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KarriereSPIEGEL

Working Holiday

Ausgebeutet in Australien

Reisen und arbeiten: Mit diesem Konzept lockt Australien jährlich über 24.000 junge Deutsche an. Ab 2017 könnte es noch mehr Working-Holiday-Visa geben. Doch manche Arbeitgeber nutzen die Backpacker aus.

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Sonntag, 20.11.2016   18:47 Uhr

Es dauerte drei Wochen, bis Wolf pleite war. Knapp 1500 Euro hatte er als Startkapital mit nach Australien genommen. Zimmer und Job in Sydney suchen, Geld verdienen, durchs Land reisen - das war der Plan. 60 Bewerbungen, 21 Tage im Hostel-Einzelzimmer und unzählige Drinks später war das Ersparte weg.

Die letzte Hoffnung des 27-Jährigen aus Dresden: ein Job auf einer Farm im Landesinneren. Kühe melken, Schweine füttern, Ställe ausmisten. 13 Stunden am Tag, bei sengender Hitze. Neun Tage hielt er es dort aus, drei davon lag er mit einem Spinnenbiss im Krankenhaus. "Es waren die schlimmsten neun Tage meines Lebens", sagt er.

Dabei klang und klingt die Aussicht verlockend: Rucksack auf, ab ins Flugzeug und das Geld für die weitere Reise unterwegs verdienen - so funktioniert das australische Working-Holiday-Visum. Das ist ab Januar noch einfacher zu bekommen: Die Altersobergrenze wird von 30 auf 35 Jahre angehoben, die Kosten auf 390 australische Dollar (273 Euro) gesenkt und die Regelung, dass spätestens nach sechs Monaten der Arbeitgeber gewechselt werden muss, wird gelockert. Doch es gibt viele Fallstricke.

Das "kulturelle Austauschprogramm für junge Reisende", wie das australische Tourismusministerium das Programm nennt, ist für Australien ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Rund 160.000 junge Menschen aus aller Welt, darunter mehr als 24.000 Deutsche, beantragen jedes Jahr ein Working-Holiday-Visum - und erwirtschaften damit im Schnitt 3,2 Milliarden australische Dollar, heißt es in einem aktuellen Bericht der australischen National Farmers' Federation.

Aus diesen Ländern kommen die meisten Working-Holiday-Reisenden

Platz Land 2015/16 vergebene Visa
1 Großbritannien 34.097
2 Deutschland 24.210
3 Frankreich 18.530
4 Südkorea 17.721
5 Taiwan 14.803

Die Rucksackreisenden übernehmen bei Australiern unbeliebte, kraftzehrende Jobs wie Obst und Gemüse pflücken - und lassen einen großen Teil ihres mickrigen Lohns im Land. 15.088 australische Dollar (10.500 Euro) verdiene ein Working-Holiday-Reisender im Schnitt pro Jahr, heißt es in dem Bericht weiter. "Und etwa dieselbe Summe, nach Steuern, gibt jeder aus."

Derzeit müssen die Backpacker erst ab einem Einkommen von 18.200 australischen Dollar (12.410 Euro) Steuern zahlen. Ab Januar entfällt die Freigrenze. Von jedem erarbeiteten Dollar wird die australische Regierung dann 19 Cent einbehalten.

Die neue Regelung ist in Australien umstritten, monatelang wurde im Parlament darüber diskutiert. Wirtschaftsverbände fürchten um ihre Arbeitskräfte.

Sebastian aus Heidelberg sieht das gelassen. Seit fünf Monaten arbeitet der 30-Jährige mit seiner Freundin Victoria auf einer Zitrusfrüchtefarm in der Nähe von Adelaide. "Natürlich wäre es schön, von der Steuer etwas zurückzukriegen, aber solange man vom Gehalt leben kann, ist doch alles gut", sagt er. "Die Arbeit hier macht echt Laune."

Bezahlt werden die beiden nach gefüllten Körben. Für einen Korb Mandarinen gibt es 90 Dollar, für Orangen 30, für Grapefruit 22. An guten Tagen kommen sie damit auf einen Tagesverdienst von 240 Dollar pro Person (168 Euro) - und haben schon um 15 Uhr Feierabend.

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In diesem Van wohnen Sebastian und Victoria

Das Pärchen hat sich einen Van gekauft, als temporäres Zuhause. 15 Dollar verlangt der Farmer pro Woche für den Stellplatz, dafür dürfen sie Dusche und Toilette nutzen. Abends sitzen sie oft noch mit den anderen Arbeitern zusammen, ihr Chef lädt regelmäßig zum Grillen ein. "Wir haben mit dem Job hier riesiges Glück", sagt Victoria.

Wolf ist mittlerweile wieder in Deutschland und arbeitet als Ingenieur. "Ich bin viel zu naiv an die Sache herangegangen", sagt er im Rückblick.

Im australischen Outback ist der nächste Nachbar meist Dutzende Kilometer entfernt, Handys haben keinen Empfang. Wer kein eigenes Auto hat, ist darauf angewiesen, von seinem Arbeitgeber hin- und hergefahren zu werden. Und so war Wolf machtlos, als ihm der Landwirt nach dem Biss der Spinne den Arztbesuch verwehrte. "Er sagte, ich solle mich nicht so anstellen, ich hätte wahrscheinlich nur was Falsches gegessen."

Wolf fuhr schließlich selbst ins Krankenhaus - indem er mitten in der Nacht ein Auto seines Chefs kaperte. Als er drei Tage später vollgepumpt mit Antibiotika wieder ankam, war der einzige Kommentar des Farmers: "Piss off."

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Wolf mit Spinnenbiss im Krankenhaus

Wolf musste auf den nächsten Hügel kraxeln, bis der Handyempfang so stabil war, dass er in der Klinik anrufen konnte. Eine Krankenschwester, die ihn dort betreut hatte, holte ihn ab und brachte ihn zum Flughafen. Und dort fand er dann einen Job, der ihm wirklich Spaß machte: als Kellner in einem Irish Pub im Terminal.

Wie mies Working-Holiday-Arbeiter teilweise behandelt werden, hat der australische Fernsehsender ABC im Mai vergangenen Jahres mit versteckter Kamera dokumentiert. Das Fazit fällt hart aus: "Die jungen Leute werden behandelt wie Sklaven."

Eine daraufhin vom australischen Senat in Auftrag gegebene Untersuchung kommt zu einem ähnlichen Schluss: Working-Holiday-Reisende werden von einigen Arbeitgebern systematisch ausgebeutet.

Manche schuften bis zu 18 Stunden am Stück, kommen auf 80 oder gar 90-Stunden-Wochen, und verdienen weit unter dem Mindestlohn. Dieser variiert je nach Job, für Erntehelfer liegt er bei 22,13 Dollar. Tatsächlich werden einige Backpacker mit deutlich weniger abgespeist - und kriegen von ihrem Lohn auch noch Vermittlungsgebühren und horrende Mieten für schäbige Matratzenlager abgezogen. Der Bericht des Senats trägt die Überschrift: "Eine nationale Schande."

Auch Julika aus Rheinland-Pfalz spricht von Sklaverei, wenn sie von ihrem Job als Tomatenpflückerin erzählt. Angeheuert hatte sie als Fabrikarbeiterin. Sie solle Mais sortieren, bezahlt werde sie nach Arbeitsstunden, hieß es. Doch kaum hatte sie angefangen, blieb das Band stehen. Die Maisernte sei ausgefallen, stattdessen seien nun die Tomaten dran. "Ein mieser Trick, um Leute für den Job zu bekommen", sagt sie. Denn Tomatenpflücken ist Knochenarbeit - und wird nach Arbeitsleistung und nicht nach Arbeitszeit bezahlt.

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Da lachte sie noch: Julika (links) bei der Tomatenernte

Um fünf Uhr morgens wurde Julika aufs Feld gebracht. Die nächsten elf Stunden arbeitete sie gebückt in der prallen Sonne, ohne Sonnenschutz. "Danach konnte ich mich kaum noch bewegen, so weh tat mir der Rücken."

17 Cent gab es pro Kilo Tomaten, "also wirklich gar nichts", wie Julika sagt. "Man arbeitet, um seine Miete bezahlen zu können." Und die hatte sie schon für zwei Wochen im Voraus anzahlen müssen.

