Schrift:
Ansicht Home:
KarriereSPIEGEL

Erkenntnisse eines Chefs

"Ich war ein Flop-Manager"

Die Mitarbeiterbefragung war ein Schock für Bodo Janssen. Denn seine Angestellten wünschten sich vor allem - einen anderen Chef. Er flüchtete ins Kloster und merkte: Führen kann nur, wer die Richtung kennt.

Ein Interview von
Montag, 25.04.2016   04:44 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Janssen, 2010 kam bei einer Mitarbeiterbefragung heraus, dass Ihre Angestellten Sie hassen. Wie war das für Sie?

Janssen: Die Umfrage war ein Schock. Auf einmal war ich kein allwissender Top-Manager mehr, sondern ein Flop-Manager. Aber ich habe mich den Problemen gestellt. Wir haben jetzt eine ganz andere Firmenkultur, ohne Macht, Druck und Kontrolle. Die Zufriedenheit ist seit damals um mehr als 80 Prozent gestiegen, die Mitarbeiter sind deutlich seltener krank, wir bekommen fünfmal so viele Bewerbungen und haben den Umsatz mehr als verdoppelt.

SPIEGEL ONLINE: Ihren Mitarbeitern haben Sie nun in einer Ansprache viele Probleme gewünscht. Warum machen Sie so etwas?

Janssen: Weil ich sie ermutigen möchte, Probleme als Chance und nicht als Risiko zu begreifen. Ich wünsche ihnen nichts Schlechtes, es geht mir darum, dass sie Herausforderungen mit anderen Augen sehen. An Fehlern kann man wachsen, diese Erfahrung habe ich selbst gemacht, und die möchte ich weitergeben.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschäftigen jetzt sogenannte Corporate-Happiness-Beauftragte. Bespaßen die Ihre Mitarbeiter nun rund um die Uhr?

Janssen: Nein, es geht nicht darum, Mitarbeiter zu bespaßen, indem man Tischkicker aufstellt oder gemeinsame Aktivitäten organisiert. Es geht darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen jeder einzelne seine Potenziale entfalten kann, um mehr Freude an der Arbeit zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Klingt ziemlich abstrakt.

Janssen: Warum stehe ich jeden Tag auf? Was gibt meinem Leben eine Bedeutung? Unsere Corporate-Happiness-Beauftragten helfen unseren Mitarbeitern dabei, diese Fragen zu beantworten - auf Basis der positiven Psychologie. Ich selbst wusste lange Zeit keine Antwort darauf. Ich habe nie darüber nachgedacht. Bis ich mich nach dem verheerenden Ergebnis der Mitarbeiterumfrage für einen dreitägigen Kurs im Kloster eingeschrieben habe: "Spirituell Führen" bei Pater Anselm Grün. Dort ist mir klar geworden, dass ich andere nur führen kann, wenn ich für mich selbst weiß, wo es langgeht. Der Fisch stinkt immer vom Kopf her.

SPIEGEL ONLINE: Für diese Weisheit hätten Sie sich nur einen Kalender mit Sprüchen kaufen müssen.

Janssen: Für mich war das eine wichtige Erkenntnis: Wenn meine Mitarbeiter gestresst sind, muss ich erst bei mir selbst für Ruhe sorgen. Ich muss vorleben, was ich von ihnen erwarte. Ganz konkret konnte ich das gerade erst wieder in einer unserer Abteilungen sehen. Seit die Führungskraft dort konsequent nur noch von neun bis fünf arbeitet, sind alle viel ausgeglichener.

SPIEGEL ONLINE: Schicken Sie Ihre Führungskräfte jetzt auch ins Kloster?

Janssen: Wenn sie das möchten: ja. Ich bin damals so euphorisch von dem Kurs zurückgekommen, dass ich alle Führungskräfte ins Kloster eingeladen habe. Aber das Ergebnis war sehr unterschiedlich. Einige fanden es okay, andere nicht. Es gab Mitarbeiter, die zum Beispiel die Ruhe nicht gut ertragen konnten. Zehn Prozent meiner Führungskräfte haben nach diesem Selbstfindungsprozess sogar gekündigt! Sie haben festgestellt, dass ihre Berufung doch woanders als im Hotel liegt.

SPIEGEL ONLINE: Das hatten Sie sich wohl anders vorgestellt.

Janssen: Ich war enttäuscht, weil der Klosterbesuch bei meinen Mitarbeitern nicht das gleiche bewirkt hat wie bei mir. Aber dann ist mir klar geworden, dass es darum gar nicht geht. Jeder muss selbst schauen, ob und was er aus so einer Erfahrung machen will. Und wenn er nichts daraus macht, ist das auch okay. Als ich das meinen Mitarbeitern gesagt habe, kam auf einmal etwas in Gang. Sie fühlten sich nicht mehr unter Druck gesetzt. Heute bieten wir verschiedene Schulungen an: Wer nicht ins Kloster mag, kann zum Beispiel ein Potenzialtraining besuchen, das auf der Gehirnforschung basiert.

Upstalsboom Hotel + Freizeit

Firmenausflug nach Tansania

SPIEGEL ONLINE: Und was hat sich jetzt konkret im Alltag Ihrer Mitarbeiter geändert?

Janssen: Mit unseren Azubis bin ich zum Beispiel auf die Zugspitze und auf den Kilimandscharo geklettert. Und statt anonymer Mitarbeiterbefragungen setzen wir nun auf den sogenannten Fishbowl. Dabei sitzen alle in einer Art Stuhlarena und drei Menschen, die auf den Stühlen in der Mitte sitzen, haben das Wort. Wenn jemand nichts mehr sagen mag, macht er den Platz frei und ein anderer kommt nach vorn.

SPIEGEL ONLINE: Sitzen da nicht immer dieselben vier Redner?

Janssen: Nein, im Gegenteil, es melden sich jetzt Leute zu Wort, die sich früher nie getraut haben. In einer dieser Runden saß zum Beispiel eine Frühstückskraft, die wissen wollte, wie es sein kann, dass wir Schulen in Afrika bauen, sie aber kein Geld hat, um mit ihrer Tochter einmal im Jahr in den Urlaub zu fahren. Da ist mir klar geworden, dass soziales Engagement wenig bringt, wenn die Grundbedürfnisse nicht gedeckt sind. Also haben wir begonnen, die Gehälter der Basis stärker zu entwickeln - und die Boni für Führungskräfte zu reduzieren und langfristig sogar zu streichen. Das Prinzip Zuckerbrot und Peitsche hat ausgedient.

Und was für einen Chef haben Sie? Klicken Sie auf das Video:

insgesamt 58 Beiträge
Rassek 25.04.2016
1. Danke
Ein guter Ansatz. Besonders die Basis ist wichtig. Sie ist es, die mit dem Kunden zu tun hat und angenehm angetan sein muss vom Dasein im Betrieb. Stellen Sie z.B. auch Schwerbehinderte ein. Karl Lagerfeld arbeitet seit ewig mit [...]
Ein guter Ansatz. Besonders die Basis ist wichtig. Sie ist es, die mit dem Kunden zu tun hat und angenehm angetan sein muss vom Dasein im Betrieb. Stellen Sie z.B. auch Schwerbehinderte ein. Karl Lagerfeld arbeitet seit ewig mit den gleichen Leuten, weil er dort Heimat hat. Im Grunde sind Sie ja der Arbeitnehmer. Und wenn die Mitarbeiter ihre Arbeit gern geben und Sie das fördern wird auch was daraus. Alles Gute
Gerd Palmdorf 25.04.2016
2. Fremdschämen
ob der "Erleuchtung" nach ewig langen drei Tagen in der Welt der Wohlfühlseminare.
ob der "Erleuchtung" nach ewig langen drei Tagen in der Welt der Wohlfühlseminare.
Miere 25.04.2016
3. Gut dass er das selbst sagt:
Man fragt sich, wie es die Mitarbeiter zufrieden machen soll, wenn die Firma Schulen in Afrika baut, während die Angestellten knapp bei Kasse sind. (Oder: Ob es für die Putzhilfe wirklich das Weihnachtsgeld ersetzt, wenn der [...]
Man fragt sich, wie es die Mitarbeiter zufrieden machen soll, wenn die Firma Schulen in Afrika baut, während die Angestellten knapp bei Kasse sind. (Oder: Ob es für die Putzhilfe wirklich das Weihnachtsgeld ersetzt, wenn der Manager mit dem Chef zum Bergsteigen fährt?) Wie weltfremd muss man eigentlich sein, um da nicht selber drauf zu kommen? Vermutlich etwa so weltfremd, wie man sein muss, um von Atheisten, Moslems oder Sikhs zu verlangen, dass sie einen Lehrgang im Kloster machen?
marcuro 25.04.2016
4.
Geld, Arbeitszeit und Flexibilität des Arbeitgebers müssen stimmen, dann wird auch der größte Hohlkopf als Chef weggesteckt. Dann hat auch ein wenig Druck auf Mitarbeiter einen positiven Effekt. Die Peitsche muss ja nicht [...]
Geld, Arbeitszeit und Flexibilität des Arbeitgebers müssen stimmen, dann wird auch der größte Hohlkopf als Chef weggesteckt. Dann hat auch ein wenig Druck auf Mitarbeiter einen positiven Effekt. Die Peitsche muss ja nicht immer die Neunschwänzige sein.
sabato.74 25.04.2016
5. Tolles Interview
danke, Herr Janssen. Die wichtigste Erkenntnis ist, dass der Fisch immer vom Kopf stinkt. Statt den Druck nach unten weiterzugeben, müssen sich die Führungskräfte fragen, was sie falsch machen. Und falls sie es nicht wissen, [...]
danke, Herr Janssen. Die wichtigste Erkenntnis ist, dass der Fisch immer vom Kopf stinkt. Statt den Druck nach unten weiterzugeben, müssen sich die Führungskräfte fragen, was sie falsch machen. Und falls sie es nicht wissen, müssen andere ran. Punkt. Schön auch der letzte Absatz, in dem es um die Einkommen der einfachen Angestellten geht. Deren Gehälter zu kürzen, ist im Zeitalter des Neoliberalismus zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Dabei kann das der Firma schwer schaden. Sinnvoller wäre es sehr oft, an die Einkommen der Spitze und des Mittelbaus ranzugehen.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Verwandte Themen

Anzeige

Anzeige
© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP