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KarriereSPIEGEL

Frauen in der Wissenschaft

Jetzt schreibt doch auch mal was!

Wissenschaftlerinnen werden in der Öffentlichkeit weniger wahrgenommen als ihre männlichen Kollegen. Schuld daran ist auch Wikipedia. Eine junge Biologin will das ändern.

Annick Eimer

Allison Mayle arbeitet als Krebsforscherin - und schreibt jetzt auch Wikipedia-Artikel

Von Annick Eimer, New York
Freitag, 06.07.2018   06:12 Uhr

Eigentlich hätte Isabella Karle der Nobelpreis in Chemie zugestanden. Sie hatte eine Methode entwickelt, die es Forschern ermöglicht, die dreidimensionale Struktur von Molekülen aufzuklären. Doch nicht sie, sondern ihre männlichen Kollegen - einer davon ihr Ehemann - bekamen dafür 1985 die höchste Auszeichnung in der Wissenschaft.

Das Forscher-Ehepaar Karle ist mittlerweile verstorben. Es gibt einen kurzen Wikipedia-Artikel über Isabella Karle und einen langen über ihren Mann. Und in keinem der beiden Artikel ist ihr entscheidender Beitrag zum Nobelpreis erwähnt.

Noch immer werden Wissenschaftlerinnen in der Öffentlichkeit weniger wahrgenommen als ihre männlichen Kollegen. "Daran hat sich bis heute nichts geändert", sagt Margarete Rossiter, eine Wissenschaftshistorikerin, die dieses Phänomen bereits 1993 beschrieben und es den "Matilda-Effekt" genannt hat - nach der amerikanischen Feministin Matilda J. Gage.

Eine junge Molekularbiologin aus den USA will diese Ungerechtigkeit nicht länger akzeptieren. "Mit der Wahl von Donald Trump ist mir klar geworden, dass wir uns darum kümmern müssen, dass Frauen nicht mehr übersehen werden", sagt Maryam Zaringhalam. Seit 2017 setzt sie sich dafür ein, Wissenschaftlerinnen in die Öffentlichkeit zu bringen. Ihr neuestes Projekt: dafür sorgen, dass es mehr und längere Artikel über Wissenschaftlerinnen auf Wikipedia gibt.

So funktioniert Wikipedia

Wie wird man Wikipedia-Autor?
Theoretisch kann jeder jederzeit und sogar anonym einen Beitrag erstellen. Dieser muss dann aber von anderen Autoren freigegeben werden und die sind oft sehr streng. Grundsätzlich ist dieser Mechanismus gut, denn nur mit vielen kritischen Aufpassern kann sichergestellt werden, dass kein Blödsinn in der Enzyklopädie steht. Das wichtigste Kriterium dafür, dass ein Mensch wichtig genug ist, um in Wikipedia zu stehen, sind die externen Quellen. Sie oder er muss also schon woanders erwähnt oder zitiert worden sein, am besten in Publikumsmedien.
Wann werden Einträge gelöscht?
Die Wikipedia-Gemeinschaft ist bei neuen Autoren häufig misstrauisch. Sie will verhindern, dass die Enzyklopädie von PR-Menschen übernommen wird, die im Auftrag anderer Werbung für Menschen, Firmen oder Produkte machen.
Wie verhindere ich die Löschung meines Beitrags?
Wikipedia-Expertin Megan Wacha rät, sich ein Benutzerkonto anzulegen und ins Profil in ein paar nette Worte zu schreiben, mit denen man die eigene Motivation für die Mitarbeit beschreibt. Das erhöht die Glaubwürdigkeit. Hilfreich sei auch, als Frau einen Nutzernamen zu wählen, der nicht gleich das Geschlecht verrät und erst mal andere Artikel zu ergänzen, zu strukturieren und Fehler zu korrigieren, bevor man sich an eigene Beiträge wagt. Hilfreich (und amüsant) ist auch, vorab ein wenig im Forum für Neu-Autoren zu stöbern.

Es gibt keine Zahlen darüber, wie viele Wikipedia-Einträge Wissenschaftlerinnen gewidmet sind. Wohl bekannt aber ist die Gesamtzahl der Artikel über Frauen und die lässt vermuten, dass Zaringhalam eine Sisyphusarbeit bevorsteht. 82 Prozent der 1,5 Millionen Biografien in der englischsprachigen Wikipedia handeln von Männern.

