammerpräsident Günther Jonitz, um Verständigungsprobleme zwischen Arzt und Patienten. Die Griechin Angeli kann er allerdings nicht meinen - sie spricht fast perfekt Deutsch.

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Zahlen und Fakten: Ärzte im In- und Ausland
Vor allem die Krankenhäuser am Rande der Städte bedienen sich auswärtiger Doctores. Die Rekrutierungspraxis ist aus der Not geboren: Deutsche Mediziner meiden meist solche Jottwede-Gegenden. Kein attraktives Umfeld, heißt es oft. Das hat Frau Angeli nicht gestört. Sie wollte unbedingt Psychiatrie-Fachärztin werden, nachdem sie im November 2010 ihr Studium in Athen abgeschlossen hatte.

Das Problem: In Griechenland werden deutlich mehr Ärzte ausgebildet als die Kliniken benötigen. Obwohl, wie Angeli sagt, "die Eingangsprüfungen an den Unis sehr schwierig" seien. Wer es nicht schafft, weicht oft nach Rumänien aus und kehrt für die Facharztausbildung wieder nach Griechenland zurück: "So verschärft sich die Jobsituation noch".

Spezielle Personalagenturen holen Mediziner in den Norden

Erschwerend kommt hinzu, dass etliche griechische Kliniken sich mit der Gehaltszahlung Zeit lassen. Ärzte müssen zum Teil mehrere Monate auf ihr Geld warten.

Es sind häufig spezialisierte Personalagenturen, die Mediziner aus den kriselnden Ländern nach Nord- oder Westeuropa holen. Wie der griechische Headhunter Stavros Antoniou, dessen Firma in Thessaloniki sitzt. Er hat erst vor kurzem die Griechin Chrysanthi Bountola an das Klinikum Wolfsburg vermittelt; die 24-Jährige (Berufsziel: Kardiologin) unterschrieb dort einen Vertrag als Assistenzärztin. Antoniou wundert sich, wie intensiv deutsche Krankenhäuser um ausländisches Personal werben.

So im Falle eines Hospitals nahe der polnischen Grenze. Deutsche Kandidaten sind dort schwer zu bekommen; der Auslandsanteil beträgt rund 80 Prozent. An einem griechischen Arzt hatte die Krankenhausleitung ein besonderes Interesse. Letztlich gab den Ausschlag, dass sie dessen Frau gleich mit einstellte.

Auch die schwedische Paragona-Gruppe bekommt immer mehr Anfragen deutscher Klinikchefs. In einem Schulungszentrum bei Warschau werden die Immigranten mit den Tücken des deutschen Gesundheits- und Krankenkassenwesens vertraut gemacht. Aikaterina Angeli knüpfte den ersten Kontakt nach Bedburg-Hau auf einer Jobmesse in Athen. Ihr neuer Arbeitgeber war das einzige psychiatrische Krankenhaus, das sich dort präsentierte.

Zusage nach der Schnupperwoche

Sie reiste zu einer "Schnupperwoche" an, auf Kosten der Klinik: Flugticket, Transfer vom Flughafen, Kost und Logis (ein Zimmer im Klinik-Wohnheim) - all das bezahlte das Krankenhaus. "Es herrscht hier ein gutes Betriebsklima. So habe ich schließlich zugesagt", erzählt Angeli.

Und: Wie lange will sie bleiben?

Es komme darauf an, wie sich ihre familiäre Situation entwickele. Ihr Freund macht derzeit eine Weiterbildung im Fachbereich Ergonomie an der Universität Nottingham, per Fernstudium. "Er spricht gut Englisch, aber leider kein Deutsch."

Vielleicht, hofft Angeli, kommt er nach, findet später eine Stelle im benachbarten Nimwegen; die holländische Stadt ist nur rund 30 Kilometer von Bedburg-Hau entfernt. Ja, sie denke schon darüber nach, bald eine Familie zu gründen. Reich werden möchte sie nicht, sagt sie, "aber doch genug verdienen, um meinen Kindern eine gute Zukunft bieten zu können".

Insgesamt und über alle Branchengrenzen hinweg werden bis 2017 einer Prognose für manager magazin zufolge rund 2,2 Millionen Menschen mehr nach Deutschland einwandern als auswandern. Das sei eine große Chance für die deutsche Wirtschaft, meint der Autor der Studie, Carsten-Patrick Meier von Kiel Economics.

manager magazin

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