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KarriereSPIEGEL

Kurse für Arbeitslose

Preis günstig, Qualität mies?

Die Arbeitsagentur gibt Milliarden Euro aus, um Arbeitslose zu schulen. Welcher Träger den Zuschlag bekommt, soll künftig weniger vom Preis abhängen. Doch das, sagen Anbieter, sei eine Mär. Ausgesucht würden immer noch die billigsten.

DPA

Agentur für Arbeit in Rostock

Von
Dienstag, 03.04.2018   14:45 Uhr

Fall eins: Eine junge Frau, Jahrgang 1993, schwanger und arbeitslos, soll acht Wochen vor der Entbindung an einem Kurs teilnehmen, der sie wieder in Arbeit bringen soll. Doch vielleicht will sie nach der Geburt lieber in Elternzeit gehen. Oder eine Ausbildung machen? Das zuständige Jobcenter hatte das offensichtlich nicht geklärt. Die Schwangere bricht den Kurs ab.

Fall zwei: Eine junge Frau, Jahrgang 1994, belegt einen rund dreimonatigen Kurs, der ihr zu einem Job verhelfen soll. Danach ist sie elf Tage lang als Lagerarbeiterin beschäftigt, bevor sie sich arbeitsunfähig meldet. Ein Dreivierteljahr später schickt sie das Jobcenter noch einmal in eine ähnliche "Maßnahme zur Aktivierung Jugendlicher", um sie für den Arbeitsmarkt fit zu machen. Was das bringen soll? Schwer ersichtlich.

Beide Fälle schildert der Bundesrechnungshof in einer Mitteilung, über die der "Tagesspiegel" zuerst berichtete. Sie ging an das Bundesarbeitsministerium, die Bundesagentur für Arbeit (BA) und die zuständigen Landesministerien und zeigt stichprobenartig auf, was schiefläuft im Geflecht der bundesweit vielen Tausend Maßnahmen, die Erwerbslosen und Jugendlichen helfen sollen, auf den Arbeitsmarkt zu gelangen.

Die Prüfer untersuchten zwischen Juli und November 2015 35 Maßnahmen mit mehr als 600 Teilnehmern und kamen zu folgendem Ergebnis:

Außerdem habe die Bundesagentur für Arbeit 2015, als der Bundesrechnungshof die Untersuchung durchführte, hochgerechnet im Jahr rund 190 Millionen Euro bundesweit für Kursplätze ausgegeben, die nicht besetzt waren. Die Arbeitsagentur weist die Vorwürfe, schlecht zu wirtschaften und Kurse planlos zu belegen, zurück.

Die Kritik ist nicht neu und das Thema komplex. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil kündigte jüngst in der "FAZ" ein neues, vier Milliarden Euro teures Förderprogramm für Langzeitarbeitslose an, mit "Coaching und Begleitung".

Das bisherige System bietet beides bereits - und der Staat hat in den vergangenen Jahren an mehreren Stellschrauben gedreht, um Schwächen zu beheben. Doch Bildungsträgern und Gewerkschaften reicht das nicht. Der Überblick:

Das System ruht auf zwei Säulen: Bildungsgutscheine und Vergabe. Gut 300.000 Menschen bekommen von Jobcentern und örtlichen Arbeitsagenturen jährlich Gutscheine ausgestellt, mit denen sie einen beruflichen Weiterbildungskurs ihrer Wahl besuchen können. Der Bildungsträger reicht den Gutschein dann ein, die BA erstattet die Kurskosten nach vorgeschriebenen Sätzen. Fast 2,8 Milliarden Euro kostet das den Staat im Jahr, inklusive Arbeitslosengeld während der Laufzeiten der Kurse. (Mehr zu den Schwächen des Gutscheinsystems erfahren Sie hier.)

Für andere Kurse kauft die Bundesagentur für Arbeit ein bestimmtes Kontingent ein, und wenn sich zu wenige Teilnehmer finden, bleibt sie auf den Kosten sitzen. Das betrifft vor allem Kurse zur beruflichen Eingliederung, die Langzeitarbeitslose und benachteiligte Jugendliche dabei unterstützen sollen, einen Job oder Ausbildungsplatz zu finden.

Über ihre fünf sogenannten Regionalen Einkaufszentren schreibt die BA diese Plätze aus. Bildungsträger können sich dann bundesweit darauf bewerben. Für rund 580.000 Menschen und gut 2,6 Milliarden Euro kaufte die BA im vergangenen Jahr solche Kurse ein.

