Schrift:
Ansicht Home:
KarriereSPIEGEL

Arbeitsplätze im Wandel

Große Räume, große Gedanken?

Die eigene Bedeutung an der Quadratmeterzahl des Büros festzumachen, galt lange als verpönt. Doch nun heißt es: Großraumbüros sind auch nicht die Lösung. Was tun als moderner Arbeitgeber?

Getty Images/Hero Images

Großraumbüro (Symbolbild)

Eine Kolumne von
Dienstag, 07.08.2018   12:56 Uhr

Als Britta Ankerson vor knapp drei Jahren den mittelständischen Maschinenbaubetrieb in der norddeutschen Provinz übernahm, tat sie dies mit einem festen Vorsatz: Sie würde sich nicht mit innenarchitektonischen Fragen aufhalten. Schreibtischauswahl, ergonomische Stühle, Farbgestaltung - nicht ihr Ding.

Zudem hieße es sonst nur wieder: "Typisch Frau - sorgt sich um das Design der Klingelschilder, während das Business den Bach runtergeht." Den Gefallen würde sie ihren Kritikern nicht tun.

Doch der Zeitgeist wollte es, dass innenarchitektonische Fragen jetzt auch Management-Fragen waren. Kreativität im Team, Kollaboration, knowledge-sharing - derlei Begriffe führte der Zeitgeist unermüdlich im Munde und ließ ihr keine Ruhe.

In Ankersons wohlsortierte Firmenwelt trat der Zeitgeist damals in Gestalt eines kongenialen Architekten aus der Großstadt. Er trug Plastikbrille, teure Sneakers und eine Menge englischer Vokabeln auf der Visitenkarte. Beziehungsweise in seiner job description bei LinkedIn, denn eine "Karte" (im Sinne von bedrucktem Papier) kam für einen Mann seines Formats und seiner Funktion selbstredend nicht infrage.

Der Zeitgeist-Architekt erzählte Ankerson gefühlte vier Stunden von neuer Führungskultur und neuen Formen der Zusammenarbeit, leading from behind und so. Kurz: Einzelbüros gehen gar nicht mehr. Stattdessen: großzügige Gestaltung, helle und lichte Räume, Großraum. Mit Arbeitsplätzen, die sich jeder Mitarbeiter morgens neu aussucht ("fördert das out of the box thinking") und contact areas, wo sich, wer im Großraum noch nicht genug kommuniziert hat, zum instant talk mit Kollegen treffen kann.

Mit den Wänden in den Büros sollen auch die Mauern in den Köpfen weichen

Unter normalen Umständen hätte Ankerson den Architekten freundlich ignoriert. Doch auch einige ihrer leitenden Angestellten hatten neulich eine "neue Führungskultur" gefordert; und nur wenige Tage vorher hatte sie in ihrem Lieblings-Wirtschaftsmagazin einen Artikel über die Zusammenarbeitskultur im Silicon Valley gelesen, wo Großraumbüros als das Ding der Stunde angepriesen wurden: Mit den Wänden in den Büros sollten auch die Mauern in den Köpfen weichen. Wenn alle mit allen reden, mache das zwangsläufig kreativer.

Also hatte Ankerson nicht nur zugehört, sondern auch einen nicht unerheblichen Betrag in den Umbau der Einzel- in ein schickes, lichtes, helles, kommunikationsförderndes Großraumbüro investiert. Alles schien in Ordnung. Bis Ankerson, kaum ein halbes Jahr nach Abschluss der Umbaumaßnahmen, erneut über einen Artikel in ihrem Lieblingswirtschaftsmagazin stolperte.

Darin wurde über eine Studie der Harvard University berichtet, Titel "Der Einfluss des 'offenen Arbeitsplatzes' auf die menschliche Zusammenarbeit". Beunruhigendes Ergebnis: Großraumbüros führen nicht zu mehr, sondern zu deutlich weniger Kommunikation. Nach dem Wechsel von Einzel- in Großraumbüros, fanden die Wissenschaftler heraus, reduzierten sich die direkten Gespräche um rund 70 Prozent. Gleichzeitig stieg die Kommunikation über E-Mail und Messenger-Dienste rasant an. In den kleineren Büros sprachen die Mitarbeiter durchschnittlich 5,8 Stunden am Tag direkt miteinander - nach dem Umzug in den Großraum nur noch 1,7 Stunden. Angestellte, erklärten die Experten, entwickelten neue Strategien, um sich Privatheit zu schaffen - der Großraum hatte eine Art Abwehrreflex ausgelöst.

Anzeige
Klaus Werle:
Ziemlich beste Feinde

Absurdes aus der Arbeitswelt

Ullstein Taschenbuch; 240 Seiten; 8,99 Euro

Super, dachte Ankerson bitter und kämpfte gegen den Reflex an, wutentbrannt zum Telefon zu greifen und den Zeitgeist in Sneakers und Plastikbrille gehörig zusammenzufalten. Das wäre zwar menschlich und zudem auch eine schöne Form direkter Kommunikation - doch würde es sie auch als eine unbedarfte Management-Novizin dastehen lassen, die jeder Führungsmethode hinterherläuft, ohne selbst eine überzeugende Strategie zu haben.

Stattdessen entwickelte Ankerson eine andere Taktik. Glücklicherweise hatten ihre Leute trotz Umbau-Durcheinander in den vergangenen drei Jahren sehr ordentlich gearbeitet. Die Firma stand prächtig da und war stark gewachsen. Mitarbeiter waren in Scharen eingestellt worden und brauchten Platz. Schon länger war daher ein Anbau in Vorbereitung.

Ankerson schnappte sich den Bauplan und machte mit einigen akkuraten Strichen aus dem angedachten Großraum-Anbau eine erkleckliche Reihe zauberhafter Einzelbüros. "Old style", wie der Architekt gesagt hätte, mit abschließbaren Türen, eigenen Schreibtischen für die Mitarbeiter und Kaffeeküche - aka meeting area.

Auch für die Frage, was aus dem frisch umgebauten Großraumbüro werden sollte, hat Ankerson eine Lösung: Eine Hälfte wird zum Konferenzraum - ein florierendes Unternehmen braucht schließlich repräsentative Räume, um die zahlreichen Kunden angemessen zu empfangen.

Die andere Hälfte wird Ankersons neues Büro. Licht, hell, offen - und ziemlich groß. Vielleicht einen Tick überdimensioniert für die Geschäftsführerin eines mittelständischen Betriebs - aber gutes Management braucht halt große Symbole. An einer Sache zumindest lässt ihr neues Büro keinen Zweifel mehr aufkommen: Führung ist eben immer auch eine Frage der Innenarchitektur.

insgesamt 47 Beiträge
streckengeher 07.08.2018
1. Was ist nun die Quintessenz?
Doch wieder lauter Einzelbüros bauen? Ist das euer Ernst?
Doch wieder lauter Einzelbüros bauen? Ist das euer Ernst?
MannAusmNorden 07.08.2018
2. Kann ich nur bestätigen
Ich arbeite seit 8 Jahren in einem Großraumbüro. Lange waren wir nur "unter uns" also nur Konstruktion in einem Raum (abgetrennt zum Projektmanagement mit einer dicken Schrankwand). Im Zuge des papierlosen Büros [...]
Ich arbeite seit 8 Jahren in einem Großraumbüro. Lange waren wir nur "unter uns" also nur Konstruktion in einem Raum (abgetrennt zum Projektmanagement mit einer dicken Schrankwand). Im Zuge des papierlosen Büros wurden aber auch die Schränke immer kleiner. Es drang mehr Lärm der Nachbarabteilung mit rein. Dann zogen, wegen Reduzierung der Parsonalstärke, auch noch "fremde" Abteilungen bei uns ein. Also hatten wir immer irgendwelche Telefonate im Ohr, die oft auch einfach nur noch genervt haben. Ich bin dann für ein paar Tage (wegen engerer Zusammenarbeit mit einem Lieferanten) in einem Einzelbüro gewesen: Selten war das Arbeiten derart effizient wie in diesen Tagen! Fazit: Großraumbüros sind vielleicht in kreativ arbeitenden Firmen (Mode, Marketing, etc.) hilfreich. Im Bereich Ingenieurwesen ist es aber absolut nicht zu gebrauchen. Dort ist konzentriertes Arbeiten viel hilfreicher, und das schafft man nur in kleinen Büros, in denen man sich auch mal 2 Stunden ungestört unterhalten kann.
Sibylle1969 07.08.2018
3. Let’s face it
Es geht beim Großraumbüro NIE primär um bessere Kommunikation, sondern immer zuerst um Kosteneinsparungen. Quadratmeter Bürofläche pro Mitarbeiter, diese Kennzahl ist bei Großraumbüros nun mal niedriger. Den Mitarbeitern [...]
Es geht beim Großraumbüro NIE primär um bessere Kommunikation, sondern immer zuerst um Kosteneinsparungen. Quadratmeter Bürofläche pro Mitarbeiter, diese Kennzahl ist bei Großraumbüros nun mal niedriger. Den Mitarbeitern wird das halt anders verkauft. Ein paar Loungemöbel, ein Kicker o.ä. sollen dann von der eigentlichen Intention ablenken. Das größte Problem im Großraumbüro ist und bleibt die Geräuschkulisse. Ständig telefonierende Kollegen sind das schlimmste Übel. Für geräuschempfindliche Personen ist Großraumbüro der Horror. Hochkonzentriertes Arbeiten Fehlanzeige. Schönen Gruß aus dem Home Office (Einzelbüro, 10 qm nur für mich). Ich hab aber auch mehrere Jahre Großraumbüro-Erfahrung.
hegoat 07.08.2018
4.
Einzelbüro oder Großraumbüro - weder das eine noch das andere ist das Nonplusultra. Es hängt doch immer von der Aufgabe ab. Muss man stark und direkt kommunikativ im Team arbeiten, bietet sich das Großraumbüro an; bei allen [...]
Einzelbüro oder Großraumbüro - weder das eine noch das andere ist das Nonplusultra. Es hängt doch immer von der Aufgabe ab. Muss man stark und direkt kommunikativ im Team arbeiten, bietet sich das Großraumbüro an; bei allen anderen Tätigkeiten ist aber das Einzelbüro sinnvoller. Telefonieren, vertrauliche Gespräche, konzentriert arbeiten, in Ruhe was aufschreiben... DAS sind die Standardtätigkeiten im Büroalltag. Da kann ein noch so hipper Sneaker-Träger kommen und versuchen, mich zu überzeugen, dass es viel produktiver sei, wenn ich ne komplizierte Excel-Tabelle bearbeite während der Kollege rechts von mir mit nem schwerhörigen Kunden telefoniert und der Kollege links gerade die Quartalsstrategie mit dem Kollegen hinter mir bespricht.
dasfred 07.08.2018
5. 5,8 Stunden Kommunikation
Das kannte ich früher nur aus Behörden, in denen die Mitarbeiter während der Öffnungszeiten nie im eigenen Büro anzutreffen waren. Grossraum Büros funktionieren nur, wenn jeder ausreichend Platz hat und der Lärmpegel [...]
Das kannte ich früher nur aus Behörden, in denen die Mitarbeiter während der Öffnungszeiten nie im eigenen Büro anzutreffen waren. Grossraum Büros funktionieren nur, wenn jeder ausreichend Platz hat und der Lärmpegel niedrig bleibt. Es gibt schon Konzepte, da hat jeder seinen Container und überlegt morgens ob er sich lieber in ein Einzelbüro zurückziehen oder mitten rein setzen soll. Die Schreibtische werden dann in der Reihenfolge des Eintreffens ausgesucht.

Verwandte Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP