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KarriereSPIEGEL

Geplantes Psychotherapiestudium

Psychologiestudenten fühlen sich abgehängt

Ein neues Studium soll die Ausbildung zum Psychotherapeuten verbessern. Doch aktuelle Studenten der Psychologie sind sauer: Sie fürchten, dass ihr Abschluss durch die Pläne wertlos wird.

Getty Images/iStockphoto

Psychotherapeutische Sitzung (Archivbild)

Von
Dienstag, 29.01.2019   15:32 Uhr

Eigentlich ist Jens Spahn in einer bequemen Position. Die Ausbildung zum Psychotherapeuten gilt schon lange als reformbedürftig, und der Bundesgesundheitsminister plant genau eine solche Reform: Die Ausbildung soll schneller, klarer strukturiert und besser bezahlt sein als bisher.

Spahn will, das hatte er Anfang Januar bekannt gegeben, für Psychotherapeuten einen eigenen Studiengang auf den Weg bringen. Der bisher vorliegende Referentenentwurf sieht ein fünfjähriges Hochschulstudium der Psychotherapie vor, das sich aus drei Jahren Bachelor und zwei Jahren Master zusammensetzt.

Am Ende soll es eine staatliche Prüfung geben - wer die besteht, bekommt dann direkt die Approbation, also die Anerkennung für Heilberufe. Bisher war dafür eine mehrjährige und mehrere zehntausend Euro teure Ausbildung nötig. Stattdessen würde sich nach den neuen Plänen eine bezahlte Weiterbildung anschließen, vergleichbar der Facharztausbildung bei Medizinern.

Klingt gut - doch statt Applaus schlägt dem Minister in dieser Woche massiver Protest entgegen. "Prinzipiell sind die Pläne ja nicht schlecht", sagt Fabian Heß, der in Leipzig Psychologie im Master studiert und sich in der bundesweiten Psychologie-Fachschaften-Konferenz engagiert. "Das Problem ist nur: Die aktuellen Studierenden fallen aus den Regelungen komplett raus."

Kritiker befürchten parallele Systeme

Tatsächlich sollen die neuen Studiengänge ab 2020 starten, fünf Jahre später wären dann die ersten approbierten Master-Absolventen fertig. Gleichzeitig ist eine Übergangsfrist für heutige Studenten bis 2032 geplant - danach ist keine Möglichkeit mehr vorgesehen, die bisherige Psychotherapie-Ausbildung abzuschließen.

"Das führt dazu, dass ab 2025 jahrelang Psychotherapie-Absolventen einerseits und Psychologie-Absolventen andererseits nebeneiner in einer Einrichtung arbeiten und die gleichen Aufgaben erledigen - die einen mit Gehalt, die anderen ohne", befürchtet Fabian Heß.

Tatsächlich müssen heutige Psychologie-Absolventen zu Beginn ihrer anschließenden therapeutischen Ausbildung 1200 Stunden als "Psychotherapeut in Ausbildung" (PiA) absolvieren. "Das Gehalt für die praktische Tätigkeit in den Kliniken liegt vor allem in Berlin zwischen null und acht Euro pro Stunde", sagt Dilara Michel, die selbst als PiA bei einem Berliner Klinikkonzern gearbeitet hat.

Zwar gebe auch einige Einrichtungen in Brandenburg und Bayern, die ein normales Psychologengehalt zahlten, "der Schwerpunkt liegt aber bei Kliniken, die unter zwei Euro pro Stunde zahlen - zumindest können wir das für Berlin so feststellen", sagt Dilara Michel. Zusammen mit anderen Betroffenen hat sie für Dienstag eine Demonstration vor dem Berliner Gesundheitsministerium organisiert. Auch in Bonn und Hamburg sind Proteste angekündigt.

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"Es kann doch nicht sein, dass die heutigen Studentenkohorten einfach nur Pech haben, weil sie gerade mitten im Studium sind und deshalb von den Reformen nicht profitieren", ärgert sich Fabian Heß. Im Namen der Psychologie-Fachschaften-Konferenz, die bundesweit über 70.000 Studenten vertritt, fordert er deshalb: "Aktuelle Studierende, die Therapeuten werden wollen, müssen unproblematisch in das neue System hinüberwechseln können."

Der Nachbesserungsbedarf, den Dilara Michel bei den Spahn-Plänen sieht, deckt sich weitgehend mit dem der Studenten. Auch Michel fordert, dass es Wechselmöglichkeiten in die neuen Ausbildungswege gibt. Zumindest aber müssten die Kliniken verpflichtet werden, in der Übergangszeit nicht nur die neuen Psychotherapie-Absolventen angemessen zu bezahlen, sondern auch diejenigen, die aus einem reinem Psychologiestudium kommen.