Nach fünf Tagen konnte sie nicht mehr. Aber der Chef wollte sie nicht gehen lassen: Sie habe eine Kündigungsfrist von zwei Wochen. Erst als sie ihm zwei andere Backpacker als Ersatz präsentierte, willigte er ein. Die Hälfte der im Voraus gezahlten Miete behielt er.

Wie Wolf hat aber auch Julika noch einen Job gefunden, der ihr Spaß macht. Sie arbeitet jetzt als Küchenhilfe in einem Altenheim.

So gelingt der Working-Holiday-Trip

Puffer einplanen
Victoria, Sebastian und Wolf haben den gleichen Fehler gemacht: Sie sind in den ersten Wochen zu verschwenderisch mit ihrem Geld umgegangen. Auch wenn sich die erste Zeit in Australien wie Urlaub anfühlt - lieber sparsam sein. Und genug Zeit für die Jobsuche einplanen.
Antizyklisch reisen
Im Dezember und Januar sind in Städten wie Sydney und Melbourne Hostelzimmer und Jobs rar. Wer sich schon ein paar Monate früher Bleibe und Job gesichert hat, ist klar im Vorteil. Den Massen aus dem Weg zu gehen, zahlt sich aus. Und so ungemütlich wie in Deutschland ist der Winter in Australien nicht.
Jobvermittler umgehen
Vermittler verlangen immer Provision - und die geht vom Lohn ab. Manche sprechen gezielt Backpacker an Bushaltestellen oder Flughäfen an, dahinter verbirgt sich Abzocke. Generell gilt: Skeptisch sein, wenn ein Angebot zu gut klingt. Im Zweifel nach dem Namen der Firma und der australischen Business Nummer ABN fragen. Selbst nach Jobs zu suchen und direkt mit den Arbeitgebern zu verhandeln, ist meist der bessere Weg. Gute Seiten für die Jobsuche sind die Erntejobbörse der australischen Regierung oder auch das australische Suchportal Gumtree .
Lohn vorab checken
Der gesetzliche Mindestlohn für Erntearbeit liegt derzeit bei 22,13 AUD pro Stunde. Vorsicht, wenn nicht nach Arbeitszeit, sondern nach Arbeitsleistung bezahlt wird.
Buch führen
Wer sich von seinem Arbeitgeber abgezockt fühlt, kann auch nach Vertragsende noch nachverhandeln - unter der Voraussetzung, dass man Buch geführt hat über die geleistete Arbeit. Hilfe gibt es vom australischen Fairwork Ombudsman .
insgesamt 39 Beiträge
anna cotty 20.11.2016
1.
Mein Sohn hatte vor einigen Jahren ein Jahr Arbeitsurlaub in Australien verbracht und hatte nur Gutes zu berichten. Natuerlich wurde ihm nichts geschenkt und er musste ordentlich arbeiten. Allerdings ist er Ire, hatte keine [...]
Mein Sohn hatte vor einigen Jahren ein Jahr Arbeitsurlaub in Australien verbracht und hatte nur Gutes zu berichten. Natuerlich wurde ihm nichts geschenkt und er musste ordentlich arbeiten. Allerdings ist er Ire, hatte keine Sprachprobleme und konnte richtig arbeiten. Vielleicht haben das viele junge Leute in Deutschland mittlerweile verlernt. Ich kenne da einen jungen Mann, der nachdem er seine Lehre gemacht hatte, sich erst einmal ein halbes Jahr frei nehmen musste, um sich zu erholen und anschliessend hoechstens 80 Stunden im Monat arbeiten moechte . Das solch jemand scheitert, wenn er mit Knochenarbeit konfrontiert wird und dazu noch weit weg von den Eltern ist, die ihm normalerweise wohl immer ausgehalten haben, ist logisch. Hier in Irland gehoert es fast zum Erwachsenwerden, dass Jugendliche fuer ein Jahr nach Australien ( oder in die USA) gehen, um dort zu arbeiten.
ttvtt 20.11.2016
2. Einzelzimmer muss es schon sein...
in 21 Tagen 1500 Euro als Backpacker auf den Kopf hauen, kann ich nicht nachvollziehen... das sind im Schnitt 70 Euro pro Tag... klingt eher wie Luxusurlaub... der gute Wolf scheint für Work and Travel total ungeeignet gewesen zu [...]
