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KarriereSPIEGEL

Auswanderer in Schweden

"Deutsche kommen mir mittlerweile so verkrampft vor"

Er hatte mehrere Jobangebote als Lehrer und entschied sich für die kleinste Gemeinde, mitten auf dem Land: Nach 27 Jahren in Schweden kann sich Rüdiger Lohf eine Rückkehr nach Deutschland gar nicht mehr vorstellen.

Rüdiger Lohf
Von
Sonntag, 08.07.2018   07:43 Uhr

"Ich glaube, dass Integration am schnellsten in einer kleinen Gemeinschaft funktioniert. Deshalb haben meine Frau und ich uns für Idre, eine kleine Gemeinde auf dem Land im mittleren Schweden entschieden. 27 Jahre ist das jetzt her. Ich hatte damals mehrere Jobangebote - nach der Wiedervereinigung waren Deutschlehrer in Schweden gefragt, und Schwedisch hatte ich schon während des Studiums gelernt.

Der Umzug verlief reibungslos, obwohl Schweden noch gar nicht in der EU war. Wir kamen im Januar an - bei minus 30 Grad. Dass es so kalt sein würde, damit hatten wir nicht gerechnet. Wir mussten uns schnell wärmere Kleidung zulegen.

Ansonsten verlief die erste Zeit wie in einem Traum. Wir gehörten sofort dazu, ich bekam in der Gesamtschule sofort eine eigene Klasse. Noch heute, nach einigen Umzügen, habe ich Kontakt zu den Menschen in Idre und bin ihnen sehr dankbar.

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Fotostrecke: Zuhause in Schweden

An Schweden mag ich besonders die Vielfalt. Das Land ist fast 2000 km lang, von Süd nach Nord gibt es extrem unterschiedliche Klimazonen. Während in Stockholm das Fussballpokalendspiel stattfindet, fängt die Skinationalmannschaft in Kiruna, im Norden des Landes, schon mit dem Training an. Und diese Vielfalt überträgt sich irgendwie auch auf die Menschen.

Schweden versuchen immer, einen Konsens zu finden. Wenn neun Finnen zusammensitzen und eine Entscheidung treffen müssen, stimmen sie ab. Ist das Ergebnis 5:4, wird das Votum gleich umgesetzt. Anders in Schweden: Hier wird so lange diskutiert, bis möglichst alle einer Meinung sind. Wahrscheinlich ist deshalb die Lebenserwartung in Schweden so hoch - weil eben alles etwas länger dauert.

Die Menschen hier sind generell sehr gelassen. Vieles nehmen sie einfach so hin. Das hat vielleicht auch mit den klimatischen Bedingungen zu tun: Wenn Schnee fällt, kann man ihn auch nicht wegzaubern.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten

Als Lehrer arbeitet ich mittlerweile nicht mehr, stattdessen entwickle ich Skandinavien-Reisen für große Reiseveranstalter - mein absoluter Traumjob! Ich brauche keine Landkarten mehr, kenne Menschen zwischen Hammerfest und Malmö, Kuusamo und Ålesund, das gibt mir unendlich viel.

Nach Deutschland zurückzukehren, kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, auch wenn es viele Städte gibt, die mir gut gefallen, wie zum Beispiel Hamburg. Ich vermisse auch deutsche Kneipen. In Schweden ist Alkohol sehr teuer, ein Glas Bier kostet häufig sieben Euro oder sogar mehr. Deshalb trinken die Leute eher zu Hause, das "Vorglühen" hat einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland. Gemütlich in der Kneipe zu sitzen und ein Bier mit Freunden zu trinken, das fehlt mir.

Aber ein befreundeter Landsmann sagte mal, dass man nach 30 Jahren in Schweden nicht mehr kompatibel mit Deutschland ist. Ich befürchte, da ist etwas dran.

Deutsche kommen mir zum Beispiel mittlerweile sehr verkrampft vor. Das gängige "Sie", das "Sehr geehrter Herr…", Namensschilder mit der Aufschrift "Frau Schmidt" - daran kann ich mich gar nicht mehr gewöhnen. Das sind doch die Umgangsformen der Großeltern! In Schweden bin ich Rüdiger, und wenn mich jemand mit Herr Lohf anredet, schaue ich, ob jemand hinter mir steht."

Video: Deutsche Auswandererschicksale - Neues Leben in Norwegen

Foto: SPIEGEL TV
insgesamt 58 Beiträge
stefangr 08.07.2018
1. Schweden ist ein Traum
Natürlich gibt es auch in Schweden Schattenseiten, sie haben wie wir auch die Rechtspopulisten (AfD und Schwedendemokraten), die Deindustrialisierung entwurzelt viele. Aber es ist ein lockeres und angenehmes Land, auch wenn ich [...]
Natürlich gibt es auch in Schweden Schattenseiten, sie haben wie wir auch die Rechtspopulisten (AfD und Schwedendemokraten), die Deindustrialisierung entwurzelt viele. Aber es ist ein lockeres und angenehmes Land, auch wenn ich dort von Herbst bis Frühjahr nicht leben möchte.
carinanavis 08.07.2018
2. eine nette geschichte
aber das steife und verkrampfte Hamburg zum Maßstab für ganz Deutschland zu machen ist schon arg simpel. Im Süden Deutschlands, besonders in lockeren Bayern in kleineren Orten sind die Menschen generell per Du. Die hohe [...]
aber das steife und verkrampfte Hamburg zum Maßstab für ganz Deutschland zu machen ist schon arg simpel. Im Süden Deutschlands, besonders in lockeren Bayern in kleineren Orten sind die Menschen generell per Du. Die hohe Lebenserwartung ist in Schweden mit 82,4 (m/f) auch nur 1,4 Jahre höher als in ganz Deutschland. Bei den Frauen beider Länder ist der Unterschied nur noch 0,6 Jahre (Daten von Statista.com, 2016) Übrigens ist die Lebenserwartung von Bayern und Schwaben etwa 2 Jahre höher als die von Sachsen-Anhaltinern und erreicht schedisches Niveau. Also, Lockerheit und Duzen verlängert das Leben signifikant! Spaß und Ernst beiseite. Schweden erschien mir schon immer als sympathisches Land unter anderem wegen der weniger hektischen und sozialer eingestellten Gesellschaft. Dazu macht es die schöne vielfältige Natur attraktiv, sodass ich gerne mal als Tourist hinreisen möchte, auch als verkrampfter Deutscher.
deKok 08.07.2018
3. Nach 12 Jahren DLd
Mann braucht nicht nur nach S aus zu waendern um Dld in anderen hinsicht zu sehen. Dld ist ein grosser Schrank wo nicht alles drin ist wie gehabt. Fahre Mal quer durch Dld, einmal im Citroen Kastenwaegelein andermal im BMW 525. [...]
Mann braucht nicht nur nach S aus zu waendern um Dld in anderen hinsicht zu sehen. Dld ist ein grosser Schrank wo nicht alles drin ist wie gehabt. Fahre Mal quer durch Dld, einmal im Citroen Kastenwaegelein andermal im BMW 525. Die unterschieden in dem sich die Aenderen benehmen erzaehlt sehr viel ueber DLD Unmut. Schade dass Land koennte viel viel schoener sein. Auch die nachtfaehreten mit der billigtickets im Bahn schwischen 22:00 und 4:00 is komplett aenders als vor 20 Jahren. Wieso gibt es kein neuer Guenther Wallraf in DLD ?
Frida_Gold 08.07.2018
4.
"Deutsche kommen mir zum Beispiel mittlerweile sehr verkrampft vor. Das gängige "Sie", das "Sehr geehrter Herr…", Namensschilder mit der Aufschrift "Frau Schmidt" - daran kann ich mich gar [...]
"Deutsche kommen mir zum Beispiel mittlerweile sehr verkrampft vor. Das gängige "Sie", das "Sehr geehrter Herr…", Namensschilder mit der Aufschrift "Frau Schmidt" - daran kann ich mich gar nicht mehr gewöhnen. Das sind doch die Umgangsformen der Großeltern!" Ja, das sind Umgangsformen der Großeltern. Macht auch kaum noch jemand unter 50 oder so. In Unternehmen spricht man sich mit du und Vornamen an, außer in sehr traditionell gehaltenen mit krassem Gefälle. Im Norden duzt man sich sowieso viel mehr und schneller. Und die schwedische Idyll-Provinz mit Hamburg vergleichen - das hinkt auf so vielen Ebenen, dass es nicht einmal mehr ein Vergleich ist. In meinen Augen mal wieder ein überromantisierter Beitrag über des Deutschen liebstes Skandinavien von jemandem, der die Größe und Abwechslung Schwedens kennt, aber offenbar in Deutschland nie auf die Suche danach gegangen ist.
toninotorino 08.07.2018
5.
Der Artikel gefällt mir. Rüdigers Erfahrungen stimmen ja auch. Ja. Deutschland ist verkrampft. In Dänemark, Norwegen und Schweden (Finnland kenne ich zu wenig von eigenen Reisen), ist das Interesse am Gemeinwohl größer. [...]
Der Artikel gefällt mir. Rüdigers Erfahrungen stimmen ja auch. Ja. Deutschland ist verkrampft. In Dänemark, Norwegen und Schweden (Finnland kenne ich zu wenig von eigenen Reisen), ist das Interesse am Gemeinwohl größer. Obwohl sie auch Probleme haben. Aber grundsätzlich gibt es viele Menschen, die die Einstellung haben: Wenn es vielen gut geht, geht es mir auch besser. In Deutschland suchen viele Menschen zuerst das Negative. Und dabei wird vieles übertrieben. Klar, gibt es Leute, die gut drauf sind. Aber es fehlt so etwas wie Leichtigkeit, nicht zu verwechseln mit Oberflächlichkeit. Als ich mit 17, 18 das erste Mal durch Norwegen trampte und etwas später durch Schweden, war ich überrascht von der Gelassenheit der Menschen. Ich weiß nicht, ob es heute noch so ist, weil ich jetzt doch schon einige Jahre nicht mehr in diese Länder gereist bin. Aber diese Grundeinstellung hat mich nachhaltig beeindruckt. Bleib in Schweden, Rüdiger. Es ist besser so.

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