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Kultur

"Cyrano" am Thalia Theater

Kein Grund, die Nase zu rümpfen

Leander Haußmann zelebriert das Mantel-und-Degen-Drama "Cyrano de Bergerac" am Hamburger Thalia Theater als textlastige Bilderrevue. Das geht nur gut, weil Bühnenstar Jens Harzer die Wortklinge führt.

Krafft Angerer
Von
Sonntag, 19.03.2017   14:00 Uhr

"Ich will gefallen!", bekennt Cyrano de Bergerac gleich zu Beginn des Dramas. Der begnadete Fechter, Dichter, Bewegungsakrobat und Egoprotz kennt als kluger Mensch seine Stärken, aber auch seine Schwächen. Dass er bei aller scharfer Analysefähigkeit eben doch seine Mitmenschen gern beeindruckt, hat er wohl mit dem Regisseur Leander Haußmann gemeinsam, dessen textambitionierte Inszenierung des "Cyrano de Bergerac" von Edmond Rostand (1868-1918) am Hamburger Thalia Theater in die Vollen des Versdramas greift.

Haußmann schickt eine ebenso routinierte wie entdeckungsfreudige Schauspielertruppe ins pralle Mantel-und-Degenleben des Helden, der ja tatsächlich von 1619 bis 1655 gelebt hat. Aber in diesem wirbelnden System von Darstellern kann es nur einen Star geben, und der heißt Jens Harzer, der Haußmanns Cyrano gibt. Was der 45-Jährige ("Don Karlos") in diesem über dreistündigen Kraftakt leistet, ist selbst für Thalia-Verhältnisse enorm.

Das wilde Leben und traurige Sterben des mit einer riesigen Nase stigmatisierten Cyrano denkt Haußmann für seine Bühnenversion durchaus traditionell, und das ist gut so. Wenn ein Stück so hauteng auf seine Titelfigur genäht über die Rampe dampft, gibt es nichts zu aktualisieren. Das böte schon im Ansatz gute Gründe, die Nase zu rümpfen, und man verhedderte sich wie Cyranos Feinde von Anfang an in wohlfeile Wortspiele und fade Witze über das monströse Riechorgan, die einzige Schwäche des Helden.

Ein Mann, ein Kraftakt

Also ließ Haußmann die Bühne über weite Strecken meist schicksalsschwer eindüstern (gute Lichtführung: Paulus Vogt) und Cyrano/Harzer von Maskenbildnerin Julia Wilms einen Nasenkolben verpassen, der wie ein gefährlicher Geierschnabel in seinem Gesicht thront und nun wirklich keinen Zweifel an der Hässlichkeit lässt. So einer mag gefallen wollen, aber gefürchtet werden. Das befriedigt auch.

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"Cyrano"-Premiere in Hamburg: Ein Mann, ein Kraftakt

Jens Harzer schießt seine Texte beinahe noch beeindruckender ab als die charmant choreografierten Fechtduelle (hübsch inszeniert von Klaus Figge). Die Personenregie versucht, rund um die Wortkaskaden Cyranos der Handlung mit einer poetischen Bewegungssprache einen doppelten Boden zu verpassen, was über weite Strecken wunderbar funktioniert. Cyranos Klingen-Rencontres lässt Haußmann als Ideen-Gebäude oft eher andeuten als ausführen und gestaltet sie als melancholische Genrebilder. Das konzentriert die Atmosphäre, und der Stahl klingt wie von fern herbei. So umgeht die Regie auch die Darstellung des legendären Kampfes von Cyrano gegen die hundert Gegner, die ohnehin eher metaphorisches Gewicht besitzt.

Härteste Kämpfe im Kopf

Cyranos härteste Kämpfe finden im Kopf statt: Seine engelsgleiche Cousine Roxane (Marina Galic, kühl und emotional zugleich), in die er sich verliebt, hat nur Augen für den schönen, aber intellektuell und emotional eher karg bestückten Soldaten Christian de Neuvillette (komisch und traurig: Sebastian Zimmler). Selbstlos und seiner Hässlichkeit bewusst, stellt sich Cyrano in den Dienst der romantischen Sache, schreibt Top-Verse und sehnsuchtsvolle Briefe für den schlichten, aber sympathischen Rivalen und erobert so für ihn das Herz von Roxane. Die natürlich mehr und mehr den Geist und Charme der Worte als den attraktiven Body des netten, aber faden Jünglings liebt.

Lediglich in der Schlacht kann Cyrano den unglücklichen Christian nicht beschützen: Er stirbt, und mit ihm verblüht ein großer symbolträchtig videografierter Baum über der Bühne. Einer von vielen filmischen Akzenten, die aber zumeist dezent eingebracht werden. Die Verse kommen stets zuerst, die Sprache erzählt die Handlung, nichts wird über Gebühr visuell aufgebrezelt. Höchstens regnen mal Blätter herab oder die Drehbühne arbeitet mit: alles alte Schule ohne Verstörung.

Für comic relief sorgen die unvermittelten Wechsel auf der sprachlichen Ebene - zwischen dem dramatischen Versduktus und dem plötzlichen Abgleiten in zeitgenössische Alltagsfloskeln: Travestie-Effekte, die natürlich die intendierten Lacher bringen, aber auf Dauer - und hier ist viel Dauer! - ermüden und verwässern. Es wird manchmal mehr geredet als notwendig.

In der beinahe obsessiven Sprachlastigkeit liegt die Schwäche der Inszenierung, denn sie bürdet Hauptdarsteller Harzer zu viel Last der Verbalisierung allen Heldenleidens in all seinen Facetten auf. Natürlich kann Jens Harzer das perfekt, allein wie er die Textmassen seiner Seelenpartitur bewältigt, überwältigt den Zuschauer. Ein wenig überfordert er damit aber auch, denn bei allem Respekt vor der Vorlage hätte man doch die eine oder andere Redundanz dem Rotstift opfern sollen. Vor allem der schier endlose Sterbemonolog Cyranos nach einem Attentat, als Roxane endlich erkennt, dass sie ihr Leben lang den Falschen verehrte, hätte eine Straffung verdient gehabt: So hätte dieses Harzer-Solo noch an Intensität gewonnen und die Erkenntnis gestärkt, dass Rostands Stück alles andere als eine Komödie ist.

Es gab den erwartbar freundlichen bis enthusiastischen Premieren-Applaus im Thalia, mit leichter Tendenz zum Endenwollen. Jens Harzer triumphierte, Spielleiter Leander Haußmann wurde etwas reservierter aufgenommen, ein winziges Regie-Buh fiel kaum auf. Am Ende eines Marathons sind eben die meisten glücklich.

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