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KarriereSPIEGEL

Junger "Tatort"-Regisseur

"Der Film soll dazu beitragen, andere Kinder vor so etwas zu bewahren"

Zuschauerrekord für den Dresdner Tatort: 10,60 Millionen Menschen sahen die Folge am Sonntag, in der es um das Thema Pädophilie ging. Dustin Loose führte Regie - als jüngster "Tatort"-Regisseur seit Jahrzehnten.

MDR/Wiedemann & Berg/Daniela Incoronato

Regisseur Dustin Loose mit Schauspielerin Karin Hanczewski am Set

Ein Interview von
Montag, 29.01.2018   13:08 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Herr Loose, wo waren Sie gestern Abend um Viertel nach acht?

Dustin Loose: Ich habe den "Tatort" mit meinem Team und den Schauspielern in Berlin geschaut.

SPIEGEL ONLINE: Ihr "Tatort" zur Primetime in der ARD, was bedeutet das für Sie?

Loose: Das war wohl das erste Mal, dass so viele Menschen, Freunde und Bekannte etwas von meiner Arbeit mitbekommen haben. Sonst liefen meine Kurzfilme eher um drei Uhr morgens oder auf renommierten Filmfestivals vor Fachpublikum. Ich verstehe den "Tatort" als Einladung, als Filmemacher ernst genommen zu werden und mit den anderen Regisseuren in Deutschland an einem Tisch zu sitzen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind mit Wolfgang Petersen der jüngste "Tatort"-Regisseur, den es je gab. Wollen Sie nun auch nach Hollywood?

Loose: Nee. In erster Linie freue ich mich vor allem, wenn die Arbeit meines Teams und mir gewürdigt wird und wünsche mir, dass der "Tatort" so gut ankommt, dass ich weitere Filme drehen kann. Ich finde das Format schon reizvoll und kann mir gut vorstellen, nochmal einen "Tatort" zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie den Auftrag ergattert?

Dustin Loose: Mein Agent Peter Stertz hat ein Treffen mit der Produzentin Nanni Erben vom "Dresden-Tatort" arrangiert. Sie wusste, dass ich bereits Regie bei der ZDF-Serie "Notruf Hafenkante" geführt hatte und kannte meinen Kurzfilm "Erledigung einer Sache", der den Studenten-Oscar gewonnen hat. Sie hat mir vertraut und mich der "Tatort"-Redaktion des MDR vorgeschlagen.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich auf die Dreharbeiten vorbereitet?

Loose: Ich habe das Drehbuch geschickt bekommen und hatte dann zwei Monate Zeit, mich mit dem Thema und der Geschichte auseinanderzusetzen und mein Konzept zu erarbeiten. Ich habe mein Team zusammengestellt, mit der Casterin Iris Baumüller die zahlreichen Rollen besetzt und in Dresden wochenlang nach geeigneten Motiven gesucht, Wohnungen, Schwimmbäder und so weiter.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nach vielen Entscheidungen.

Loose: Zum Glück muss ich nur die Richtung vorgeben, den Gesamtüberblick behalten und Entscheidungen treffen. Ich habe ein inspiriertes und erfahrenes Team sowie großartige Schauspieler um mich gehabt, mit denen ich gemeinsam an der Umsetzung unserer filmischen Vision arbeiten konnte. Film ist Teamarbeit. Ich habe die Weisheit ja nicht gepachtet.

SPIEGEL ONLINE: Ein Großteil des Ensembles ist älter als Sie. Wie schwer ist es Ihnen gefallen, Anweisungen zu geben?

Loose: Ich habe im Alter von 17 Jahren mit dem Filmemachen angefangen und war immer der Jüngste. Ich kenne die Position gut und kann mich behaupten.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie gemacht, wenn die Schauspieler ihre Rolle anders interpretiert haben als Sie?