in 21 Tagen 1500 Euro als Backpacker auf den Kopf hauen, kann ich nicht nachvollziehen... das sind im Schnitt 70 Euro pro Tag... klingt eher wie Luxusurlaub... der gute Wolf scheint für Work and Travel total ungeeignet gewesen zu sein... Ändert natürlich nichts daran, dass die Jobs, die man im Inland bekommt, schon sehr fragwürdig bezahlt werden.
thorsten.munder 20.11.2016
3. auf dem Teppich bleiben
Ich war im Jahr 2005 auch ein ganzes Jahr in Neuseeland mit Working Visa und kann nur sagen das ich dasselbe verdient habe wie Arbeiter aus Neuseeland selbst ( und die gibt es auch als Erntehelfer ) oder auch eine Frau aus Canada [...]
Ich war im Jahr 2005 auch ein ganzes Jahr in Neuseeland mit Working Visa und kann nur sagen das ich dasselbe verdient habe wie Arbeiter aus Neuseeland selbst ( und die gibt es auch als Erntehelfer ) oder auch eine Frau aus Canada mit der ich mich übers Finanzielle unterhalten habe , im krassen Gegensatz zu Deutschland wo gerade in der Fleischindustrie Osteuropäer bis auf`s letzte ausgebeutet werden oder wie vor ein paar Jahren wo bekannt wurde das Bulgaren die im Gleisbau bei der Deutschen Bahn arbeiteten mit sage und schreibe 1 Euro und fünfzig abgefertigt wurden , überhaupt in der Baubranche ist Betrug an der Tagesordnung ( auch auf dem Berliner " neuen " Flughafen ) oder der elenden Sexindustrie wo Frauen aufs übelste ausgebeutet werden und niemanden interessiert`s !
hzj 20.11.2016
4. Für sich selbst verantwortlich sein ist schon schwer!
Das Problem vieler Jugendlicher oder junger Erwachsener: Sie haben nie gelernt, für sich selbst und für ihr Leben die Verantwortung zu übernehmen. Dafür ist ein Working Holiday aber ein ganz toller Einstieg. Die jungen Leute [...]
Das Problem vieler Jugendlicher oder junger Erwachsener: Sie haben nie gelernt, für sich selbst und für ihr Leben die Verantwortung zu übernehmen. Dafür ist ein Working Holiday aber ein ganz toller Einstieg. Die jungen Leute sind häufig in Backpacker Hostels und dort gibt es Informationen über Arbeitsgelegenheiten in der Umgebung und über die Arbeitsbedingungen. Außerdem gibt es doch das Internet, um sich zu informieren, bevor man hunderte Kilometer zu einem neuen Arbeitgeber anreist. Ja, viele werden ausgebeutet, aber sie lassen sich auch ausbeuten. Australische Arbeitgeber sind grundsätzlich nicht weniger kapitalistisch, als deutsche, britische oder amerikanische. Es gibt aber auch viele faire und nette Arbeitgeber. Es gibt übrigens auch noch WWOOF, die "worldwide opportunities on organic farms", hier ein Link: http://www.farmarbeit.de/wwoof-australien.html
Überfünfzig 20.11.2016
5. Jetzt ohne gehässig zu sein!
Aber ich glaube einigen Wohlstandskinder aus dem satten Deutschland, wo Minianstrengungen schon als Erfolg abgefeiert werden, tut es ganz gut das ihnen im harten australischen Outback buchstäblich der Schweiß von der Stirne [...]
Aber ich glaube einigen Wohlstandskinder aus dem satten Deutschland, wo Minianstrengungen schon als Erfolg abgefeiert werden, tut es ganz gut das ihnen im harten australischen Outback buchstäblich der Schweiß von der Stirne tropft und in einer harten Schule lernen, was es heißt, tatsächlich nur von dem zu leben, was man sich selbst erarbeitet. Vielleicht erinnern sich dann doch später einiger dieser Leute in einer möglichen Regierungsverantwortung daran, das Steuergelder nicht vom Himmel fallen und jeder der nur mit seiner Hände Arbeit seinen Lohn erwirtschaftet, den gleichen Respekt gezollt werden sollte, wie unter Seinesgleichen in der "Elitenclique"

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