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KarriereSPIEGEL

Vollzeit-Spaziergänger

Dieser Mann geht mit Menschen Gassi

Als Schauspieler lief es für ihn nicht so gut in Hollywood, deswegen hat Chuck McCarthy einen neuen Job erfunden: Er führt Menschen zum Spazieren aus. Mittlerweile hat er 40 Mitarbeiter.

thepeoplewalker
Von
Freitag, 29.06.2018   14:24 Uhr

Chuck McCarthys Mutter geht gern spazieren. Auch allein. An einem Tag aber, die Strecke war unübersichtlich, der Boden uneben, fiel die alte Frau hin und brach sich die Hüfte. Zum Glück kamen schnell Leute vorbei und holten Hilfe. "Das ist noch mal gut gegangen", sagt ihr Sohn. "Sie hätte auch in einen Abgrund stürzen können."

Der Unfall habe ihm damals vor zwei Jahren die Augen geöffnet, sagt McCarthy: Warum gibt es Personal Trainer und Hundesitter, aber niemanden, der mit Menschen spazieren geht und auf sie aufpasst? Der Mittdreißiger aus Los Angeles, kräftige Statur, lange schwarze Krauselhaare und Vollbart, war ohnehin auf der Suche nach einem neuen Job - als Schauspieler lief es für ihn nicht so gut. Warum also sollte er nicht einen Spaziergehdienst anbieten?

"Viele Leute wollen sich mehr bewegen, brauchen aber jemanden, der sie motiviert", sagt er. "Zu einem festen Termin gehen sie hin, da machen sie mit, da brechen sie nicht vorzeitig ab. Sie zahlen ja dafür."

Der Spaziergehdienst hätte noch einen weiteren Vorteil, dachte sich McCarthy: Frauen oder Senioren könnten auch in den Abendstunden laufen gehen, ohne Angst haben zu müssen, überfallen oder angemacht zu werden. Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr wollte er seine Idee verwirklichen.

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Der Spaziergehdienst: 30 Dollar pro Stunde

McCarthy gestaltete sich ein T-Shirt, klebte Flyer an Straßenmasten und erstellte eine Facebook-Seite: "The People Walker" nannte er sich. Sieben Dollar verlangte er für eine gelaufene Meile. "Ich wollte einen Dienst anbieten, den sich die Leute leisten können, aber auch einen angemessenen Lohn für meine Arbeit." Zuerst buchten ihn ein paar Freunde, vermutlich aus Mitleid wie er glaubt, doch dann riefen ihn tatsächlich richtige Kunden an.

Seinen ersten Termin hatte er mit einem älteren Mann. Vor dem Treffen überrollte McCarthy eine Welle der Angst - wie vor einem ersten Date. "Was, wenn ich mich nicht mit ihm unterhalten kann? Worüber soll ich bloß reden? Warum mache ich das überhaupt?"

Walker müssen sich gut unterhalten können

Doch die Sorge war unberechtigt, der Rentner redselig. Über ein bisschen Smalltalk kamen die beiden ins Gespräch. Worüber sie sich unterhielten, will McCarthy aber nicht verraten. Das mache er grundsätzlich nicht, Berufsgeheimnis, sagt er. Nur so viel: Meist gehe es um Ärgernisse im Job oder Streitereien in der Familie. Um Intimitäten nur selten.

"Ich bin ja kein Therapeut", sagt McCarthy, der sich gerne mit Friseuren und Barkeepern vergleicht, denen die Menschen von ihren Sorgen erzählen. "Wenn mir jemand von heftigen Problemen berichten würde, würde ich ihm raten, sich professionelle Hilfe zu suchen."

Zwei Jahre nach seinem ersten Job als Spaziergänger arbeitet McCarthy gar nicht mehr auf der Bühne oder vor der Kamera, sondern als Laufbegleiter in Vollzeit. Sein Arbeitsplatz sind jetzt die Straßen, Wanderwege und Parks von Los Angeles. Und weil das Geschäft gut läuft, hat er sich selbst eine Gehaltserhöhung gegönnt, er nimmt nun 30 Dollar pro Stunde.

McCarthy hat inzwischen auch eine eigene Webseite und 40 Mitarbeiter, die für ihn mit anderen spazieren gehen und dafür 20 Dollar die Stunde erhalten. Tragen sie beim Spazierengehen ein "People Walker"-Shirt, bekommen sie einen Dollar extra pro Runde, Trinkgeld dürfen sie behalten. McCarthy sucht aber noch weitere Walker, bald will er sogar eine eigene App auf den Markt bringen.