Loose: Wir haben darüber gesprochen und am Ende knallhart ausprobiert, was besser funktioniert. Was passiert mit einer Szene, wenn die Figur mehr weiß oder wenn ihre Haltung eine andere ist? Das ist ja das Gute am Film: Wir können Szenen mehrfach drehen und schauen, welche Interpretation besser passt. Der Film entsteht ja mehrfach: einmal im Drehbuch, in der Vorbereitung, bei den Dreharbeiten und dann noch im Schneideraum.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten 21 Tage Zeit, um den Film zu drehen. Wie sehr hat Sie das unter Druck gesetzt?

Loose: Das war nicht einfach. Bei allen Filmen sind Ressourcen wie Geld und Zeit immer Mangelware. Ich habe mich auf die Bedingungen eingelassen und das dann durchgezogen. Bei der Vorbereitung haben wir uns die Nächte und Wochenenden um die Ohren geschlagen und wir hatten auch lange und intensive Drehtage. Vielleicht war es den Beteiligten auch klar, dass sich vor allem ein junger Regisseur ein Bein ausreißen wird, damit sein erster "Tatort" heraussticht.

SPIEGEL ONLINE: In der Folge "Déjà-vu" geht es um Kindesentführung und -missbrauch. Wie sind Sie mit dem Thema umgegangen?

Loose: Das Thema berührt mich sehr, obwohl ich selbst keine Kinder habe. Aber die Geschichte ist komplexer, es geht um viel mehr als einen Täter. Es geht auch um Macht und Ohnmacht bei Tätern und Opfern und um die Frage von Mitwissen und Mittäterschaft. Das fand ich spannend, deswegen habe ich mich auch für das Drehbuch entschieden.

SPIEGEL ONLINE: In einer Szene sieht man den achtjährigen toten Rico (Joel Simon) zusammengefaltet in einer Tasche liegen. Er trägt nur eine Unterhose. Wie war es für Sie, solche Szenen mit einem so jungen Darsteller umzusetzen?

Loose: Wir haben uns bewusst dafür entschieden, in allen Szenen mit Kinderdarstellern zu arbeiten. Dabei musste sehr genau abgewogen werden, mit welchen Darstellern wir diese besonderen Szenen überhaupt drehen können. Geholfen haben uns dabei professionelle Kindercaster, ein sehr erfahrener Schauspielcoach für Kinder sowie die Eltern der Darsteller, mit denen wir ausführlich gesprochen haben.

SPIEGEL ONLINE: Worüber?

Loose: Das Thema und unsere Herangehensweise - und wie die Kinder damit umgehen können. Uns war es wichtig, dass der Dreh eine gute Erfahrung für die Darsteller bleibt. Zugleich wollten wir ehrlich mit den Kindern sein. Wir haben ihnen gesagt, dass der Film auch dazu beitragen soll, andere Kinder vor so etwas zu bewahren.

SPIEGEL ONLINE: Einmal muss Rico eine Weile auf dem Obduktionstisch liegen. Wie haben Sie es geschafft, dass er sich vor so einer Szene nicht fürchtet?

Loose: Der Schauspielcoach und ich haben mit dem Rico-Darsteller Joel Simon geübt, die Luft anzuhalten. Nach der letzten Einstellung habe ich gesagt: "Wenn du bist 20 gezählt hast, kannst du die Kommissarin erschrecken." Das hat er dann auch gemacht, sie ist natürlich völlig aus der Haut gefahren, weil sie nicht damit gerechnet hatte. Uns war es wichtig, die Kinder spielerisch in die Sachen einzubinden. Außerdem waren wir ja alle in einem Hotel untergebracht, das hat sich ein bisschen wie Klassenfahrt angefühlt.

SPIEGEL ONLINE: Wie nervös waren Sie, als Sie den fertigen Film der MDR-Fernsehfilmchefin Jana Brandt vorgeführt haben?

