Schrift:
Ansicht Home:
KarriereSPIEGEL

Sucht nach Perfektion

Nun mach mal halblang!

Das Streben nach Perfektion macht uns fertig. Denn alles lässt sich immer noch besser machen. Doch Vorsicht, wenn das zum Selbstzweck wird, warnt Agenturchef Frank Behrendt in seinem neuen Buch.

Getty Images

Gestresster Mitarbeiter im Büro

Montag, 16.10.2017   08:58 Uhr

Zufriedenheit ist eines der ganz großen Lebensziele - mit Faulheit und Versagen hat dieses Gefühl nichts zu tun. Das Missverständnis liegt wohl darin, dass Zufriedenheit manchmal mit Selbstzufriedenheit verwechselt wird - und das ist ja wirklich kein schöner Charakterzug.

Zur Person

Frank Behrendt, 54, arbeitet in der Kommunikationsbranche. Er war Vorstand der Agentur fischerAppelt als er sein Buch "Liebe dein Leben und nicht deinen Job" veröffentlichte. Heute ist er Chef der PR-Agentur Serviceplan.

Dazu kommt, dass oft nur ein Mehr an Geld und materiell messbarem Erfolg als Fortschritt angesehen wird. Aus diesem Grund gibt es so viele Burnout-Kandidaten, die pausen- und freudlos ackern. Doch kostbarer noch als jeder profitable Deal ist die Zunahme an Zufriedenheit und Lebensfreude.

Der Hauptgrund für die Unzufriedenheit vieler Menschen liegt in der Sucht nach Perfektion. Viele bekommen schon als Kind eingeimpft, dass das Ziel ein "Sehr gut" in allen Schulfächern ist. Damit wird alles unterhalb der Bestnote automatisch als Versagen gewertet.

Also hocken viele Kinder verängstigt und überfordert am Schreibtisch, statt draußen mit den Freunden Abenteuer zu erleben. Dieser Preis ist zu hoch für eine gewonnene Zehntelnote. Jedes Kind hat Lieblingsfächer, in denen das Lernen wie von allein geht und mit einiger Wahrscheinlichkeit ein "Gut" oder "Sehr gut" im Zeugnis steht. In anderen Fächern, die nicht so interessant sind, reicht ein "Befriedigend".

Man kann diese Note ruhig wörtlich nehmen: Schüler, Lehrer und Eltern dürfen zufrieden sein, die Leistung ist in Ordnung. So bleibt genug Zeit zum Spielen.

Die Frage lautet: Ab wann bringt Energie, die in ein Projekt hineingesteckt wird, zu wenig Ergebnis, um den Einsatz zu rechtfertigen? Es macht mir zum Beispiel nichts aus, streckenweise im Beruf unter hohem Druck zu stehen. Wenn mein Team und ich innerhalb weniger Stunden die zündende Idee für das eingängige Messe-Aktionsmotto eines Kunden finden müssen, das auch als Hashtag optimal im Netz funktioniert, laufe ich zur Höchstform auf. Aber ich habe immer im Blick, dass das Verhältnis von Aufwand zu Ertrag nicht ins Kippen kommt.

Natürlich kann man versuchen, alles immer noch besser, noch effizienter zu machen. Doch ab einem bestimmten Punkt wird Perfektion zum Selbstzweck. Und Perfektion ist anstrengend und teuer.

Anzeige
Frank Behrendt:
Die Winnetou-Strategie

Werde zum Häuptling deines Lebens

Gütersloher Verlagshaus; 224 Seiten; 17,99 Euro

Warum soll der Kunde für aufwändige Exceltabellenkosmetik mit zehn verschiedenen Farbschattierungen bezahlen, wenn die Botschaft auch in Schwarzweiß rüberkommt? Wird die Perfektionsschraube über das sinnvolle Maß hinaus angezogen, steigt die aufzuwendende Anstrengung bis ins Unendliche - ein guter Grund, sich auch mit dem Nicht-Perfekten zufrieden zu geben. Ich weiß, dass diese Aussage missverstanden werden kann: "Ach, der Frank Behrendt, der ruft dazu auf, nur noch Mittelmaß zu produzieren." Deshalb noch mal in aller Deutlichkeit: Es gibt viel Platz zwischen unsinniger Perfektion und Schlampigkeit. Jeder muss für sich persönlich entscheiden, wo seine Grenzen zwischen Zufriedenheit und Unzufriedenheit verlaufen.

Sicher ist nur, dass derjenige, der sich in zu vielen Lebensbereichen Höchstleistungen abverlangt, schnell in eine Überforderungssituation kommt. In diesem Zustand lässt sich sowieso kein Blumentopf mehr gewinnen.

Stresstest

Manchmal ist der Versuch, etwas perfekt zu machen, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ich denke da zum Beispiel an die sorgfältig zusammengestellten Tagesabläufe in manchen Workshops. Da hat sich jemand viel Zeit genommen, um den Tag minutengenau zu takten. "15.15 Uhr bis 15.25 Uhr: Diskussion" steht dann zum Beispiel da. Kann gar nicht funktionieren, schon allein deshalb nicht, weil der ganze Zauber nicht wie geplant um 8.30 Uhr angefangen hat, sondern um 8.42 Uhr, da drei Teilnehmer den Raum nicht gefunden haben. Und schon ist die perfekte Planung für die Katz und sorgt für unnötigen Stress.

Dem Verlangen der Perfektion nicht nachzugeben, erfordert Mut.

insgesamt 25 Beiträge
air plane 16.10.2017
1.
Also, liebe Gehirnchirurgen, liebe Brückenstatiker: Macht mal halblang, auch mal fünfe gerade sein lassen!
Also, liebe Gehirnchirurgen, liebe Brückenstatiker: Macht mal halblang, auch mal fünfe gerade sein lassen!
timelock 16.10.2017
2. Perfekt formuliert.
Perfektion als endgültiger Zustand ist eh eine Illusion, die nirgendwo in der Natur vorkommt. Genau so wie totale Ordnung nicht existiert und Unordnung lediglich eine Ordnung ist, deren Systematik noch nicht entschlüsselt ist. [...]
Perfektion als endgültiger Zustand ist eh eine Illusion, die nirgendwo in der Natur vorkommt. Genau so wie totale Ordnung nicht existiert und Unordnung lediglich eine Ordnung ist, deren Systematik noch nicht entschlüsselt ist. In diesem Sinne eine perfekte Woche für den Meister aus der Sömmering.
Celegorm 16.10.2017
3.
Gerade bei solchen Berufen ist es fatal, wenn sich Leute nicht aufs Wesentliche konzentrieren können, sondern sich durch zwanghaften Ehrgeiz und Perfektionismus übernehmen. Ein Gehirnchirurg operiert lieber einen Patienten [...]
Zitat von air planeAlso, liebe Gehirnchirurgen, liebe Brückenstatiker: Macht mal halblang, auch mal fünfe gerade sein lassen!
Gerade bei solchen Berufen ist es fatal, wenn sich Leute nicht aufs Wesentliche konzentrieren können, sondern sich durch zwanghaften Ehrgeiz und Perfektionismus übernehmen. Ein Gehirnchirurg operiert lieber einen Patienten richtig als dass er sich für unersetzlich hält und gleich 10 pro Tag einplant. Und nebenbei den Assistenten und Pflegern noch erklärt, wie sie ihre Arbeit zu machen haben. Und auch der Brückenstatiker muss einfach die angeforderten Berechnungen richtig machen und nicht noch meinen, dass er nebenbei noch das schönste Brückengeländer der Welt entwerfen muss..
Newspeak 16.10.2017
4. ...
Perfektion wird schlechtgeredet. Es geht auch meistens gar nicht darum. Es geht darum, ob etwas richtig ist bzw. ordentlich gemacht wurde. In manchen Berufen spielt das keine Rolle, aber sagen sie mal einem Mathematiker, er soll [...]
Perfektion wird schlechtgeredet. Es geht auch meistens gar nicht darum. Es geht darum, ob etwas richtig ist bzw. ordentlich gemacht wurde. In manchen Berufen spielt das keine Rolle, aber sagen sie mal einem Mathematiker, er soll mal nicht so perfekt sein, bei seinen Beweisen. In der Industrie redet man sich damit heraus, dass etwas auch mit 80% Qualitaet schon verkauft werden kann. Und so ist es dann auch. Computerprogramme werden heute auf Kundenseite fehlergeprueft. Perfektes Outsourcing und man laesst es sich sogar noch bezahlen. Natuerlich gibt es Leute, die sich auf dem Weg zur Perfektion hemmungslos verzetteln. Es stimmt auch, dass die letzten 20% dann 80% der Zeit kosten. Aber es gibt auch jene, die schnell und effizient zu 99% kommen.
taste-of-ink 16.10.2017
5.
Also liebe(r) Air Plane, Botschaft des Artikels nicht verstanden. Der Autor weist ausdrücklich darauf hin, dass zwischen der Abkehr vom zwanghaften Perfektionismus (Präsentation in 10 Farben, obwohl das Ergebnis auch in [...]
Zitat von air planeAlso, liebe Gehirnchirurgen, liebe Brückenstatiker: Macht mal halblang, auch mal fünfe gerade sein lassen!
Also liebe(r) Air Plane, Botschaft des Artikels nicht verstanden. Der Autor weist ausdrücklich darauf hin, dass zwischen der Abkehr vom zwanghaften Perfektionismus (Präsentation in 10 Farben, obwohl das Ergebnis auch in schwarz-weiß präsentiert werden könnte) und allgemeiner Schludrigkeit (10 verschiedene Schriftarten in der Präsentation, weil man keine Lust hatte, dass aus Gründen der besseren Lesbarkeit am Ende klarzurücken) ein erheblicher Unterschied besteht. Anstatt die gestellten Anforderungen permament übertreffen zu wollen, sollte man sich darauf beschränken, diese zu erreichen. Um in Ihrem Beispiel zu bleiben: Der Gehirnchirurg muss nicht mehr und nicht weniger machen, als den Tumor zu entfernen; der Brückenbauingenieur nicht mehr und nicht weniger machen, als eine Brück zu planen, die für x Jahre dem Straßenverkehr statthält. Keiner von beiden muss die Gehirnmasse neu sortieren oder die Brücke mit Blattgold verkleiden.

Verwandte Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP