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KarriereSPIEGEL

Deutsche im Senegal

"Und plötzlich war ich Mutter - ohne Schwangerschaft"

Als Sophie Markl, 38, in den Senegal zieht, begegnet sie Kindern, die noch nie eine Weiße gesehen haben und aus Angst vor ihr weglaufen. Sie muss Schafskopf essen und wird schneller integriert, als ihr lieb ist.

Privat
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Donnerstag, 06.09.2018   09:35 Uhr

"Als ich mit der Schule fertig war, wollte ich unbedingt weg aus Deutschland. Ich fand das Wetter furchtbar und all die Menschen, die in der U-Bahn niemanden anschauten. Meine Eltern sind Künstler und ich wusste, dass ich das auch werden wollte. Ich entschloss mich also, auf eine Kunstschule in Italien zu gehen und mich zur Mosaiklegerin ausbilden zu lassen.

In Italien lernte ich einige Senegalesen kennen und wollte mehr über das Land erfahren. Ich bewarb mich für ein dreimonatiges Entwicklungshilfeprojekt im Senegal. Zuerst lebte ich in einem Vorort von Dakar bei der Familie von Freunden, die ich aus Italien kannte. Der Anfang war sehr hart, weil ich weder die Amtssprache Französisch noch die Umgangssprache Wolof sprach. Beide Sprachen habe ich allerdings nach und nach erlernen können. 15 Jahre ist das nun schon her.

Als ich ankam, rannten die Kinder erst einmal vor mir weg, weil sie noch nie eine Weiße gesehen hatten. Aber ich lächelte sie an, lachte und schnell merkten sie, dass sie sich vor mir nicht fürchten mussten. Die Menschen in den Vororten sind recht arm, wohnen in kleinen Hütten und haben nur stundenweise Strom. Dennoch war ich vom ersten Moment an fasziniert von dem Land, von der Freundlichkeit der Leute, von dem besonderen Licht und den leuchtenden Farben.

Adama, elf Monate, 4,3 Kilo

Schnell wurde mir klar, dass ich mehr Zeit in diesem Land verbringen wollte. Nachdem das Entwicklungshilfeprojekt beendet war, ging ich noch einmal für ein paar Monate nach Italien, um zu arbeiten, kehrte dann aber in den Senegal zurück. Für immer.

Mir blieb keine Wahl, denn eines Tages fragte mich eine Frau auf der Straße, ob ich mich um ihre kleine Tochter Adama kümmern könnte. Sie war elf Monate alt und mit 4,3 Kilo völlig unterernährt. Ihre Mutter, die bereits 15 andere Kinder versorgen musste, hatte Drillinge bekommen und konnte sie wegen einer Brustentzündung nicht mehr stillen. Das schwächste Kind war Adama. Sie sagte mir, ich solle das Mädchen nehmen, sonst sterbe es.

Eine befreundete Ärztin riet mir, dem Kind Milchzucker und Öl zu geben und nach zwei Wochen ging es Adama wesentlich besser. Ich brachte sie zu ihrer Familie zurück. Doch der Vater kam mir mit ihrer Geburtsurkunde entgegen und und sagte mir, ich solle Adama behalten oder wegwerfen. Ich war völlig sprachlos, konnte nicht glauben, dass er das Wort wegwerfen benutzt hatte.

Ich war damals Anfang 20 und wollte selbst erst noch die Welt erkunden. Doch natürlich nahm ich das Kind zu mir, ich habe gar nicht darüber nachgedacht. Und plötzlich war ich Mutter - ohne Schwangerschaft. Erst später wurde mir bewusst, dass das eine Lebensentscheidung war. Ich hatte keine Papiere für Adama, konnte das Land also nicht verlassen. Das erste Jahr unterstützte mich meine Mutter noch finanziell, dann fand ich einen Job in einer Dekorationsfirma, in dem ich so viel verdiente, dass es für Adama und mich reichte.

"Ich habe nicht einmal ein Konto"

Als ich einige Monate später zum Gericht ging, um mir Papiere für die Adoption zu besorgen, lernte ich einen Mann kennen. Wir verabredeten uns, wurden ein Paar und bekamen eine Tochter: Pamina. Und obwohl mein Freund beim Gericht arbeitete, schaffte er es nicht, mir dabei zu helfen, Adama zu adoptieren. Das war immer wieder ein Thema bei uns, wir haben viel darüber gestritten. Am Ende ist unsere Beziehung auch daran zerbrochen, bis jetzt ist die Adoption immer noch nicht durch.

Inzwischen ist Adama 14 und Pamima neun Jahre alt. Wir leben zusammen in einem Haus in Dakar, das ich für 350 Euro im Monat miete. Die Mädchen gehen auf eine internationale Schule. Für jede von ihnen zahle ich etwa 300 Euro Schulgeld pro Monat, das ist ziemlich viel, aber ihre Bildung ist mir sehr wichtig.

Meinen Job in der Dekorationsfirma habe ich vor einigen Jahren gekündigt und mich als Mosaiklegerin mit einigen Mitarbeitern selbstständig gemacht. Nun lebe ich von dem Geld, dass ich mit meinen Kunststücken und Möbeln verdiene. Die Käufer zahlen in bar, ich habe nicht einmal ein Konto. Weil das Geld manchmal knapp wird, arbeite ich noch als Aushilfslehrerin an der Amerikanischen Schule.

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Leben im Senegal: Das ganze Jahr Sonne

Eine Krankenversicherung habe ich nicht, ich kümmere mich auch nicht um die Rente. Zum Glück bin ich noch nie ernsthaft krankgewesen. Die normalen Krankenhäuser haben nicht die Standards, die man aus Deutschland kennt. Zum Beispiel sah ich mal in einer Klinik, wie eine Krankenschwester im OP-Saal einen Fisch aß.

Wenn ich einen Arzt brauche, rufe ich bei SOS-Médecins an, ein Notdienst, dessen Ärzte die Patienten für 40 Euro behandeln. Einmal musste ich mir einen Zahn ziehen und einmal eine Füllung machen lassen; das war kein Spaß und auch nicht so hygienisch wie in Deutschland, aber ich habe es überstanden.

Ich fühle mich ziemlich sicher hier. Mir ist noch nie etwas passiert, ich kann zu jeder Tages- und Nachtzeit raus gehen. Außerdem sind die Menschen sehr hilfsbereit. Neulich hatte ich eine Ratte im Haus, ich konnte sie selbst nicht verjagen, also habe ich einen Mann auf der Straße gefragt, ob er das für mich machen könnte. Kurze Zeit später standen zehn fremde Typen bei mir im Wohnzimmer und haben die Ratte verscheucht.

Was mich allerdings extrem nervt, ist das Lügen. Das ist hier alltäglich. Die Leute erzählen einem einfach ganz selbstverständlich irgendeinen Quatsch. Wenn einer meiner Mitarbeiter nicht erscheint und ich nachfrage, wo er bleibt, schwört er mir, dass er gleich da sei - dabei liegt er noch im Bett. Viele Leute kommen auch einfach ständig zu spät, selbst zu wichtigen Terminen.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten

An Deutschland vermisse ich die Oper und das Theater, aber auch den Schweinebraten meiner Oma. Das Nationalgericht hier ist Reis und Fisch, Okra und Meeresfrüchte sind auch sehr beliebt. Einmal war ich zu einem Silvesteressen eingeladen. Dort wurde Schafskopf serviert. Das Schaf hatten sie schon vor ein paar Monaten geschlachtet und die Beine und den Kopf für Silvester eingefroren. Ich bekam ein Stück Kopf serviert, das habe ich kaum runterbekommen, aber ich konnte es nicht ablehnen, damit hätte ich die Gastgeber beleidigt.

Momentan kann ich mir nicht vorstellen, nach Deutschland zurückzukehren. Das will ich auch nicht, solange die Mädels noch nicht volljährig sind. Ich kann mir auch nicht vorstellen, in einer kleinen Zweizimmer-Wohnung in München oder Berlin zu leben. Ich bin sehr glücklich hier, das wird mir jeden Tag bewusst, wenn ich morgens aufstehe, zum Meer spaziere und dort eine Runde schwimmen gehe."

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