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KarriereSPIEGEL

"Desk lunches" in den USA

Wir glücklichen deutschen Kantinengänger

Wenn die "Mahlzeit"-Rufe durch die Büros schallen und alle um zwölf in die Kantine marschieren, dann findet das mancher Kollege altmodisch bis spießig. Das kann sich schlagartig ändern, wenn man weit, weit weg ist.

Brian Finke
Von manager-magazin-Redakteur , Washington D.C.
Donnerstag, 29.09.2016   10:54 Uhr

Das Ritual beginnt jeden Mittag gegen halb eins. Kollegen verschwinden in die Büroküche oder vor die Tür, Mikrowellen bimmeln, Käseduft liegt in der Luft. Für viele ist es jetzt Zeit, den "desk lunch" einzunehmen, das Mittagessen am Schreibtisch - was oft bedeutet, dass die linke Hand ein Sandwich hält, während die rechte tippt oder die Maus bewegt.

Seit zwei Wochen arbeite ich als Gastreporter bei der "Washington Post". Die Zeitung, die einst Richard Nixon stürzte, wurde vor drei Jahren von Amazon-Gründer Jeff Bezos übernommen. Seitdem wächst die "Post" wieder. Anfang dieses Jahres zog die Redaktion deshalb in modernere, größere Büros. Doch obwohl in der neuen Zentrale gut 700 Menschen arbeiten, fehlt eine Kantine. Selbst eine Cafeteria gibt es nicht.

Viele Kollegen drücken sich ihr Mittagessen deshalb am Schreibtisch rein. Ich konnte mich dem "desk lunch" bislang entziehen, obwohl das manchmal schwerfällt. Die Chefredaktion lädt etwa jeden Donnerstag zu sogenannten "brown bags". Das sind Fortbildungen zur Mittagszeit, zu denen man seine Sandwichtüte einfach mitbringen kann. Dabei geht es oft um interessante Themen, wie die Recherche für ein Enthüllungsbuch über Donald Trump, in dem es etwa um seine Verbindungen zu einem FBI-Informanten mit Mafiakontakten geht. In vielen deutschen Konzernen würden ähnliche Ideen wohl am Betriebsrat scheitern.

Lunchhölle: 60 Prozent "Desktop Diner" in den USA

In den USA ist das rituelle Mittagessen mit den Kollegen vielerorts bereits zur Ausnahme verkommen. Eine Büroinstitution, die langsam vergeht. Studien sehen den Anteil der "desktop diners" (wie Sozialwissenschaftler die Spezies der PC-Esser nennen) an der arbeitenden US-Bevölkerung bereits bei über 60 Prozent. Das Blog saddesklunch.com protokolliert derweil besonders triste microwave meals. Dabei leidet nicht nur die Seele des Gourmets: Schreibtischesser neigen zum Schlingen und verzehren oft Fettes, was auf Dauer natürlich ungesund ist.

Und wofür das alles? Bei einer Umfrage unter Millennial-Büroangestellten (20 bis 35-Jährige) gab ein Viertel der Befragten an, alleine zu essen, um besser "multitasken" zu können. "Nur Flaschen essen zu Mittag!", mahnte schon Gordon Gekko aus "Wall Street".

Ein stiller Gewinner dieses Trends sind die vielen Foodtrucks, vor denen sich nicht nur in Washingtons Zentrum jeden Mittag lange Schlangen bilden. Im letzten Jahr soll die Branche in den USA geschätzte 1,2 Milliarden Dollar umgesetzt haben. Auch in Deutschland kommt kaum ein Stadt- oder Firmenfest noch ohne Kimchi-Burger mit Süßkartoffelpommes an Guacamole-Dip aus dem Truckfenster aus.

Die glänzenden Lieferwagen, ursprünglich eine kalifornische Spezialität, haben sich in den USA so stark verbreitet, dass sich mittlerweile Ökonomen mit dem Phänomen beschäftigen. Die Boliden sehen zwar aus als seien sie den Achtzigern entstiegen - doch das Gegenteil ist der Fall: Wussten Sie etwa, dass der Siegeszug der Foodtrucks eine Folge des Smartphone-Booms ist?.

Damit die gut 200 in Washington registrierten Trucks sich nicht mehr zuparken (allein am Franklin Square vor dem Redaktiongebäude drängen sich täglich bis zu zehn Stück) entscheidet hier mittlerweile eine kommunale Lotterie über ihren Standort. Vorher verdienten sich etwa Taxifahrer ein kleines Zubrot, indem sie sich fürs Platzfreihalten bezahlen ließen. Leider muss ich so wohl bis Oktober warten, bis der (sehr, sehr) leckere Japaner Donburi einen Spot in der Nähe ergattert.

