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KarriereSPIEGEL

Sanitäter an Karneval

"Die jüngste Schnapsleiche war zwölf Jahre alt"

An Karneval sind sie im Dauereinsatz: Ein Sanitäter erzählt von einer besonders eiligen Geburt - und was sonst noch zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch passiert.

DPA

Sanitäter am Rosenmontag im Einsatz

Aufgezeichnet von Sarah Wiedenhöft
Montag, 12.02.2018   12:55 Uhr
Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

Eigentlich ist mein Beruf ein Traumjob. Aber der Dienst im Karneval ist der stressigste des Jahres. Ich arbeite seit 22 Jahren als Sanitäter und versuche jedes Jahr, an den Tagen zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch freizuhaben. Leider klappt das nicht immer. Ich bin absolut kein Karnevalsfan. Hier bei uns am Niederrhein eher eine Seltenheit.

Bis Aschermittwoch im Dauereinsatz

Die ersten Betrunkenen transportieren wir schon am Donnerstag, Weiberfastnacht, gegen 17 Uhr. Danach sind meine Kollegen und ich bis Aschermittwoch im Dauereinsatz. Viele Feiernde verschätzen sich mit der Alkoholmenge, die sie vertragen können. Hinzu kommt schlechte Luft in den Veranstaltungsräumen oder der Umstand, dass der Karnevalist zu wenig gegessen hat.

Es kommt immer wieder vor, dass sich die Leute in unserem Wagen übergeben. Dann fahren wir direkt nach dem Einsatz zur Hauptwache und desinfizieren das ganze Fahrzeug gründlich. Dabei unterstützen uns hauptamtliche Desinfektoren. Wenn wir nicht ordentlich arbeiten, übertragen sich Keime direkt auf den nächsten Patienten.

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Stürze in alkoholisiertem Zustand, Schnittwunden durch Flaschen oder Schlägereien gehören zu den häufigsten Ursachen für Einsätze im Karneval. Die meisten Menschen sind dankbar für unsere Arbeit. Manchmal bekomme ich Briefe von ehemaligen Patienten, die sich für ihr Verhalten entschuldigen. Ein vollgespuckter Krankenwagen ist den meisten peinlich, wenn sie wieder nüchtern sind.

Im letzten Jahr bin ich bei einem Einsatz angegriffen worden. Ein 19-Jähriger bedrohte mein Team unter Drogen- und Alkoholeinfluss. Er versuchte, uns zu schlagen. Mit einem Kollegen und zwei Polizisten konnten wir den Mann im Rettungswagen fixieren. Mein Kollege bekam einen Tritt ins Gesicht und brach sich die Nase. Ich musste mit einer Rippenprellung ins Krankenhaus.

12-jähriges Kind mit 3,6 Promille

Besonders erschreckend finde ich, dass die Schnapsleichen immer jünger werden: Die jüngste, die ich transportiert habe, war zwölf Jahre alt und hatte 3,6 Promille Alkohol im Blut. Wir haben das Kind in ein Kinderkrankenhaus gebracht, wo es weiter versorgt wurde. Es bekam eine Windel. Bei einem derartigen Alkoholspiegel im Blut kann der Patient seine Ausscheidungen meist nicht mehr kontrollieren.

Auch eine intensive Überwachung während der Ausnüchterung und eine Behandlung mit Infusionen sind oft nötig. Weil so junge Menschen ihren Ausweis selten bei sich haben, wird oft die Polizei hinzugezogen. Die machen dann die Eltern ausfindig. Manche Ärzte unterschreiben den Schein nicht, den die Krankenkasse benötigt, um die Kosten für die Fahrt im Krankenwagen zu übernehmen. Dann müssen die Eltern die rund 400 Euro bezahlen.

Am Rosenmontag gab es einmal einen schweren Unfall. Ein Mann war über die Absperrung gestürzt und fiel mitten in den Festumzug. Seine Beine wurden von einem Trecker überrollt, der einen Festwagen zog. Der Mann konnte glücklicherweise gerettet werden. Auch Unfälle mit scheuenden Pferden kommen häufig vor. Für die Fluchttiere ist die Lärmbelastung groß, und sie bekommen Angst.

Bei den Karnevalsumzügen werden wir von vielen ehrenamtlichen Helfern der freiwilligen Feuerwehr und der Hilfsdienste unterstützt. Ohne sie könnten wir die Sicherheit der Tausenden Feiernden nicht gewährleisten.

Geburt an Rosenmontag - im Krankenwagen

Besonders gern erinnere ich mich an den Rosenmontag, an dem ich ein kleines Mädchen auf die Welt geholt habe. Die Mutter rief von ihrer Wohnung aus an und klang noch relativ entspannt. Als wir mit zwei Sanitätern ohne Notarzt eintrafen, um die Frau ins Krankenhaus zu fahren, stand die Geburt des Kindes aber schon unmittelbar bevor. Die Kleine kam im Rettungswagen zur Welt und war zum Glück gesund. Die Mutter war uns so dankbar, dass sie uns zur Taufe ihrer Tochter einlud.

2300 Euro brutto

Gewöhnlich arbeite ich zwei Schichten in einer Woche, die jeweils 24 Stunden dauern - von sieben Uhr bis sieben Uhr. Eigentlich sollten wir nach jeder Schicht 48 Stunden frei haben. Aber es kommt vor, dass ich drei 24-Stunden-Schichten in einer Woche übernehmen muss - nicht nur in der Karnevalszeit.

Ich liebe meinen Beruf. Aber er ist kräftezehrend und mit etwa 2300 Euro brutto im Monat nicht gut bezahlt. Sanitäter sind keine Ärzte, haben aber trotzdem ein breites Wissen über Medikamente und verschiedene Krankheitsbilder. Ich muss immer voll konzentriert sein. Wenn ich einen Fehler mache, kann das im schlimmsten Fall ein Menschenleben kosten.

insgesamt 20 Beiträge
swandue 12.02.2018
1.
Regelmäßig 24 Stunden am Stück arbeiten - Wie geht denn das? Warum gibt es für andere Leute Beschränkungen auf wesentlich kürzere Arbeitszeiten? Stammt das aus Zeiten, wo nachts tatsächlich wenig los war? Passt das noch [...]
Regelmäßig 24 Stunden am Stück arbeiten - Wie geht denn das? Warum gibt es für andere Leute Beschränkungen auf wesentlich kürzere Arbeitszeiten? Stammt das aus Zeiten, wo nachts tatsächlich wenig los war? Passt das noch oder sollte das nicht jetzt mal geändert werden?
ned divine 12.02.2018
2. Die Helden des Alltags sind diese Sanitäter!!
genauso wie Feuerwehrmänner und viele andere. Ich könnte das nicht, wenn mir mal jemand im Suff die Knochen geborchen hat.... würde ih sofort den job an den Nagel hängen! Schlimm!! Und den Eltern der 12-jährigen gehört ein [...]
genauso wie Feuerwehrmänner und viele andere. Ich könnte das nicht, wenn mir mal jemand im Suff die Knochen geborchen hat.... würde ih sofort den job an den Nagel hängen! Schlimm!! Und den Eltern der 12-jährigen gehört ein dickes Disziplinarverfahren aufgebrummt, wegen Vernachlässigung der Aufsichtspflicht. Wie geht denn sowas? Furchtbar!! Da kann die 12-jährige froh sein, dass sie in gute Hände der Sanitäter geraten ist und nicht in die irgendwelcher halbstarken Kerle, die evt. auf dumme Ideen können, was man alles mit so einem wehrlosen Opfer anstellen kann... Gott, was für eine Zeit. Karneval gehört sowieso abgeschafft, es ist nur noch ein Massenbesäufnis, hat mit Kultur nichts zu tun. Und Verkleiden ist doch nur bei Kindern lustig, nicht bei Erwachsenen, oder?
geotie 12.02.2018
3.
Kenne mich im Strafwesen nicht so sehr aus, aber die Person, die den Alkohol für das Kind besorgt hat, wird mit einer saftigen Strafe zu rechnen haben. Hoffe ich doch! Ansonsten sollte es eine Strafe für die Eltern geben, [...]
Zitat von ned divinegenauso wie Feuerwehrmänner und viele andere. Ich könnte das nicht, wenn mir mal jemand im Suff die Knochen geborchen hat.... würde ih sofort den job an den Nagel hängen! Schlimm!! Und den Eltern der 12-jährigen gehört ein dickes Disziplinarverfahren aufgebrummt, wegen Vernachlässigung der Aufsichtspflicht. Wie geht denn sowas? Furchtbar!! Da kann die 12-jährige froh sein, dass sie in gute Hände der Sanitäter geraten ist und nicht in die irgendwelcher halbstarken Kerle, die evt. auf dumme Ideen können, was man alles mit so einem wehrlosen Opfer anstellen kann... Gott, was für eine Zeit. Karneval gehört sowieso abgeschafft, es ist nur noch ein Massenbesäufnis, hat mit Kultur nichts zu tun. Und Verkleiden ist doch nur bei Kindern lustig, nicht bei Erwachsenen, oder?
Kenne mich im Strafwesen nicht so sehr aus, aber die Person, die den Alkohol für das Kind besorgt hat, wird mit einer saftigen Strafe zu rechnen haben. Hoffe ich doch! Ansonsten sollte es eine Strafe für die Eltern geben, wenn der Alkoholbeschaffer nicht ausfindig gemacht werden kann.
hexenbesen.65 13.02.2018
4.
Ich komme auch aus dem Rettungsdienst..allerdings als "Ehrenamtlicher". 24-Stunden-Dienste sind keine Seltenheit, eher die Regel (vor allem am Wochenende). Man hat zwar ein SChlafraum, indem man sich legen kann. Wenn [...]
Zitat von swandueRegelmäßig 24 Stunden am Stück arbeiten - Wie geht denn das? Warum gibt es für andere Leute Beschränkungen auf wesentlich kürzere Arbeitszeiten? Stammt das aus Zeiten, wo nachts tatsächlich wenig los war? Passt das noch oder sollte das nicht jetzt mal geändert werden?
Ich komme auch aus dem Rettungsdienst..allerdings als "Ehrenamtlicher". 24-Stunden-Dienste sind keine Seltenheit, eher die Regel (vor allem am Wochenende). Man hat zwar ein SChlafraum, indem man sich legen kann. Wenn man Glück hat, kann man mal 3-4 Stunden schlafen.
hexenbesen.65 13.02.2018
5.
Und wenn die sich nicht beim Karnerval besaufen, ist es eben Halloween oder Silvester oder Vatertag... oder irgendein Geburtstag. Einen Grund fürs saufen finden die immer wieder. Da ich früher selber Rettungsdienst [...]
Zitat von ned divinegenauso wie Feuerwehrmänner und viele andere. Ich könnte das nicht, wenn mir mal jemand im Suff die Knochen geborchen hat.... würde ih sofort den job an den Nagel hängen! Schlimm!! Und den Eltern der 12-jährigen gehört ein dickes Disziplinarverfahren aufgebrummt, wegen Vernachlässigung der Aufsichtspflicht. Wie geht denn sowas? Furchtbar!! Da kann die 12-jährige froh sein, dass sie in gute Hände der Sanitäter geraten ist und nicht in die irgendwelcher halbstarken Kerle, die evt. auf dumme Ideen können, was man alles mit so einem wehrlosen Opfer anstellen kann... Gott, was für eine Zeit. Karneval gehört sowieso abgeschafft, es ist nur noch ein Massenbesäufnis, hat mit Kultur nichts zu tun. Und Verkleiden ist doch nur bei Kindern lustig, nicht bei Erwachsenen, oder?
Und wenn die sich nicht beim Karnerval besaufen, ist es eben Halloween oder Silvester oder Vatertag... oder irgendein Geburtstag. Einen Grund fürs saufen finden die immer wieder. Da ich früher selber Rettungsdienst geschoben hat, sind mir die Beiträge des Kollegens nicht unbekannt (nur auf ne Taufe wurden wir noch nicht eingeladen ;-) ) Vollgereiherte RTWs sind eklig..vor allem, wenn man auf der Wache nur diesen einen hat...dann ist Eile angesagt... da reinigt der "3.te Mann" (meist der Praktikant) schon während der "Ablieferung im Krankenhaus" in der Notaufnahme grob den Wagen, auf der Wache wird er fertig desinfiziert.. (Kann mich an einen Fall erinnern, da fiel ne Frau durch ne Glasscheibe...verständlicherweise war diese Dame total durcheinander, und erbrach sich im RTW (so stark bis an die Decke)...die hatte vorher Capuchino getrunken...Der RTW roch zwei Tage lang nach Kaffee (also noch "Glück" gehabt )
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