Zaringhalam wundert das nicht: "90 Prozent der Wikipedia-Autoren sind männlich, da ist es kein Wunder, dass es wenige Artikel über Frauen gibt." Gruppen wie WomenEdit oder Art+Feminism versuchen seit Jahren, weibliche Autorinnen zu fördern - mit Workshops zum Schreiben von Wikipedia-Einträgen. Und einen solchen hat auch Zaringhalam organisiert, in einem New Yorker Klub im angesagten East Village. Ein Laptop und eine Portion gerechtfertigte Empörung - mehr sei nicht mitzubringen zum "Female-Scientist-Edit-A-Thon", schrieb sie in der Einladung.

Der Klub Caveat verbirgt sich hinter einer schwarzen Tür, umgeben von Cafés. Ein schwarzgestrichener Flur führt in einen schummrig beleuchteten Kellerraum mit Bücherregalen, Sesseln, einer Bar. Obwohl es noch früh am Tag ist, werden Bier und Wein ausgeschenkt. Rund 20 Frauen sind gekommen, die meisten sind zwischen 20 und 30 Jahre alt und arbeiten in der Wissenschaft, so wie Krebsforscherin Allison Mayle.

Sie fügt als Erstes einem Artikel über die Neurobiologin Anne Churchland einen Preis hinzu, mit dem diese ausgezeichnet wurde. "Ich finde es auffällig, dass die Artikel über Frauen meist sehr kurz und nüchtern und die Artikel über Männer häufig sehr viel ausführlicher sind", sagt sie.

Annick Eimer

Alexandra Cohen

Alexandra Cohen, Neurowissenschaftlerin an der New York University, macht sich derweil an das Bearbeiten eines Artikels über die verstorbene Forscherin Patricia Goldman-Rakic. "Ich bin im Kopf durchgegangen, welche Forscherinnen in meinem Fachgebiet herausragend sind und habe geschaut, ob sie auf Wikipedia sind", erklärt Cohen ihre Auswahl. Sie hat ein paar Tippfehler korrigiert und den ganzen Artikel in Abschnitte mit Titeln gegliedert. "An eine noch lebende Wissenschaftlerin habe ich mich nicht rangetraut", sagt sie und lacht.

Nur drei Teilnehmerinnen wagen sich an diesem Tag an das Verfassen eines eigenen Beitrags. Ist das typisch Frau? Megan Wacha, Leiterin des heutigen Workshops und hauptberuflich Bibliothekarin an der City University New York, kann diese Frage nicht beantworten, weiß aber, dass es eine andere Hürde gibt, die sowohl männliche als auch weibliche Neu-Autoren vorsichtig sein lässt: Ihre Beiträge werden häufig von anderen Autoren wieder geändert oder gar gelöscht.

Annick Eimer

Megan Wacha

Yael Heller Jekogian kann das bestätigen. Sie hat schon Einträge auf Wikipedia verfasst, aber über ihrem Artikel über die Biologin Thandiwe Mweetwa aus Zimbabwe steht nun der Warnhinweis, der Eintrag entspreche wohl nicht den Richtlinien der Enzyklopädie. Es fehlten unabhängige Sekundärquellen, um die Relevanz des Beitrags zu belegen.

Und genau das, meint Bibliothekarin Wacha, sei das Problem: "Jeder Wikipedia-Artikel muss mit Referenzen belegt werden. Diese Referenzen sind häufig Artikel in Publikumsmedien. Und in denen werden Männer häufiger genannt."

Auch dieses Phänomen hat die Wissenschaft bereits beschrieben und ihm den Namen Matthäus-Effekt gegeben. Der Matthäus-Effekt ist so etwas wie ein überlegener Gegenspieler des Matilda-Effekts. Der Name spielt auf ein Bibelgleichnis an, das besagt, dass jemand, dem einmal Ruhm zuteil wird, mit noch mehr Ruhm überschüttet wird. Wer einmal in einem renommierten Magazin oder Fernsehsender zu Wort kommt, wird in Zukunft häufiger als Experte angefragt. Ein Effekt also, der Ungleichgewichte langfristig erhält.

