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Harvard-Studie

Großraumbüros lassen Mitarbeiter verstummen

Offene Großraumbüros sollen die Kommunikation fördern. Doch eine Studie zeigt nun: Genau das Gegenteil ist der Fall. Statt mehr miteinander zu sprechen, ziehen Mitarbeiter sich eher zurück.

Getty Images

Großraumbüro (Symbolbild)

Dienstag, 10.07.2018   17:53 Uhr

Mit den Wänden in den Büros sollten auch die Mauern in den Köpfen weichen. Weg mit den traditionellen Einzelbüros, her mit den offenen Räumen, damit jeder mit jedem reden kann und alle kreativer und produktiver werden - so zumindest die Idee des Großraumbüros.

Doch eine Studie der Harvard University zeigt nun: Entgegen der weitverbreiteten Annahme führen Großraumbüros nicht zu mehr, sondern sogar zu deutlich weniger Kommunikation.

In ihrer Arbeit "Der Einfluss des 'offenen' Arbeitsplatzes auf die menschliche Zusammenarbeit" untersuchten die amerikanischen Wissenschaftler Ethan Bernstein und Stephen Turban in zwei US-Unternehmen, wie der räumliche Wechsel zum Großraumbüro die menschliche Interaktion verändert.

Weniger Gespräche, mehr elektronische Post

Sie überwachten die Mitarbeiter 15 Tage lang vor dem Wechsel ins Großraumbüro und 15 Tage danach, werteten Daten aus E-Mails, Messenger-Diensten und tragbaren Messgeräten aus und untersuchten, auf welchen Kanälen die Mitarbeiter kommunizierten.

Das Ergebnis: In beiden Firmen reduzierten sich die direkten Gespräche mit dem Wechsel ins Großraumbüro um rund 70 Prozent. Parallel dazu nahm die Kommunikation über elektronische Kanäle wie E-Mails und Messenger-Dienste um 20 bis 50 Prozent zu.

Vor dem Umzug verbrachten die Mitarbeiter in den kleineren Büros durchschnittlich 5,8 Stunden am Tag damit, direkt miteinander zu sprechen. Im Großraumbüro waren es nur noch 1,7 Stunden. Gleichzeitig verschickten sie 56 Prozent mehr E-Mails und 67 Prozent mehr elektronische Sofortnachrichten, die zudem deutlich länger wurden. Die räumliche Distanz zwischen den Kollegen hatte dabei keinen signifikanten Einfluss darauf, wie die Mitarbeiter miteinander interagierten.

Das Fazit von Bernstein und Turban: Der positive Einfluss von räumlicher Nähe wird überschätzt. Wenn Rückzugsräume fehlen, "entwickeln Angestellte andere Strategien, um sich Privatheit zu verschaffen", schreiben die Forscher. Statt die Kommunikation zu verbessern, wirkten Großraumbüros eher überstimulierend und lösen dadurch sogar eine Art Abwehrreflex aus.

Details zur Studie

Welche Daten wurden ausgewertet?
Die Forscher arbeiteten für ihren Feldversuch mit zwei US-Firmen der sogenannten "Fortune 500" zusammen. In der ersten Firma erklärten sich 52 Mitarbeiter für die Teilnahme an der Studie bereit, in der zweiten Firma 100.
Wie wurden die Daten erhoben?
Die Teilnehmer bekamen von den Forschern ein Messgerät umgehängt, das zum Beispiel per Infrarotsensor aufzeichnete, wenn sie sich einer Person näherten oder per Mikrofon, wenn sie sprachen. Zudem wurden E-Mails und Messenger-Dienste ausgewertet.
Von wem stammt die Studie?
Autoren der Studie sind die amerikanischen Wissenschaftler Ethan Bernstein und Stephen Turban an der Harvard Universität.

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