"Wer Walker werden will, muss offen sein und sich gut unterhalten können. Am besten sind Menschen, die schon an verschiedenen Orten gelebt haben, viel gereist sind und mehrere Sprachen sprechen", fasst er die Anforderungen an seine Mitarbeiter zusammen.

Neun Paar Schuhe in zwei Jahren

Seine Kunden seien zwischen 18 und 80 Jahre alt. Die Jüngeren liefen vor allem mit, weil sie irgendwo von ihm gelesen hätten und die Idee cool fänden, sagt er. Auch Touristen aus England, Australien oder Deutschland seien dabei und froh über jemanden, der sich in der Gegend auskenne.

McCarthy und seine Leute haben verschiedene Strecken im Programm: zum Beispiel Beverly Hills, Downtown Los Angeles, Hollywood, Venice und Pasadena. Die Kunden können aber auch selbst Routen vorschlagen.

Neun Paar Schuhe hat McCarthy in zwei Jahren schon verschlissen, nacheinander. Würde er die Schuhe von Tour zu Tour wechseln, würden ihm die Knie weh tun, sagt er.

Pro Tag läuft McCarthy drei Runden und schafft dabei durchschnittlich 25 Kilometer. Wenn die Spaziergänge an unterschiedlichen Punkten starten und enden, läuft er auch schon mal mehr als 30 Kilometer. Seine Schritte zählt er allerdings nicht, auch Fitness-Tracker findet er albern. Gewicht hat McCarthy auf seinen ganzen Spaziergängen noch nicht verloren, aber er sei überaus fit geworden und der Bauch ein bisschen kleiner.

Neulich war McCarthy mit seiner Freundin in Italien im Urlaub. Statt am Strand zu liegen, sind die beiden spazieren gegangen.

insgesamt 10 Beiträge
Sonnestrandundmeer 29.06.2018
1. Bergführer
So neu ist der Beruf nicht. In der Alpen heißt er Bergführer. Beim Bergführer kommt in stärkerem Maße Erfahrung, Ortskunde oder speziellen Ausbildung hinzu. Es ist allgemein zu hoffen, dass mehr Menschen spazieren gehen und [...]
So neu ist der Beruf nicht. In der Alpen heißt er Bergführer. Beim Bergführer kommt in stärkerem Maße Erfahrung, Ortskunde oder speziellen Ausbildung hinzu. Es ist allgemein zu hoffen, dass mehr Menschen spazieren gehen und wandern, da dies nicht nur für das eigene Herz- Kreislaufsystem und für die Wahrnehmung des eigenen Bewusstseinszustands wichtig ist, sondern auch für das Kennenlernen der Natur - nur wer diese kennt, begreift auch, warum er sie bewahren soll.
lobivia 29.06.2018
2. Spazieren gehen ist toll!
Es entspricht sozusagen unserer biologischen Wahrnehmungsgeschwindigkeit. Man sieht also besonders viel.
Es entspricht sozusagen unserer biologischen Wahrnehmungsgeschwindigkeit. Man sieht also besonders viel.
slotermeyer 29.06.2018
3. Seine Idee?
Ob er die Idee nicht doch aus "King of Queens" hat? Arthur und Holly im Hundepark?
Ob er die Idee nicht doch aus "King of Queens" hat? Arthur und Holly im Hundepark?
nichtdiebohne 29.06.2018
4. Interessant wäre es ...
ob es noch irgendeine menschliche Tätigkeit gibt, welche sich nicht kommerzialisieren lässt?
ob es noch irgendeine menschliche Tätigkeit gibt, welche sich nicht kommerzialisieren lässt?
dasfred 29.06.2018
5. Die idee gefallt mir
Es ist nicht leicht, sich aufzuraffen um allein zu spazieren. Ein Hund hilft dabei ja schon enorm, aber wo Hundehaltung nicht in Frage kommt, ist die Idee großartig. Eine erste Möglichkeit Einsamkeit zu überwinden, ohne eine [...]
Es ist nicht leicht, sich aufzuraffen um allein zu spazieren. Ein Hund hilft dabei ja schon enorm, aber wo Hundehaltung nicht in Frage kommt, ist die Idee großartig. Eine erste Möglichkeit Einsamkeit zu überwinden, ohne eine Verpflichtung einzugehen.
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