"Leider tragen Frauen nicht selten selbst dazu bei, weil sie zu bescheiden sind", sagt Historikerin Rossiter. So passiere es nicht selten, dass Wissenschaftlerinnen einen Großteil zu einer Veröffentlichung beitragen - und dann als Erst-Autor ihr Chef über der Studie steht.

insgesamt 34 Beiträge
awes 06.07.2018
1. Verrat des Geschlechtes
In den Wikipedia-Autor*innen Tipps ist zu lesen „hilfreich ist es auch, einen Auorennnamen zu wählen, der nicht gleich das Geschlecht verrät“. ERNSTHAFT? Ich fass es nicht, so etwas seit dem letzten Jahr noch lesen zu müssen!
In den Wikipedia-Autor*innen Tipps ist zu lesen „hilfreich ist es auch, einen Auorennnamen zu wählen, der nicht gleich das Geschlecht verrät“. ERNSTHAFT? Ich fass es nicht, so etwas seit dem letzten Jahr noch lesen zu müssen!
Newspeak 06.07.2018
2. ....
"So passiere es nicht selten, dass Wissenschaftlerinnen einen Großteil zu einer Veröffentlichung beitragen - und dann als Erst-Autor ihr Chef über der Studie steht." Erstautor ist der, der den Artikel schreibt. Der [...]
"So passiere es nicht selten, dass Wissenschaftlerinnen einen Großteil zu einer Veröffentlichung beitragen - und dann als Erst-Autor ihr Chef über der Studie steht." Erstautor ist der, der den Artikel schreibt. Der Chef steht eher am Ende. So ist es jedenfalls oft im MINT Bereich. Wobei Mathematiker auch gerne alphabetisch ordnen. Jedenfalls sind die Publikationskulturen fachspezifisch. Pauschalaussagen, ob eine Frau diskriminiert wurde, weil sie nicht vorne steht, sind so nicht möglich.
suane 06.07.2018
3. Ja, typisch Frau.
"Nur drei Teilnehmerinnen wagen sich an diesem Tag an das Verfassen eines eigenen Beitrags. Ist das typisch Frau?" - Ja, typisch Frau. Während Mann sich gerne mal überschätzt, unterschätzen Frauen sich leider sehr [...]
"Nur drei Teilnehmerinnen wagen sich an diesem Tag an das Verfassen eines eigenen Beitrags. Ist das typisch Frau?" - Ja, typisch Frau. Während Mann sich gerne mal überschätzt, unterschätzen Frauen sich leider sehr oft oder spielen viel lieber auf Sicherheit. Das und die Tatsache, dass es in unserer früherer geschlechterungleichen Gesellschaft tatsächlich mehr bedeutende Männer als Frauen gab, begründet weshalb Artikel über Männer überwiegen.
oliver_kreuzzer 06.07.2018
4.
---Zitat--- Schuld daran hat auch Wikipedia. ---Zitatende--- Das ist doch Unsinn! Hindert Wikipedia oder sonst irgendjemand irgenjemanden daran, Wiki- oder andere Artikel über Frauen und Wissenschaftlerinnen zu verfassen?
---Zitat--- Schuld daran hat auch Wikipedia. ---Zitatende--- Das ist doch Unsinn! Hindert Wikipedia oder sonst irgendjemand irgenjemanden daran, Wiki- oder andere Artikel über Frauen und Wissenschaftlerinnen zu verfassen?
carinanavis 06.07.2018
5. recht schwammige hauptthese
Es wird angenommen, dass auch erfolgreiche Wissenschaftlerinnen weniger wahrgenommen würden, weil beispielsweise die vorwiegend männlichen Wikipediaautoren (ca. 90%? eher gilt 6-23%, weil es niemand so genau weiß) diese [...]
Es wird angenommen, dass auch erfolgreiche Wissenschaftlerinnen weniger wahrgenommen würden, weil beispielsweise die vorwiegend männlichen Wikipediaautoren (ca. 90%? eher gilt 6-23%, weil es niemand so genau weiß) diese sozusagen ignorieren. Ein wichtiger Faktor der zugrundeliegende Wahrheit ist jedoch: Es gibt viel weniger Professorinnen selbst in den skandinavischen Ländern und den USA, dort ist der Anteil etwa 25%. dieser Anteil sinkt in den Naturwissenschaften dann noch ab von der Biologie zu Physik und Mathematik. Also gerade in den wissenschaftlichen Nobelpreisdisziplinen gibt es einfach weniger Frauen mit entsprechenden Positionen, die es erlauben besonders wichtige Forschungsergebnisse zu veröffentichen.

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