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KarriereSPIEGEL

Rat vom Karrierecoach

Schadet der Jobwechsel meinem Lebenslauf?

Alexander ist Abteilungsleiter, als er ein spannendes Jobangebot ohne Führungsverantwortung bekommt. Sein Herz sagt ja, doch seine Freunde raten ab. Die Karriereberaterin hilft.

Getty Images/Westend61

Im Büro (Symbolbild)

Von
Montag, 20.08.2018   09:07 Uhr

Alexander ist promovierter Naturwissenschaftler. Er arbeitet in einem Forschungsinstitut als Abteilungsleiter mit Führungsaufgaben. Nun hat er ein interessantes Jobangebot bekommen, das ihn inhaltlich begeistert und ein neues Feld eröffnet. Doch sein Umfeld rät ihm ab: Ein Job ohne Führungsverantwortung sei ein Abstieg und würde seinen guten Lebenslauf zerstören. Ist da was dran?

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Schließen Sie die Augen! Stellen Sie sich vor, in fünf Jahren stellt jemand eine solche Frage. Wie lautet die Antwort?

Ich bin sicher, Sie kennen sie. Sie lautet: Nein, an diesen Bedenken ist nichts dran. Spätestens in einigen Jahren wird auch der konservativste Personaler Lebensläufe als normal ansehen, die Wechsel zwischen Führungs- und Fachposition und verschiedenen Fachgebieten aufweisen. Wie sich Werte entwickeln werden, ist schon jetzt absehbar.

Und: Das Verständnis von Karriere ändert sich. Jahrelang ging man davon aus, dass sich Arbeitnehmer möglichst spezialisieren müssten. Dass sie ein Fachgebiet immer weiter vertiefen und dieses lediglich durch methodische und kommunikative Fähigkeiten ergänzen.

Doch inzwischen sieht es nicht mehr so gradlinig aus: Experimente sind erlaubt, ebenso sich weiterzubilden und ein zweites Fachgebiet aufzubauen. So erwirbt der Ingenieur für Bauwesen Kenntnisse in Logistik. Der Bankkaufmann erarbeitet sich Onlinemarketing-Kompetenz. Der Print-Journalist wird Podcaster. Das macht unabhängiger von bestimmten Branchen und fördert interdisziplinäres Denken. Es gilt nicht mehr "Schuster, bleib' bei deinen Leisten", sondern "Schuster, geh' raus in die Welt und lerne!"

Überholte Erfahrungen aus der alten Arbeitswelt

Doch diese neuen Karrieremodelle sind noch längst nicht in allen Köpfen angekommen. Bei allen Veränderungen ist es ähnlich: Einige wenige schreiten voran, die Mehrzahl der Menschen jedoch glaubt weiterhin, die Erde sei eine Scheibe und hält so lange an diesen veralteten Grundannahmen fest, bis sie von der Scheibe runterfliegt...

Unbewusste Grundannahmen über sinnvolle Karriere- und Lebensgestaltung sind als Ergebnis von Erziehungs- und Bildungsmaßnahmen sowie Sozialisation tief verankert. Karriereexperten von gestern haben die Wahrnehmung von heute geformt. So stecken überholte Erfahrungen aus der alten Arbeitswelt in unseren Köpfen. Und auch wenn die Umwelt sich verändert, treffen wir Entscheidungen immer noch auf der Basis von veralteten Annahmen.

Lassen Sie sich nicht von Ihrem Umfeld verrückt machen, Alexander. Gute Ratschläge kommen besonders oft von Sicherheitsdenkern, Bewahrern und Fortschrittsfeinden, also ängstlichen Personen. Wenn es um neue Karriereformen, lebenslanges Lernen und freudige Neugier geht, sind ängstliche Menschen schlechte Berater. Sie neigen zu Verallgemeinerungen. Orientieren Sie sich lieber an Mutmachern, Positiv-Denkern.

Der Lebenslauf ist auch ein Bekenntnis

Naturwissenschaftler sind ja Logiker, deshalb habe ich ein weiteres Argument für Sie. Wer deduktiv vom Allgemeinen auf das Spezielle schließt wie Ihre Freunde, bekämpft pluralistisches Denken. Die induktive Herangehensweise erweist sich unter Komplexität fast immer als überlegen. Sie schaut sich das Spezielle an, und leitet daraus angemessene Schlüsse ab.

In der derzeitigen und künftigen Arbeitswelt geht es darum, sich selbst kreativ einzubringen und eigenverantwortlich weiterzuentwickeln. Das gelingt ganz sicher besser, wenn man für Inhalte brennt. Und nicht für die Rahmenbedingungen eines Jobs.

Ein letzter Punkt noch: Bei allem bleibt die entscheidende Frage, wie Sie Ihre Geschichte erzählen. Der Lebenslauf ist eben nicht nur eine Ansammlung von Daten und Positionen, sondern auch ein Bekenntnis zu eigenen Entscheidungen. Wer sich als Gestalter seines Lebenslaufes sieht, kann immer die besten Stories erzählen. Auch den anderen, die einen spätestens nach den ersten Erfolgen heimlich beneiden.

