Schrift:
Ansicht Home:
KarriereSPIEGEL

Rat vom Karrierecoach

Kann ich mir mit 48 Jahren noch einen Jobwechsel erlauben?

Die Filialleiterin einer Bank würde gern ihren Arbeitgeber wechseln, aber sie zögert: Macht das überhaupt noch Sinn, nach so vielen Jahren? Karriereberater Matthias Martens hat eine klare Antwort.

DPA

Mitarbeiter einer Bank (Archivfoto)

Donnerstag, 12.07.2018   08:24 Uhr
Dorothee, 48 Jahre, fragt:

"Ich arbeite seit 14 Jahren als Bankkaufrau. Vor fünf Jahren wurde ich befördert und leite seither eine Bankfiliale. Kunden und Mitarbeiter mögen mich sehr. Doch nach einigen Wechseln in der Leitung unseres Hauses stehe ich nicht mehr voll hinter der Geschäftspolitik. Daher überlege ich, die Bank zu verlassen. Allerdings rechne ich mir in meinem Alter keine guten Chancen am Arbeitsmarkt aus. In einer Familie mit zwei Kindern brauchen wir mein Einkommen unbedingt. Kann ich mit 48 noch das Wagnis eines Jobwechsels eingehen oder ist es dafür zu spät?"

Zum Autor

Hallo Dorothee,

bei vielen Menschen tritt nach einigen Jahren in derselben Aufgabe durch die Routine eine gewisse Müdigkeit und Langeweile ein. Das ist eine normale Entwicklung, und vielleicht erleben Sie das auch gerade.

In jedem Job durchläuft man einen bestimmten Zyklus von fünf bis sieben Jahren. Der Einstieg und die erste Orientierung sind meistens von Freude und Euphorie begleitet. Nach spätestens einem Jahr ist man angekommen und entfaltet immer mehr Wirksamkeit. Die eigene Leistung steigt, und man erntet Erfolge. Das ging Ihnen vermutlich auch so.

Doch nach drei, vier, vielleicht fünf Jahren spüren Sie, dass Sie Ihren Zenit überschritten haben. Ihre Lernkurve nimmt ab. Weitere Erfolge lassen auf sich warten und müssen hart erarbeitet werden. Konflikte nehmen zu. Initiativen bleiben stecken, Sie müssen Kritik einstecken. Dann ist es an der Zeit, den Wechsel in Ruhe vorzubereiten, sonst endet der beginnende Niedergang irgendwann im Drama. Diesem Punkt nähern Sie sich offenbar.

Wollen Sie das noch 15 Jahre lang machen?

Kommen Sie dieser Entwicklung also zuvor und entscheiden Sie selbst, wann es Zeit ist, zu gehen. Sicherheitsaspekte sind für Sie offensichtlich wichtig. Aber vielleicht hilft Ihnen ein Perspektivwechsel: Vermutlich wollen Sie noch 15 oder mehr Jahre arbeiten. Was denken Sie, wie wahrscheinlich ist es, dass Sie die gesamte Zeit bei Ihrem derzeitigen Arbeitgeber bleiben werden und dort in Rente gehen? Und wie attraktiv erscheint Ihnen diese Perspektive?

Vielleicht ist es also nötig, jetzt ein kalkuliertes Risiko einzugehen. Zu mir kommen viele Führungskräfte in die Beratung, die den rechtzeitigen Absprung verpasst haben und dann irgendwann im Unternehmen keine Perspektive mehr finden. In so einer Situation ist ein Jobwechsel viel schwieriger.

Für Sie ist es noch nicht zu spät - und jetzt können Sie die Regeln des Wechsels selbst bestimmen. Und selbstverständlich sind Sie für andere Arbeitgeber attraktiv. Durch einen Wechsel zeigen Sie Ihre Flexibilität und Agilität. Bleibt man zu lang in derselben Aufgabe, folgern zukünftige Arbeitgeber, man sei unbeweglich und bequem.

Eine Hürde für einen Jobwechsel ist die Gehaltsvorstellung. Man erwirbt im Laufe der Betriebszugehörigkeit immer wieder Gehaltszuwächse, die auf sehr spezifischen Erfahrungen und Kenntnissen beruhen. Für einen neuen Arbeitgeber müssen diese jedoch nicht genauso wertvoll sein, das sollten Sie mit einkalkulieren. Ein kleiner Verzicht ist kurzfristig sicher schmerzhaft. Wie viel Sie da verkraften können, müssen Sie selbst einschätzen, langfristig eröffnet Ihnen dieser Verzicht sicher neue Chancen.

Wechsel in aller Ruhe vorbereiten

Wenn Sie jetzt den Wechsel vorbereiten, können Sie in aller Ruhe vorgehen. Pflegen Sie Ihre beruflichen Kontakte in alle Richtungen: zu Kunden und Geschäftspartnern, Headhuntern mit Branchenbezug und zu Berufsverbänden.

Viele Banken und Sparkassen dünnen ihr Filialnetz aus und schließen Standorte, aber vielleicht könnten Sie auch in einer anderen Branche arbeiten, in der Ihre Erfahrungen und Fähigkeiten zukünftig gefragt sein werden?

Haben Sie Geduld bei der Suche des für Sie richtigen neuen Arbeitgebers. Vielleicht nutzen Sie die Zeit bis zu dem Wechsel auch, um sich mit einer Fortbildung in einem zukunftsweisenden Thema auf den aktuellen Stand zu bringen. Nur Mut!

insgesamt 33 Beiträge
stoffi 12.07.2018
1. Ich war schon
über 50, als noch mal ganz was anderes anfing. Inzwischen bin ich über 60 und habe es nicht bereut. Es muss was sein, das einem am Herzen liegt.
über 50, als noch mal ganz was anderes anfing. Inzwischen bin ich über 60 und habe es nicht bereut. Es muss was sein, das einem am Herzen liegt.
Leser161 12.07.2018
2. Zeitbombe
Unabhängig der Gerechtigkeitsthematik möchte ich auf Folgendes hinweisen: Einen grossen Teil ihrer Stabilität gewinnen die grossen gemässigten Parteien daraus, dass viele ältere Leute sie wählen weil sie das schon immer [...]
Unabhängig der Gerechtigkeitsthematik möchte ich auf Folgendes hinweisen: Einen grossen Teil ihrer Stabilität gewinnen die grossen gemässigten Parteien daraus, dass viele ältere Leute sie wählen weil sie das schon immer so gemacht haben (No offense, Stabilität ist definitiv ein positiver Wert). Die Frage ist nur ob sich das so fortsetzen wird, wenn die neue Generation der alten Menschen eine arme unzufriedene Generation wird, oder ob die dann doch zu Wählern der Radikalen werden.
jamon 12.07.2018
3. macht sinn/hat sinn?
"macht sinn"? dazu sende ich euch einen SPON artikel. http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/zwiebelfisch-stop-making-sense-a-261738.html
"macht sinn"? dazu sende ich euch einen SPON artikel. http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/zwiebelfisch-stop-making-sense-a-261738.html
zwischendurch27 12.07.2018
4. Und normale Angestellte?
Für Führungskräfte ist es ja noch vergleichsweise einfach, sich um einen neuen Job zu bemühen. Warum behandeln Sie hier eine kleine Elitegruppe? Für einen Facharbeiter, der vielleicht sehr spezifische Kenntnisse für die [...]
Für Führungskräfte ist es ja noch vergleichsweise einfach, sich um einen neuen Job zu bemühen. Warum behandeln Sie hier eine kleine Elitegruppe? Für einen Facharbeiter, der vielleicht sehr spezifische Kenntnisse für die spezielle Firma aufgebaut hat ist das viel schwieriger. Haben sie da auch Ratschläge?
diebewerterin 12.07.2018
5.
Der Text von Herrn Martens ist sehr allgemein. Vor allem redet er von anderen Dingen als die betroffene Person. Auf ihr Problem, dass sie nicht mehr hinter der Geschäftspolitik steht geht er nicht ein.
Der Text von Herrn Martens ist sehr allgemein. Vor allem redet er von anderen Dingen als die betroffene Person. Auf ihr Problem, dass sie nicht mehr hinter der Geschäftspolitik steht geht er nicht ein.

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP