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KarriereSPIEGEL

Sexismus und Machtmissbrauch

Holt die Stars vom Podest

Ein Prominenter nach dem anderen wird als Sexist, Grapscher oder gar Vergewaltiger geoutet. Ihr Verhalten wird durch fehlenden Mut erst möglich gemacht, schreibt Schauspielerin Maria Bachmann - und zeigt einen Ausweg auf.

DPA

Fotografen bei einer Filmpremiere

Freitag, 24.11.2017   09:31 Uhr

Zur Person

Sie fühlt sich nass und weich an, die Zunge, die sich mir in den Mund schieben will. Sie ist älteren Semesters, ein wenig schlaff. Von der Regie hieß es: "Du gibst ihm zur Begrüßung ein Küsschen. - Und bitte!"

Ein Zungenkuss war nicht abgesprochen. Darauf war ich nicht gefasst. Ich schrecke kurz zurück, spiele aber weiter. Ich bin eine junge Schauspielerin. Gedanken rasen, ich gucke mir selbst beim Spielen zu. Unangenehme Diskussionen lieber vermeiden, sonst heißt es: Die ist schwierig! Ich fühle mich, als hätte ich selbst was falsch gemacht, erröte. Hätte ich abbrechen sollen?

Ja, unbedingt!

Ich hätte laut vor versammelter Mannschaft sagen müssen: "Nehmen Sie Ihre Zunge weg!" Ich hätte mich trauen müssen, die Scham überwinden. Und: Ja, ich darf schwierig sein!

Hinterher, als ich wieder im Besitz meines Urteilsvermögens bin, spreche ich den Zungenakrobaten darauf an. Er murmelt: "Ooooch, dette war doch nüscht," und dreht sich weg, wie ein Schuljunge, der unter der Bettdecke heimlich Pornos studiert hat. Keine Entschuldigung, nüscht. Aber es gibt späte Genugtuung. Der Wüstling liegt inzwischen von Würmern zerfressen in der Erde. Und ich habe die Episode von damals ohne bleibendes Trauma überlebt.

Ich liebe meine Zunft und auch meine Kollegen, mit denen ich diesen wunderbaren Beruf teile, in dem wir alle Arten des Seins in seiner Üppigkeit erforschen. Wir dürfen ungestraft morden und hassen, uferlos lieben und leiden. Wir sind privilegiert, dass wir die Möglichkeit haben, alles was menschlich ist, ohne Wertung in "gut" oder "schlecht" für die Zuschauer sichtbar und nachvollziehbar zu machen.

Diese Verpflichtung zur Freiheit verführt manche Mimen bewusst oder unbewusst zur Selbstüberhöhung und dazu, ihre Grenzenlosigkeit zu demonstrieren. Machtspielchen am Set, Übergriffe.

Was alle Grenzüberschreiter vereint: Sie haben kein Unrechtsbewusstsein, kein Gefühl dafür, dass das, was sie tun, nicht gut ist. Sie kommen gar nicht auf die Idee, ihr Handeln zu hinterfragen.

Das ist tragisch. Aber das gibt es überall: in kleinen Unternehmen und großen Konzernen, auch beim Bäcker um die Ecke. Allerdings sind in der Schauspielerei Gefühle, Sprache und Körper das "Arbeitsinstrument". Das macht die Sache kniffliger.

Der Darsteller - es könnte auch eine Frau sein - wird jedoch bei Laune gehalten, notfalls hofiert, damit das Produkt nicht leidet. Wenn nachher die Quote stimmt, ist alles gut. Die gebeutelten Spielkollegen nehmen's in Kauf und eignen sich ein dickeres Fell an. Man muss ja Geld verdienen. Alle halten den Mund, dem Erfolg der Produktion zuliebe, dem eigenen Fortkommen zuliebe.

"Schauspieler", nicht "Heiliger"

Ein guter Schauspieler, der es schafft Massen zu begeistern und zu berühren, ist einfach ein guter Schauspieler. Er bringt sein Talent durch gründliche Vorbereitung, Handwerk und Charisma zum Erfolg. Er mag auch sonst ein geradliniger Mensch sein. Er ist nicht notwendigerweise ein Heiliger.

Aber das erwarten viele Zuschauer: die Perfektion. Sie machen ihren Liebling gern zu einem Ideal, projizieren ein Bild auf ihn. Manche Fans schaffen es gar nicht mehr, Rolle und Schauspieler zu trennen. Wenn er auf dem roten Teppich auch noch eine passable Figur macht, ist der Held geboren.

Doch wohin mit seiner dunklen Seite, der unvorteilhaften, popeligen? Er darf sie nicht auf die Menschheit loslassen, wie einen unerzogenen Hund. Die gehört dem Prominenten ganz alleine. Er ist dafür verantwortlich, mit ihr umzugehen. Da ist er einfach nur wie alle anderen auch, die sich mit unbezahlten Rechnungen, Neid, Ungerechtigkeit, mangelndem Durchsetzungsvermögen oder Magenschleimhautentzündung herumschlagen.

Ein großer Schauspielcoach hat einmal gesagt: "Jeder Schauspieler müsste eigentlich austherapiert sein." Denn als Schauspieler muss man sich selbst so gut kennen, dass man trotz Zeitdrucks am Drehort mit Warten, Versagensangst und Lampenfieber gut umgehen kann - und natürlich die Rolle auf "bitte" zum Leben erweckt. Unzählige Wiederholungen inklusive. Das ist eine Herausforderung. Grenzüberschreitungen gehen trotzdem nicht.

Warum sind dann die meisten Kollegen prima Kumpel zum Niederknien und einige andere zum Davonlaufen? Weil Schauspieler eben auch nur Menschen sind. Manche überfordert der Erfolg. Oder sie sind gerade deshalb so großartige Mimen, weil sie schon immer seltsam waren, vielleicht sogar kinski-esk. Oder sie haben vergessen, dass sie von ganz unten kommen und großes Glück hatten.

Wenn der Künstler sich nicht im Griff hat, wenn er anmacht und mobbt und dies ans Tageslicht kommt, weil sich endlich jemand traut zu sprechen, ist das Entsetzen groß. Wie übel der Knabe ist!

Aus Bewunderung wurde er auf ein Podest manövriert - jetzt soll er stürzen. Wenn die Verfehlungen erst in der Öffentlichkeit sind, geht das oftmals ganz schnell. Schluss mit Rollen und Ruhm. Dabei wäre ein Ausweg möglich: Der Respekt vor seinem Erfolg sollte nicht in blinder Idealisierung enden. Und das Schweigen am Set muss endlich aufhören.

insgesamt 30 Beiträge
jungerwilder 24.11.2017
1. Bitte, was?
"Späte Genugtuung" über den Tod eines Schauspielerkollegen, wegen eines unerwünschten Zungenkusses?! Die Autorin sollte sich wirklich fragen, ob das in irgendeinem Verhältnis steht.
"Späte Genugtuung" über den Tod eines Schauspielerkollegen, wegen eines unerwünschten Zungenkusses?! Die Autorin sollte sich wirklich fragen, ob das in irgendeinem Verhältnis steht.
lupidus 24.11.2017
2.
So gesehen muss man sagen, dass wohl alle am Set mitschuldig sind. Wenn niemand ein Fehlverhalten anspricht, was ja überhaupt die Grundlage für eine Sanktionierung und Verhaltensänderung ist, dann kommt sowas eben vor. Wenn [...]
So gesehen muss man sagen, dass wohl alle am Set mitschuldig sind. Wenn niemand ein Fehlverhalten anspricht, was ja überhaupt die Grundlage für eine Sanktionierung und Verhaltensänderung ist, dann kommt sowas eben vor. Wenn also ein/e Übergreifer/in geduldet wird, sieht er das als stillschweigendes Einverständnis. Wenn die ganze Branche so tickt, dann muss ich meinen Beruf in Frage stellen. Mache ich mit und begünstige somit Übergriffe, oder wehre ich mich dagegen und riskiere die Arbeitslosigkeit ? Zum Glück muss man ja nur in die Kamera schauen, weniger in den Spiegel. Wenn ihr was ändern wollt, dann sprecht sowas an, macht es öffentlich, wie es ja gerade geschieht. Aber sorgt dafür, dass es die Richtigen trifft und nicht eine breite Möglichkeit anbietet späte Rache zu nehmen.
1+1=3 24.11.2017
3. Tragisch!
Zitat/Bachmann: "Was alle Grenzüberschreiter vereint: Sie haben kein Unrechtsbewusstsein, kein Gefühl dafür, dass das, was sie tun, nicht gut ist. Sie kommen gar nicht auf die Idee, ihr Handeln zu hinterfragen. Das ist [...]
Zitat/Bachmann: "Was alle Grenzüberschreiter vereint: Sie haben kein Unrechtsbewusstsein, kein Gefühl dafür, dass das, was sie tun, nicht gut ist. Sie kommen gar nicht auf die Idee, ihr Handeln zu hinterfragen. Das ist tragisch." Wie sollten sie das auch entwickeln können, wenn dabei "alle" Beteiligten über Jahre hinweg mitmachen? Ja, ganz genau! Die einzige Antwort lautet: Sofort reagieren, möglichst vor dem gesamten Team. Und nicht erst 20 Jahre später. Auch auf die Gefahr hin, dass man als schwierig eingestuft wird und möglicherweise eine Rolle nicht bekommt. Das sollte ein ernsthaft an seinem Beruf interessierter Mensch sich wert sein.
noethlich 24.11.2017
4. Guter Beitrag
Von einer selbstbewussten Frau, die Missstände anspricht aber dabei offensichtlich keine Lust hat, sich zum Opfer zu stilisieren oder stilisieren zu lassen. Vielen Dank Frau Bachmann. Ich hoffe starke Menschen wie Sie und Frau [...]
Von einer selbstbewussten Frau, die Missstände anspricht aber dabei offensichtlich keine Lust hat, sich zum Opfer zu stilisieren oder stilisieren zu lassen. Vielen Dank Frau Bachmann. Ich hoffe starke Menschen wie Sie und Frau Dorn können etwas Vernunft und Perspektive in diese Debatte bringen.
badenerin 24.11.2017
5. Nein
Eigentlich ist es doch ganz einfach: Wenn ich keine sexuell motivierten Übergriffe möchte, sage ich laut und deutlich NEIN. Nicht irgendwann, sondern gleich. Ich überlege auch nicht erst, ob ein Nein meiner Karriere schadet. [...]
Eigentlich ist es doch ganz einfach: Wenn ich keine sexuell motivierten Übergriffe möchte, sage ich laut und deutlich NEIN. Nicht irgendwann, sondern gleich. Ich überlege auch nicht erst, ob ein Nein meiner Karriere schadet. Egal ob ich beim Film, im Theater oder in irgendeinem Büro arbeite. Im übrigen heißt NEIN auch, daß ich nicht ALLES für meine Karriere mache ...
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