insgesamt 29 Beiträge
Sissy.Voss 20.08.2018
1. Das ist ein sehr guter Artikel
Das ist ein sehr guter Artikel über die Kunst einen Pudding an die Wand zu nageln. Wenn Sie die "Befähigung" haben, nichtssagende Floskeln zu langatmigen Sätzen zu kombinieren, dann sind Sie in einer Topsituation für [...]
Das ist ein sehr guter Artikel über die Kunst einen Pudding an die Wand zu nageln. Wenn Sie die "Befähigung" haben, nichtssagende Floskeln zu langatmigen Sätzen zu kombinieren, dann sind Sie in einer Topsituation für einen Karriereberater oder einen politischen Hinterbänkler. Beide verdienen ihr Geld leicht und unbeschwert durch die Unverbindlichkeit und Belanglosigkeit ihrer Aussagen.
thomas haupenthal 20.08.2018
2. Mit Verlaub, wie...
alt ist die Autorin? Mitte Dreißig, Anfang Vierzig? Und hat 35 Bücher geschrieben? Wie machen das diese tollen Leute bloß? ( Hier schrieb mal vor einiger Zeit ein Heini, der sich einer 84-Stunden-Woche bei gleichzeitiger [...]
alt ist die Autorin? Mitte Dreißig, Anfang Vierzig? Und hat 35 Bücher geschrieben? Wie machen das diese tollen Leute bloß? ( Hier schrieb mal vor einiger Zeit ein Heini, der sich einer 84-Stunden-Woche bei gleichzeitiger Anstellung an zwei Universitäten rühmte..) Und wenn Alexander das deutliche Gefühl hat, der neue Job wäre für ihn besser, dann soll er ihn halt machen, Lebenslauf hin oder her. Er lebt ja schließlich nicht für seinen Lebenslauf. Und überhaupt, was heißt das,"Gestalter seines Lebenslaufes"? Ich bin da skeptisch. Ich kann mir selbstverständlich ausmalen, was ich erreichen möchte und wenn ich Glück habe, erreiche ich es auch. Ich kann im Interesse der Karriere Dinge tun und vermeiden. Ich sollte meine Entscheidungen vertreten können und müssen, schon richtig. Aber das Leben besteht aus tausend Zufällen, guten und schlechten und die wenigsten sind am Ende da, wo sie hin wollten. Man will immer eine lange Dünne und kriegt eine kurze Dicke, wie Tucholsky sagt. Wir suchen Lösungen, aber die Lösungen kommen auch zu uns, es gibt da eine gewiise Dialektik. Ach ja, man muss brennen für die Sache, pfeif auf die Rahmenbedingungen... Aber stabile Rahmenbedingungen ( geregelte Arbeitszeiten,angemessene Bezahlung) sind auch etwas Schönes, z.B. wenn man eine Familie hat, soll ja ab und zu auch noch vorkommen ( wenn auch vielleicht nicht in der Welt der Karriereberater) Sonst brennt man bis zum Burn-out....
hpampel 20.08.2018
3. Mache gerade eine andere Erfahrung
In unserem Betrieb wird gerade eine Rolle rückwärts vorgenommen. Lebenslauf, Erfahrungen und Vielseitigkeit sind nicht mehr gefragt. Es kommt nur noch darauf an, dass du auf der Stelle, auf der du gerade sitzt, genau diese Rolle [...]
In unserem Betrieb wird gerade eine Rolle rückwärts vorgenommen. Lebenslauf, Erfahrungen und Vielseitigkeit sind nicht mehr gefragt. Es kommt nur noch darauf an, dass du auf der Stelle, auf der du gerade sitzt, genau diese Rolle einnimmst. Kenntnisse rechts wie links sind irrelevant. Was du gelernt hast oder vor 3 Jahren gemacht hast, interessieren nicht. Das höre ich auch aus anderen Unternehmen.
oh_oh_73 20.08.2018
4. Der letzte Absatz ...
Der letzte Absatz erscheint mir wichtig: Bei dem nächsten Vorstellungsgespräch (und beim Anschreiben mit Lebenslauf dazu) wird es darum gehen, wie der Kandidat den Schritt aus der Vergangenheit begründet. Da klingt doch „ [...]
Der letzte Absatz erscheint mir wichtig: Bei dem nächsten Vorstellungsgespräch (und beim Anschreiben mit Lebenslauf dazu) wird es darum gehen, wie der Kandidat den Schritt aus der Vergangenheit begründet. Da klingt doch „ fachliche Neugier“ besser als „Karrieregeilheit“.
ingo.adlung 20.08.2018
5. Wie so oft lässt die Frage keine schwarz/weiße Antwort zu
Tatsächlich ist es in einer Führungslaufbahn viel einfacher mal etwas neues auszuprobieren, weil es in der Tat neue Erfahrungen sind, die bereichernd sind, für einen selbst als auch für das Unternehmen. In der Fachlaufbahn [...]
Tatsächlich ist es in einer Führungslaufbahn viel einfacher mal etwas neues auszuprobieren, weil es in der Tat neue Erfahrungen sind, die bereichernd sind, für einen selbst als auch für das Unternehmen. In der Fachlaufbahn kann das ebenfalls der Fall sein, muss aber nicht. In vielen Bereichen ist die Innovationsgeschwindigkeit so hoch, dass, wenn mal 2-3 Jahre "aus dem Job" ist, ein Sprint einen nicht wieder wieder automatisch in die alte Rolle/Kompetenz zurückkatapultiert, sondern es dem Atem eines Mittelstreckenläufers bedarf. Tatsächlich brauchen wir nicht nur Kollegen, die sich nur in einem sehr eng begrenzten Fachgebiet exzellent auskennen, sondern wir benötigen zunehmend Menschen, die in der Lage sind über ihren Tellerrand zu schauen und Fachbereichs-übergreifend Zusammenhänge erkennen und auch komplexere Lösungen anzubieten. Das aber bedeutet, dass ein "Ausflug" aus dem eigentlichen Kompetenzgebiet kein Selbstzweck sein, sondern man gezielt sein Wissen erweitern sollte. Es sei denn, man möchte sich grundsätzlich verändern ...

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