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Historisch frühe Weinlese

"Wir müssen die Ernte in die Nacht verlegen"

Weil die Trauben jetzt schon reif sind, startet die Weinlese in Deutschland so früh wie nie zuvor. Was bedeutet das für die Winzer - und für den Jahrgang? Anruf auf einem Weingut.

Privat

Christian Schäfer (Mitte), Bruder Karl A. (l.) und Vater Karl P. (r.)

Ein Interview von
Montag, 06.08.2018   20:50 Uhr

"Wir hatten noch nie so früh so süße Trauben", sagt der Sprecher des Deutschen Weininstituts. Die Hauptweinlese beginnt deshalb in diesem Jahr zwei bis drei Wochen früher - so früh wie nie zuvor. Aber was bedeutet das für die Weinbauern? Ein Gespräch mit Winzer Christian Schäfer vom Weingut Sonnenhof in Bockenheim:

SPIEGEL ONLINE: Der heiße Sommer macht vielen Bauern zu schaffen. Für Winzer scheint die Hitze auch ein Vorteil zu sein. Wird das der beste Jahrgang aller Zeiten?

Christian Schäfer: Was das Rekordjahr bringt, wird man sehen, wenn man den Wein im Keller hat. Bis jetzt hat unser Weinberg noch genug Wasser. Wenn das Wetter so bleibt, dann wird allerdings der Alkoholanteil größer.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt doch fantastisch!

Schäfer: Naja, die meisten Verbraucher mögen aktuell eher leichte Weine.

SPIEGEL ONLINE: Und wie wird der Wein schmecken?

Schäfer: Durch den höheren Alkoholanteil wird er kräftiger. Nach dem leichteren Jahrgang von 2017 erwarten wir jetzt einen Wein, der breitbrustiger daherkommt.

SPIEGEL ONLINE: Nun beginnen Sie die früheste Weinlese aller Zeiten. Waren Sie darauf vorbereitet?

Schäfer: Wir hatten schon eine frühe Blüte, dementsprechend war klar, dass die Lese schon Anfang August beginnt. Aber die Temperaturen machen uns zu schaffen. Wenn wir an Tagen mit 30 Grad Celsius ernten, dann hat auch die Traube 30 Grad - und bei hohen Temperaturen verbreiten sich Pilzarten schneller. Deshalb müssen wir die Ernte in die Nacht oder in die frühen Morgenstunden verlegen. Wir starten um vier Uhr morgens und müssen um zehn Uhr fertig sein. Durch die hohen Temperaturen haben wir nur ein extrem kurzes Zeitfenster. Da muss man äußerst flexibel sein und auch mal an Wochenenden durcharbeiten.

SPIEGEL ONLINE: War es schwer, für die frühere Ernte genug Arbeitskräfte zu bekommen?

Schäfer: Wir sind ein Familienbetrieb und machen fast alles allein. Mein Bruder und ich haben den Betrieb von unserem Vater übernommen, der auch noch mithilft. Bei der Haupternte unterstützen uns drei Saisonkräfte aus Polen. Mit denen haben wir schon im Frühjahr gesprochen, dass sie in diesem Jahr etwas früher kommen. Sie helfen uns aber eher im Keller bei der Reinigung. Richtige Erntehelfer leisten sich nur noch kleinere Betriebe, die Wert auf Handarbeit legen und das auch entsprechend vermarkten. Die 30 bis 40 Leute, die wir dafür bräuchten, kriegen wir schon lange nicht mehr zusammengetrommelt. Wir machen die Ernte maschinell, so können wir mit nur zwei Mann ernten. Mein Vater ist 67 und hat noch nie ein Smartphone bedient, aber vor drei Jahren hat er noch gelernt, die Kiste zu fahren.

SPIEGEL ONLINE: Je eher dabei, desto eher davon, sagt man. Haben Sie jetzt eher Urlaub?

