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Kultur

Pop und Protest der 68er

Die Rebellion, und Twiggys Minikleid

Die Ideen der 68er waren politische Visionen, aber sie wirkten auch auf Plattenhüllen, im Experimentalfilm, als Plastikstuhl oder Minikleidchen. Wie sehr diese Zeit alles auf den Kopf stellte, zeigt eine neue Ausstellung.

Tessa Traeger
Von
Donnerstag, 18.10.2018   19:31 Uhr

Die bayerischen Vorstädter sind von ihrem Leben gelangweilt. Einer hat es satt, von seiner Frau herumgeschickt zu werden, der nächste bezahlt für Sex, alle sind von ihren Jobs zermürbt und erträumen sich ein anderes Dasein. Eines Tages tritt ein Gastarbeiter in ihr Leben, und der allgemeine Frust entlädt sich auf ihn. Eine Frau wirft ihm Vergewaltigung vor, die Männer gründen eine Bande und planen Mord und Kastration.

Die Geschichte könnte von heute sein. Sie ist aber der Plot von Rainer Werner Fassbinders Bühnenstück "Katzelmacher" aus dem Jahr 1968, dessen Verfilmung Fassbinder berühmt machte. Diese Zeit war natürlich anders als heute. Doch ist so vieles von ihr heute noch präsent, dass 68 nicht nur einfach eine Jahreszahl ist.

68, das bedeutet Straßenschlachten und Kommunen, Feminismus und Bürgerrechtsbewegungen, Hippies und Drogen. Die Sechzigerjahre waren geprägt von Straßenparolen und Action-Theater, von Woodstock und Space-Age-Design. Und sie entwickelten ihre eigenen Formen von Kommunikation, Kunst und Gestaltung.

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Fotostrecke: Poppiger Protest

Fassbinders prophetischer Film "Katzelmacher" ist nun in einer Hamburger Ausstellung zu sehen, die zeigt, wie sich die Ideen der Zeit in Popkultur, Kommunikation und Design niederschlugen. "68. Pop und Protest" stellt dabei den Pop vor den Protest. Es geht nicht um das Nacherzählen politischer Entwicklungen, sondern darum, wie sich der Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit, Selbstbestimmung und sexuelle Freiheit in Massenkultur und Design zeigte.

Fest steht: Die antiautoritäre Studentenrevolte hat sich über die Jahrzehnte zu einem mächtigen historischen Ereignis stilisiert. Früher musste sie für den Verfall von Moral, Sitte und konservativen Strukturen herhalten, später wurde sie als naiver Irrtum belächelt. 68 wird heute der Ursprung der Neuen Rechten genauso zugeschrieben wie die zweite Welle des Feminismus, oder die Bewegung wird als Ideengeber der Agenda 2010 betrachtet. Viele, die dabei waren, sind überzeugt: Wäre 68 nicht gewesen, hätte sich die Welt anders entwickelt.

Hoffnung und Utopie

In der Ausstellung wird klar, wie massiv sich Mode, visuelle Medien, Kunst und Theater änderten, warum Sit-ins und ziviler Ungehorsam plötzlich eine so große Aufmerksamkeit bekamen. Darstellende Künste erreichten politische Schlagkraft, Rockmusik wurde zum Lebensgefühl, Menschen pilgerten zu Festivals, und in der Mode schien die Höhe des Rocksaums zum Austragungsort gesellschaftlicher Debatten zu werden.

Papiertüten-Aktionen der Kommune 1 sind hier neben Plakaten von Andy Warhol und Jasper Johns zu sehen, außerdem Filmschnipsel von Rainer Werner Fassbinder und Ausschnitte aus "Barbarella" mit Jane Fonda, blubbernde Lavalampen und hängende Egg Chairs, der erste Unisex-Badeanzug und Space-Age- Fashion für Mondmädchen von Paco Rabanne und André Courrèges, sowie ikonische Schallplatten, deren Cover-Art genauso Furore machte wie die Musik.

Das alles mögen die meisten Besucher schon oft gesehen haben. Hinter der lauten Grellheit der Exponate, die mal um Öffentlichkeit ringen, mal den Individualismus und Rückzug auf's Private predigen, bleibt aber etwas Wertvolles: Ein Erinnern an eine Zeit mit Hoffnung und Offenheit, und der Bereitschaft, Dinge infrage zu stellen.

Es ist gut, sich diese prinzipielle Diskussionsfreudigkeit zu vergegenwärtigen. Denn Straßenproteste, von links wie von rechts, die sich um freiheitliche und demokratische Lebensweise drehen, sind auch heute da: sie organisieren sich unter Hashtags wie #ausgehetzt und #unteilbar, oder eskalieren als G20-Demo in Hamburg, wir haben rechte Parolen bei Pegida, Solidarisierungsbekundungen mit Flüchtlingen, #MeToo. Wie die Studenten der späten Sechzigerjahre haben Menschen das Gefühl, fremdbestimmt zu sein, und wollen mit ihrer Meinung gehört werden.

Die heitere Zeit von Twiggy, Freikörperkultur bei Woodstock, Mondlandungen oder orangefarbenem Plastik ist vorbei. Doch Pressefreiheit, demokratische Teilhabe und Gleichberechtigung bleiben bis heute Themen unserer Zeit.


Ausstellung: "68. Pop und Protest", Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, bis 17. März 2019

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