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KarriereSPIEGEL

Zu wenig Bewerber

Morgen kommt der Weihnachtsmann - nicht

Studenten haben keine Lust mehr, die Arbeitsagenturen vermitteln kaum noch, der Nachwuchs bleibt aus: Für Familien ist es schwer geworden, an Heiligabend an einen Weihnachtsmann zu kommen.

Getty Images

Weihnachtsmann

Von
Mittwoch, 12.12.2018   08:37 Uhr

Eigentlich sollte der Weihnachtsmann ja mit dem Schlitten anreisen, aber meist nimmt er inzwischen das Auto oder den Bus, um zu seinen Terminen zu kommen. In einige Regionen kommt der Weihnachtsmann allerdings gar nicht mehr.

"Weihnachtsmann-Notstand in Sachsen", meldet die "Dresdner Morgenpost", "Weihnachtsmann dringend gesucht", heißt es in der "Berliner Zeitung", "Sorge um den Weihnachtsmann" schreibt die "Mitteldeutsche Zeitung".

Den Berichten zufolge wird es im Osten des Landes immer schwieriger, Weihnachtsmänner zu engagieren. Die Rede ist nicht von den dickbäuchigen, bärtigen Großvätern oder Onkeln in der Familie, sondern von den Weihnachtsmännern, die Familien mieten können. Das liege vielleicht am christlichen Glauben, der im Osten nicht so stark verbreitet ist - oder an zu hohen Anforderungen der Familien, heißt es in den Berichten. Vielleicht aber interessiert sich kaum noch jemand für den Job?

Das Berliner Studierendenwerk vermittelt seit diesem Jahr keine Weihnachtsmänner mehr. Und bis auf das Studierendenwerk Siegen, das in diesem Jahr bislang nur eine Weihnachtsfrau vermitteln konnte, gibt kein weiteres, das sich darum noch kümmert. "Der Job als Weihnachtsmann scheint bei den Studierenden kolossal und komplett an Bedeutung verloren zu haben", teilte Pressesprecher Stefan Grob dem SPIEGEL mit.

Er sei darüber sehr verwundert, zumal er zu Studentenzeiten selbst den roten Mantel überwarf, um Geld zu verdienen. Über die Gründe kann er nur spekulieren. Die meisten Studierendenwerke hätten ihm gesagt, die Studenten hätten kein Interesse mehr daran, als Weihnachtsmann zu arbeiten. Es fänden sich kaum noch welche, die das tun wollten.

Rauschbärtiger Fachkräftemangel

Auch die Arbeitsagenturen übernehmen diese Aufgabe kaum noch. Das lohne sich nicht, sagt Paul Ebsen, Pressesprecher der Behörde. Es gebe zu wenige Männer, die noch als Weihnachtsmann arbeiten wollen. Ebsen spricht von einem Fachkräftemangel. Einige Weihnachtsmänner hätten kein Interesse mehr an dem Job oder fühlten sich zu schlecht bezahlt, andere seien inzwischen zu alt dafür. Zugleich fehle es an Nachwuchs.

Die Agentur für Arbeit sieht sich nicht in der Pflicht, die Weihnachtsmannvermittlung wieder anzukurbeln oder ganz und gar Weihnachtsmänner auszubilden. Das übernehmen inzwischen soziale und karikative Einrichtungen, sagt Ebsen.

In Schwerin und Rostock vermitteln die Agenturen laut "Nordkurier" noch. Allerdings gibt es dort für einen 20-minütigen Auftritt nur 30 bis 35 Euro. Vielleicht liegt es also auch am Geld?

Studenten haben Besseres zu tun

Bei Petra Henkert könne ein Weihnachtsmann an Heiligabend mit mehreren Einsätzen um die 500 Euro verdienen. Für denjenigen, der Gitarre spielen oder singen könnte, springe noch mehr heraus. Henkert betreibt das Weihnachtsbüro und vermittelt seit 18 Jahren Weihnachtsmänner aus Leidenschaft. Auch sie kennt die Probleme: "Ich bin froh, wenn ich zwischen 20 und 50 Weihnachtsmänner an Heiligabend aktivieren kann", sagt sie. "Wir weisen schon seit Jahren darauf hin, dass es weniger Herren gibt, die in die Rolle des Weihnachtsmanns schlüpfen wollen."

Henkert glaubt, dass die Studenten inzwischen zu viel zu tun hätten und lieber bei der eigenen Familie feiern wollten, als bei einer anderen zu arbeiten. Ihnen sei das wichtiger als Geld zu verdienen.

Karsten Gust ist 53 Jahre alt und will nach 30 Jahren nicht mehr als Weihnachtsmann arbeiten, weil er die Nase voll hat vom Konsum, wie die "Dresdner Morgenpost" berichtet. "Früher brauchte ich einen Sack voller Geschenke für vier Kinder, jetzt brauche ich für ein einziges Kind manchmal vier Säcke", sagte er der Zeitung.

Jan Biehl, Betreiber von weihnachtsmann-mieten.de, eine Website, über die deutschlandweit Weihnachtsmänner vermittelt werden, sagt: "Wir rennen die ganze Zeit dem Bedarf hinterher. Der Markt hat sich verschärft." Mehr und mehr ältere Weihnachtsmänner gingen in den Ruhestand, für sie werde das viele Reisen und die Termine zu viel. Und es komme wenig Nachwuchs hinterher.

Biehl sagt, ein Weihnachtsmann könne pro Auftritt bis zu 100 Euro verdienen, je nachdem, wie viele Termine er an Heiligabend übernehme, könne da schon ganz schön was zusammenkommen. "Die mit dem längsten Bart und dickstem Bauch könnten auch mehr verlangen. Die sind oft schon im Spätsommer ausgebucht."

Petra Henkert hofft darauf, über ihre bisherigen Weihnachtsmänner, neue Interessenten rekrutieren zu können. "Ich motiviere meine Damen und Herren, ihre Augen offen zu halten." Es gebe ja schon noch Leute, die sich für den Job interessierten. Neulich habe sie ein 16-Jähriger gefragt, ob er als Weihnachtsmann arbeiten könne. Doch leider nimmt Henkert erst volljährige Weihnachtsmänner auf.

Aber Hoffnung hat ihr der junge Mann schon gemacht.

insgesamt 33 Beiträge
rewk 12.12.2018
1.
Endlich wird mal wieder über die wirklich wichtigen Missstände auf dem deutschen Arbeitsmarkt berichtet!
Endlich wird mal wieder über die wirklich wichtigen Missstände auf dem deutschen Arbeitsmarkt berichtet!
FocusTurnier 12.12.2018
2. Alte weiße Männer sind out
Sollen sich die Blagen doch mit dem zuftrieden geben, was die Eltern unter' Baum deponieren. Alte weiße Männer sind out - because it's 2018.....
Sollen sich die Blagen doch mit dem zuftrieden geben, was die Eltern unter' Baum deponieren. Alte weiße Männer sind out - because it's 2018.....
Nordstadtbewohner 12.12.2018
3. Neue Definition von Fachkräftemangel
"Auch die Arbeitsagenturen übernehmen diese Aufgabe kaum noch. Das lohne sich nicht, sagt Paul Ebsen, Pressesprecher der Behörde. Es gebe zu wenige Männer, die noch als Weihnachtsmann arbeiten wollen. Ebsen spricht von [...]
"Auch die Arbeitsagenturen übernehmen diese Aufgabe kaum noch. Das lohne sich nicht, sagt Paul Ebsen, Pressesprecher der Behörde. Es gebe zu wenige Männer, die noch als Weihnachtsmann arbeiten wollen. Ebsen spricht von einem Fachkräftemangel." Die Aussage des Pressesprechers der Agentur für Arbeit wirkt auf mich unseriös und peinlich. In Deutschland gibt es mittlerweile einen immensen Mangel an Fachkräften. Nur sind dabei keine "Weihnachtsmänner" gemeint, sondern echte Fachkräfte wie Hochschulabsolventen und Techniker. Und dass sich Studenten nicht gerade um solche Aushilfsjobs reißen, mag wohl auch daran liegen, dass die Verdichtung des Lernstoffs erheblich gestiegen ist. Das Beispiel des älteren Herren im Artikel zeigt das deutlich.
default_user 12.12.2018
4.
Vielleicht wollte auch keiner der Studenten einen Bart über seinem Bart tragen bzw. ihn weiß färben.
Vielleicht wollte auch keiner der Studenten einen Bart über seinem Bart tragen bzw. ihn weiß färben.
parumba 12.12.2018
5. Ne Idee?
Bei uns kam damals das Christkind. Ungesehen, ungehört. Da muss man sich keine Gedanken um Kostüm oder Miete machen.
Bei uns kam damals das Christkind. Ungesehen, ungehört. Da muss man sich keine Gedanken um Kostüm oder Miete machen.

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