Schäfer: Den Urlaub hat jeder von uns Winzern in diesem Jahr entsprechend eher geplant und war auch schon weg. Die richtige Haupternte kommt ja erst noch. Das geht etwa in der letzten Augustwoche los und geht bis Ende September. Die Trauben, die man jetzt schon ernten kann, sind nur für Federweißer und Traubensaft. Die Weinlese hat sich in den letzten Jahren immer weiter nach vorn geschoben. Als ich noch jung war, so in den Neunzigerjahren, da ging die Ernte noch bis in die erste Novemberwoche.

lie

insgesamt 25 Beiträge
Le Commissaire 06.08.2018
1.
Zitat: "Die Weinlese hat sich in den letzten Jahren immer weiter nach vorn geschoben. Als ich noch jung war, so in den Neunzigerjahren, da ging die Ernte noch bis in die erste Novemberwoche." Dann können die Winzer [...]
Zitat: "Die Weinlese hat sich in den letzten Jahren immer weiter nach vorn geschoben. Als ich noch jung war, so in den Neunzigerjahren, da ging die Ernte noch bis in die erste Novemberwoche." Dann können die Winzer also schon im Oktober auf die Kanaren und dabei die Hauptsaison umgehen, das ist doch auch schön. Übrigens: In der mittelaterlichen Warmzeit (etwa 7.-11. Jhd.) wuchs sogar in Südnorwegen Wein, das wird vielleich bald wider möglich sein. Und in Südgrönland wurde Viehwirtschaft betrieben und Getreide angebaut, bis dann die "kleine Eiszeit" der Landwirtschaft dort buchstäblich den Boden entzog. Ich denke, wir werden mit dem aktuellen Klimawandel gut umzugehen lernen. Formal sind wir noch in einer Eiszeit und damit erdgeschichtlich in einer selteneren kalten Periode.
fatal.justice 06.08.2018
2. Greenland...
... heißt nun nicht direkt Greenland, weil Kronleuchter durch´s Bild schwingen. Es gibt keine logische (menschlich nachvollziehbare) Abfolge der Ereignisse. Die derzeitige Schwitzewelle hat nur von Vorteil, sogar die [...]
Zitat von Le CommissaireZitat: "Die Weinlese hat sich in den letzten Jahren immer weiter nach vorn geschoben. Als ich noch jung war, so in den Neunzigerjahren, da ging die Ernte noch bis in die erste Novemberwoche." Dann können die Winzer also schon im Oktober auf die Kanaren und dabei die Hauptsaison umgehen, das ist doch auch schön. Übrigens: In der mittelaterlichen Warmzeit (etwa 7.-11. Jhd.) wuchs sogar in Südnorwegen Wein, das wird vielleich bald wider möglich sein. Und in Südgrönland wurde Viehwirtschaft betrieben und Getreide angebaut, bis dann die "kleine Eiszeit" der Landwirtschaft dort buchstäblich den Boden entzog. Ich denke, wir werden mit dem aktuellen Klimawandel gut umzugehen lernen. Formal sind wir noch in einer Eiszeit und damit erdgeschichtlich in einer selteneren kalten Periode.
... heißt nun nicht direkt Greenland, weil Kronleuchter durch´s Bild schwingen. Es gibt keine logische (menschlich nachvollziehbare) Abfolge der Ereignisse. Die derzeitige Schwitzewelle hat nur von Vorteil, sogar die zapfhahnigsten Blinden zu überzeugen, auch an die Zukunft zu denken. Zwecklos. Niemand kann Säugetiere davon abhalten, Weibchen zu imponieren. Das allgegenwärtige Brrrrummmmmm... ist nur ein Ausdruck der Hilflosigkeit. Auch: Wenn eine Hand frei war.
fatal.justice 06.08.2018
3. Für...
... einen Mitteleuropäer ist Ihre Sichtweise normal. Es ändert nur nichts daran, dass sogar Maximalpigmentierte wissen, wo der Fähranlieger wohnt. ENDLICH sollte man Lösungen suchen - nicht jeden gegen jeden ausspielen. [...]
