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Kultur

Die wilden Sechziger

"Kinder von Marx und Coca-Cola"

Der Politologe Wolfgang Kraushaar hat eine monumentale Chronik der Sechzigerjahre geschrieben: das Kaleidoskop eines bewegten Jahrzehnts, das tiefe Spuren hinterließ.

G. Zint/ HIS Archiv
Von
Freitag, 21.12.2018   20:26 Uhr

Hannah Arendt schrieb im Juni 1968 aus Chicago an ihren Lehrer Karl Jaspers: "Mir scheint, die Kinder des nächsten Jahrhunderts werden das Jahr 1968 mal so lernen wie das Jahr 1848."

Die Philosophin verglich die globale Jugendrevolte mit dem gescheiterten Aufstand der Demokraten Mitte des 19. Jahrhunderts. Auch wenn das schillernde Jahr 1968 an deutschen Schulen noch kein zentraler Bestandteil des Curriculums ist, zur Verfügung steht jetzt eine umfassende Materialsammlung über die Jugendrevolte, die das Ende der Nachkriegszeit markierte und die Gesellschaften der westlichen Länder liberalisierte.

Die Rede ist von vier großformatigen Bänden mit dem Titel "Die 68er-Bewegung - international. Eine illustrierte Chronik"; insgesamt 2049 Druckseiten, mehr als tausend Fotos. Zwölf Kilogramm schwer. In rotem Leinen gebunden.

Herausgegeben und größtenteils auch selbst geschrieben hat die Chronik der Hamburger Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar, 69. Er geriet im Herbst 1968 in Frankfurt am Main als frischgebackener Student in den Dunstkreis des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und fand mit dem Aufstand der Sechzigerjahre sein Lebensthema. Vor den jetzt erschienen vier Bänden hat Kraushaar schon sechs Bücher über die 68er-Bewegung geschrieben und fünf über die Rote Armee Fraktion (RAF). Bei diesen Themen kennt er sich aus wie kein zweiter Wissenschaftler oder Journalist.

Kraushaars Chronik der Revolte beginnt mit dem 1. Januar 1960 und den antisemitischen Schmierereien, die sich damals in der Bundesrepublik häuften. Der zweite Eintrag führt in ein anderes Land, nach Großbritannien, wo 17 Tage später 30.000 Menschen gegen das Wiederstarken von Antisemitismus in Deutschland demonstrieren. Am selben Tag protestieren in Tokio Zehntausende gegen die Unterzeichnung eines Sicherheitsvertrags zwischen Japan und den USA. Die Chronik zeigt auf jeder Seite, dass die 68er-Bewegung ein internationales Phänomen war.

Im ersten Band hat Kraushaar die Jahre 1960 bis 1966 zusammengefasst, die Vorgeschichte der Revolte. Den Jahren 1967, 1968 und 1969 sind jeweils eigene Bände gewidmet. Wohl am plakativsten hat die Widersprüchlichkeit dieser Dekade der französische Filmregisseur Jean-Luc Godard formuliert. Er nannte die jugendlichen Rebellen "die Kinder von Marx und Coca-Cola."

Der Vietnamkrieg als moralische Initialzündung für Millionen junger Menschen

Die Chronik zeigt die unverhältnismäßige Gewalt, mit der der Aufstand der Studenten in manchen Ländern niedergeschlagen wurde. In Mexiko-Stadt erschossen Polizisten und Soldaten am 2. Oktober 1968 an die 300 demonstrierende Studenten. Und die vier Bände dokumentieren die Brutalität des Krieges der USA in Vietnam, der zur moralischen Initialzündung für Millionen junger Menschen rund um den Globus wurde.

Der Kalte Krieg teilte damals die Welt in West und Ost, kapitalistisch und kommunistisch; die Fronstadt zwischen den beiden Blöcken war Berlin, bis 1945 die Hauptstadt von Nazi-Deutschland. Kein Wunder, dass hier die Wellen besonders hoch schlugen.

Fotostrecke

Wolfgang Kraushaar: Die wilden Sechziger

Aber auch in sozialistischen Ländern verschärften sich 1968 die Widersprüche. In Polen demonstrierten Studenten gegen Zensur; Tausende wurden von der Polizei festgenommen. Die Kommunistische Partei startete eine antisemitische Säuberungswelle. In Belgrad besetzten Studierende die Universität und setzten eine Verbesserung ihrer Lage durch. In Prag waren es nicht in erster Linie Studenten, sondern tschechische Kader der Kommunisten, die Reformen starteten und die Pressezensur abschafften - bis am 21. August 1968 sowjetische Panzer kamen und den Traum vom "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" niederwalzten. Dagegen protestierten junge Ostdeutsche und landeten prompt im Gefängnis.