Loose: Das war an Spannung kaum auszuhalten. Es war wie eine 90-minütige Prüfung, in der nichts gesagt wird. Ich habe nur gehofft, dass mein Konzept und die Arbeit meines Teams und mir aufgehen und bei den Menschen ankommt, die den "Tatort" ja schon sehr lange begleiten. Die Erlösung kam zum Glück sofort. Jana Brandt und der betreuende Redakteur, Sven Döbler, sind - ebenso wie wir - sehr glücklich mit dem Ergebnis.

insgesamt 47 Beiträge
C-Hochwald 29.01.2018
1. Sehr gelungen
Nach den vielen misslungenen und banalen Tatorten im Jahre 2017 war dieser Tatort ein echtes Highlight. Schauspiel, Regie, Dialoge - es war eine Story die wie aus einem Feinguß heraus von Anfang bis Ende sehr gelungen erzählt [...]
Nach den vielen misslungenen und banalen Tatorten im Jahre 2017 war dieser Tatort ein echtes Highlight. Schauspiel, Regie, Dialoge - es war eine Story die wie aus einem Feinguß heraus von Anfang bis Ende sehr gelungen erzählt wurde. Als Zuschauer habe ich mitgelitten, Empathie für die Situation der Betroffenen empfunden, habe auch an mir selbst das Gefühl von Rache aber auch dessen Fehlwirkung auf eigene Denkweisen gespürt. Die Darsteller spielten sehr realistisch, ohne die Charaktere zu überzeichnen. Die Szenen, insbesondere die mit den Kindern, wahrten eine angemessene Balance zwischen direkter Darstellung und dem Verbrechen. Zur Fiktion gehört es auch, die Vorstellungskraft der Zuschauer einzubeziehen, daher sind übertriebene Details von Verbrechen und Gewalt nicht notwendig und erfreulicherweise auch nicht gezeigt worden. Das Ermittlerteam hat sich im nunmehr 3. Dresdener Tatort gut warmgelaufen, schade daß die beiden Schauspielerinnen aufhören. Martin Brambach as its best! Ausdrückliches Lob für den Darsteller des Täters. Es gehört, so glaube ich, viel Mut dazu diese Rolle zu spielen. Egal welcher Schauspieler; er gibt der missbräuchlichen Gewalt gegen Kinder ein Gesicht! Ich hoffe für ihn, daß man ihn nicht in eine Rollenschublade steckt. Ansonsten wünsche ich mir mehr solch einfühlsam und klar erzählter Stories im Tatort. Aus 2017 ist mir nur ein 1! ähnliches Highlight in Erinnerung geblieben - der Tatort aus Stuttgart, als innerhalb des Feierabendstaus die unfallflüchtige Fahrerin ermittelt wurde.
j-db 29.01.2018
2. Gute Geschichte doch....
.... die drei Komissare werden ihrer Rolle in keiner Weise gerecht. Der Chef scheint leicht irre zu sein, die Blonde eher dem Rotlichtmilieu entsprungen und die völlige verkrampfte Dunkelhaarige gehört mit ihrem depressiven [...]
.... die drei Komissare werden ihrer Rolle in keiner Weise gerecht. Der Chef scheint leicht irre zu sein, die Blonde eher dem Rotlichtmilieu entsprungen und die völlige verkrampfte Dunkelhaarige gehört mit ihrem depressiven Getue dringendst in Behandlung. Sorry, das können Engländer und Franzosen um Klassen besser und glaubwürdiger.
baumpick 29.01.2018
3. Bitte mehr von diesem Regisseur!!!
Selten habe ich einen so beklemmenden und bedrückenden Tatort gesehen, der ohne Effekthascherei auskommt. Alles schlüssig gemacht, sogar der Täter wird nicht schwarz weiss dargestellt (was mir persönlich schwerfällt, zur [...]
Selten habe ich einen so beklemmenden und bedrückenden Tatort gesehen, der ohne Effekthascherei auskommt. Alles schlüssig gemacht, sogar der Täter wird nicht schwarz weiss dargestellt (was mir persönlich schwerfällt, zur Kenntnis nehmen zu müssen). Tolle Schauspieler durch die Bank, die mit diesem Regisseur zur Höchstform aufgelaufen sind (die nur manchmal etwas besser sprechen könnten oder lag's an der Tontechnik?). Sehr spannend war es außerdem. Weiter so! @Alwara Höfels: Bitte den Abschied aus Dresden unter diesen Umständen noch einmal überdenken! M.Jurgons
