Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Schwarzer Block bei G20

Jede Gesellschaft hat die Rebellen, die sie verdient

Die Autonomen setzen radikal um, was heute hoch im Kurs steht: Selbstverwirklichung und Authentizität. Deshalb ist es zu kurz gedacht, sie bloß als verirrte Kriminelle abzutun.

REUTERS

Ausschreitungen bei G20

Ein Kommentar von Dietmar Pieper
Donnerstag, 13.07.2017   12:50 Uhr

Ein Gewaltakt kann neue Räume öffnen. "Vielleicht ist Freiheit nur der kurze Moment, wo der Pflasterstein in die Hand genommen wird, bis zum Zeitpunkt wo er auftrifft", heißt es in den "10 Thesen zur Autonomie", einem Pamphlet aus den Achtzigerjahren. In diesem Satz verdichtet sich so etwas wie die autonome Utopie: Der Einzelne ist in der Lage, radikal über sich selbst zu bestimmen. Weil der Lebensentwurf sich nur in körperlichem Ausagieren erfüllt, hat er etwas Schillerndes: Er changiert zwischen irgendwie vielleicht doch politisch und schlicht kriminell.

In dieser Tradition zeigte sich der schwarze Block in Hamburg als Selbsterfahrungsgruppe, von der eine große Faszination ausging. Dass die Gewaltorgie des harten Kerns im Schanzenviertel viele Mitläufer und Schaulustige verführt hat, lag nicht nur am Eventcharakter der Krawalle. Die Theatralik des Feuers, das Adrenalin bei der Grenzüberschreitung haben ihre ganze Wirkung erst dadurch entfaltet, dass sie von einer kleinen, entschlossenen Gruppe als Zeichen absoluter Freiheit vorgeführt wurden: Welcome To Hell.

Sicherlich haben die Autonomen weder ein geschlossenes Weltbild noch ein ausformuliertes politisches Programm. Viele von denen, die im schwarzen Block mitlaufen, reflektieren wohl kaum darüber, warum sie das tun. Trotzdem gibt es ein bestimmtes Lebensgefühl, in das ideologische Fragmente eingebettet sind. Ihre Gewalt ist nicht vollkommen wahllos. Sie richtet sich gegen Sachen, auch wenn es der Kleinwagen eines Pflegedienstes ist und kein luxuriöses SUV. Sie richtet sich gegen Polizisten als Vertreter des Staates, aber nicht, wie bei Rechtsextremisten und Neonazis, gegen Ausländer.

Jede Gesellschaft hat die Rebellen, die sie verdient

Dadurch sind die Autonomen anschlussfähig für erlebnishungrige junge Leute aus der bürgerlichen Mittelschicht. Sie bilden so etwas wie eine hedonistische Avantgarde. In ihren Handlungen und Heldengeschichten spiegeln sich die Wertvorstellungen einer Gesellschaft, die Selbstverwirklichung und Authentizität ganz oben auf die Skala gesetzt hat. Was könnte authentischer sein als der körperliche Extremeinsatz gegen alle Regeln?

Insofern stimmt auch hier der Satz: Jede Gesellschaft hat die Rebellen, die sie verdient. Für die große Zahl der Gelegenheitsrandalierer ist diese Unbedingtheit allerdings kein Modell für den Alltag, sie ist nur im rauschhaften Überschwang eines großen Fests attraktiv.

Selbst der schwarze Block ist weniger uniform, als es scheint; er funktioniert als anlassbezogene Versammlung mehr oder minder Gleichgesinnter. Hardcore-Autonome, Sympathisanten und Mitläufer schließen sich zusammen zu einem Gemeinschaftserlebnis.

Sie führen eine Art Live Action Role Play auf, nur dass diese Spieler sich nicht ins Mittelalter fantasieren, sondern eine Gegenwelt im Hier und Jetzt errichten.

Das Programm der heutigen Selbstverwirklichung

Diese Gegenwelt hat durchaus einen Bezug zu uralten politischen Träumen. Nicht dass die meisten Vermummten die linken Klassiker hersagen könnten. Aber sie bewegen sich in einem Umfeld, in einer revolutionären Erzähltradition. Der Einzelne, der jederzeit über sich selbst bestimmt, der keinen aufgezwungenen Regeln unterliegt, schwebt schon durch die frühen Schriften von Marx und Engels. "In der kommunistischen Gesellschaft", heißt es in einer berühmt gewordenen Passage von 1846, werde es jedem Einzelnen möglich sein, "heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe".