Zitat von Le CommissaireZitat: "Die Weinlese hat sich in den letzten Jahren immer weiter nach vorn geschoben. Als ich noch jung war, so in den Neunzigerjahren, da ging die Ernte noch bis in die erste Novemberwoche." Dann können die Winzer also schon im Oktober auf die Kanaren und dabei die Hauptsaison umgehen, das ist doch auch schön. Übrigens: In der mittelaterlichen Warmzeit (etwa 7.-11. Jhd.) wuchs sogar in Südnorwegen Wein, das wird vielleich bald wider möglich sein. Und in Südgrönland wurde Viehwirtschaft betrieben und Getreide angebaut, bis dann die "kleine Eiszeit" der Landwirtschaft dort buchstäblich den Boden entzog. Ich denke, wir werden mit dem aktuellen Klimawandel gut umzugehen lernen. Formal sind wir noch in einer Eiszeit und damit erdgeschichtlich in einer selteneren kalten Periode.
... einen Mitteleuropäer ist Ihre Sichtweise normal. Es ändert nur nichts daran, dass sogar Maximalpigmentierte wissen, wo der Fähranlieger wohnt. ENDLICH sollte man Lösungen suchen - nicht jeden gegen jeden ausspielen. Sogar die Ungarn haben mittlerweile begriffen, dass das eigene Überleben nur Sinn macht, wenn man auch anwesend ist. Mache mir da Sorgen. Die ungarische Fidesz-Propaganda schrammt nicht nur knapp am Endlösungsparadigma vorbei. Die CDU/CSU kennt das Dilemma.
burgundy 06.08.2018
4.
Lieber Commiassaire, Sie reden mir aus der Seele. Übrigens schadet nicht das Klima dem deutschen Wein, sondern die allgemeine Nachlässigkeit seiner Winzer. Wenn ich bedenke, wieviel Fürsorge JEDEN Tag ein burgundischer Winzer [...]
Lieber Commiassaire, Sie reden mir aus der Seele. Übrigens schadet nicht das Klima dem deutschen Wein, sondern die allgemeine Nachlässigkeit seiner Winzer. Wenn ich bedenke, wieviel Fürsorge JEDEN Tag ein burgundischer Winzer seinen Rebstöcken angedeihen lässt (das Ergebnis kann dann immer noch mittelmässig sein oder gar enttäuschend bis hin zu den Grand Crus) und dann sehe, wie selten der Winzer bei seinem Weinberg hier vorbeischaut (gerade, dass er seine Reben anbindet und gelegentlich zum Spritzen vorbeifährt), dann weiss man, wo Qualität wenigstens angestrebt wird und wo nicht. Dazu muss man dann nicht spektakuläre Nachtaktionen während der Ernte durchführen, denn die wahre Arbeit im Weinberg geschieht das ganze Jahr über. So gesehen sind die meisten billigen (aber leider auch die teuren) Weine in Deutschland deutlich überteuert (was nicht bedeutet, dass dies nicht auch woanders zutreffen kann, aber eben nicht von vornherein systematisch darauf angelegt ist).
midnightswim 06.08.2018
5. Jaja le Commissaire
Sie sind sich nicht zu schade, Propaganda zu betreiben. Sicherlich sind Sie auch der Meinung der Klimaverleugner, dass wir nur die Warmzeit vor der Eiszeit haben. Aber so schnell? Zack und da ist mal in drei Jahren ne Warnzeichen, [...]
Sie sind sich nicht zu schade, Propaganda zu betreiben. Sicherlich sind Sie auch der Meinung der Klimaverleugner, dass wir nur die Warmzeit vor der Eiszeit haben. Aber so schnell? Zack und da ist mal in drei Jahren ne Warnzeichen, oder? So nicht. Das Klima verändert sich, weil wir es verändern. Alles andere ist nur Wunschtraum und Sie sollten aufhören mit dem Traum.

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