brical 29.01.2018
4.
Nicht überzeichnet ? Also, was Brambach da zeigte , war mehr als überzeichnet. Er ist echt eine Knallcharge, der immer die gleichen Grimassen zieht ( in anderen Produktionen auch ! ) und wenn er nicht schreit, nuschelt er , [...]
Zitat von C-HochwaldNach den vielen misslungenen und banalen Tatorten im Jahre 2017 war dieser Tatort ein echtes Highlight. Schauspiel, Regie, Dialoge - es war eine Story die wie aus einem Feinguß heraus von Anfang bis Ende sehr gelungen erzählt wurde. Als Zuschauer habe ich mitgelitten, Empathie für die Situation der Betroffenen empfunden, habe auch an mir selbst das Gefühl von Rache aber auch dessen Fehlwirkung auf eigene Denkweisen gespürt. Die Darsteller spielten sehr realistisch, ohne die Charaktere zu überzeichnen. Die Szenen, insbesondere die mit den Kindern, wahrten eine angemessene Balance zwischen direkter Darstellung und dem Verbrechen. Zur Fiktion gehört es auch, die Vorstellungskraft der Zuschauer einzubeziehen, daher sind übertriebene Details von Verbrechen und Gewalt nicht notwendig und erfreulicherweise auch nicht gezeigt worden. Das Ermittlerteam hat sich im nunmehr 3. Dresdener Tatort gut warmgelaufen, schade daß die beiden Schauspielerinnen aufhören. Martin Brambach as its best! Ausdrückliches Lob für den Darsteller des Täters. Es gehört, so glaube ich, viel Mut dazu diese Rolle zu spielen. Egal welcher Schauspieler; er gibt der missbräuchlichen Gewalt gegen Kinder ein Gesicht! Ich hoffe für ihn, daß man ihn nicht in eine Rollenschublade steckt. Ansonsten wünsche ich mir mehr solch einfühlsam und klar erzählter Stories im Tatort. Aus 2017 ist mir nur ein 1! ähnliches Highlight in Erinnerung geblieben - der Tatort aus Stuttgart, als innerhalb des Feierabendstaus die unfallflüchtige Fahrerin ermittelt wurde.
Nicht überzeichnet ? Also, was Brambach da zeigte , war mehr als überzeichnet. Er ist echt eine Knallcharge, der immer die gleichen Grimassen zieht ( in anderen Produktionen auch ! ) und wenn er nicht schreit, nuschelt er , dass man nix versteht. Ich werde mir keinen Film mehr mit ihm ansehen .
miggelbauer 29.01.2018
5. Masochismus
Was sind die Menschen doch unterschiedlich....Mir ist völlig schleierhaft wie man das Gefühl der eigenen Beklemmung und Bedrückung feiert und darum bittet, mehr davon zu bekommen. Meine Wenigkeit hat die letzten Monate [...]
Zitat von baumpickSelten habe ich einen so beklemmenden und bedrückenden Tatort gesehen, der ohne Effekthascherei auskommt. Alles schlüssig gemacht, sogar der Täter wird nicht schwarz weiss dargestellt (was mir persönlich schwerfällt, zur Kenntnis nehmen zu müssen). Tolle Schauspieler durch die Bank, die mit diesem Regisseur zur Höchstform aufgelaufen sind (die nur manchmal etwas besser sprechen könnten oder lag's an der Tontechnik?). Sehr spannend war es außerdem. Weiter so! @Alwara Höfels: Bitte den Abschied aus Dresden unter diesen Umständen noch einmal überdenken! M.Jurgons
Was sind die Menschen doch unterschiedlich....Mir ist völlig schleierhaft wie man das Gefühl der eigenen Beklemmung und Bedrückung feiert und darum bittet, mehr davon zu bekommen. Meine Wenigkeit hat die letzten Monate Tatort gerade deshalb wieder genießen können (meist...), weil auf ermordete Kinder, vergewaltigte Jugendliche und die ewig langen, voeuristische Darstellung leidender Eltern verzichtet wurde. Das es die Aufgabe vom Tatort ist, uns Zuschauern zum Wochenendausklang aber mal so richtig schlecht drauf zu bringen, sehe ich nicht so.

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