Seit die Europäische Union 2014 eine entsprechende Richtlinie erlassen hat, soll die Qualität bei der Vergabe eine größere Rolle spielen. Die BA bezieht seither zum Beispiel auch mit ein, wie viele Teilnehmer den Kurs abbrechen und wie viele danach eine Stelle finden.

Doch je nach Bereich und Region ist der Wettbewerb hart, und Bildungsträger beobachten, dass der Preis dann immer noch den Ausschlag gebe. "Wenn der Konkurrent um 25 Prozent billiger ist, hat der Träger mit dem besseren Konzept weiterhin keine Chance", kritisiert Walter Würfel vom Bildungsverband BBB.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit (BAG EJSA) vertritt bundesweit einige Hundert kirchliche Träger, die berufliche Bildung für Jugendliche anbieten - und ihre Mitarbeiter in der Regel nach Tarif bezahlen. "Wir sind etwa ein Fünftel teurer als andere Träger und haben große Schwierigkeiten, Maßnahmen zugewiesen zu bekommen", sagt Günter Buck, Referent für Jugendberufshilfe.

Abbruch- und Eingliederungsquoten sind vergleichsweise leicht zu ermitteln. Doch was sagen sie über die Qualität eines Kurses aus? "Teilnehmer in wirtschaftlich schwachen Gebieten haben es viel schwerer, nach dem Kurs einen Job zu finden", sagt Ansgar Klinger, Leiter des Bereichs Berufliche Bildung und Weiterbildung bei der Gewerkschaft GEW.

Auch die Abbruchquoten seien wenig aussagekräftig, kritisiert Günter Buck von der BAG EJSA. Die Träger können sich ihre Kursteilnehmer nämlich nicht aussuchen, sie bekommen sie von den Jobcentern zugeteilt. Und dass die dortigen Betreuer Arbeitslose oder Jugendliche nicht selten in Kurse stecken, die gar nicht zu ihnen passen, prangert der Bundesrechnungshof ebenfalls an.

Die Bundesagentur für Arbeit hat das Problem erkannt und nachgesteuert: Seit Mai 2017 hat sie gut 11.000 Mitarbeiter von Jobcentern und örtlichen Arbeitsagenturen zu Maßnahmen befragt, die sie betreuen. Deren Feedback soll künftig in die Vergabe der Kursplätze mit einfließen. "Der BA ist die qualitativ hochwertige Maßnahmedurchführung sehr wichtig", heißt es aus Nürnberg.

Die Jobcenter müssen den Regionalen Einkaufszentren mehrere Monate im Voraus melden, welchen Bedarf sie für arbeitsmarktpolitische Maßnahmen in ihrem Bereich sehen. Sie müssen also zum Beispiel vorausahnen, wie viele Jugendliche dort eine Ausbildung anfangen wollen - und wie viele vorher oder währenddessen Unterstützung brauchen.

"Das ist viel zu langfristig", sagt Walter Würfel vom Bildungsverband BBB. Denn bis zum Herbst ließen sich solche Dinge für das kommende Kalenderjahr oft noch gar nicht absehen. Es wäre besser, wenn die Jobcenter alle Maßnahmen direkt vor Ort vergeben würden, fordert Würfel. Dann könnten sie schneller und flexibler auf den lokalen Bedarf reagieren.

Trotz zahlreicher Absicherungen, Analysen und Planungen seien Belegungsschwankungen durch Abbrüche oder andere Gründe nicht völlig auszuschließen, heißt es aus der BA. Man bemühe sich aber, freie Plätze unverzüglich durch geeignete Leistungsberechtigte nachzubesetzen.

Das funktioniert mehr oder weniger gut: Das Arbeitsamt vergütete insgesamt 602 Kursplätze, die der Bundesrechnungshof 2015 überprüfte. Davon waren damals nur 466 besetzt. "Wir haben in der Vergangenheit in mehreren Prüfungen die mangelnde Auslastung eingekaufter Maßnahmen beanstandet", schreiben die Kontrolleure. Die Jobcenter sollten den Bedarf doch bitte endlich sorgfältiger ermitteln.

SPIEGEL TV vor 20 Jahren über Motivationstraining für Arbeitslose

Foto: SPIEGEL TV

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insgesamt 49 Beiträge
ruhepuls 03.04.2018
1. Hauptsache billig...
Es ist leider ein gängiges Prinzip im öffentlichen Bereich, dass nicht der beste Anbieter genommen wird, sondern der billigste. Natürlich bekommen alle Anbieter ein "Pflichtenheft" vorgelegt, nur, was davon dann in [...]
Es ist leider ein gängiges Prinzip im öffentlichen Bereich, dass nicht der beste Anbieter genommen wird, sondern der billigste. Natürlich bekommen alle Anbieter ein "Pflichtenheft" vorgelegt, nur, was davon dann in der Praxis wirklich umgesetzt wird, ist etwas ganz anderes. Es geht ja gerade im Bildungsbereich nicht nur um den vermittelten "Stoff", sondern auch um die Didaktik und die pädagogischen Fähigkeiten. Und da gibt es nun mal große Unterschiede. Der eine Referent quält die Teilnehmer durch den Tag, der andere begeistert sie - und erreicht damit deutlich mehr. Billigheimer haben meist einen Grund, warum sie billig sind...
trader_07 03.04.2018
2.
"Fall zwei: Eine junge Frau, Jahrgang 1994, belegt einen rund dreimonatigen Kurs, der ihr zu einem Job verhelfen soll. Danach ist sie elf Tage lang als Lagerarbeiterin beschäftigt, bevor sie sich arbeitsunfähig meldet. [...]
"Fall zwei: Eine junge Frau, Jahrgang 1994, belegt einen rund dreimonatigen Kurs, der ihr zu einem Job verhelfen soll. Danach ist sie elf Tage lang als Lagerarbeiterin beschäftigt, bevor sie sich arbeitsunfähig meldet. Wow, ganze elf Tage hat es gedauert, bis die Frau überfordert war. Solchen "Herzchen" gehört Hartz-IV rigoros auf 0,- gekürzt. Wetten, dass die dann ruckzuck wieder arbeitsfähig ist?
Palmdale 03.04.2018
3. Unbelehrbar?
Ist es denn wirklich so schwer, zwischen der Bundesagentur für Arbeit mit ihren Agenturen für Arbeit und den örtlichen Jobcentern zu unterscheiden? Wer ist denn die Bundesarbeitsagentur? Kann der Spiegel endlich mal die 5 [...]
Ist es denn wirklich so schwer, zwischen der Bundesagentur für Arbeit mit ihren Agenturen für Arbeit und den örtlichen Jobcentern zu unterscheiden? Wer ist denn die Bundesarbeitsagentur? Kann der Spiegel endlich mal die 5 Minuten Recherche investieren oder liest man weiterhin einen munteren Mix zwischen den Sozialgesetzen
techass 03.04.2018
4. Besser Einzelfallbetreuer statt unnötige Kurse
In vielen Fällen wäre ein Einzelfallbetreuer wesentlich sinnvoller, der sich intensiver um seine "Kundschaft" kümmern könnte. Die Kurse sind "günstig" eingekaufte Möglichkeiten, die Statistik kurzfristig [...]
In vielen Fällen wäre ein Einzelfallbetreuer wesentlich sinnvoller, der sich intensiver um seine "Kundschaft" kümmern könnte. Die Kurse sind "günstig" eingekaufte Möglichkeiten, die Statistik kurzfristig zu frisieren. Nicht mehr und nicht weniger. Habe in der Verwandschaft jemanden der betroffen ist und noch kein Kurs war sinnhaft, noch haben ihn diese Kurse in Arbeit gebracht! Leider müssen die Agentur und die Jobcenter ihren "Erfolg" nicht veröffentlichen, so etwas lädt natürlich zum Geldverbrennen ein!
rostlaube 03.04.2018
5.
Ich habe vor 10 Jahren auch einige Jahre für einen Bildungsträger gearbeitet und im Bereich Arbeitslosenförderung, insbesondere Förderung Langzeitarbeitsloser, hat sich nichts verändert. Auch damals wurde die Arbeitslosen [...]
Ich habe vor 10 Jahren auch einige Jahre für einen Bildungsträger gearbeitet und im Bereich Arbeitslosenförderung, insbesondere Förderung Langzeitarbeitsloser, hat sich nichts verändert. Auch damals wurde die Arbeitslosen einfach nur in Kursen 'geparkt', die sie nicht wollten oder für die sie über- oder unterqualifiziert waren. Individuellere Beratung und Kursangebote sind wesentlich hilfreicher, allerdings kosten sie Zeit und Geld. Aber das wäre dann auch sinnvoll investiert. Und wer seit mehreren Jahren arbeitslos ist oder besondere Handicaps hat, für den hilft nur ein Individual- oder Kleinstgruppencoaching, das auf den Arbeitssuchenden dort abholt, wo er gerade steht. Und ein kompetenter Trainer kostet Geld. Bei einem Monatsgehalt von 2.500,00 Euro brutto bei der Klientel Arbeitsamt wird sich nur Kompetenz finden, wenn diese mit viel Idealismus gepaart ist, denn als Trainer für die berufliche Weiterbildung im Privatzahlerbereich kann man ein vielfaches verdienen, wenn man gut ist.

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