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Hamburg

Warum ein Hotelier freiwillig die Gehälter seiner Azubis verdoppelt

730 Euro im Monat bekamen die Azubis von Marco Nussbaum bislang im ersten Lehrjahr. Nun fiel dem Hotelier auf: Davon kann man in Hamburg kaum leben. Hier erzählt er, welche Konsequenzen er daraus zieht.

Getty Images/PhotoAlto

Auszubildende im Hotel

Ein Interview von manager-magazin.de-Redakteurin
Samstag, 01.09.2018   20:52 Uhr

Zur Person

manager-magazin.de: Herr Nussbaum, Sie verdoppeln freiwillig zum 1. September die Gehälter Ihrer Auszubildenden. Warum?

Nussbaum: Es kann nicht sein, dass die Hotellerie ein Rekordjahr nach dem anderen meldet und die Immobilien immer höher bewertet werden - aber bei den Leuten, die in den Hotels arbeiten, nichts davon ankommt. Unsere Azubis machen einen super Job. Aber in Hamburg könnten die sich vom Tarifgehalt kein WG-Zimmer leisten. Und dann werden die Anfahrtswege lang. Unsere Leute sollen in Ruhe arbeiten können und sich nicht jeden Monat fragen müssen, wie sie es überhaupt über die Runden schaffen. Die Atmosphäre im Hotel kann nicht gut sein, wenn die Menschen ständig körperlich und mental erschöpft sind.

manager-magazin.de: Was verdienen denn Hotelfachleute in Ausbildung?

Nussbaum: Bei uns bisher im ersten Lehrjahr 730 Euro, im zweiten 815, im dritten 975. Wir erhöhen das im ersten Lehrjahr auf 1460, im zweiten auf 1630 Euro und deckeln das im dritten Lehrjahr dann auf 1650 Euro. Unabhängig von den Tarifverträgen. Wir haben sieben Auszubildende, die wir auch alle übernehmen wollen.

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manager-magazin.de: Sie sind ja auch im Vorstand des Hotelverbands IHA und beim Gaststättenverband Dehoga aktiv. Wie reagieren denn die Kollegen auf Ihren Vorstoß?

Nussbaum: Bisher halten die sich eher bedeckt. Allerdings gibt es gerade bei familiengeführten Häusern auch etliche andere Unternehmer, die schon jetzt dafür sorgen, dass die Azubis von ihren Gehältern auch leben können. Es ist halt eine Mischkalkulation. In der Hotellerie gibt es vier große Kostentreiber: Mieten, Mietnebenkosten, Personalkosten und Distributionskosten - darunter fallen vor allem die Margen für Buchungsportale wie booking.com oder Expedia, von denen viele Hotels abhängig sind. Wir versuchen, unsere Direktbuchungsquote weiter zu erhöhen und bei den Mieten gut zu verhandeln, statt auf dem Rücken unserer Leute die Ausgaben zu deckeln. Wertschätzender Umgang ist auch Wertschöpfung - trotz Digitalisierung sind wir ja immer noch ein "People's Business".

manager-magazin.de: Viele Hoteliers beklagen den Fachkräftemangel. Was läuft falsch in der Branche?

Nussbaum: Wir haben eigentlich gar kein Fachkräfteproblem in der Branche, sondern ein massives Führungsproblem. Es gibt alte Strukturen, verkrustete Hierarchien, Mechanismen von gestern und vorgestern, die Freude an der Arbeit nehmen. Motivierte Menschen finden oftmals ein mehr als demotivierendes Arbeitsumfeld vor. Wir brauchen Führungskräfte, die bereit sind, ihre Komfortzone zu verlassen und die sich schnell in neue Themen einarbeiten können. Mentale Agilität wird zu einer Kernkompetenz. Dazu wird viel zu wenig publik gemacht, wie toll diese Branche sein kann, wenn die Führungskonzepte gut sind! Als junger Mensch haben Sie außergewöhnliche Möglichkeiten, Sie können unter anderem zu vergünstigten Mitarbeiterpreisen reisen und in der ganzen Welt arbeiten. Die Wirklichkeit ist viel besser als das oft von einigen schwarzen Schafen geprägte Image.

insgesamt 54 Beiträge
cuisinier81 01.09.2018
1. Wow!!!
Respekt!!! Herr Nussbaum!!! Die Gastronomie/Hotellerie ist wirklich eine genial Branche, die mir in der Karriere immer Spaß bereitet hat und viel Freude, trotz Ihre "Nachteile", hat das immer überwogen... Nur [...]
Respekt!!! Herr Nussbaum!!! Die Gastronomie/Hotellerie ist wirklich eine genial Branche, die mir in der Karriere immer Spaß bereitet hat und viel Freude, trotz Ihre "Nachteile", hat das immer überwogen... Nur spätestens, wenn man eine Familie gründen will, dann geht einem das Geld aus... Schade, das nicht mehr wie Sie denken!!!
hausierer 01.09.2018
2. Das funktioniert leider nur in Großstädten.....
mal eben so das Azubi Gehalt verdoppeln kann sich nur derjenige leisten dessen permanenter Profit auf höchstem Niveau angesiedelt ist....Die Kleinbetriebe können da nicht mithalten...wie in anderen Bereichen eben auch...Die [...]
mal eben so das Azubi Gehalt verdoppeln kann sich nur derjenige leisten dessen permanenter Profit auf höchstem Niveau angesiedelt ist....Die Kleinbetriebe können da nicht mithalten...wie in anderen Bereichen eben auch...Die Großen schöpfen den Rahm ab, die Kleinen gehen kaputt....auch im Handwerk....Auf die Idee , die Lohnnebenkosten zu reduzieren, damit die Angestellten mehr Netto vom Brutto haben, will sich kein Politiker einlassen...Man wundere sich bitte nicht, wenn es somit in den ländlichen Gebieten in Zukunft kaum noch qualitativ hochwertige Gastronomie mehr geben wird....aber dafür kann man dann bei Aldi und Co lecker essen...ist ja auch nicht schlecht....besser wäre es , wenn der Begriff " Arbeit " gesellschaftlich wieder einen höheren Stellenwert bekommt und wenn man den Jugendlichen wieder vermitteln würde, das " Wochenendarbeit " nichts unanständiges ist, ...schließlich will man ja im Krankenhaus auch an den Wochenenden gut betreut werden....es können eben nicht alle Superstars werden oder reiche Männer heiraten...
meinerseiner 01.09.2018
3. Bravo endlich mal einer der es Verstanden hat.
Nur weiter so!!!!!!!!! Ich als Fachkraft mit Erfahrung habe auch ein Problem den Job zu Wechsel. Ich bin Über qualifiziert !!!! das bedeutet das meine neuen Vorgesetzten keine Ahnung haben und Angst haben das ich ihnen den Job [...]
Nur weiter so!!!!!!!!! Ich als Fachkraft mit Erfahrung habe auch ein Problem den Job zu Wechsel. Ich bin Über qualifiziert !!!! das bedeutet das meine neuen Vorgesetzten keine Ahnung haben und Angst haben das ich ihnen den Job streitig mache. In Umkehrschluss heißt das nur noch Vollpfosten in Führungspositionen sitzen. Das Problem ist wirklich berechtigt da ich ihnen ihre Fehler aufzeigen kann.
spon-41d-frm9 01.09.2018
4. großartig!!!!
wenn einer anfängt könnte dass Schule machen. Vielleicht kommen auch mal Investoren von Wohnbauten dahinter, dass Menschen auch leben sollten, und nicht nur Miete zahlen.
wenn einer anfängt könnte dass Schule machen. Vielleicht kommen auch mal Investoren von Wohnbauten dahinter, dass Menschen auch leben sollten, und nicht nur Miete zahlen.
flying_elephant 01.09.2018
5. Vergütung
Das ist eine Vergütung. Kein Gehalt. Die Vergütung orientiert sich an einer online einsehbaren und innerhalb der Bundesländer festgelegten Richtlinie. Von einer Vergütung soll man nicht leben sondern Sie stellt eine gewisse [...]
Das ist eine Vergütung. Kein Gehalt. Die Vergütung orientiert sich an einer online einsehbaren und innerhalb der Bundesländer festgelegten Richtlinie. Von einer Vergütung soll man nicht leben sondern Sie stellt eine gewisse Aufwandsentschädigung da. Soweit der offizielle Teil, als ehemaliger Azubi hätte ich gerne von meiner Vergütung leben können. Das häufigste Argument ist natürlich was ein Azubi leistet, aber (zumindest bei mir) arbeitete man weitestgehenst selbständig und wie ein normaler Angestellter, wobei nebenbei natürlich verschiedene Handlanger Tätigkeiten miterledigt werden müssen.

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