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KarriereSPIEGEL

Arbeitnehmer

Gut zwei Drittel gehen krank zur Arbeit

Das ist krank: 68 Prozent der deutschen Beschäftigten sind im vergangenen Jahr trotz Infekt zur Arbeit gegangen. Der Grund dafür ist häufig Angst.

Corbis

Krank zur Arbeit

Von
Freitag, 08.04.2016   18:00 Uhr

Die Krankheit, die bei deutschen Arbeitnehmern am weitesten verbreitet ist, heißt Präsentismus. Sie ist immer dann akut, wenn ein Kollege zur Arbeit kommt, obwohl er so krank ist, dass er eigentlich das Bett hüten sollte.

Wie verbreitet das Phänomen ist, hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) untersucht. Demnach schleppten sich im vergangenen Jahr mehr als zwei Drittel der Arbeitnehmer an wenigstens einem Tag krank zur Arbeit.

Bei einem Tag ist es dann aber oft nicht geblieben: Im Durchschnitt haben diese Kollegen während eines Jahres 12,1 Tage krank gearbeitet. Fast die Hälfte (47 Prozent) quälte sich eine Woche oder länger. Und 14 Prozent brachten sogar über einen Zeitraum von mindestens drei Wochen ihre Bazillen mit zur Arbeit.

Für die Untersuchung hat der DGB eine repräsentative Befragung aus dem Jahr 2015 ausgewertet, an der über 4600 Arbeitnehmer teilgenommen haben. Eine Umfrage für die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin kam vor drei Jahren zu einem ähnlichen Ergebnis und berichtete von 57 Prozent Krankarbeitern.

Präsentismus ist gleich auf mehreren Ebenen problematisch: Wer krank arbeitet, braucht länger, um gesund zu werden. Oft verschlechtert sich sein Zustand, und er fällt später doch aus. Es ist aus anderen Studien bekannt, dass bei erkrankten Mitarbeitern das Unfall- und Fehlerrisiko steigt, ihre Produktivität nimmt ab. Und oft stecken sie noch ihre Kollegen an.

"Generation Y" arbeitet seltener krank

Warum also tun sich das so viele an? Der DGB sieht einen Zusammenhang mit dem Arbeitsklima. Unter Präsentismus leiden vor allem die Befragten, die von einer schlechten Betriebskultur in ihrer Firma berichten. Das gilt vor allem für diejenigen, die für längere Zeiträume krank arbeiten. Ähnlich wirkt sich Arbeitsverdichtung aus.

Offenbar fürchten viele, dass sich in ihrer Abwesenheit so viel Arbeit anhäuft, dass sie sich mit ein, zwei Krankheitstagen eher schaden. Zu einer guten Betriebskultur gehören unter anderem Arbeitsabläufe, die einen Krankheitsausfall verkraften, aber auch ein wertschätzendes Klima, in dem der Einzelne im Krankheitsfall keine persönlichen Nachteile fürchten muss.

Eine Gruppe unter den Krankarbeitern ist auffällig groß, nämlich Menschen, die sich Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen. Zusammenfassend kann man also sagen: Häufig ist es eine Form von Angst, die Menschen in den Präsentismus treibt.

Aber kann es nicht auch sein, dass jemand dermaßen begeistert im Job ist, dass ihm seine Rotznase egal ist? Solche Fälle gibt es vereinzelt sicher, für das Gros der Arbeitnehmer lässt sich ein derartiger Zusammenhang mit der Untersuchung aber nicht belegen. Befragte, die sich selbst als besonders motiviert einstuften, haben keine stärkere Tendenz zum Präsentismus als die anderen.

Eine kleine Rolle spielt auch das Alter. Arbeitnehmer über 55 arbeiten etwas seltener als der Durchschnitt trotz Krankheit. Tun sie es doch, dann oft für längere Zeiträume. Am anderen Ende des Altersspektrums stehen die Beschäftigten unter 25 Jahren, die wesentlich seltener krank arbeiten. Vielleicht ist das tatsächlich ein Merkmal der "Generation Y".

Krank zur Arbeit - nach Berufsgruppen

Berufsgruppe Mind. eine Woche krank zur Arbeit
Medizinische Gesundheitsberufe 60%
Gebäudetechnik, Ver-/Entsorgung, Sanitär 55%
Lager, Verkehr, Logistik (außer Fahrzeugführ.) 54%
Lehrende und ausbildende Berufe 53%
Nichtmed. Gesundheit,Körperpfl, Medizint. 53%
Berufe in Recht und Verwaltung 52%
Schutz, Sicherheit, Überwachung, Militär 51%
Landwirtschah/Forst/Garten 51%
Metallberufe 51%
Erziehung, soz, hauswirt. Berufe, Theologie 50%
Verkaufsberufe 49%
Finanzdienstl. Rechnungsw., Steuerberatung 49%
Reinigungsberufe 48%
Mathe/Biologie/Physik/Geologie etc. 47%
Einkaufs-, Vertriebs- und Handelsberufe 47%
Gesamt 47%
Lebensmittel 46%
Bauplanung/Architekt/Hoch-/Tief-/Ausbau 44%
andere Dienstleistungsberufe 44%
Konstruktion/Steuerung 43%
Berufe Verwaltung, Untemehmensführung 43%
Elektro/Mechatronik 42%
Maschinenbau 41%
Rohstoffgewinnung/-verarbeitung 41%
Tourismus-, Hotel- und Gaststättenberufe 39%
Führer von Fahrzeug- u. Transportgeräten 35%
Informatik/IT Berufe 24%

Anteil der Befragten, die in den letzten 12 Monaten trotz Krankheit eine oder mehr Wochen zur Arbeit gegangen sind. (Quelle: DGB, 2015)

insgesamt 71 Beiträge
galbraith-leser 08.04.2016
1. Das sind die gravierenden Folgen des Facharbeitermangels
Laut Wirtschaftstheorie steigen für knappe Güter die Preise und die Fachkräfte können es sich leisten, auch mal krank zu Hause zu bleiben, ohne gleich um ihren Arbeitsplatz fürchten zu müssen. Dumm nur, dass alle Indizien [...]
Laut Wirtschaftstheorie steigen für knappe Güter die Preise und die Fachkräfte können es sich leisten, auch mal krank zu Hause zu bleiben, ohne gleich um ihren Arbeitsplatz fürchten zu müssen. Dumm nur, dass alle Indizien (stagnierende Gehälter, sinkende Einstiegsgehälter und krank zur Arbeit gehen) sowie die Zahl von fast drei Millionen Arbeitslosen eher dafür sprechen, dass wir ein Überangebot an Arbeitskräften haben. Und nun sind gerade noch eine Million Leute hinzugekommen, die uns Faulpelzen nach geglückter Integration (die wir mit unseren Steuern bezahlen) ordentlich Beine machen sollen. Von den zig Millionen arbeitslosen Europäern, von denen ja auch einige in Deutschland Arbeit suchen, ganz zu schweigen.
Frida_Gold 08.04.2016
2.
Die Leute sind halt entweder blöd oder haben Angst. Selbst Leute, die für ihren Job brennen, bleiben krank daheim, wenn sie schlau sind - wer krank ist, arbeitet schlechter und macht mehr Fehler. Angst ist glaube ich der [...]
Die Leute sind halt entweder blöd oder haben Angst. Selbst Leute, die für ihren Job brennen, bleiben krank daheim, wenn sie schlau sind - wer krank ist, arbeitet schlechter und macht mehr Fehler. Angst ist glaube ich der wichtigste Faktor. Angst vor dem Arbeitgeber, Angst vor Arbeitslosigkeit.
Peta26 08.04.2016
3. hört doch auf damit
wer krank ist bleibt zuhause. jeder ist jederzeit ersetzbar. keine arbeitseinheit ist einzigartig. funktion oder nicht funktion...das ist alles was zählt. also alle nicht funktionierenden einheiten zuhause bleiben und gesund [...]
wer krank ist bleibt zuhause. jeder ist jederzeit ersetzbar. keine arbeitseinheit ist einzigartig. funktion oder nicht funktion...das ist alles was zählt. also alle nicht funktionierenden einheiten zuhause bleiben und gesund werden. dann arbeiten,arbeiten,arbeiten...
soerenhuba 08.04.2016
4. Warum nur?
"Eine Gruppe unter den Krankarbeitern ist auffällig groß, nämlich Menschen, die sich Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen" Und diese Gruppe wird immer groesser, hire and fire, so laeuft das. Ich lebe seit 20 Jahren [...]
"Eine Gruppe unter den Krankarbeitern ist auffällig groß, nämlich Menschen, die sich Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen" Und diese Gruppe wird immer groesser, hire and fire, so laeuft das. Ich lebe seit 20 Jahren in den USA, da rennen schon laengst alle noch zur Arbeit, egal wie krank sie sind. Ist ja logisch, wenn Produktion ins Ausland verlagert wird, wenn es zu teuer wird oder wenn der Kuendigungsschutz mit Zeitvertraegen ausgehebelt wird. Nein, motivierter sind die Mitarbeiter durch ihre Arbeitsbedingungen nicht, sie haben Angst.
ichsagwas 08.04.2016
5. Das ist die Realität
Tja, also gerade für kleine Betriebe ist der Ausfall eines Mitarbeiters oft ein größeres Problem. Nicht nur, dass die Arbeit liegen bleibt, sondern dass dafür auch noch der Lohn anfällt... das ist schon ein Problem, bzw. der [...]
Tja, also gerade für kleine Betriebe ist der Ausfall eines Mitarbeiters oft ein größeres Problem. Nicht nur, dass die Arbeit liegen bleibt, sondern dass dafür auch noch der Lohn anfällt... das ist schon ein Problem, bzw. der Arbeitgeber ist durchaus der Gelackmeierte. Daher weichen viele Dienstleistungsbetriebe, wo sie nur können, auf 450-Euro-Jobs aus. Theoretisch gilt da zwar auch die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. In der Realität wird das aber nicht praktiziert, und ich kenne auch keinen Arbeitnehmer, der das einfordert (sonst kriegt eben nächsten Monat jemand anderes den Minijob). Dazu muss ich aber auch sagen: viele Mitarbeiter haben echt ein schlechtes Gewissen, wenn sie für Krankheitstage=Nichtarbeit Geld bekommen, z.T. wird das sogar freiwillig nachgearbeitet. Das sieht die Gewerkschaft vielleicht anders, aber das ganz normale, gesunde Empfinden von Gerechtigkeit muss einem doch sagen, dass da was nicht stimmt. Mein Vorschlag: eine Versicherung, die paritätisch von Arbeitgeber und Arbeitnehmer geteilt wird und das durchschnittliche krankheitsbedingte Fehlen im Lohn ausgleicht. Bei höheren Fehlzeiten müssten dann natürlich höhere Versicherungsbeiträge fällig werden, die ausschließlich der Arbeitnehmer übernehmen sollte. Nur so kann verhindert werden, dass chronisch kranke Menschen, die immer wieder fehlen, schließlich entlassen werden. Kaum ein Arbeitgeber (bis auf die ganz großen vielleicht) kann es sich leisten, so jemanden auf Dauer durchzufüttern. Es finden sich immer Mittel und Wege, jemanden zu entlassen... Arbeitsrecht hin oder her.

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