Einen großen und wichtigen Teil der Revolte-Chronik nehmen Fotos ein. Der Bildredakteur Sascha Hartgers hat Fotos aus der ganzen Welt zusammengetragen. Die von Jan Philipp Reemtsma gegründete Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur übernahm die für mehr als tausend Fotos enormen Bildhonorare.

Notwendiger Anstoß zur Liberalisierung der Nachkriegsgesellschaft

Eines ist sicher: Detaillierter und anschaulicher werden wir den internationalen Aufbruch in den Sechzigerjahren nicht mehr präsentiert bekommen. Eine "positive Gesamtdeutung" der globalen Rebellion attestiert sich Kraushaar selbst. Bei allen Irrungen und Wirrungen seiner Generation, trotz des Abrutschens Einzelner in den Terrorismus, sieht der Politologe die 68er-Bewegung als notwendigen Anstoß zur Liberalisierung und Demokratisierung der Nachkriegsgesellschaft.

Die Form und das Organisationsprinzip der Chronik führt dazu, dass eine ausgeschriebene Analyse fehlt. Dafür öffnet sich ein Kaleidoskop, das die Vielfalt, die Globalität und die teilweise Absurdität dieser Jahre eindrucksvoll offenbart. In ihm fehlte auch die Kulturrevolution der Sechzigerjahre nicht, die Popmusik, die Drogen, die sexuelle Revolution, der Feminismus.

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Wolfgang Kraushaar:
Die 68er-Bewegung International

Eine illustrierte Chronik 1960-1969

Klett-Cotta; 2000 Seiten; 199 Euro

Der vierte und letzte Band 1969 endet mit einem deutschen Epilog, der sich zehn Jahre später ereignet. Am 24. Dezember 1979 ertrinkt im dänischen Exil in Aarhus der 39 Jahre alte Rudi Dutschke, der Kopf der westdeutschen Studentenrevolte, aufgrund eines epileptischen Anfalls in der Badewanne - eine Spätfolge des Attentats von Ostern 1968 auf ihn.

Kurz bevor Dutschke am 3. Januar 1980 in Berlin-Dahlem beigesetzt wurde, findet in Hamburg eine Spaziergängerin einen toten Mann namens Sven Simon. Es ist der Sohn des Verlegers Axel Springer, dessen Zeitungen so böse gegen Dutschke gehetzt hatten.

Dutschkes Witwe Gretchen, studierte Theologin, schrieb später: "Sven Simon hatte sich umgebracht, um für seinen Vater zu sühnen."