Mit Protesten und Petitionen wollen Fachschaften und PiAs in den kommenden Tagen und Wochen für ihre Anliegen kämpfen. Bis zum Herbst wollen sie die Änderungen am Gesetzentwurf durchsetzen - "denn sonst", sagt eine Hamburger Psychologie-Studentin fatalistisch, "kann ich mein Studium auch gleich abbrechen".

insgesamt 27 Beiträge
Revisor 29.01.2019
1. Das Psychologiestudium wird bevorzugt von Menschen gewählt,
die mit sich besonders wenig im Reinen sind und hoffen, mit Hilfe der Wissenschaft die eigenen seelischen Belastungen zu überwinden. Das aber gelingt eher selten, denn zwischen der rationalen Einordnung eines Traumas, wenn sie [...]
die mit sich besonders wenig im Reinen sind und hoffen, mit Hilfe der Wissenschaft die eigenen seelischen Belastungen zu überwinden. Das aber gelingt eher selten, denn zwischen der rationalen Einordnung eines Traumas, wenn sie überhaupt zutrifft und gründlich genug ist, und dessen Überwindung liegen Welten. Echte Menschenkenntnis findet man bei Psychologen oft weniger als bei andren das Leben offenen Auges betrachtenden Menschen. Das beweisen die zahlreichen abstrusen, nach Schema F angefertigten Gutachten in Familiensachen. Bei vielen Psychotherapeuten hat man den Eindruck, sie brauchten eher eine eigene Therapie, als daß sie imstande wären, andere sinnvoll zu belehren und ihnen zu helfen. Da werden Orientierungsschwäche und die Fähigkeit, auf jede Haltung ein angelerntes Etikett zu kleben, gerne mit Souveränität verwechselt. Im übrigen gilt Adornos Satz: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Was körperliche Gesundheit ist, weiß jeder, aber mit der seelischen Gesundheit steht es anders. Darum ist das Heilungsziel von Psychotherapeuten unklar.
Newspeak 29.01.2019
2. ...
"Bis zum Herbst wollen sie die Änderungen am Gesetzentwurf durchsetzen - "denn sonst", sagt eine Hamburger Psychologie-Studentin fatalistisch, "kann ich mein Studium auch gleich abbrechen"." [...]
"Bis zum Herbst wollen sie die Änderungen am Gesetzentwurf durchsetzen - "denn sonst", sagt eine Hamburger Psychologie-Studentin fatalistisch, "kann ich mein Studium auch gleich abbrechen"." Wieso? Hat sie es denn nicht unter den alten Bedingungen angefangen? Und ist sie nicht davon ausgegangen, dass es bei diesen Bedingungen bleibt? Es koennen sich doch immer Dinge aendern, und normalerweise gibt es Bestandsschutz, aber eben nicht eine automatische Verbesserung. Es handelt sich strenggenommen um einen voellig anderen Beruf. Macht die Psychologiestudentin ihr weiteres Studium davon abhaengig, was in anderen Berufen entschieden wird? Davon abgesehen soll man jeden, der im Rahmen seiner Ausbildung auch praktische Arbeit verrichtet, dafuer entlohnen. Aber das ist eine andere Frage.
LFtheria 29.01.2019
3. ugh...
Wow... ich weiß nicht, wie ich das diplomatischer ausdrücken soll, außer, dass es vermutlich klügere Beiträge als diesen im Internet gibt. Ihre Behauptung ist einfach unwahr. Psychologie ist ein wahnsinnig begehrter [...]
Zitat von Revisordie mit sich besonders wenig im Reinen sind und hoffen, mit Hilfe der Wissenschaft die eigenen seelischen Belastungen zu überwinden. Das aber gelingt eher selten, denn zwischen der rationalen Einordnung eines Traumas, wenn sie überhaupt zutrifft und gründlich genug ist, und dessen Überwindung liegen Welten. Echte Menschenkenntnis findet man bei Psychologen oft weniger als bei andren das Leben offenen Auges betrachtenden Menschen. Das beweisen die zahlreichen abstrusen, nach Schema F angefertigten Gutachten in Familiensachen. Bei vielen Psychotherapeuten hat man den Eindruck, sie brauchten eher eine eigene Therapie, als daß sie imstande wären, andere sinnvoll zu belehren und ihnen zu helfen. Da werden Orientierungsschwäche und die Fähigkeit, auf jede Haltung ein angelerntes Etikett zu kleben, gerne mit Souveränität verwechselt. Im übrigen gilt Adornos Satz: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Was körperliche Gesundheit ist, weiß jeder, aber mit der seelischen Gesundheit steht es anders. Darum ist das Heilungsziel von Psychotherapeuten unklar.
