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KarriereSPIEGEL

Alten- und Krankenpflege

Was gegen den Notstand in der Pflege hilft

Überall fehlen Pflegekräfte - kein Wunder, viele verdienen kaum mehr als den Mindestlohn. Aber dürftige Bezahlung ist nicht das einzige Problem. Eine Studie zeigt: Der Staat könnte die Lage mit Vorgaben verbessern.

DPA

Pflegekraft in einem Seniorenzentrum (Archivfoto)

Dienstag, 05.06.2018   08:39 Uhr

Die Deutschlandkarte ist rot: Wenn die Bundesagentur für Arbeit aufzeigt, in welchen Bundesländern es an Fachkräften für die Altenpflege mangelt, dann ist fast überall Alarm. Bei Krankenpflegern und Rettungsdiensten ist die Lage fast genauso dramatisch.

Trotzdem wird zu wenig getan, um Pflegeberufe attraktiver zu gestalten, stellt die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung in einer neuen Studie fest. Das fängt beim Lohn an: Helferinnen in der Krankenpflege verdienen demnach im Mittel 11,09 Euro brutto pro Stunde. Zum Vergleich: Der gesetzliche Mindestlohn beträgt 8,84 Euro.

Gerade im Gehalt drücke sich eine geringe Wertschätzung der Pflegeberufe aus, schreiben die Autorinnen, Christina Schildmann und Dorothea Voss. Der durchschnittliche Stundenlohn aller Beschäftigten in Deutschland betrage 16,97 Euro. In dessen Nähe kommen im Pflegesektor allenfalls Gesundheits- und Krankenpfleger mit 16,23 Euro. Überdurchschnittlich verdienen nur Stationsleiter in der Krankenpflege: 19,25 Euro.

Hans-Böckler-Stiftung

Die Werte für die Pflegeberufe sind dem Lohnspiegel des Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) aus den Jahren 2010 bis 2017 entnommen, den Vergleichswert aller Beschäftigten hat das Statistische Bundesamt 2014 ermittelt.

An der Bezahlung hängt es aber nicht allein. Drei andere Punkte sorgen dafür, dass Pflegejobs unbeliebt sind:

Um professionelle Pflege zu sichern, empfehlen die Autorinnen daher:

Bleibt das Problem der mageren Bezahlung. Die Autorinnen zeigen, dass meist dort am besten bezahlt wird, wo noch eine Tarifbindung existiert. Das ist sicher ein Befund, über den sich die gewerkschaftsnahe Böckler-Stiftung freut. Mit Tarif verdienen Pflegekräfte durchschnittlich 18 Prozent mehr als ohne.

"Relikt der Privatisierungslogik"

Viele kleine Pflegeanbieter gehören allerdings keinem Arbeitgeberverband an und zahlen nicht nach Tarif. Viele kirchliche Einrichtungen arbeiten außerdem nach eigenem Rechtsstandard, was die Tarifbindung schwächt. So dürfen kirchliche Arbeitnehmer prinzipiell nicht streiken.

Nicht zuletzt seien Tariflöhne für die Arbeitgeber ein finanzielles Risiko, schreiben die Autorinnen, und das liege an staatlichen Regelungen: Steigen die Löhne etwa an Kliniken, gleichen die Krankenkassen die Mehrkosten nicht voll aus.

Sie empfehlen Maßnahmen, die sicherstellen, dass Tariflöhne wirklich bei den Beschäftigten ankommen. Einen Schritt in diese Richtung hat das Bundesland Hamburg bereits gemacht: Dort erhalten Anbieter, die nachweisen, dass Pflegekräfte Tariflöhne bekommen, höhere Pflegesätze.

Video: Pflegenotstand - Wer betreut Sie?

Foto: SPIEGEL TV

mamk

insgesamt 44 Beiträge
wannbrach 05.06.2018
1.
Warum kann das Pflegepersonal nicht anständig bezahlt werden? Wer ist dafür verantwortlich und wie kann den Zustand verbessern. Die Medien könnten hier sehr wirkungsvoll helfen.
Warum kann das Pflegepersonal nicht anständig bezahlt werden? Wer ist dafür verantwortlich und wie kann den Zustand verbessern. Die Medien könnten hier sehr wirkungsvoll helfen.
hardline 05.06.2018
2. Falsche Pauschalisierung
In den Medien wird immer so getan, als nagten alle, die im Pflegeberuf tätig seien, am Hungertuch. Natürlich ist es so, dass Pflegehilfskräfte in der Altenpflege relativ schlecht verdienen. Allerdings muss man auch mal sehen, [...]
In den Medien wird immer so getan, als nagten alle, die im Pflegeberuf tätig seien, am Hungertuch. Natürlich ist es so, dass Pflegehilfskräfte in der Altenpflege relativ schlecht verdienen. Allerdings muss man auch mal sehen, dass diese Hilfskräfte oft in anderen Berufen auch nicht mehr verdienen könnten. In der Krankenpflege sieht es schon wieder ganz anderst aus, und auch bei den Fachkräften in der Altenpflege. Meine Freundin ist examinierte Krankenschwester und verdient bei durchschnittlich 173 Stunden Arbeit im Monat durchschnittlich brutto 5200 €. Weil sie gut ist. Aber viele, die vorher lange studiert haben und auch gut sind, komm da nicht ran.
deraushh 05.06.2018
3. und Freiberufler
die in die Einrichtungen gehen, um die prekäre Personalsituation aufzufangen, werden oft von den Rentenkassen grundlos des Sozialbetruges verfolgt. Ebenso die Einrichtungen die oftmals ohne zeitlich begrenzte Freiberufler [...]
die in die Einrichtungen gehen, um die prekäre Personalsituation aufzufangen, werden oft von den Rentenkassen grundlos des Sozialbetruges verfolgt. Ebenso die Einrichtungen die oftmals ohne zeitlich begrenzte Freiberufler eigentlich die Versorgung der Alten nicht mehr gewährleisten konnen. Auch hier muss unbedingt nachgebessert werden und Rechtssicherheit hergestellt werden. Ohne Freiberufler würde das System vieler Orts zusammenbrechen, aber das erzählen sie mal jemand RVA bzw vom Zoll.
frytom 05.06.2018
4. Wie sparen uns heute bereits zu tode...
Der politische Fehler war es, das Gesundheitswesen nach US-Vorbild zu kapitalisieren, so als könne man aus ihm "normale" Wirtschaftsunternehmen zaubern. Böser, aber gewollter Fehler der Politik und der [...]
Der politische Fehler war es, das Gesundheitswesen nach US-Vorbild zu kapitalisieren, so als könne man aus ihm "normale" Wirtschaftsunternehmen zaubern. Böser, aber gewollter Fehler der Politik und der Gesundheitswesenprivatisierungs-Profiteure. Bis heute wird diese schwachsinnige affirmative Politik fortgesetzt. Die Pflege ist zu billig und zu stark ausgedünnt. Das Einführen der Fallpauschalen und der "Standards" diente bis heute hauptsächlich und in erster Linie dazu, Arbeit zu quantifizieren, damit die Buchhalter exakt berechnen können, wo und wie in den Bereichen überall (vermeintlich) Einsparungspotential generiert werden kann. MRSA-Ausbreitung dank mangelnder Hygiene dank mangelnder Zeit ist die Folge usw. Aber, gut gespart, Herr Spahn. Wir sparen heute bereits in den Krankenhäusern Menschen zu Tode. In den Niederlanden z.B. gibt es ein viel besseres national-weit mustergültiges Mrsa (vulgo Krankenhauskeime)-Handling, welches zwingend für alle vorgeschrieben ist. So etwas wäre für D ebenfalls zu wünschen. Nur dafür benötig man mehr Geld & mehr Personal.
-mutabor 05.06.2018
5.
Fehlende Entwicklungsmöglichkeiten sind evtl schön für private Wohlbefinden, nützen in diesem Beruf aber nichts, wenn sie nicht auch zu einer besseren Bezahlung führen. Denn auch die Karrieremöglichkeiten sind im [...]
Fehlende Entwicklungsmöglichkeiten sind evtl schön für private Wohlbefinden, nützen in diesem Beruf aber nichts, wenn sie nicht auch zu einer besseren Bezahlung führen. Denn auch die Karrieremöglichkeiten sind im Pflegebereich genauso schlecht, wie überall. Chef kann immer nur 1 werden. Alle anderen machen keine Karriere, egal wieviele Fortbildungen sie mitgemacht haben. Das ist in allen Berufen der gleiche Beschiss! Aber man könnte die Arbeitszeiten gravierend verkürzen. Teilzeitarbeit bedeutet ja auch nur ein Teilgehalt. Und das ist auch der Grund warum Teilzeitbeschäftigte mehr arbeiten wollen. Nicht weil die Arbeit so toll ist, sondern weil der Verdienst so gering ist! Also halbe Stellen voll bezahlen! Höchstens eine 30 St/Woche! Mindestens 30/€ pro Stunde! Und wenn dann noch die Azubis mit einen vernünftigen Gehalt von ca 1500-2000 € netto geködert werden, klappt es auch im Pflegebereich!

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