insgesamt 9 Beiträge
spontanistin 21.12.2018
1. „... der Aufstand der Studenten ...“?
Fake news? Die Mehrzahl der Studenten dürfte weiter brav die Vorlesungen besucht haben und zur Finanzierung des Studiums gearbeitet haben. Es war nur eine kleine Gruppe von Salonkommunisten sowie von KGB und Stasi gesponserten [...]
Fake news? Die Mehrzahl der Studenten dürfte weiter brav die Vorlesungen besucht haben und zur Finanzierung des Studiums gearbeitet haben. Es war nur eine kleine Gruppe von Salonkommunisten sowie von KGB und Stasi gesponserten Möchtegern-Revolutionären, die die mediale Aufregung durch Extremaktionen zu provozieren verstand - funktioniert auch heute noch. Parallel fand eine stille Evolution von Emanzipation statt - ohne verqueren ideologischen Überbau. Wahrscheinlich haben die „Revoluzzer“ der Sache der Emanzipation und Demokratieentwicklung eher geschadet. Was ist aus Willy Brandts „Mehr Demokratie wagen!“ denn geworden?
Neustädter_02 22.12.2018
2. Da muss ich doch fragen...
Waren Sie damals schon am Leben? Haben Sie die Ereignisse vom Westen aus beobachtet? Haben Sie sich mit jungen Leuten unterhalten? Haben Sie die Umbrüche in der Jugendkultur von nahem beobachten können? Wenn dem so wäre, [...]
Zitat von spontanistinFake news? Die Mehrzahl der Studenten dürfte weiter brav die Vorlesungen besucht haben und zur Finanzierung des Studiums gearbeitet haben. Es war nur eine kleine Gruppe von Salonkommunisten sowie von KGB und Stasi gesponserten Möchtegern-Revolutionären, die die mediale Aufregung durch Extremaktionen zu provozieren verstand - funktioniert auch heute noch. Parallel fand eine stille Evolution von Emanzipation statt - ohne verqueren ideologischen Überbau. Wahrscheinlich haben die „Revoluzzer“ der Sache der Emanzipation und Demokratieentwicklung eher geschadet. Was ist aus Willy Brandts „Mehr Demokratie wagen!“ denn geworden?
Waren Sie damals schon am Leben? Haben Sie die Ereignisse vom Westen aus beobachtet? Haben Sie sich mit jungen Leuten unterhalten? Haben Sie die Umbrüche in der Jugendkultur von nahem beobachten können? Wenn dem so wäre, fürchte ich, wären Sie kaum zu solch einer verzerrten Wahrnehmung gekommen. Was würden Sie sagen, wenn ich Sie als "Salonhistoriker, gesponsert von der AfD" bezeichnen würde? Wäre das genau so verzerrend wie Ihre Behauptungen? Vielleicht sollten Sie sich erst einmal ein wenig sachkundig machen, Bücher gibt es genug...
nandinda 22.12.2018
3. @spontanistin
Die Kommentatorin hat Recht: "Die Mehrheit der Studenten... (hat) brav die Vorlesungen besucht...". Wir, die studentischen APO-Aktivisten waren "eine radikale Minderheit". Wenngleich sich heute viele sich [...]
Die Kommentatorin hat Recht: "Die Mehrheit der Studenten... (hat) brav die Vorlesungen besucht...". Wir, die studentischen APO-Aktivisten waren "eine radikale Minderheit". Wenngleich sich heute viele sich brustklopfend mit Stolz daran zu erinnern vorgeben, dazu gehört zu haben. Die Kommentatorin aber lügt, wenn sie behauptet: Die seinerzeit aufständischen Studenten seien, "nur eine kleine Gruppe von Salonkommunisten sowie von KGB und Stasi gesponserten Möchtegern-Revolutionären" gewesen. Es war das Entsetzen über den Mord an Benno Ohnesorg gewesen, die Empörung über den US-Krieg gegen Vietnam, die Allgegenwärtigkeit von Alt-Nazis in Politik, Justiz und Hochschulen, die diplomatischen Beziehungen westlicher "Demokratien" zu didaktischen Regimen in aller Welt, was die westdeutschen Studenten auf die Straße trieb. Kein KGB, keine Stasi! Die realsozialistischen Staaten hatten jegliche Unterstützung der westlichen Studentenrevolte vermieden. Fürchteten sie doch, der Funke unserer antiautoritären Bewegung könnte auf ihre gleichgeschaltete Jugend überspringen. Also bitte, bei aller ( z. T. berechtigten) Kritik an der Studentenbewegung sachlich bleiben.
troubadorab 22.12.2018
4. Dank an die kluge Hannah Arendt
Die auch nach 50 Jahren oft neidgesteuerte Diskussion etlicher Nachgeborener zeigt, dass sie doch wohl richtig einschätzte. Kraushaar war im „Dunstkreis des SDS“, ich war Mitglied.
Die auch nach 50 Jahren oft neidgesteuerte Diskussion etlicher Nachgeborener zeigt, dass sie doch wohl richtig einschätzte. Kraushaar war im „Dunstkreis des SDS“, ich war Mitglied.
k70-ingo 22.12.2018
5.
Meine Eltern waren damals Studenten in Göttingen. Sie bezeugen, daß es nur eine zwar lautstarke, aber sehr kleine Minderheit war, die revoltieren und demonstrieren wollte. Die übergroße Mehrheit wollte ihre Scheine machen [...]
Zitat von Neustädter_02Waren Sie damals schon am Leben? Haben Sie die Ereignisse vom Westen aus beobachtet? Haben Sie sich mit jungen Leuten unterhalten? Haben Sie die Umbrüche in der Jugendkultur von nahem beobachten können? Wenn dem so wäre, fürchte ich, wären Sie kaum zu solch einer verzerrten Wahrnehmung gekommen. Was würden Sie sagen, wenn ich Sie als "Salonhistoriker, gesponsert von der AfD" bezeichnen würde? Wäre das genau so verzerrend wie Ihre Behauptungen? Vielleicht sollten Sie sich erst einmal ein wenig sachkundig machen, Bücher gibt es genug...
Meine Eltern waren damals Studenten in Göttingen. Sie bezeugen, daß es nur eine zwar lautstarke, aber sehr kleine Minderheit war, die revoltieren und demonstrieren wollte. Die übergroße Mehrheit wollte ihre Scheine machen und ärgerte sich über das Theater der Möchtegernrevoluzzer. In Göttingen erhielt die Weltrevolution im wahrsten Sinne des Wortes einen schmerzhaften Dämpfer - durch die Hand meines Herrn Papa und seiner Kommolitonen. Als der SDS -Wortführer war ein gewisser späterer Landesvater namens Gerhard Schröder- den Unibetrieb bestreiken wollte, hat die weiterstudieren wollende Clique um meinen Vater mit manueller Tatkraft dafür gesorgt, daß die Weltrevolution in Göttingen ausfallen mußte.

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