Wow... ich weiß nicht, wie ich das diplomatischer ausdrücken soll, außer, dass es vermutlich klügere Beiträge als diesen im Internet gibt. Ihre Behauptung ist einfach unwahr. Psychologie ist ein wahnsinnig begehrter Studiengang, der leider einen extrem hohen NC hat und die Interessierten vor allem dadurch selektiert. Natürlich muss ein gewisses Interesse an psychischen Erkrankungen bestehen, allerdings machen nicht alle Psychologie-Studierenden die therapeutische Ausbildung. Viele gehen in die Personalberatung, in die Unternehmensberatung oder machen etwas ganz anderes. Psychologie hat außerdem einen sehr hohen Anteil zu Themen der Neurobiologie - einige gehen in die Wissenschaft. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass es nur um psychische Erkrankungen ginge. Es geht viel mehr darum, zu erforschen, wie das menschliche Gehirn funktioniert. Wie Menschen sehen, verstehen, denken, sich motivieren, LERNEN, fühlen etc. Das Gehirn ist das komplexeste und am wenigsten verstandene Organ des Menschen. Was gerichtliche Gutachten angeht, muss ich Ihnen leider sagen, dass es noch keine gerichtlichen Standars gibt, wer ein solches Gutachten erstellen darf. Teilweise haben Gerichte mangels verfügbarer Gutachterinnen, psychologische Heilpraktikerinnen verpflichtet... Es gibt mittlerweile eine sehr aufwändige Weiterbildung zur Rechtspsychologin, allerdings gibt es momentan nicht genügend Menschen, die diese Ausbildung haben und entsprechen Gutachten in geprüfter Qualität schreiben können. Bitte verwechseln Sie außerdem nicht Psychiaterinnen (das sind Ärzte), Psychotherapeutinnen (4jährige Ausbildung nach Psychologie-Studium) und Psychologinnen (5jähriges Studium). Was Adorno wohl von Ihrem Zitat in diesem Kontext gehalten hätte...
LFtheria 29.01.2019
4. nein!
Nein, den Gesetzentwurf gibt es schon mindestens seit 2012. Dass sich etwas ändert, ist also schon sehr lange bekannt. Es gibt vermutlich kaum Studierende, die deswegen ihre Lebensentwürfe auf Eis legen, nur, weil sich die [...]
Zitat von Newspeak"Bis zum Herbst wollen sie die Änderungen am Gesetzentwurf durchsetzen - "denn sonst", sagt eine Hamburger Psychologie-Studentin fatalistisch, "kann ich mein Studium auch gleich abbrechen"." Wieso? Hat sie es denn nicht unter den alten Bedingungen angefangen? Und ist sie nicht davon ausgegangen, dass es bei diesen Bedingungen bleibt? Es koennen sich doch immer Dinge aendern, und normalerweise gibt es Bestandsschutz, aber eben nicht eine automatische Verbesserung. Es handelt sich strenggenommen um einen voellig anderen Beruf. Macht die Psychologiestudentin ihr weiteres Studium davon abhaengig, was in anderen Berufen entschieden wird? Davon abgesehen soll man jeden, der im Rahmen seiner Ausbildung auch praktische Arbeit verrichtet, dafuer entlohnen. Aber das ist eine andere Frage.
Nein, den Gesetzentwurf gibt es schon mindestens seit 2012. Dass sich etwas ändert, ist also schon sehr lange bekannt. Es gibt vermutlich kaum Studierende, die deswegen ihre Lebensentwürfe auf Eis legen, nur, weil sich die Berufsverbände, Kliniken und Politiker nicht einigen können. Die Situation ist schon lange untragbar. Psychologinnen werden in den Kliniken ausgebeutet. Dabei ist der Klinikbetrieb von ihnen abhängig. Sie machen Einzel- und Gruppentherapien und bekommen dafür kein angemessenes Gehalt und keinen gesicherten Status. Es wird ja noch nicht mal Mindestlohn gezahlt. Es wäre eine riesige Ungerechtigkeit, wenn Studierende des alten Systems - bei genau gleicher Arbeit - deswegen schlechter bezahlt würden. Da auch im neuen Studiengang viele Grundlagen gelehrt werden müssen und Psychologie-Studierende auch im alten System (je nach Schwerpunkt und Interessen) schon viele klinische Inhalte lernen, wird der fachliche Unterschied nicht so gigantisch sein. Eine unterschiedliche Bezahlung ist daher nur sehr schwer zu rechtfertigen.
lahozdeoro 29.01.2019
5. Studienwahl
@Revisor Die Frage der Studienwahl ist sehr vielfältig und es gibt sicherlich Hunderte von Gründen, ein Studienfach zu wählen. Würden Sie auch behaupten, dass Mathematikstudenten vor allem deshalb ihr Studienfach wählen, [...]
@Revisor Die Frage der Studienwahl ist sehr vielfältig und es gibt sicherlich Hunderte von Gründen, ein Studienfach zu wählen. Würden Sie auch behaupten, dass Mathematikstudenten vor allem deshalb ihr Studienfach wählen, weil sie nicht mit Zahlen umgehen können, oder Ingenieure, weil sie technisch ungeschickt sind? Ähnlich strukturiert ist die (seltsamerweise oft zu hörende) Behauptung, Psychologen seien persönlich von psychischen Problemen betroffen. Mag im Einzelfall nicht ganz unzutreffend sein, aber das zu verallgemeinern grenzt schon an billigen Populismus.

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