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KarriereSPIEGEL

Management trifft Mensch

Gewinnen heißt nicht Erster sein

Höher, schneller, weiter - das war einmal. Wer es heute im Job zu etwas bringen will, muss die Spielregeln nicht beherrschen. Sondern verändern.

DPA

Präsentation im Unternehmen

Eine Karriere-Glosse von
Donnerstag, 28.06.2018   14:51 Uhr

Der Tag des Grauens ist erst in drei Monaten, doch schon jetzt hat Heike schlaflose Nächte. Denn es wird so sein wie immer: Sie wird die glänzenden Zahlen ihrer Abteilung präsentieren, alle werden sie beglückwünschen. Anschließend wird Eleonore die noch glänzenderen Zahlen ihrer Abteilung vorstellen, und plötzlich wird Heikes Präsentation nicht mehr glänzen, sondern aussehen wie ein Festivalgelände nach Starkregen.

Das Schlimme ist: Heike kann nichts dagegen tun. Das Unternehmen, für das sie und ihre Erzfeindin Eleonore arbeiten, hat zwei wichtige Geschäftsbereiche: Beverages (Eleonore) und Cleaning Services (Heike). Während aber Eleonore mal eben ein neues, crazy Getränk auf den Markt werfen kann, das keiner braucht, dafür aber irrsinnige Margen liefert, ist Heike gefangen in einem brutalen Preiskampf mit anderen Putzdienstleistern sowie der Tatsache, dass immer weniger Menschen bereit sind, für wenig Geld stundenlang Böden zu schrubben und Regale abzustauben. Heike ist clever und diszipliniert, sie gibt im Job alles - doch gegen Eleonores fröhliches Lifestyle-Universum sieht sie mit ihrer drögen Service-Abteilung kein Land.

Frustriert blättert sie in alten Wirtschaftszeitschriften, was sie gern tut, um etwas runterzukommen. Dabei stößt sie auf einen jahrealten Bericht, in dem McKinsey die wichtigsten Management-Trends der kommenden Jahrzehnte analysiert. Einer der Trends trägt den charmanten Titel "Gewinnen heißt nicht Erster sein". Klingt paradox, doch in Heike, deren beruflicher Erfolg seit jeher darin gründet, noch härter, noch konzentrierter und noch schneller zu arbeiten als andere, bringt es eine Seite zum Klingen.

Die Regeln des Spiels zum eigenen Vorteil zu ändern

Eins zeige der Aufstieg von Giganten wie Google, Facebook oder Amazon deutlich, führen die Unternehmensberater aus: Oft bedeute "Gewinnen" nicht, als Erster ins Ziel zu kommen oder eine Sache am Besten zu können. Sondern immer häufiger bedeute "Gewinnen" eben: die Regeln des Spiels zum eigenen Vorteil zu ändern.

Heike muss plötzlich an ihre Jugendfreundin Katja denken. Zu Weihnachten bekam Katja immer ein Gesellschaftsspiel geschenkt. "Siedler von Catan", "Carcassonne", solche Spiele. An den beiden Weihnachtsfeiertagen spielte Katja das Spiel mit ihren Eltern und Geschwistern, bis es ihr beinahe zu den Ohren rauskam. Am dritten Tag nach Heiligabend dann kam Heike zu ihr, um das Spiel auszuprobieren. Und immer, wenn Heike im Begriff war zu gewinnen, sagte Katja "Ach, was ich vorhin beim Erklären vergessen hatte..." und zauberte eine Heike bislang unbekannte Regel aus dem Hut, die ihren Vorsprung blitzartig zunichte machte. Das "Katja-Prinzip" hatte Heike das früher genannt, und jetzt begriff sie: Das Katja-Prinzip war das Google-Prinzip. Oder anders formuliert: Endlich eine Waffe gegen Eleonore.

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Drei Monate später, die Präsentationen von Heike und Eleonore sind gehalten und der direkte Vergleich fiel aus wie üblich, wirft Heike in die Runde: "Ich frage mich, ob unsere Performance-Parameter noch zeitgemäß sind." Die Vorstandsriege guckt fragend. "Na ja", fährt Heike fort, "die EU will Plastik verbieten, aber bei uns spielen Nachhaltigkeit und Umwelt keine Rolle." Irritierte Blicke, betretenes Schweigen. Dann der einstimmige Beschluss: Ab sofort wird Nachhaltigkeit als Top-Performance-Indikator eingeführt.

Heike registriert zufrieden, wie Eleonore schluckt. Mit ihren Millionen von Plastikflaschen, Strohhalmen und Wegwerfdosen wird sie es künftig schwer haben. Heike dagegen wird die Reinigungsmittel ihrer Truppe durch umweltfreundliche Produkte ersetzen, and that's it. Spiel, Satz, Sieg.

Sie stellt fest: Stimmt schon, gewinnen muss anders definiert werden. Aber Spaß macht es immer noch.

insgesamt 8 Beiträge
Newspeak 28.06.2018
1. ...
"Heike registriert zufrieden, wie Eleonore schluckt. Mit ihren Millionen von Plastikflaschen, Strohhalmen und Wegwerfdosen wird sie es künftig schwer haben. Heike dagegen wird die Reinigungsmittel ihrer Truppe durch [...]
"Heike registriert zufrieden, wie Eleonore schluckt. Mit ihren Millionen von Plastikflaschen, Strohhalmen und Wegwerfdosen wird sie es künftig schwer haben. Heike dagegen wird die Reinigungsmittel ihrer Truppe durch umweltfreundliche Produkte ersetzen, and that's it. Spiel, Satz, Sieg. Sie stellt fest: Stimmt schon, gewinnen muss anders definiert werden. Aber Spaß macht es immer noch." Memento mori. Ist das der Sinn des Lebens?
dirsch 28.06.2018
2. McKinsey
...Vor allem ein Sieg für Unternehmeveratungen. EinpaarAllceneinplätze in die Runde geworfen und kassiert. Wie das Unternehmen richtig tickt, ist relativ egal. In 5 Jahren empfiehlt man auch einfach das Gegenteil, so gehen die [...]
...Vor allem ein Sieg für Unternehmeveratungen. EinpaarAllceneinplätze in die Runde geworfen und kassiert. Wie das Unternehmen richtig tickt, ist relativ egal. In 5 Jahren empfiehlt man auch einfach das Gegenteil, so gehen die Aufträge nie aus. Eleonore hat übrigens auf Pfandflaschen und Strohalme aus nachwachsenden Rohstoffen umgestellt und "Bio" auf die Flaschen gedruckt. Beim nächsten Mal lag sie wieder vorn
dasfred 28.06.2018
3. Obwohl Glosse kommt der Autor nicht auf das naheliegende
Wenn der Kampf zwischen den beiden so ausartet, sollte es doch naheliegend sein, die Entscheidung im Schlammcatchen auszutragen. Zum einen ist dann das Ergebnis eindeutig, zum anderen steigt aber gleichzeitig die Beliebtheit [...]
Wenn der Kampf zwischen den beiden so ausartet, sollte es doch naheliegend sein, die Entscheidung im Schlammcatchen auszutragen. Zum einen ist dann das Ergebnis eindeutig, zum anderen steigt aber gleichzeitig die Beliebtheit beider bei den männlichen Geschäftsführern.
ayee 28.06.2018
4. Äpfel und Birnen
Die eigentlich Frage ist (und deshalb wirkt der Artikel etwas konstruiert): Wieso vergleicht man in dem Unternehmen die Performance von zwei Geschäftsbereichen, die nicht vergleichbar sind? Die Märkte dieser Bereiche ticken [...]
Die eigentlich Frage ist (und deshalb wirkt der Artikel etwas konstruiert): Wieso vergleicht man in dem Unternehmen die Performance von zwei Geschäftsbereichen, die nicht vergleichbar sind? Die Märkte dieser Bereiche ticken völlig anders, weshalb die Performance auch völlig unterschiedlich bewertet werden muss.
upalatus 28.06.2018
5.
Also wenn ich einen Kollegen/in schon als Erzfeind/in begreife, ist der müffelige Dauerdurchfallkäse eh schon gegessen. Ewiges Gerangel und Intrigen bis hin zu zunehmend maliziösen Aktionen garantiert. Dickfelllige Freude [...]
Also wenn ich einen Kollegen/in schon als Erzfeind/in begreife, ist der müffelige Dauerdurchfallkäse eh schon gegessen. Ewiges Gerangel und Intrigen bis hin zu zunehmend maliziösen Aktionen garantiert. Dickfelllige Freude am Tun empfinden: was ist das denn? Es lebe Grübelei und Schlaflosigkeit! Mahlzeit! Heike hat also mit ihrem gefeilten Hinweis (sofern einem solcherleist überhaupt zufliegt) also über Eleanore gesiegt. Hat sie das?

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