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KarriereSPIEGEL

Management trifft Mensch

Es lebe der Brückentag!

Für viele Manager ist es unvorstellbar, ihr Unternehmen lange allein zu lassen. Die Lösung: Kurzurlaub. Das klingt nach Entspannung - soll aber eigentlich nur die eigene Unentbehrlichkeit demonstrieren.

DPA
Eine Karriere-Glosse von
Freitag, 11.05.2018   09:08 Uhr

War ja klar, dass es so kommen würde. Aber als es dann tatsächlich passiert, ist Jan doch ziemlich geschockt von den zahllosen Urlaubsanträgen auf seinem Schreibtisch. Fast alle für Frühling und Frühsommer, fast alle für Brückentage. Wie jedes Jahr fühlt Jan, Vertriebsleiter einer mittelgroßen Kühltechnik-Firma, wie sich angesichts der Brückentags-Orgie schlechte Laune in ihm aufbaut wie einer dieser Riesenwellen am Strand von Nazare.

Haben seine Leute denn gar kein Pflichtgefühl? Bedeutet ihnen die Firma so wenig, dass sie für ein paar Tage Abschalten das große Ganze (wie etwa die recht ambitionierten Jahresziele der Abteilung) einfach so beiseite wischen? Jan seufzt. Und wünscht sich, nicht zum ersten Mal, dass seine Mitarbeiter in ihrem eigentlichen Job eine ähnliche Kreativität und Hartnäckigkeit an den Tag legen würden wie in der Disziplin, aus möglichst wenig Urlaubstagen möglichst lange Auszeiten zu basteln.

Jan kann einfach nicht verstehen, was die Menschen an diesen Kurzurlauben finden. Drei Tage Rügen, vier Tage Wandern im Bayerischen Wald - das bringt es doch wirklich nicht. Echte Urlaubserholung setzt schließlich erst nach einigen Tagen ein. Gleichzeitig, auch das ist längst wissenschaftlich eindeutig belegt, sorgt die Rückkehr in den Job nach dem Urlaub für eine Menge Frust.

Die ersten Arbeitstage ziehen sich wie Blei, der Körper ist schwer, der Kopf träge und hängt wehmütigen Gedanken an endlose Strände und Schirmchendrinks nach, statt sich mit dem Erreichen des nächsten Quartalsziels zu beschäftigen. "Post-Holiday-Syndrom" nennt sich das, ausführlich und in all seinem Schrecken beschrieben unter anderem vom niederländischen Tourismusforscher Jeroen Nawijn. Warum Menschen sich das öfter geben als unbedingt notwendig, wird Jan wohl auf ewig ein Rätsel blieben.

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Überhaupt hat er es als Führungskraft nicht so mit Urlaub. Ja, sicher, der Mensch und auch der gestresste Manager brauchen Erholung, um anschließend im Job wieder zu performen, schon klar. Aber erstens, auch das zeigen viele Studien, schmilzt der Erholungseffekt schneller als ein Eis in der andalusischen Sonne. Nach zwei, spätestens drei Wochen hat der Alltagsstress uns wieder fest im Griff, da hilft auch der 30-Tage-Rucksacktrip durch den myanmarischen Dschungel nichts.

Und zweitens: Wie soll Jan sich erholen, wenn er doch genau weiß, dass während seiner Abwesenheit der Laden den Bach runtergeht? Vorsichtshalber macht er deshalb so gut wie nie Ferien. Außer zwei Wochen Ende Dezember, weil seine Frau ihn dazu zwingt. Und auch das nur, weil in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr ohnehin niemand da ist und er sich so einigermaßen entspannen kann. Soweit das eben möglich ist mit zwei iPhones, einem Blackberry als Ersatz, dem Notebook für die wichtigsten Excels und diversen Powerbanks, weil man ja nie weiß, wie lange diese Akkus durchhalten.

Bislang allerdings, Jan klopft auf das Ebenholz seines Abteilungsleiterbesprechungstisches, konnte er während besagter zwei Wochen die schlimmsten Katastrophen noch immer abwenden. Eine Tatsache, die ebenso tröstlich wie verstörend ist - scheint sie doch zu belegen, dass selbst Jan nicht unersetzbar ist und der Betrieb nicht sofort kollabiert, wenn er mal zwei Stunden kein WLAN hat.

Ein zutiefst irritierender Gedanke ist das, den Jan selten zulässt. Doch während er missmutig einen Kurzurlaubsantrag nach dem anderen unterschreibt, spürt er, wie die schlechte Laune langsam einem neuen Gefühl weicht. Besser gesagt, einer Idee. Einer Idee, die geeignet ist, die Streitereien mit seiner Frau ("Nie fahren wir spontan mal für ein paar Tage weg") und die Sorge um die eigene Unentbehrlichkeit mit einem Schlag zu beenden.

Eine dynamische Leadership-Mail nach der anderen

Denn (und das ist die Idee): Wenn Jan statt der zwei Wochen im Dezember immer mal wieder hier zwei Tage und da zwei Tage freimacht, hätte er eigentlich gar keinen richtigen Urlaub. Ob der Laden ohne ihn läuft oder nicht - diese Frage würde sich gar nicht erst stellen, denn Jan wäre immer im Dienst. Und der Beweis für seine Unentbehrlichkeit eindrucksvoll erbracht.

Ein wohliger Schauer läuft Jan über den Rücken, als er sich ausmalt, wie er zwischen den Tagen, wenn alle anderen mit Plätzchen vollgestopft unter dem Weihnachtsbaum vor sich hin dämmern, eine dynamische Leadership-Mail nach der anderen raushaut. Dafür hier und da einen kurzen Brückentagsausflug ans Meer oder in ein handelsübliches Mittelgebirge scheint ihm ein mehr als fairer Deal.

Und so schreibt Jan gleich zwei Mails. Zuerst teilt er seinem Chef mit, dass er in diesem Jahr auf den Weihnachtsurlaub verzichten werde, um seine Tatkraft noch energischer in den Dienst der Firma stellen zu können. Dann schickt er eine Liste der Brückentage, die er frei nehmen wird, an seine Mitarbeiter. Er kann sich schon ausmalen, was sie denken werden: Aha, jetzt wird der Alte endlich normal und macht auch mal frei. Ha! Jan haut vor Freude auf den Tisch. Die werden sich noch wundern: Weihnachten kommt bestimmt!

insgesamt 8 Beiträge
chrismuc2011 11.05.2018
1.
Das klingt nach Entspannung - demonstriert aber in Wahrheit nur die eigene Unentbehrlichkeit. Sprachlich inkorrekt. Es müsste heißen: Es demonstriert den Glauben an die eigene Unfehlbarkeit.
Das klingt nach Entspannung - demonstriert aber in Wahrheit nur die eigene Unentbehrlichkeit. Sprachlich inkorrekt. Es müsste heißen: Es demonstriert den Glauben an die eigene Unfehlbarkeit.
gandalf446 11.05.2018
2.
Nett geschriebener Artikel. Leider ist es traurig, dass so ein "Jan" kein Einzelfall, sonder fast schon eine Massenerscheinung ist. Noch trauriger ist, dass viele dieser "Jans" ihre Lebens- und Arbeitsweise [...]
Nett geschriebener Artikel. Leider ist es traurig, dass so ein "Jan" kein Einzelfall, sonder fast schon eine Massenerscheinung ist. Noch trauriger ist, dass viele dieser "Jans" ihre Lebens- und Arbeitsweise auch anderen aufzwingen wollen, indem sie ihnen Egoismus vorwerfen, da sie ja nich "immer und überall" der Firma zur Verfügung stehen, oder sich gar wünschen, mal ein paar Monate am Stück eine Auszeit zu nehmen. Mehr als 2 Wochen am Stück Urlaub geht für solche Menschen auch überhaupt nicht und wird - so sie denn in Führungspositionen sind - auch grundsätzlich nicht genehmigt. Was bin ich froh, dass meine Kollegen und mein Chef NICHT so denken.
malschauen1234 11.05.2018
3. Eine andere Sicht...
... für so einen Jan wäre doch zu sehen, dass er als Manager und Führungskraft vollständig versagt hat, wenn er nicht in der Lage ist Strukturen und Verantwortlichkeiten so zu schneiden, dass der Laden auch ne zeitlang ohne [...]
... für so einen Jan wäre doch zu sehen, dass er als Manager und Führungskraft vollständig versagt hat, wenn er nicht in der Lage ist Strukturen und Verantwortlichkeiten so zu schneiden, dass der Laden auch ne zeitlang ohne ihn rund läuft.
krebs-frau 11.05.2018
4.
Urlaub ist eine ärgerliche Sache. Für alle Beteiligten. Das ?Post-Holiday-Syndrom? ist die kleine Schwester der Depression.. Wenn man sich halbwegs berappelt hat, fällt man wieder ins schwarze Loch. Wir sollten es machen wie [...]
Urlaub ist eine ärgerliche Sache. Für alle Beteiligten. Das ?Post-Holiday-Syndrom? ist die kleine Schwester der Depression.. Wenn man sich halbwegs berappelt hat, fällt man wieder ins schwarze Loch. Wir sollten es machen wie die Japaner. Durcharbeiten bis zur Rente oder bis zum Ableben. Damit wären alle mit Urlaub vetbundenen Probleme vom Tisch :-)
tendigr 11.05.2018
5. Urlaub am Stück
Ich habe immer den gesamten Jahresurlaub am Stück genommen, also mindestens sechs Wochen. Mit angesammelten freien Tagen für Sonntagsarbeit waren es dann einmal sogar acht Wochen. Dann kam ein neuer Chef und zeigte sich [...]
Ich habe immer den gesamten Jahresurlaub am Stück genommen, also mindestens sechs Wochen. Mit angesammelten freien Tagen für Sonntagsarbeit waren es dann einmal sogar acht Wochen. Dann kam ein neuer Chef und zeigte sich entsetzt: Wie können Sie nur ihre Abteilung so lange allein lassen? Ich sagte ihm: Ich wäre ein verdammt schlechter Ressortleiter, wenn ich nicht dafür gesorgt hätte, daß es auch ohne mich läuft. Wenn ich mir morgen das Genick breche, falle ich sicher länger als sechs Wochen aus. Der Chef zog dann beleidigt von dannen und sagte nie wieder etwas zur Urlaubsplanung in meiner Abteilung.

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