Weltpolitik an der Alster

Wenn man den altertümlichen Duktus abzieht, sieht man hier das Programm der heutigen Selbstverwirklichung. Dabei geht es meistens bloß um die richtige Kleidung, das sorgfältig ausgesuchte Vintage-Möbel oder ein Outdoor-Erlebnis. Aber manchmal auch um einen scheinbar befreienden Steinwurf.

insgesamt 96 Beiträge
aggelbagg 13.07.2017
1.
Selbstverwirklichung ist grundsätzlich etwas Konstruktives. Gegen die herrschenden materiellen Kriterien für ein "gelungenes" Leben wehrt man sich, indem man sich drauf setzt und anders lebt. Wir haben hierzulande eine [...]
Selbstverwirklichung ist grundsätzlich etwas Konstruktives. Gegen die herrschenden materiellen Kriterien für ein "gelungenes" Leben wehrt man sich, indem man sich drauf setzt und anders lebt. Wir haben hierzulande eine große Wahlmöglichkeit. Vandalismus ist das Mittel derer, die selbst nichts auf die Reihe kriegen und andere dafür verantwortlich machen.
cpt.z 13.07.2017
2. Keineswegs
@ #1 agelbagg: Keineswegs ist Selbstverwirklichung etwas konstruktives. Es hat etwas ganz und gar destruktives, denn es ist durch und durch egoistisch. Das spiegelt sich in der Gesellschaft wieder und es zersetzt sie Gesellschaft. [...]
@ #1 agelbagg: Keineswegs ist Selbstverwirklichung etwas konstruktives. Es hat etwas ganz und gar destruktives, denn es ist durch und durch egoistisch. Das spiegelt sich in der Gesellschaft wieder und es zersetzt sie Gesellschaft. Konsens ist zu anstrengend, Rücksichtnahme ebenso und warum noch den extra Meter gehen, nur für jemanden anderen. Es gab Zeiten, da musste man um des Überlebens Willen zusammenstehen - auch mit Menschen, die einem unter Normalbedingungen zuwider gewesen wären. Heute geht es nur noch um das Selbst, die innere Mitte, die persönliche Erfahrung und die Zurschaustellung davon. Hauptsache man selbst hat eine Meinung und ein Ziel. Genau das war in Hamburg zu sehen. Die Gesellschaft spielt keine Rolle mehr.
fab64 13.07.2017
3. Wenn es doch nur Selbstverwirklichung wäre
Ist es aber nicht. "Vielleicht ist Freiheit nur der kurze Moment, wo der Pflasterstein in die Hand genommen wird, bis zum Zeitpunkt wo er auftrifft", dies ist eben nicht nur eine radikale Form der Selbstbestimmung, [...]
Ist es aber nicht. "Vielleicht ist Freiheit nur der kurze Moment, wo der Pflasterstein in die Hand genommen wird, bis zum Zeitpunkt wo er auftrifft", dies ist eben nicht nur eine radikale Form der Selbstbestimmung, sondern eine Einschränkung Anderer, wenn eben dieser Pflasterstein gegen einen anderen Menschen geschleudert wird. Selbstbestimmung auf Kosten anderer ist doch eigentlich etwas, was man eher den Kapitalisten anlasten würde. Insofern keinen Deut besser. Und dann noch: "Sie (die Gewalt) richtet sich gegen Polizisten als Vertreter des Staates, aber nicht, wie bei Rechtsextremisten und Neonazis, gegen Ausländer." Macht es das besser? Polizisten, Ausländer, wir alle sind doch Menschen. Mit Gewalt, egal welches Ziel ein Täter damit zu verfolgen meint, werden wir nie eine bessere Welt schaffen können!
frankfurtbeat 13.07.2017
4. irgendwie ...
irgendwie verstehe ich die Aufregung nicht ganz. Sicher ist unnötige Randale und Vandalismus geschehen doch sollte man sich überlegen welches Unheil diese 20 Vertreter auf dem Planeten durchziehen. Interessiert nicht solange [...]
irgendwie verstehe ich die Aufregung nicht ganz. Sicher ist unnötige Randale und Vandalismus geschehen doch sollte man sich überlegen welches Unheil diese 20 Vertreter auf dem Planeten durchziehen. Interessiert nicht solange meine Straße nicht betroffen ist? Bei den Aktionen der "Mächtigen" geht es um ganze Regionen welche aus Machtgier und Regionalansprüchen zerstört werden - ganz zu schweigen von den Millionen an unschuldigen Menschenleben welche den Ansprüchen zum Opfer fallen ...
Florentinio 13.07.2017
5. Kriminell
Was mich in vielen Beiträgen zum G20 stört ist, dass zwischen politisch motivierte Gewalt und krimineller Gewalt auf dem G20 nicht differenziert wird. Die Supermärkte wurden von organisierten Banden geplündert, die die Gunst [...]
Was mich in vielen Beiträgen zum G20 stört ist, dass zwischen politisch motivierte Gewalt und krimineller Gewalt auf dem G20 nicht differenziert wird. Die Supermärkte wurden von organisierten Banden geplündert, die die Gunst der Stunde genutzt haben. Das hat zwar mit Armut zu tun, aber nichts mit bürgerlicher Revolutionsromantik.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!

Mehr zum Thema G20

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP