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Aktuelle Studie

Sozialarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe sind überlastet

Fast 13.400 Sozialarbeiter gibt es an deutschen Jugendämtern. Sie haben zu viele Fälle, zu wenig Zeit und sind nur mangelhaft ausgestattet - das zeigt eine neue Studie.

DPA

Eingang zum Jugendamt (Archiv)

Von
Montag, 14.05.2018   13:59 Uhr

Wer in der Jugendhilfe arbeiten möchte, braucht Leidensfähigkeit - und das nicht nur bei den Fällen von Kindeswohlgefährdung. Auch im Hinblick auf die eigenen Arbeitsbedingungen müssen die Mitarbeiter in Jugendämtern einiges einstecken können. Das zeigt eine neue Studie, die am Montag in Berlin vorgestellt wurde.

Im Auftrag der Deutschen Kinderhilfe haben drei Wissenschaftlerinnen der Hochschule Koblenz die Arbeitsbedingungen von Fachkräften des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) in Jugendämtern in ganz Deutschland untersucht. Sie stießen dabei auf so viele Mängel, dass sie zu einem fast schon fatalistischen Schluss kommen: "Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die derzeitigen strukturellen Rahmenbedingungen im System der Kinder- und Jugendhilfe eine professionelle sozialpädagogische Arbeit behindern."

Die wichtigsten Ergebnisse:

Details zur Erhebung

Welche Daten wurden ausgewertet?
Den Teilnehmern der Studie wurde ein umfangreicher Fragebogen mit 120 Variablen vorgelegt, in dem nach den konkreten Arbeitsbedingungen, der materiellen Ausstattung und eigenen Erfahrungen gefragt wurde. Zusätzlich gab es weitere qualitative Interviews.
Ist die Befragung repräsentativ?
Nur bedingt. Für die Studie wurden rund 4,9 Prozent der Mitarbeiter im Allgemeinen Sozialen Dienst in deutschen Jugendämtern befragt, insgesamt 652 Mitarbeiter aus 175 Ämtern. Dabei wurden alle Bundesländer in etwa im Umfang ihrer Bedeutung berücksichtigt (Streuung von -5,5 bis +4 Prozent in Bezug zum Gesamtanteil an den Jugendämtern).
Wie wurden die Daten erhoben?
Die Daten wurden in drei Befragungswellen zwischen März und August 2017 per Fragebogen erhoben. Darüber hinaus gab es vertiefende Leitfadeninterviews mit zwölf Sozialarbeitern aus unterschiedlichen Bundesländern.
Wer hat die Studie erstellt?
Auftraggeber der Studie ist die Deutsche Kinderhilfe. Durchgeführt wurde sie von Kathinka Beckmann, Thora Elting und Sophie Klaes vom Fachbereich des Sozialwesens an der Hochschule Koblenz.

Rainer Becker, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe, warnt vor einer strukturellen Überlastung der amtlichen Kinder- und Jugendhilfe. Die Arbeitsbelastung der Mitarbeiter sei zu hoch, auch fehle es in den Behörden oft an geeigneten Räumlichkeiten etwa für vertrauliche Gespräche, sagte Becker. Finanzielle Engpässe dürften nicht dazu führen, dass Kinderschutz und Jugendhilfe auf Kosten von Spardiktaten vernachlässigt werden.

Andere Sozialarbeiter hatten außerdem über fehlende Diensthandys oder Fahrzeuge geklagt, sodass sie im Falle einer akuten Kindeswohlgefährdung nicht immer sofort reagieren können.

Reportage aus dem Jugendamt Braunschweig: Wenn der Enkel auf die Oma losgeht

Foto: SPIEGEL TV

Mit Material von AFP

insgesamt 20 Beiträge
u30 14.05.2018
1. Kein Wunder
Eine Freundin von mir hatte sich als Mitarbeiterin im Jugendamt versucht. Großstadt, Brennpunkt, teils sehr belastende Fälle. Für sie eine Herausforderung, die sie gern und leidenschaftlich annahm - da kann man was bewirken. [...]
Eine Freundin von mir hatte sich als Mitarbeiterin im Jugendamt versucht. Großstadt, Brennpunkt, teils sehr belastende Fälle. Für sie eine Herausforderung, die sie gern und leidenschaftlich annahm - da kann man was bewirken. Dann die Ernüchterung: Befristeter Vertrag, nach Einstellung in der Gehaltsstufe runtergestuft, weil sie ja "nur" Pädagogik auf Diplom und nicht Sozialpädagogik studiert hatte, Verlängerunsgespräche von der Personalabteilung immer hinausgezögert. Warum man immer noch glaubt die Gutmütigkeit der Menschen ausnutzen zu können und sie nicht anständig zu bezahlen müssen nur weil sie - im besten und schlimmsten Fall - Kinderleben retten erschliesst sich mir nicht.
dasfred 14.05.2018
2. Selbst 35 Fälle sind zuviel
Das heißt, sich um 35 Fälle unterschiedlichster Konstellation zu kümmern. Hier müssen in jedem Fall alle Beteiligten einzeln in den Blick genommen werden. Nichts wiederholt sich, nichts ist vergleichbar, auch wenn es den [...]
Das heißt, sich um 35 Fälle unterschiedlichster Konstellation zu kümmern. Hier müssen in jedem Fall alle Beteiligten einzeln in den Blick genommen werden. Nichts wiederholt sich, nichts ist vergleichbar, auch wenn es den Anschein hat. Damit sind viele Sozialarbeiter überfordert. Dazu kommt die Kontrolle der Familienhelfer, die mit ihren Berichten auch eher ihre eigene Leistung in den Vordergrund stellen. Woimmer das Kindeswohl gefährdet scheint, ist zeitintensive Arbeit nötig, die von der Gesellschaft auch finanziert werden muss. Die Folgeschäden können damit extrem zurückgehen.
spon-facebook-10000053331 14.05.2018
3. Nicht zu vergessen die Kollegen ...
...die im Rahmen eines "Sozialraumprojektes" Teamterror, Hinte-/Lüttringhausindoktrinationen, Controlling-,Teambuilding-,Training-on the job- und was weiß ich noch- Workshops zudem Leitungssperenzchen und [...]
...die im Rahmen eines "Sozialraumprojektes" Teamterror, Hinte-/Lüttringhausindoktrinationen, Controlling-,Teambuilding-,Training-on the job- und was weiß ich noch- Workshops zudem Leitungssperenzchen und Budgetalarmen ausgesetzt sind und neben einem Besprechungsirrsinn und Dokumentationswahn auch noch akademische Zielfindungsdiskussionen mit Betroffenen und Hilfeträgern ausfechten sollen statt ... zu helfen.
genugistgenug 14.05.2018
4. Schnelle Eingreiftruppe "SEK Jugendamt"?
Bereits diese Klage zeigt die Inkompetenz: ....Andere Sozialarbeiter hatten außerdem über fehlende Diensthandys oder Fahrzeuge geklagt, so dass sie im Falle einer akuten Kindeswohlgefährdung nicht immer sofort reagieren [...]
Bereits diese Klage zeigt die Inkompetenz: ....Andere Sozialarbeiter hatten außerdem über fehlende Diensthandys oder Fahrzeuge geklagt, so dass sie im Falle einer akuten Kindeswohlgefährdung nicht immer sofort reagieren können...... Denn wenn so was notwendig ist, hat man es zu besorgen. Sicher können die Mitarbeiter das auch mit Anträgen, Remonstrationen und Einschaltung (Personal/Betriebsrat) belegen. Wenn die Arbeitsleistung dadurch nicht erbracht werden kann, dann sind auch Anzeigen fällig. Wir gehen allerdings nur vom üblichen Gemaule aus. Oder scheitert die Rettung eines Kindes tatsächlich an einem fehlenden Dienstwagen*? Nehmen die nicht die Polizei zu so einem Einsatz mit oder bildet das Jugendamt eigene SEK aus und stürmt dann auch Wohnungen? Wer die Arbeitsweise der Jugendämter verfolgt, z.B. Alessio 3 Jahre, tot geprügelt oder der zum Missbrauch vermietete 9-jährige (beide unter Obhut der Behörde), usw. den packt sowieso das kalte Grausen. Bei Alessio wurde noch großspurig von "alles ordnungsgemäß bearbeitet, usw." im Fernsehen geredet und dann EIN Sachbearbeiter zu Strafbefehl mit 90 Tagessätzen verdonnert - wenn aber das Mehraugenprinzip eingehalten wurde, dann hätten auch noch andere Personen einen Strafbefehl bekommen müssen, plus Vorgesetzte! Es stellt sich auch die Frage, wie die Mitarbeiter entscheiden - vor allem wenn es um (Zwangs)Pflegestellen geht und das entsprechende Geld dazu - wie auch bei Gutachten, die oft "frei Schnauze" erstellt werden, doch trotz unwissenschaftlicher Erstellung als Basis herhalten.. Doch egal was noch alles passiert, es gilt die alte Bürokratetenregel "wir bemühen uns....." *Dienstwagen - wir haben hier zwei Fälle bei denen die Dienstwagen auch zur Heimfahrt genutzt werden - bei Rückfragen erscheint plötzlich ein Termin auf der Strecke, natürlich nur im handschriftlichen Kalender. Doch Rückfragen gibt es nicht mehr, seit die Personen aufgestiegen sind und selbst den Fahrzeugpool kontrollieren. Diensthandy muss sein, dann geht man nicht mehr versehentlich ran, wenn das Amt klingelt.
wookie13 14.05.2018
5. Schön...
..., dass das mal thematisiert wird. Das beschränkt sich ja leider auch nicht nur auf die Regionalen Sozialen Dienste der Jugendämter, sondern auf den gesamten Kinder- und Jugendhilfebereich. Hier, genauso wie in Pflege- und [...]
..., dass das mal thematisiert wird. Das beschränkt sich ja leider auch nicht nur auf die Regionalen Sozialen Dienste der Jugendämter, sondern auf den gesamten Kinder- und Jugendhilfebereich. Hier, genauso wie in Pflege- und Gesundheitsberufen, wird offensichtlich erwartet, dass die Mitarbeitenden aus Überzeugung und Engagement sich selbst ausbeuten. Und tatsächlich lief das auch jahr-(zehnt)-gelang so. Ich hab Kolleg*innen die auf 40h-Stellen eher 80h/Woche gearbeitet haben. Und genau so jegliche Auswirkungen von Kürzungen verschleiert. Die Geldgeber und Geschäftsführungen wundern sich nun über den Fachkräftemangel und den ?Mangel an Engagement? der jungen Kolleg*innen. Die Fluktuation im sozialen Bereich ist ein deutliches Zeichen, dass sich etwas ändern müsste. Ich hab allerdings meine Zweifel, dass das in absehbarer Zeit passieren wird. Schließlich gibt es da keine messbare Wertschöpfung und, (wage ich es zu schreiben?), es handelt sich um klassische Frauenberufe... Die Begleitung und Unterstützung hilfsbedürftiger Menschen ist eben nicht viel Wert - traurig, aber wahr.

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