Schrift:
Ansicht Home:
KarriereSPIEGEL

Alleinerziehende

"Ich suche keinen neuen Papi für meine Kinder"

Mütter mit Vollzeitjobs hätten ein "Dauerabo ins Losertum", sagt Caroline Rosales. Im Interview berichtet die Buchautorin über schlimme Tinder-Dates, Tränen bei der Bank - und die Vorzüge, Kinder allein zu erziehen.

Mathias Bothor

Caroline Rosales mit Tochter und Sohn

Ein Interview von
Montag, 23.07.2018   18:44 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Frau Rosales, Sie schreiben in Ihrem Buch, es sei schwierig, als Alleinerziehende zu tindern. Ist es echt so mies?

Caroline Rosales: Ja, das liegt aber nicht an den alleinerziehenden Müttern, sondern an den Männern. Viele Männer verstehen nicht, dass ich, wenn ich tindere, als Frau wahrgenommen werden möchte, die sich einen schönen Abend wünscht, und nicht als Mutter, die einen neuen Papi für ihre Kinder sucht.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Tinder-Männer so schlimm?

Rosales: Es gibt auch die, bei denen viel gelacht wird und eine zum Verlieben schöne Stimmung entsteht. Aber ich hatte ein paar unschöne Erlebnisse mit Flirt-Apps. Manche Männer denken, es komme bei einer Mutter automatisch gut an, wenn sie erzählen, wie lieb sie zu Kindern sind, wie toll sie mit ihren Patenkindern auskommen und dass sie sich selbst einen Haufen Kinder wünschen. Und es gibt Männer, die denken offenbar über mich, na ja gut, sie hat Kinder, sie hat sicherlich wenig Zeit, hat konsequent wenig Sex und ist nun mal keine Zehn mehr auf der Dating-Skala, das wird sie einsehen müssen. Und deshalb denken diese Männer dann, dass ich irgendwie verzweifelt bin und mich von jedem abschleppen lasse.

SPIEGEL ONLINE: Sie zitieren Angelina Jolie mit ihrem Rat an andere Mütter: "Weinen Sie unter der Dusche". Glauben Sie, das ist ein guter Rat?

Rosales: Ich glaube schon. Als ich mit meinen Kindern in eine neue Wohnung gezogen bin und mein Leben aus Kisten voller guter und schlechter Erinnerungen bestand, hatte ich noch keine Vorstellung davon, wie mein Leben künftig aussehen würde. Vieles fühlte sich traurig und schwer an, außerdem plagten mich Existenzängste. Meinen damals fünf und drei Jahre alten Kindern wollte ich aber vermitteln: Hey, das Ganze hier wird ein Abenteuer, wir machen es uns hier gemütlich, und ihr könnt immer auf mich zählen. Natürlich wollte ich vor ihnen authentisch sein, aber vor ihnen zu weinen, hätte uns alle runtergezogen.

"Dauerabo ins Losertum"

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie unter der Dusche geweint?

Rosales: Unter der Dusche, auf der Couch, unter der Bettdecke, auf der Straße, im Café, bei der Bank, auf dem Finanzamt, bei Liebesfilmen. Weinen ist befreiend.

SPIEGEL ONLINE: "Kinder bedeuten für Frauen, Verwundbarkeit zu zeigen", schreiben Sie. Wie meinen Sie das?

Rosales: Oft habe ich das Gefühl, dass für meine Generation von Frauen die Vollzeitberufstätigkeit mit Kindern ein Dauerabo ins Losertum ist. Es wird gerannt, gehetzt, entschuldigt, verschoben. Man wird weder den Kindern noch dem Job gerecht, und am Ende sitzt man todmüde auf der Couch und sucht noch den Fehler bei sich statt im System.

SPIEGEL ONLINE: Liegt der Fehler im System oder vielleicht auch bei Ihnen, wenn Sie auf der Couch sitzen und ein schlechtes Gewissen haben?

Rosales: Das Gewissen hängt ja mit den Erwartungen der Gesellschaft zusammen.