Kantinen-Typen

insgesamt 73 Beiträge
AntiGravEinheit 29.09.2016
1. Ups ...
Dann bin ich auch ein "desktop diner". Aber ich gehe mit meinem "Lunchpaket" auch öfters mal raus. Der Grund für das Mitbringen meines eigenen Mittagessens ist aber viel profaner. Eine Kantine gibt es [...]
Dann bin ich auch ein "desktop diner". Aber ich gehe mit meinem "Lunchpaket" auch öfters mal raus. Der Grund für das Mitbringen meines eigenen Mittagessens ist aber viel profaner. Eine Kantine gibt es hier, allerdings sind mir die Preise zu hoch. Bei den Gerichten, die wirklich was taugen, gehe ich nicht unter 10 Euro raus (dafür, daß ich nichtmal satt werde). Und auf Currywurst/Pommes jeden Tag habe ich keine Lust. Also bringe ich eine Brotzeit mit. Weil: Abends wird ohnehin zu Hause gekocht, und zwei Mal ein warmes Essen am Tag geht zu sehr aufs Gewicht ...
schlauchschelle 29.09.2016
2. Das mache ich schon so,
seit ich meine Ausbildung beendet habe. Auf den Baustellen bin ich entweder Spazieren gegangen in der Mittagspause, zu einem Imbiss oder habe im Auto gegessen. Nun, im Büro, esse ich dann, wann ich Hunger habe, eine feste [...]
seit ich meine Ausbildung beendet habe. Auf den Baustellen bin ich entweder Spazieren gegangen in der Mittagspause, zu einem Imbiss oder habe im Auto gegessen. Nun, im Büro, esse ich dann, wann ich Hunger habe, eine feste Mittagspause gibt es in meiner Firma nicht, die meisten Kollegen machen allerdings von 12 bis 13 Uhr Mittag. Diese offene Regelung finde ich sehr gut, kann man so doch seine Pause(n) dem Körper und dessen Bedürfnissen besser anpassen, zudem gibt es für Kunden keine "tote Stunde". Eine Ausnahme hatte ich in einer anderen Firma von 2001 bis 2003. Hier musste von 9:00 bis 9:15 und von 12:00 bis 12:45 in einem "Essraum" (Kantine wäre weit übertrieben) gegessen werden, und ich habe das gehasst: Man sitzt stumpf da und schweigt sich nach dem Essen öde an. Allein die Vorstellung, jeden Arbeitstag immer das gleiche Ritual und sich mit Kollegen anschweigen oder dümmlichen Smalltalk -- gruselig.
mam71 29.09.2016
3.
Für mich ist es ganz einfach: Ich esse grundsätzlich mit Messer und Gabel von einem Teller an einem eigens dafür vorgesehenen Tisch zu eigens dafür vorgesehener Zeit. Wo das nicht möglich ist, kann ich nicht arbeiten (und [...]
Für mich ist es ganz einfach: Ich esse grundsätzlich mit Messer und Gabel von einem Teller an einem eigens dafür vorgesehenen Tisch zu eigens dafür vorgesehener Zeit. Wo das nicht möglich ist, kann ich nicht arbeiten (und generell nicht leben). Dies ist für mich eine Frage von Kultur, bei der ich auch zu keinen Kompromissen bereit bin.
ackergold 29.09.2016
4.
Ich find das ok. Das fördert das sozialverträgliche Frühableben. Es muss ja nicht jeder Einzahler das Rentenalter auch erreichen. Hauptsache, es schmeckt. Mahlzeit!
Ich find das ok. Das fördert das sozialverträgliche Frühableben. Es muss ja nicht jeder Einzahler das Rentenalter auch erreichen. Hauptsache, es schmeckt. Mahlzeit!
FerrisBueller 29.09.2016
5. Nicht nur in den USA
Das ist hier mittlerweile doch auch schon so. Wir haben hier im Betrieb zwar eine sehr gute Kantine aber wenn man mal zur Mittagszeit durch Hannover fährt, dann begegnen einem auch dutzende Foodtrucks mit belegten Broetchen, [...]
Das ist hier mittlerweile doch auch schon so. Wir haben hier im Betrieb zwar eine sehr gute Kantine aber wenn man mal zur Mittagszeit durch Hannover fährt, dann begegnen einem auch dutzende Foodtrucks mit belegten Broetchen, CuWuPo und so weiter, die von einem Bürogebäude zum nächsten tingeln.
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