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KarriereSPIEGEL

Mein Leben als Karnevalsprinz

"Es war wie im Traum"

Seine Amtszeit kostete ihn so viel wie ein Sportwagen und er brauchte Hilfe beim Toilettengang: Ein Karnevalsprinz erzählt, warum seine Regentschaft trotzdem die schönste Zeit seines Lebens war.

DPA

Kamelle werfen beim Straßenkarneval

Aufgezeichnet von Sarah Wiedenhöft
Donnerstag, 08.02.2018   07:20 Uhr
Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

Den Festzug am Rosenmontag erlebte ich wie im Rausch: Auf dem allerletzten Wagen zu stehen, der Höhepunkt dieses Umzugs zu sein. Die Zuschauer am Straßenrand riefen meinen Namen, klatschten und feierten. Es war wie im Traum.

Mit dem Amt des Karnevalsprinzen habe ich mir einen Kindheitswunsch erfüllt. Mit meinen Eltern stand ich als Junge am Straßenrand, fing Bonbons und bewunderte die schönen Kostüme. Als ich sieben war, gingen wir nach dem Umzug zum Prinzenwagen. Der hintere Teil war geöffnet und ich konnte sehen, wie groß er drinnen war. Und plötzlich wusste ich: Eines Tages will ich auch Karnevalsprinz sein.

Mit 18 trat ich in einen Karnevalsverein ein. Mit 49 wurde ich schließlich zum Prinzen einer großen Stadt mit langer Karnevalstradition gewählt. Das kostet viel Zeit, aber da ich nicht verheiratet bin, musste ich auf niemanden Rücksicht nehmen. Man hat das Amt immer für ein Jahr, Wiederwahl nicht möglich.

Ich habe mich vier Jahre vorher beim Karnevalsausschuss meiner Stadt beworben. Nachdem klar war, dass das Festkomitee mich wählen würde, begann die Organisation meiner Amtszeit. Denn der Karnevalsprinz trägt die Kosten für Kostüme, Auftritte, Hotels und vieles mehr ganz allein. Ich musste mich also um Sponsoren kümmern. Das hat zum Glück gut geklappt, aber ich kenne auch ehemalige Prinzen, die sich durch ihre Amtszeit verschuldet haben.

Nicht nur Partykönig

Die Verpflichtungen eines Karnevalsprinzen beginnen nicht erst am 11. November, wenn die Karnevalssaison beginnt, sondern bereits im Sommer davor. Man ist ein Jahr lang nicht nur Partykönig, sondern vor allem Repräsentant der Stadt. Viele Medientermine gehören dazu. Auch der soziale Aspekt ist sehr wichtig. Mit meinem Prinzenteam besuchte ich Schulen, Kitas und Altenheime - immer kostümiert. Wir hielten eine Rede, sangen und tanzten.

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Einmal traten wir auf einer Demenzstation auf. Für mich war es sehr berührend, die Menschen strahlen zu sehen. Viele von ihnen konnten die Station nicht mehr verlassen, mein Auftritt war für sie ein lang erwartetes Highlight. Ich verlieh Orden an drei Bewohner, die vom Heim vorgeschlagen worden waren.

Am Bühnenrand saß ein Mann im Rollstuhl. Er konnte sich nur noch sehr eingeschränkt bewegen. Ich spürte, wie begeistert er war. Wenn er gekonnt hätte, hätte er sicher mitgeklatscht. Spontan verlieh ich auch diesem Mann einen Orden. Als ich vor ihm kniete, sang er plötzlich: "Mer losse dr Dom en Kölle". Die Zuschauer begannen zu klatschen, einige standen auf und sangen mit. Ich hatte Gänsehaut.

Die Tücken des Prinzenoutfits

Für die Karnevalszeit habe ich meinen ganzen Jahresurlaub genommen. Eigentlich bin ich Angestellter in einer großen Firma. In den sechs Wochen vor dem Festumzug hatte ich 300 Auftritte. An meinem vollsten Tag hatte ich 18 Auftritte hintereinander, ab halb sechs abends. Ohne ein tolles Team geht da gar nichts. Mein Fahrer hielt nach den Auftritten immer eine Wolldecke für mich bereit, denn das Kostüm hält nicht besonders warm. Er brachte mich ins Auto und zum nächsten Termin. Auch eine Physiotherapeutin begleitete mich, denn den ganzen Tag zu tanzen, ist sehr anstrengend. Ich hatte oft Muskelkater.

Beim An- und Auskleiden benötigte ich Hilfe. Das Kostüm ist schwer und hinten mit Knöpfen versehen. Wenn ich auf die Toilette musste, wurde der ganze Raum von zwei Teammitgliedern abgesperrt. Ein dritter kam mit mir in die Kabine und half mir aus dem Kostüm. Diese Prozedur war immer langwierig. Deshalb habe ich möglichst wenig Alkohol getrunken. Außerdem benötigte ich für meine Reden ja einen klaren Kopf. Auch abends im Hotel half mir jemand aus dem Kostüm. Der Karnevalsprinz und sein Team verbringen die letzten Wochen vor dem Rosenmontag traditionell gemeinsam im Hotel. Es gibt so viele Termine, dass es sonst zu kompliziert wäre, alles zu koordinieren.

Das Prinzenoutfit hat noch andere Tücken: Ich musste immer zwei weiße Strumpfhosen anziehen, damit sie wirklich blickdicht sind. Das soll aber nicht auffallen, deshalb müssen die Nähte beider Hosen direkt übereinanderliegen - gar nicht so einfach. Auch die Kopfbedeckung ist nicht ohne: An ihrer Spitze stecken anderthalb Meter lange Fasanenfedern. Einmal schlug ein Partygast direkt hinter mir die Tür zu und klemmte eine meiner Federn ein. Ich konnte mich nicht umdrehen, um die Tür zu öffnen. Denn sonst wäre die Feder gebrochen. Ein Teammitglied befreite mich schließlich.

Die Federn werden immer gern von Partygästen angefasst. Manche versuchen auch, eine zu klauen. Eine Feder kostet 50 Euro.

Am Aschermittwoch war meine Prinzenzeit vorbei. Von einem Moment auf den anderen aus dem Rampenlicht katapultiert zu werden, ist für viele nicht leicht. Zum Glück bin ich in meinem Karnevalsverein so fest eingebunden, dass mir das nicht viel ausgemacht hat.

insgesamt 9 Beiträge
c.PAF 08.02.2018
1.
49 Single, gibt seinem ansonsten trostlosem Leben nochmals etwas Pep. Das war mein erster Gedanke. Vermutlich (oder hoffentlich?) liege ich falsch damit... Ich sehe es mal positiv: wenn er selbst Spaß dran hat und anderen [...]
49 Single, gibt seinem ansonsten trostlosem Leben nochmals etwas Pep. Das war mein erster Gedanke. Vermutlich (oder hoffentlich?) liege ich falsch damit... Ich sehe es mal positiv: wenn er selbst Spaß dran hat und anderen Menschen kurzzeitig Freude damit schenken kann, ist das doch für Alle schön. Ich persönlich habe meinen Spaß lieber das ganze Jahr über gleichmäßig verteilt, aber jeder so, wie er es mag.
twister13 08.02.2018
2. Regional
Man muss wohl wie der Prinz in der Gegend aufgewachsen sein und das mit der Muttermilch eingesogen haben um das nachvollziehen zu können. Andere stehen da fassungslos davor und fragen sich was am Kamellenwerfen so wunderbar [...]
Man muss wohl wie der Prinz in der Gegend aufgewachsen sein und das mit der Muttermilch eingesogen haben um das nachvollziehen zu können. Andere stehen da fassungslos davor und fragen sich was am Kamellenwerfen so wunderbar sein soll.
weltraumschrott 08.02.2018
3. Das ist wohl bei jeder Leidenschaft so...
... dass sie von dem meisten anderen Menschen nicht nachvollzogen werden kann. Ich persönlich kann schlecht nachvollziehen, weshalb man sich mit Motorkraft den Berg hinauftransportieren lässt, um dann auf zwei schmalen Brettern [...]
... dass sie von dem meisten anderen Menschen nicht nachvollzogen werden kann. Ich persönlich kann schlecht nachvollziehen, weshalb man sich mit Motorkraft den Berg hinauftransportieren lässt, um dann auf zwei schmalen Brettern möglichst schnell wieder herunterzufahren und dabei Leben und Gesundheit riskiert. Und das Ganze nur, um sich wieder nach oben transportieren zu lassen... Ich habe auch mir Karneval nichts am Hut, aber als geborene Rheinländerin weiß ich natürlich: Jede Jeck is anners!
schmuella 08.02.2018
4. Alles, was Freude macht, ist legitim
Allein solche Geschichten wie in dem Altenheim rechtfertigen den großen Einsatz. Karneval ist Tradition und Kultur. Wenn es den Menschen Freude bereitet und Abwechslung in den Alltag bringt, ist das eine schöne Sache. Auch für [...]
Allein solche Geschichten wie in dem Altenheim rechtfertigen den großen Einsatz. Karneval ist Tradition und Kultur. Wenn es den Menschen Freude bereitet und Abwechslung in den Alltag bringt, ist das eine schöne Sache. Auch für Kinder ist es ein tolles Erlebnis, kostümiert an den Umzügen teilzunehmen bzw. dabei zu sein. Dass Alkohol in zu großen Mengen den Spaß verderben kann, ist nicht nur ein Problem im Karneval. Es sind vor allem die hochprozentigen Spirituosen, die die Menschen zum Absturz bringen. Will man Menschen vor Alkoholmissbrauch schützen, muss man ihn so teuer machen, dass er nicht mehr in den Mengen getrunken wird. Leute unter 20/21 Jahre sollten nichts Hochprozentiges in die Hände bekommen.
Fackel 08.02.2018
5. Man muss wohl
Man muss wohl Rheinländer sein. Für mich klingt das wie ein Horrortrip.
Man muss wohl Rheinländer sein. Für mich klingt das wie ein Horrortrip.

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