Anzeige
Caroline Rosales:
Single Mom

Was es wirklich heißt, alleinerziehend zu sein

Rowohlt Taschenbuch Verlag; 208 Seiten; 9,99 Euro

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben von Ihrer Cousine, die in Frankreich lebt und zwei Monate nach der Geburt ihrer Tochter an fünf Tagen die Woche arbeiten ging. Was läuft besser in Frankreich?

Rosales: Die gesellschaftliche Akzeptanz für eine Frau, die Vollzeit arbeiten geht, ist viel größer, weil es die Norm ist. Da stehen weitaus weniger Vorwürfe im Raum, und es gibt viel weniger Rechtfertigungsdrang von Seiten der Frauen. Wenn in Frankreich ein Kind Geburtstag hat, dann backt die Köchin der staatlichen Grundschule oder des Kindergartens einen Kuchen. Keine Frau stellt sich nach einer Zwölf-Stunden-Schicht in die Küche und zaubert ein Schokokuchen-Piratenschiff für alle Kinder, wie ich es hier in Berlin in mannigfaltiger Ausführung erlebt habe. Auf diese absurde Idee würde niemand kommen.

SPIEGEL ONLINE: Kann die Politik die Situation Alleinerziehender in Deutschland verbessern?

Rosales: In Deutschland fehlen 300.000 Kitaplätze. Und warum gibt es im Jahr 2018 kaum Kitas, die bis 20 Uhr geöffnet haben? Staatliche Kindergärten, nicht nur teure private Kindergärten. Da könnte die Politik ansetzen.

SPIEGEL ONLINE: Gehen deutsche Arbeitgeber mit Alleinerziehenden richtig um?

Rosales: Ich habe einen netten Arbeitgeber und Chefs mit vielen Kindern, die mich unterstützen. Ich finde dennoch, dass jedes Unternehmen in Deutschland ab 100 Mitarbeitern einen betriebsinternen Kindergarten anbieten sollte. Eine Freundin von mir baut gerade mit Investoren einen Co-Working-Space mit Kinderbetreuung auf. Das ist eine zukunftsgerichtete Vision. Das hätte ich mir schon früher gewünscht.

SPIEGEL ONLINE: Wieso ist die Lobby der Alleinerziehenden so schlecht in Deutschland? Sind ja immerhin 1,6 Millionen, die meisten von ihnen Frauen.

Rosales: Ich denke, Frauen haben generell eine schlechte Lobby. Aber die Welt ist glücklicherweise im Wandel. Im Jahr 2013 hat Horst Seehofer gesagt, als die bayerische Regierung vom Ehegattensplitting abrückte: "Wollen Sie jetzt meine Frau bestrafen, weil sie daheim geblieben ist und die Kinder großgezogen hat?" Damit ist vieles gesagt. Ich denke, dass die Stärkung der Lobby für alleinerziehende Frauen viel mit der baldigen Pensionierung eines gewissen Typs Politiker zu tun haben wird. Trotzdem ist es immer noch steuerlich günstiger als verheiratetes Paar Kinder zu haben als allein.


Im Video: Alltag einer alleinerziehenden Mutter - Ein Kind, kein Mann, drei Jobs

Foto: SPIEGEL TV

SPIEGEL ONLINE: In manchen Passagen Ihres Buches bekommt der Leser das Gefühl, es habe auch gewisse Vorteile, ein Kind allein zu erziehen?

Rosales: Zumindest spart es sehr viel Zeit, sich mit niemandem absprechen zu müssen. Auch muss man nicht über Erziehungsthemen streiten. Das Wort des alleinerziehenden Elternteils ist keine freundliche Handlungsempfehlung, sondern das Gesetz. Aber sicher gelten an den Wochenenden, die meine Kinder bei ihrem Vater verbringen, andere Regeln. Ganz ohne Abstimmungsbedarf geht es nicht. Dennoch würde ich sagen: Ich könnte nicht auf diesem Level arbeiten gehen und Dinge durchziehen, wenn ich mich noch besprechen müsste.

SPIEGEL ONLINE: Wie bekommen Sie es hin, zwei Kinder zu erziehen, feiern zu gehen, zu tindern, ihre Freunde zu behalten, als Journalistin zu arbeiten und ein Sachbuch zu schreiben?

Rosales: Ich glaube, weil mir das alles Spaß macht und ich nichts davon sein lassen wollte. Oder wie Madonna einst sagte: "Schlafen kann ich, wenn ich tot bin." Anfangs habe ich meine Kinder übrigens oft zu Essen von Freunden abends mitgenommen, um den Babysitter zu sparen, und dann haben wir zusammen dort übernachtet. Mit meinem Sohn war ich neulich bei einem Konzert im Berliner Ensemble, als meine Tochter bei ihrer Freundin bei einer Pyjama-Party war. Manchmal sagen sie zu mir: "Mama, wann gehen wir mal wieder aus?"

insgesamt 55 Beiträge
jan.frohburg 23.07.2018
1. "Schlafen kann ich, wenn ich tot bin."
...ist doch eher von Rainer Werner Fassbinder, stimmt's? Aber wer nimmt sich schon noch die Zeit, alle Zitate zu prüfen. Wäre doch aber wichtig, oder? Vorbildwirkung, und so...
...ist doch eher von Rainer Werner Fassbinder, stimmt's? Aber wer nimmt sich schon noch die Zeit, alle Zitate zu prüfen. Wäre doch aber wichtig, oder? Vorbildwirkung, und so...
Ikarus Schmidt 23.07.2018
2. Genau andersherum
Das französische Modell ist nicht gerade gesund für Kinder. Überhaupt ist es für Kinder nicht gut vor dem 2. Lebensjahr in die Kita zu kommen. Das kann man sehr gut in verschiedenen Studien nachlesen. Aber ist halt leider bei [...]
Das französische Modell ist nicht gerade gesund für Kinder. Überhaupt ist es für Kinder nicht gut vor dem 2. Lebensjahr in die Kita zu kommen. Das kann man sehr gut in verschiedenen Studien nachlesen. Aber ist halt leider bei sehr vielen Menschen nicht anders möglich.
jayjayjayjay 23.07.2018
3. Wieso
wissen Ihre Dates, dass sie Mutter ist, wenn das garkein Thema für die Dates sein soll?
wissen Ihre Dates, dass sie Mutter ist, wenn das garkein Thema für die Dates sein soll?
Grünstein 23.07.2018
4. Zwischen den Zeilen
lese ich: Ich will Spaß, also passt bitte auf meine Kinder auf. Ich kann mir nun auch ungefähr einen Reim daraus machen, warum diese Frau alleinerziehend durchs Leben rennen muss. Aber die Welt ist ja im Wandel und die Hoffnung [...]
lese ich: Ich will Spaß, also passt bitte auf meine Kinder auf. Ich kann mir nun auch ungefähr einen Reim daraus machen, warum diese Frau alleinerziehend durchs Leben rennen muss. Aber die Welt ist ja im Wandel und die Hoffnung stirbt zuletzt.
gantenkiel 23.07.2018
5. Manchmal wird man aber gleich als Ersatzpapa gebucht
Ich finde es hingegen etwas befremdlich, wenn Mann bereits beim ersten Date den ganzen Thorbens und Sophies und wer sonst so aus den Kinderzimmer quillt vorgestellt wird, um hernach alles über das letzte Mumpsdebakel und die [...]
Ich finde es hingegen etwas befremdlich, wenn Mann bereits beim ersten Date den ganzen Thorbens und Sophies und wer sonst so aus den Kinderzimmer quillt vorgestellt wird, um hernach alles über das letzte Mumpsdebakel und die blöde Patschulke aus den Hort zu erfahren. Und dann das schwere Leben erst. Und der Ex, der ja eigentlich ganz cool war, ist ein mutierter Affenar... . Und dann? In all den verbalen Desaster aufstehen und ihr souverän einen schönen Abend wünschen? Nein. Einfach da Thema wechseln und über das letzte Lou Reed Album philosophieren? Unsensibel. Schwakowiakartig auf den Rücken klopfen und eine Runde Klaren bestellen? Angebracht, aber nicht empathisch genug. Manchmal bringen einen Frauen mit Kindern eben auch in Situationen, die dann Sätze wie "Kinder sind manchmal anstrengend, aber sie geben einem so viel zurück" dem Kehlkopf entlocken. Welt ist immer noch schrecklich, Abend ist gelaufen. Weitertindern.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!

Verwandte Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP