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KarriereSPIEGEL

Immer schnelleres Arbeitstempo

"Ich kann nicht mehr mithalten"

Soll man mit über 50 im Job noch mal eine neue Aufgabe übernehmen? Oder lieber eine ruhige Nische suchen, um dem wachsenden Tempo drumherum zu entgehen? Karriereberaterin Svenja Hofert weiß Rat.

Getty Images/Westend61

Älterer Mitarbeiter

Von
Dienstag, 08.05.2018   11:25 Uhr

Henning ist 51 Jahre alt und arbeitet seit 15 Jahren in einer Agentur als Projektleiter. In letzter Zeit spürt er mehr Druck. Zudem hat er den Eindruck, dass um ihn herum alles immer schneller wird. Sein Chef will ihn zum "agile Coach" machen, damit er Kunden und Mitarbeiter effektiver steuern kann. Noch mal was Neues lernen möchte Henning aber eher nicht. Er würde gern in einen großen Konzern wechseln, weil er hofft, dass es dort ruhiger zugeht. Hat er mit seinem Lebenslauf eine Chance?

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Karriereberaterin Svenja Hofert antwortet:

Das Tempo in der Arbeitswelt nimmt zu, das ist auch mein Eindruck. Ich war kürzlich auf einem "agilen" Workshop. Die Trainerin, ein "agile Coach", zog ihre Inhalte mit gefühlten 300 Stundenkilometern durch. Das Wort "effektiv" fiel in jedem zweiten Satz. Die Dame übertrug ihre Hektik auf das Publikum: Es war danach regelrecht auf Speed.

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Gerade in den letzten fünf Jahren hat sich die Geschwindigkeit in Teilen der Arbeitswelt deutlich beschleunigt. Neue Entwicklungen und Kundenanforderungen überrollen die Mitarbeiter vieler Unternehmen - nicht nur über 50-Jährige. Immer neue Technologien, ständig Neues lernen. Für viele aus der Generation X (1965-1980 geboren) und erst recht die Babyboomer (vor 1965) wird es immer schwieriger, auf das gleiche technologische Level zu kommen wie die Nachgeborenen.

Diese "ältere" Generation ist es viel weniger gewohnt, Neues zu entdecken und auszuprobieren. Viele haben immer noch den Spruch "Schuster bleib bei deinen Leisten" im Kopf, der nicht zur neuen Arbeitswelt passt. Lernen ist nicht mehr an Lebensabschnitte gebunden. Die Neuroplastizität des Gehirns lässt Lernen in jedem Alter zu. Das vorherige Training spielt allerdings eine Rolle. Und die Prägung durch frühere Lernerfahrungen.

Henning soll "agile Coaching" lernen, will das aber nicht. Dabei könnte es eine Chance sein. Agile Coaching ist ein weiter Begriff für alles, was mit der Entwicklung von Teams, deren Begleitung und dem Arbeiten nach Methoden wie "Scrum" zu tun hat. Es berührt somit unterschiedliche Bereiche des Lernens.

Ich benutze dafür gern das Bild von den drei Lernkreisen, die gemeinsam das gesamte Profil ergeben.

Wer wie die Trainerin oben vor allem auf Effektivität blickt, produziert aus dieser Haltung heraus Arbeitsmaschinen, die eine Zeit lang funktionieren, aber dann ausgetauscht oder recycelt werden müssen. Wer allerdings auf individuelles Tempo, Möglichkeiten und innere Freude achtet, der bringt Menschen voran, die sich wohl fühlen und Spaß am Job haben. Und zwar mit exakt den gleichen fachlichen und methodischen Inhalten. Man könnte die Lernkreise auch so übersetzen: Skillset, Toolset, Mindset. Ohne Mindset ist alles andere nichts.

Kenntnisse und Handwerkszeug lassen sich in entsprechenden Kursen erlernen. Lebenserfahrung und persönliche Reife jedoch nicht. Die Wahrscheinlichkeit, Qualitäten als Menschen- und Teamentwickler zu haben, wächst mit den Jahren. Das spricht dafür, dass Henning das Angebot annehmen sollte, "agile Coach" zu werden.

Seine Idee, in einen großen Konzern zu wechseln und es dort ruhiger angehen zu lassen, hat mit der Arbeitswelt von heute nichts zu tun. Dass große Unternehmen einen behäbigen Unterschlupf bieten, war vielleicht früher einmal so. Wenn diese überhaupt über 50-Jährige einstellen, dann weil Menschen dieser Altersklasse Skillset, Toolset und Mindset mitbringen.

Fazit: Henning, an Ihrer Stelle würde ich erst mal schauen, was Sie aus dem Ausbildungsangebot ihres jetzigen Chefs machen wollen und können. Oft verschieben sich mit dem Alter die Talente und Stärken in den zwischenmenschlichen Bereich, also den dritten Kreis. Und den ersten und zweiten Kreis kann man viel besser handhaben, wenn man sich im dritten sicher fühlt.

Im Video: Wege aus der Burnout-Falle

Foto: SPIEGEL TV
insgesamt 109 Beiträge
Alm Öhi 08.05.2018
1. Skill set?
Ich bin set 25 Jahren in England und mir fällt auf dass sich Deutschland hinter Bullshit und Denglish versteckt. Mädels und Jungs verwendet Deutsch dann wollen die Leute auch wieder was lernen. Grauenhaft
Ich bin set 25 Jahren in England und mir fällt auf dass sich Deutschland hinter Bullshit und Denglish versteckt. Mädels und Jungs verwendet Deutsch dann wollen die Leute auch wieder was lernen. Grauenhaft
ramuz 08.05.2018
2. Das ist bei ..
.. Trainern, Personalverantwortlichen, Managementgurus und "Karriere- und Managementcoach"es kein "Verstecken". Das ist tatsächlich so, dass diese inhaltslose und bedeutungslose Wortschöpfungen verwenden [...]
Zitat von Alm ÖhiIch bin set 25 Jahren in England und mir fällt auf dass sich Deutschland hinter Bullshit und Denglish versteckt. Mädels und Jungs verwendet Deutsch dann wollen die Leute auch wieder was lernen. Grauenhaft
.. Trainern, Personalverantwortlichen, Managementgurus und "Karriere- und Managementcoach"es kein "Verstecken". Das ist tatsächlich so, dass diese inhaltslose und bedeutungslose Wortschöpfungen verwenden und hoffen, dass niemand die Inhalts- und Bedeutungslosigkeit ihrer Rede und ihres Tuns erkennen möge. "Die Dame übertrug ihre Hektik auf das Publikum: Es war danach regelrecht auf Speed" Ja. Anders , gar ohne Drogen hält man das Geschwätz ja auch nicht aus.
Wulf Eisenschwert 08.05.2018
3. Agil Coach?
Selten so gelacht. Der Vorteil daran Babyboomer zusehen ist, daß man früher tot ist und diesen Schwachsinn nichtmehr hören muß. So agil sehen die jugendlichen vollbärtigen Handykönner ja auch aus
Selten so gelacht. Der Vorteil daran Babyboomer zusehen ist, daß man früher tot ist und diesen Schwachsinn nichtmehr hören muß. So agil sehen die jugendlichen vollbärtigen Handykönner ja auch aus
alex2k 08.05.2018
4. Selbst Schuld
wer sich fuer ein Karriereweg entscheidet. Ich bin seit ca. 20 Jahren berufstaetig, und Stress kenne ich so gut wie gar nicht. Denn es ist die Herangehensweise die es ausmacht. Immer schneller und mehr haben wollen hat halt ihren [...]
wer sich fuer ein Karriereweg entscheidet. Ich bin seit ca. 20 Jahren berufstaetig, und Stress kenne ich so gut wie gar nicht. Denn es ist die Herangehensweise die es ausmacht. Immer schneller und mehr haben wollen hat halt ihren Preis. Vergisst das Leben nicht!
spon_1980133 08.05.2018
5. Modern Times
Skillset, Toolset, Mindset - bin ich froh, die 66 beteits überschritten zu haben. Mit derart gekünzelten Begriffen und Pseudowertigkeiten musste ich mich während meines Berufslebens zum Glück niemals auseinandersetzen.
Skillset, Toolset, Mindset - bin ich froh, die 66 beteits überschritten zu haben. Mit derart gekünzelten Begriffen und Pseudowertigkeiten musste ich mich während meines Berufslebens zum Glück niemals auseinandersetzen.

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