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KarriereSPIEGEL

Ein Workaholic erzählt

"Ich dachte nur noch an die Arbeit"

Wie erkennt man, ob man arbeitssüchtig ist? Hier berichtet ein Betroffener - und verrät, wie er seine Sucht heute kontrolliert.

Getty Images
Freitag, 07.09.2018   13:54 Uhr

Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Buch "Der Fehler, der mein Leben veränderte". Autorin Gina Bucher hat darin Gespräche mit Menschen protokolliert, die tief gefallen sind - und es geschafft haben, wieder aufzustehen. So wie Martin:

"Es dauerte zehn Jahre, bis ich erkannte, dass ich arbeitssüchtig bin und dass ich mit dieser Sucht regelmäßig in ein Chaos geriet. Bei jeder Beziehungskrise dachte ich, die anderen wären schuld. Dass das Chaos vor allem aber auch etwas mit mir zu tun hatte, das war mir überhaupt nicht klar. Das zu erkennen war heftig.

Arbeitssucht bedeutet einerseits, dass man zu viel arbeitet und ständig an die Arbeit denkt. Aber auch, dass man gewisse Dinge hinauszögert und so immer auf den letzten Drücker abliefert. Bei mir sind es beide Symptome: dass ich phasenweise viel arbeiten will und auch Dinge aufschiebe.

Nach dem Studium begann ich, als Bauleiter zu arbeiten. Der Einstieg war für mich anstrengend, bald hatte ich all jene Symptome, die die Arbeitssucht mit sich bringt: dass ich mich verzettelte, dass ich Angst hatte, Aufgaben anzufangen, dass ich mich nur daran maß, was ich geleistet hatte. Oft machte ich Überstunden und konnte nach der Arbeit nicht mehr abschalten.

Ich dachte nur noch an die Arbeit

Ich arbeitete zwar viel, aber nicht unbedingt effizient. Das belastete mich sehr. Ich war nicht mehr frei im Kopf, dachte nur noch an die Arbeit. Wie bei einer Sucht interessierte mich nichts mehr außer der Arbeit. Alles andere rückte in den Hintergrund, weil ich so sehr damit beschäftigt war. Und das viele Arbeiten berauschte auch. Ich arbeitete ohne Pausen und vergaß alles.

Wenn ich süchtig arbeite, brauche ich keine Pausen mehr. Dann gehe ich nicht mehr auf die Toilette. Ich muss nichts essen. Meine Emotionen sind gleich null, ich verhalte mich wie ein Zombie. Auch zu Hause, weil das dort noch nachklingt. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit denen man versucht, sich wieder zu spüren: fettiges Essen, unkontrollierte Alkoholexzesse.

In jener Zeit arbeitete ich fünfzig bis sechzig Stunden in der Woche. Hinzu kam das Pendeln, um sieben Uhr morgens am Arbeitsplatz sein, um neunzehn Uhr nach Hause fahren. Da war einfach kein Platz mehr für andere Dinge. Ein halbes Jahr stand ich das ganz gut durch. Danach zog ich mich zurück, verlor den Anschluss an Freunde, an die Familie. Ich war so abwesend, dass mich meine damalige Frau teilweise gar nicht mehr wahrgenommen hat.

Ich fürchtete mich vor dem Montag

Auch die Wochenenden brachten keine Entspannung mehr, vielmehr begann ich, mich vor dem Montag zu fürchten, und versuchte aufzuschieben, was aufzuschieben war. Dass daraus Probleme entstanden, war mir damals nicht so sehr bewusst: dass etwa meine Frau mit einem Ehemann lebte, der nicht da war. Der nicht fähig war, Gespräche zu führen. Dass ich permanent nur an die Arbeit dachte. Das alles hat natürlich die Beziehung belastet.

Als sie sich schließlich von mir trennte, weil sie so einfach nicht mehr leben wollte, war das für mich ein großer Schock. Ein beziehungstechnischer Gau. Denn tatsächlich kam das für mich überraschend. Ich hatte das ja nicht wahrgenommen. Ich hatte einen Tunnelblick, konnte mir das gar nicht vorstellen. Aus heutiger Sicht klingt das auch für mich seltsam, aber damals fehlte mir schlicht das Bewusstsein dafür.

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Gina Bucher:
Der Fehler, der mein Leben veränderte

Von Bauchlandungen, Rückschlägen und zweiten Chancen

Piper Verlag; 256 Seiten; 22,00 Euro

Nach ein paar Jahren wiederholte sich dasselbe Muster, als ich mich erneut verliebte. Ich hatte gerade einen neuen, tollen Job angefangen, lernte zum Jahreswechsel Sonja kennen, wir verliebten uns, im April zog sie bei mir ein, und wenige Wochen später war sie schwanger. Gleichzeitig entpuppte sich mein neues Projekt als Himmelfahrtskommando.

Nur zwei Jahre später also, ich war 39, war ich wieder am selben Punkt: Freundin, Kind, Familie - alles ging in die Brüche. Ich musste den Jobtraum aufgeben, dazu kam ein gebrochener, geknickter Lebenslauf. Ich war in meiner Ehre verletzt: Sonja hatte nämlich mit einem Hobby angefangen, weil ich ja nie Zeit für sie hatte, und dort einen anderen Mann kennengelernt. Ich war 39 und stand erneut vor einem Scherbenhaufen.

Ich hörte zum ersten Mal von Arbeitssucht

Über diese private Krise kam ich zu den Anonymen Arbeitssüchtigen (AAS ). Eine Heilpraktikerin, die uns in der Beziehungskrise beriet, hielt einmal einen Vortrag über diese Problematik. Ich hörte zum ersten Mal von Arbeitssucht. Sie erklärte, wie die Süchte wirken, und ich habe mich sofort darin erkannt. Ich las, wohin Sucht führt - nämlich genau zu dieser Situation, in der ich mich befand. Neun von zwölf Symptomen trafen auf mich zu. Jede Sucht führt ins Chaos und reißt andere mit. Und am Ende steht der Tod.

Unterdessen glaube ich, dass man nur über den Austausch mit Betroffenen erkennen kann, welchen Anteil man selber am Chaos hat. Nicht in Form von Belehrung, sondern über den Austausch von anderen Lebenswegen. Es ist ein langer Prozess, sich seinen Abgründen zu stellen. Denn das habe ich auch festgestellt, dass diese Zusammenbrüche, dieses Scheitern mit mir und meinen Abgründen zusammenhängen.

Die eigene Schuld projiziert man lieber nach außen

Das war mir davor nicht bewusst gewesen, niemals. Die eigene Schuld projiziert man ja lieber nach außen - als ob es nur die Umstände wären, der Partner, der Job, das Projekt. Ob mein Tag erfolgreich war oder nicht, messe ich unterdessen am Zustand, in dem ich nach Hause gehe.

Früher, als ich so viel gearbeitet habe, bin ich platt nach Hause gegangen, da konnte ich nicht mehr denken - ich dachte nur noch an meine Arbeit. Jetzt aber gehe ich von der Arbeit nach Hause und kann abschalten. Gesund arbeiten heißt für mich: Ich kann mich auf das Wesentliche konzentrieren. Ich kann meine Pausen einhalten. Meine Mittagspause ist heute heilig - eine Stunde! Es gibt Ausnahmen, aber normalerweise klappt das.

Diese Struktur ist wichtig, denn ohne könnte ich nicht gesund arbeiten. Noch nicht. Das heißt, ich fange morgens nicht vor acht Uhr an zu arbeiten. Nicht früher - und ich muss spätestens um halb sieben ausstempeln. Denn sonst kann es passieren, dass ich nicht mehr aufhören kann. Und ich trenne Arbeit und Freizeit ganz deutlich. Dass ich mir Grenzen setze, liegt in meiner Verantwortung.

Heute bin ich für die Arbeit oft nicht erreichbar

Nach jener Krise haben meine Frau und ich wieder zueinander gefunden, indem wir unsere Tiefen angeschaut haben. Jeder für sich und doch gemeinsam. Sie hat ihre Beziehung beendet, und ich habe mich das zweite Mal getraut: Wir haben geheiratet.

Nur wenn es mir gut geht, nur wenn ich gesund arbeite, kann ich auch eine gesunde Beziehung führen, zu mir selbst, zu meiner Frau, zu meinen Kindern. Deswegen bin ich für die Arbeit oft nicht erreichbar. Meine Arbeitszeit beträgt 35 Stunden die Woche. Unterdessen weiß ich: In Ausnahmen kann ich bis zu vierzig Stunden arbeiten, das kriege ich hin."

Im Video: Ausgebrannt und dann? Wege aus der Burnout-Falle

Foto: SPIEGEL TV
insgesamt 10 Beiträge
fürmichistallesklar 07.09.2018
1. 50 bis 60 Stunden pro Woche
Das Zitat:"In jener Zeit arbeitete ich fünfzig bis sechzig Stunden in der Woche" macht mich schon stutzig. Vor einem halben Jahr wurde ich 70 Jahre alt und arbeite bis heute jede Woche mehr als 60 Stunden, manchmal weit [...]
Das Zitat:"In jener Zeit arbeitete ich fünfzig bis sechzig Stunden in der Woche" macht mich schon stutzig. Vor einem halben Jahr wurde ich 70 Jahre alt und arbeite bis heute jede Woche mehr als 60 Stunden, manchmal weit mehr. Ich bin weder verbrannt noch hat meine Frau das Gefühl, dass ich zu wenig Zeit habe für sie und die Familie habe. Ich gehe mit ihr in den Ausgang, gehe fein essen, mache Urlaub, wir treffen Freunde, usw.. Warum ich das weiss? Weil ich meine Familie frage und wir oft darüber sprechen. Meine Frau ist im Gegenteil froh, dass ich nicht ständig etwas unternehmen will mit der Familie. Seit nunmehr 50 Jahren schlafe ich im Schnitt 4,5 bis 6 Stunden pro Nacht, dann bin ich wieder fit und habe dann halt um 08:00h schon 4 Stunden gearbeitet, wenn die Mitarbeiter so langsam eintrudeln. Nachher arbeite ich wie alle anderen auch meine 8 Stunden. Ich bin mich das so gewohnt und geniesse das Leben. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass ich in all den Jahren immer mein Hobby zum Beruf gemacht habe, nie einen längeren Arbeitsweg als 5 Minuten hatte. Heute lebe ich in Asien (Thailand) und arbeite in einem 10 Meter von meinem Haus entfernten Büro, frühstücke mit meiner Frau (40). Und in welcher Branche glauben Sie wohl. In der IT. Wir programmieren, entwerfen Konzepte und setzen diese selbst um. De facto ausschliesslich für Europa. Ich möchte damit eigentlich nur deutlich machen, dass es auch solche Menschen gibt. Ich akzeptiere sehr woh, dass es auch andere Arbeits-Modelle gibt. Nur liest man dann eben von diesen "Anderen Beispielen" nichts.
weltbetrachter 07.09.2018
2. ...kommt mir bekannt vor...
Als ich den Artikel las, dann war das auch MEINE Geschichte. Alles kommt mir bekannt vor. Am Ende stand ich kurz vor dem Zusammenbruch, Herzinfarkt, Schlaganfall. Der einzige Freund der mir damals geblieben war meinte: such dir [...]
Als ich den Artikel las, dann war das auch MEINE Geschichte. Alles kommt mir bekannt vor. Am Ende stand ich kurz vor dem Zusammenbruch, Herzinfarkt, Schlaganfall. Der einzige Freund der mir damals geblieben war meinte: such dir etwas davon aus. Hilfe annehmen ? Zum Arzt gehen ? Nein, stand nicht in meinem Terminkalender. Es kam wir es kommen musste. Burnout - von der heftigen Sorte. Und plötzlich stand ich alleine da. Arbeit, Umfeld, Wohnung - alles aufgegeben. Mit dem Fahrrad, einem Zelt und Minimalausstattung habe ich dann die Kurve gekriegt und bin in ein EINFACHES Leben zurückgekehrt. Heute geht es mir wieder sehr gut - mit einer Erfahrung das mir so etwas nie wieder passiert. Dazu gehört jetzt auch mal NEIN zu sagen oder ein paar Tage ganz spontan wandern gehen.
navysailor 08.09.2018
3.
Ich glaube, ganz viel hat mit dem Srbeitsumfeld und der eignen Wuslifikation zu tun. Wenn ich etwas mache, was ich ggf. nicht kann oder ich ein Arbeitsumfeld habe, welches mich überfordert, dann muss man das erkennen und handeln. [...]
Ich glaube, ganz viel hat mit dem Srbeitsumfeld und der eignen Wuslifikation zu tun. Wenn ich etwas mache, was ich ggf. nicht kann oder ich ein Arbeitsumfeld habe, welches mich überfordert, dann muss man das erkennen und handeln. Ich arbeite 50h die Woche und bin mittlerweile fit in meinem Job. Deswegen fühle ich mich wohl und sehe stressige Phasen eher positiv. Dazu hilft reden mit dem Partner und den Freunden ;)
markus.w77 08.09.2018
4.
erstmal finde ich den Artikel sehr "merkwürdig " geschrieben. Wortwahl und Satzbau sind irgendwie wie bei einem Aufsatz 7.Klasse. Und dann etwas unverständlich wieso 50-60 Stunden arbeiten, ohne Pause, aber dann doch [...]
erstmal finde ich den Artikel sehr "merkwürdig " geschrieben. Wortwahl und Satzbau sind irgendwie wie bei einem Aufsatz 7.Klasse. Und dann etwas unverständlich wieso 50-60 Stunden arbeiten, ohne Pause, aber dann doch irgendwie alles aufschieben und nix fertig bekommen?? Was arbeitet er denn in der Zeit? Ich hab auch immer viel und gerne gearbeitet, genieße heute aber auch die 40-45 h Woche. Starkes Familiäres Umfeld oder Freunde zum reden sind wichtig, dann klappt's auch mit der Balance
digge8 08.09.2018
5. echt jetzt, dass könnte mir nicht passieren
Ich habe meine Arbeitszeit auf 20h reduziert und verbringen die gewonnene Zeit im Garten und beim haltbarmachen der dort gezogenen Leckerreien. Das Einkommen reicht für ein gutes leben dennoch, und Arbeitssucht könnte ich mir [...]
Ich habe meine Arbeitszeit auf 20h reduziert und verbringen die gewonnene Zeit im Garten und beim haltbarmachen der dort gezogenen Leckerreien. Das Einkommen reicht für ein gutes leben dennoch, und Arbeitssucht könnte ich mir echt nicht vorstellen. Aber so wählt jeder seine Prioritäten.
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